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Rubrik leben

Am Ende der Ordnung des Vaters…

Von Dorothee Markert

… regiert die Unordnung der Brüder. Warum Frauen auf Männer zugehen sollten.

Meinen Mitstreiterinnen aus der Frauenbewegung gegenüberhätte ich niemals zugegeben, wie gern ich mir von Zeit zu Zeit Filme aus den fünfziger Jahren anschaute: Hier trugen Männer tatsächlich die Verantwortung, die ihrer Rolle entsprach, setzten sich für Gerechtigkeit ein, warben phantasievoll und voller Respekt um Frauen – natürlich nur um hübsche und „anständige“ -, waren zärtliche Ehemänner, verständnisvolle Väter, einfühlsame und kompetente Vorgesetzte. Auch Jungenbücher aus dieser Zeit lese ich immer mal wieder gern. Hier finden wir noch zuverlässige Väter oder väterliche Polizisten, die bei Gefahr letzter Rettungsanker bleiben, auch wenn man es natürlich allein schaffen möchte; Väter und Vaterfiguren, die als sympathisches, beeindruckendes und makelloses Vorbild allgegenwärtig sind.

In Kinderbüchern aus den siebziger bis neunziger Jahren fanden Jungen dagegen kaum Figuren, mit denen sie sich identifizieren mochten. Das erklärt den großen Erfolg von Harry Potter, der hier tatsächlich eine Lücke füllt. Doch es ist symptomatisch, dass eine solche Figur in unserer Zeit nur in einer Phantasie- und Zauberwelt denkbar ist. Die Filme und Jungenbücher, deren heile Welt ich so genießen konnte, stammen dagegen aus einer untergegangenen Epoche, den Zeiten des Patriarchats. Die Zeiten dieser Ordnung waren auch in den fünfziger Jahren schon vorbei, wurden hier aber nochmals beschworen und teilweise auch vorübergehend restauriert, bis ihr Untergang mit der antiautoritären Bewegung und der Frauenbewegung schließlich immer mehr Menschen bewusst wurde.

Auch für die Männer ist das Patriarchat zu Ende

Für Frauen bedeutete diese Entdeckung erst einmal befreiendes Lachen. Dann engagierte sich eine wachsende Zahl von ihnen für die Erfindung und Entwicklung von Strukturen, die dabei halfen, in die neuen Lebensmöglichkeiten hineinzuwachsen, sie auszubauen und zu sichern. Durch große Anstrengungen auf persönlicher, politischer, wissenschaftlicher und philosophischer Ebene arbeiteten Frauen daran, dass das Patriarchat auch in den Köpfen, den Institutionen, der Sprache, in den Beziehungen und schließlich im Alltag untergehen konnte.

Vor lauter Arbeiten und Kämpfen gegen „patriarchale Strukturen“ und „patriarchale Männer“ nahmen sie aber kaum wahr, dass auch für Männer das Patriarchat längst zu Ende war. Auch Männer haben im Zuge der 68er Revolution die Autorität der Väter abgelehnt. Das Ende der Autorität des Vaters hatte für sie jedoch andere Folgen als für Frauen. Was für Frauen eine Befreiung war, bedeutete für die meisten Männer zuerst einmal Verunsicherung. Durch den Verlust der alten Vorbilder und ihrer eigenen Vorbildrolle verloren sie Halt und Orientierung. Doch nur wenige schlossen sich den Frauen und ihrem Bemühen an, eine neue Ordnung zu gestalten. Stattdessen schloss sich ein Grossteil der Männer zu einer Gemeinschaft von „Brüdern“ zusammen. Die Philosophin Chiara Zamboni, von der diese Beobachtung stammt, spricht hier von der Gründung eines Fratriarchats an Stelle des untergegangenen Patriarchats, von einer Nicht-Ordnung, die die Zivilisation zerstört. Denn während das Patriarchat ja immerhin eine Ordnung darstellte, in der jede und jeder wusste, was sie oder er zu tun hatte, ist das Fratriarchat dadurch gekennzeichnet, dass dem grenzenlosen Narzissmus der einzelnen „Brüder“ nicht mehr durch einen „Vater“, also durch Regeln und Normen Grenzen gesetzt werden. Männer verhelfen sich zwar nach wie vor gegenseitig zu Machtpositionen, doch letztlich kämpft jeder für sich, es geht nur noch um Selbstdarstellung, das eigene Image. Was richtig oder falsch ist, spielt keine Rolle mehr. Auch viele Männer leiden unter der Unordnung, die dadurch entsteht.

Die Frauenbewegung war oft nicht einladend genug

Warum hat nur ein kleiner Teil der Männer die Einladung der Frauen angenommen, sich an ihrer politischen Arbeit zu beteiligen? Ich meine, dies hat damit zu tun, dass die Einladung der Frauenbewegung an die Männer oft nicht als solche zu erkennen war, dass eher gefordert und angeklagt wurde als dass Frauen sich bemühten, Männer zur Mitarbeit zu gewinnen.

Zu Beginn der feministischen Bewegung war es notwendig, dass Frauen sich ohne Männer trafen, um zu lernen, einander in ihrer Unterschiedlichkeit wahrzunehmen, sich aufeinander zu beziehen, Vertrauen in die eigene Wahrnehmung der Welt und das eigene Denken zu gewinnen, ohne sich gleich wieder durch die andere Sichtweise von Männern, die oft auch noch die patriarchale war, verunsichern zu lassen. Dies versuchten wir damals den Männern, die sich mit dem Ausschluss von unseren Veranstaltungen schwer taten, immer wieder geduldig und freundlich zu erklären. Endgültig abgeschreckt wurden sie erst dann, als Teile der Frauenbewegung – vor allem im Zusammenhang mit der Betroffenheit über die in dieser Zeit aufgedeckte Männergewalt gegen Frauen und Mädchen – Männer pauschal verurteilten und sich äußerst aggressiv gegen sie abschotteten, sie teilweise wie Aussätzige behandelten.

Neues Denken, neue Wünsche, neue Ideen sind gefragt

Die Politik der Frauen war bisher wenig einladend für Männer. Ich denke, dass nun der Zeitpunkt ist, an dem die Frauenbewegung sich wieder auf Männer zu bewegen könnte und sollte. Denn nur so lässt sich verhindern, dass aus dem Untergang der patriarchalen Ordnung eine Nicht-Ordnung hervorgeht, in der letztlich nur noch Gewalt regiert.

In einem Text über die Situation nach dem 11. September 2001 schreibt die Philosophin Luisa Muraro, dass sie in Gesprächen mit Frauen über „den historischen Notstand, in dem wir uns befinden“ nun folgende Idee vorschlägt: „Bring all das, was du durch die Praxis der Beziehungen unter Frauen gewonnen hast, ins Spiel mit ein. Verringere nicht im Geringsten das, was du weißt und was du bist, aber ohne dafür Anerkennung zu suchen. Fang auch du an, gemeinsam mit anderen anders zu denken, indem du deine Beziehung zum anderen Geschlecht veränderst und auch mit Männern in einen Austausch trittst. Und schenke durch diesen Austausch mit Männern und Frauen, der den Konflikt nicht ausschließt, einem neuen Denken, neuen Wünschen, neuen Ideen, neuen Geisteshaltungen Leben – nicht den Beweis, dass ich, dass wir Recht hatten, sondern ein Wahrnehmen und Verstehen dessen,was uns gerade geschieht, und eine Antwort.“

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 09.11.2006

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