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Rubrik leben

Kann Feminismus eine Lebenslüge sein?

Von Dorothee Markert

Zur ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“ am 12.09.2006

Normalerweise schaue ich mir weder die Maischberger-Gespräche noch andere Talksendungen an. Es stört mich, dass beispielsweise Frau Maischberger in diesen Sendungen nicht als Person spürbar wird. Wir erfahren nicht, was sie bewogen hat, gerade das Thema „Feminismus“ zu wählen, und können nur vermuten, dass es sie gereizt hat, die Thesen aus Eva Hermans Buch „Das Eva-Prinzip“ zur Diskussion zu stellen, da dieses Buch gerade in die Schlagzeilen geraten war. Das wiederum lässt mich vermuten, dass es hier nicht um ein wirklich produktives Gespräch ging, sondern um einen möglichst turbulenten Verlauf, um das Sensationsbedürfnis der Zuschauer zu befriedigen. Für mich ist es kein Gespräch, wenn eine der Beteiligten nicht zeigt, wo sie selbst steht. Denn es kann nicht sein, dass Frau Maischberger sich noch keine Meinung über den Feminismus gebildet hat. Und auch darüber hätte ich gern etwas erfahren.

Ich schaute mir die Sendung an, weil Sibylle Plogstedt eingeladen worden war. Darauf hatte sogar der Ulrike-Helmer-Verlag noch extra in einer Rundmail hingewiesen. Sibylle Plogstedt müsste eigentlich fast so bekannt sein wie Alice Schwarzer, denn sie ist Mitgründerin der Zeitschrift „Courage“, die noch 4 Monate vor „Emma“ erstmals erschien und 18 Jahre lang das Blatt der Frauenbewegung war, bis sie wegen Finanzierungsfehlern einging. Plogstedt hat unter anderem auch die Frauen-Sommer-Universität in Berlin mitgegründet, dort habe ich sie einmal erlebt als Referentin in einer riesigen Veranstaltung. Eine Frau also, die die Frauenbewegung mit geprägt hat, eine von den Frauen, die in der Studentenbewegung politisiert wurden und dann in der Frauenbewegung großen Einfluss hatten. Was der Feminismus für sie bedeutet, erfuhren wir auch von ihr nicht. Stattdessen mussten wir miterleben, wie sie von dem Professor und „Geschlechterforscher“ Amendt, der neben ihr saß und mit dem sie sich die ganze Zeit Kämpfchen lieferte, zurechtgewiesen wurde wie ein Schulmädchen: „Lassen Sie doch diese dummen Bemerkungen“. Über die Geschichte der Frauenbewegung, beispielsweise den Kampf um den § 218, belehrte dann er die Anwesenden, und dies schien ihm kein bisschen peinlich zu sein.

Mir tat es weh, dass in der Sendung nichts von der Schönheit, der Stärke und der Lebendigkeit der Frauenbewegung sichtbar wurde und dass die Freiheit der Frauen, die Befreiung des weiblichen Begehrens nicht als das wesentliche Kennzeichen von Feminismus in Erscheinung trat. Wie es kam, dass Sibylle Plogstedt, von der ich erwartet hatte, dass sie dies leisten würde, in der Sendung eine eher unglückliche Figur machte, konnte ich mir gut vorstellen, wenn ich an meine eigenen Erfahrungen in Podiumsdiskussionen dachte, einer Gesprächsform, die Männer sich auf den Leib geschneidert haben. Wer hier nicht von der Moderation besonders hofiert wird, darf sich nicht brav an die Regeln halten und sich nicht um ein gutes Gespräch bemühen, indem er oder sie sich auf die anderen bezieht. Doch dazu neigen gerade Frauen, besonders, wenn sie vor dem Feminismus erzogen wurden. Um mit eigenen Anliegen sichtbar zu werden, ist es hier unumgänglich, so viel Raum wie möglich zu ergattern, um sich selbst darzustellen, und zwar auch mit eigentlich unerlaubten oder sogar unfairen Mitteln. Ich konnte die ohnmächtige Wut Plogstedts gegen ihren Nachbarn nachempfinden, als dieser sich immer wieder auf ihre Kosten in Szene setzte, was mich an die allerersten öffentlichen Auftritte von Feministinnen in den 70-er Jahren erinnerte.

Nur die Schauspielerin Uschi Glas, von der ich es nicht erwartet hatte, da sie im Untertitel als Gegnerin des Feminismus vorgestellt wurde, sprach darüber, dass die Frauenbewegung den Frauen mehr Freiheit gebracht hat. Sie verglich die Möglichkeiten, die sie in ihrem Leben hatte und hat, mit denen ihrer Mutter, und sprach darüber, wie dankbar sie den Feministinnen für das ist, was sie bewirkt haben.

Inhaltlich wurde über folgende Themen herumgestritten: Sind Frauen und Männer gleich oder verschieden? Wäre es nicht besser, wenn die Frauen wieder zuhause blieben, da es sie oft überfordert, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen? Wäre das nicht vor allem für die Kinder besser? Gäbe es weniger Abtreibungen, wenn Frauen ihren Platz wieder in der Familie finden und ihre beruflichen Pläne zurückschrauben würden? Also, jede Menge falscher Alternativen. Hier wurde deutlich, dass mit den alten, aufeinander bezogenen Denkfiguren von „männlich“ und „weiblich“ als Gegensatz (Frauen so, Männer dagegen?), Ergänzung (Frauen in dem Bereich und Männer in jenem) oder Vergleich (besser und schlechter, stärker und schwächer, mehr und weniger?) jedes Gespräch schnell in einer Sackgasse landet, aus der dann mit Verrenkungen wie „die weiblichen Anteile im Mann und die männlichen in der Frau“ oder mit der Erfindung eines „feministischen Mannes“ ein Ausweg gesucht wird. All diese Denkfiguren verhindern, dass es zu einem fruchtbaren Gespräch zwischen Frauen und Männern kommt, da sie entweder zu endlosen Streitereien ums Rechthaben führen oder scheinbar alles erklären und damit eine weitere Auseinandersetzung sinnlos erscheinen lassen. Gehen wir dagegen davon aus, dass all das weiblich ist, was Frauen sind und tun, und all das männlich, was Männer sind und tun, und dass dies weder aneinander gemessen, noch voneinander abgeleitet oder sonstwie aufeinander bezogen werden muss, dann eröffnen sich zahlreiche Gesprächsmöglichkeiten und -notwendigkeiten. Denn dann müssen Frauen untereinander und Männer untereinander die  kulturelle Aufgabe angehen, sich darüber zu verständigen, was für sie als weiblich bzw. männlich gelten soll, wie sie sich darstellen, wie sie ihre Töchter und Söhne erziehen, wer sie jeweils für die anderen sein wollen und wie sie Welt gestalten wollen. Im Patriarchat wurde uns Frauen, aber auch den Männern abgenommen, sich darüber Gedanken zu machen. Was männlich und was weiblich war, war für die meisten einfach vorgegeben. Jetzt können wir das gestalten. Wir haben damit viel Freiheit gewonnen, doch – wie diese Sendung besonders deutlich vor Augen führte – ist es höchste Zeit, dass wir neue Formen erfinden, in denen wir die politischen Auseinandersetzungen darüber führen können.

Der Wunsch nach einem neuen, besseren Gespräch zwischen Frauen und Männern war in der Sendung spürbar. Dass es nicht gelang, war sicher nicht nur für die Zuschauenden, sondern auch für die GesprächsteilnehmerInnen enttäuschend. Ich habe mir nach der Sendung aufgeschrieben, was ich trotzdem als „Anliegen“ der TeilnehmerInnen erkennen oder erahnen konnte, wenn ich auch die zwischendurch eingeblendeten Zusatzinformationen nutzte. Dabei stieß ich auf lauter wichtige Themen, meiner Meinung nach sind es die wichtigsten politischen Themen unserer Zeit am Ende des Patriarchats.

Im Mittelpunkt stand die Sehnsucht nach einem anderen Gespräch zwischen Frauen und Männern, das eine bessere Zusammenarbeit im Hinblick auf die Gestaltung der gemeinsamen Welt ermöglicht: Der Geschlechterforscher, ein Professor Amendt aus Wien, war wahrscheinlich deshalb eingeladen worden, weil er die These aufgestellt hatte, der Feminismus habe die Beziehungen zwischen Männern und Frauen beschädigt. Verständlicherweise wagte er nicht, dies in einer so ungeschützten Situation zu wiederholen. Als er dazu befragt wurde, wich er daher aus und dozierte stattdessen über die Geschichte der Frauenbewegung. Sein Anliegen finde ich jedoch durchaus spannend und wichtig: Dass wir untersuchen, wie sich die durch die Frauenbewegung initiierten Veränderungen auf die Beziehungen zwischen Männern und Frauen ausgewirkt haben und wie wir heute zu respektvollen Beziehungen zwischen den Geschlechtern kommen können. (vgl. dazu auch den Artikel Am Ende der Ordnung des Vaters). Ein ähnliches Anliegen äußerte die junge TV-Moderatorin Charlotte Roche. Sie will das von ihrer feministischen Mutter Erlernte in ein Leben in der Gesellschaft umsetzen, will heraus aus den feministischen Nischen, will in der ganzen Welt leben und nicht nur in einer besonderen Frauenwelt. Und vor allem möchte sie auch auf ein gutes Zusammenleben mit Männern hinarbeiten.

Als weiteres drängendes Problem wurde eine Neuregelung der Generationenaufgaben empfunden, so dass Kinder gut aufwachsen und Mütter dabei ihrem Begehren entsprechend leben können. Dazu bedarf es auch einer Umgestaltung der Erwerbsarbeitswelt: Auch wenn die Verkäuferin und Betriebsrätin Gaby Wittig kaum Gelegenheit bekam, eigene Anliegen zu formulieren, habe ich durch ihre Beiträge verstanden, dass Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen in untere und mittlere Führungspositionen gerade auch dort wichtig sind, wo Frauen bis jetzt aus finanziellen Gründen gar nicht die Wahl haben, ob sie berufstätig sein oder zuhause Kinder versorgen wollen. Denn eine Frau, die so viel Lebenszeit in einer Firma verbringt, kann sich und anderen dort Gutes und damit etwas Sinnvolles tun, wenn sie mehr Gestaltungsmöglichkeiten bekommt. Mir wurde klar, dass ich einem falschen Politikverständnis aufsitze, wenn ich immer nur dem Mangel an Führungspositionen für Frauen in den höheren Ebenen Beachtung schenke. Die Anliegen der CDU-Politikerin Elisabeth Motschmann bezogen sich vor allem auf ein gutes Aufwachsen der Kinder. Sie wünschte sich, dass Frauen wieder ein ausschließliches Leben mit Kindern möglich sein sollte, und erhoffte sich davon auch einen Rückgang der Abtreibungszahlen. Auch ich denke, dass jede Abtreibung eine zuviel ist, und dass eine Gesellschaft dafür sorgen sollte, dass die Frauen, die das wollen, sich voll und ganz dem Leben in der Familie widmen können sollten. Ebenso wichtig ist es natürlich, dass die Personen, die die Kinder erwerbstätiger Mütter betreuen, diesen Kindern ähnlich gute Bedingungen bieten können wie eine Familie, in der eine Mutter frei gewählt hat, was sie tut.

Niemand ging in der Sendung auf den reißerischen Titel „Lebenslüge Feminismus“ ein. So wie ich Feminismus verstehe, kann ich mir nicht vorstellen, dass er für irgendeine Frau eine Lebenslüge sein kann. Eine Lebenslüge könnte es sein, auf Karriere gesetzt zu haben, und dann zu merken, dass ich als Hausfrau und Mutter vielleicht viel glücklicher gewesen wäre. Oder dass es umgekehrt besser gewesen wäre, wenn ich nicht auf eine erfüllende Berufstätigkeit verzichtet hätte, um eine gute Partnerin und Mutter zu sein. Eine Lebenslüge ist etwas Persönliches, die Erkenntnis, dass ich mein Leben an einer Überzeugung ausgerichtet habe, mit der ich mich selbst belogen habe. Wahrscheinlich kann wohl jede Frau manche Entscheidungen in ihrem Leben bereuen und manches als Fehler erkennen. Doch könnte ich jemals bedauern, selber denken gelernt und mehr Freiheit gewonnen zu haben, vor allem die Freiheit, meine eigenen Entscheidungen zu treffen (und dabei auch Fehler zu machen)?

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 08.11.2006

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Ein Lügenpaket, ja oder nein ?!

    Nein, der Feminismus ist keine Lebenslüge, er zeigt alle möglichen Facetten auf, die mit dem Lebewesen und mit dem „Kern Frau“ und ihrer Lage zu tun haben.
    Nur ist es nicht möglich,dass alle Frauen
    gleichzeitig zu den Themen Stellung beziehen können,um am gleichen Ort zu stehen. Die unterschiedlichen Biografien,Erfahrungen,Umfelder,Bildung-en von Frauen machen klar, dass sich mit Angriffen von aussen auf den Feminismus als „Sündenbock“,gutes Geld und Ansehen verdienen lässt.Ein Spiel ohne Ende?
    Es kommt jetzt auf die Inhalte an, wie breit sie gestreut und unter die Frauen gefächert sind um im Alltag bestehen zu können.
    Denn auch im einfacheren Alltag sollten sie erfahrbar sein.
    Und nicht „nur“ den Akademikerinnen überlassen werden.
    Da ich 38 Jahre verheiratet bin und
    erwachsene Kinder habe und auch Frauenfreundschaften pflege, sollte dies alles glaubhaft sein.Das Sorge tragen für die Umwelt haben beide Geschlechter zu beherzigen. Die Fragen vom Umgang miteinander und mit der Umwelt gehen uns alle an. Auch jene, die den Feminismus herausschälen wollen aus dem Ganzen als Lügenpaket.

  • Danke

    Liebe Dorothee Markert,
    heute erst stoße ich „zufällig“ auf Ihren o.g. Kommentar, den ich ganz und sorgfältig gelesen habe, mit Gewinn und Genuss: danke für den klaren, stringenten, sprachlich gefeilten Artikel, findet man/frau selten im ganzen Treiben. Auf dem feministisch angehauchten „Mütter“-Kongress vorige Woche (Mütterlichkeit und Moderne I) in Berlin, Guardini-Galerie, war von einer solchen Professionalität, Klarheit und Stringenz jedenfalls nichts zu spüren- nur die Referentin Sibylle Plogstedt überzeugte dort… Ich werde Ihr Forum im Auge behalten. Herzliche Grüße aus Berlin, Maria Reinecke, Zähringerstr. 25, 10707 Berlin.

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