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Rubrik hervorbringen

Öffentliche Räume „bewohnen“

Von Ursula Knecht-Kaiser

Erfahrungen aus 15 Jahren Labyrinthplatz in Zürich

Labyrinthplatz

Begegnungen im öffentlichen Raum der Stadt ermöglichen: der Labyrinthplatz in Zürich.

Der Labyrinthplatz in Zürich hat wie so vieles – wenn wir genau hinsehen – mit einem Wunsch angefangen. Ein paar Frauen hatten den tiefen Wunsch, das Labyrinthsymbol wieder in den öffentlichen Raum zu tragen, es den Menschen zum Gebrauch anzubieten, weil sie überzeugt waren, dass es den Menschen gut tun würde. Sie hatten diese Erfahrung bereits selber in einem jahrelangen Experimentier- und Forschungsprozess gemacht.

Dieser Platz ist also nicht im Auftrag einer Behörde, zum Beispiel der Stadtplanung entstanden, oder durch eine Bürgerinitiative, indem Leute in einem Stadtteil befanden, sie möchten ihr Viertel verschönern , beleben, aufwerten. Vielleicht ist es gut zu wissen, dass ein Wunsch, ein Begehren, eine Vision am Anfang stand. Ich glaube, was dies bedeutet, haben wir noch gar nicht richtig verstanden….

Warum ein Labyrinth, ein Labyrinthplatz? Ich kann hier nicht ausführlich die vielfältige Kulturgeschichte des Labyrinthsymbols nachzeichnen. Sie ist aber dokumentiert, in der Literatur greifbar, wird ständig weiterentwickelt und es kommen immer neue Forschungsergebnisse, auch neue mehr oder weniger gewagte Hypothesen dazu. Letztlich aber bleibt die Herkunft ein Geheimnis. Nur ein paar Sätze zur Kulturgeschichte, wie Rosmarie Schmid sie in einer Labyrinthbroschüre für Kaufbeuren formuliert hat: „Das Labyrinth gehört zu den kulturellen Urschätzen der Menschen, zum kulturellen Erbe. Es ist ein einfaches Symbol für die komplexen Gegensätze der Lebensordnungen. Im Gegensatz zur Spiralform kommt die labyrinthische Struktur in der Natur nicht vor. Das Labyrinth ist eine Schöpfung der Menschen. Bereits in prähistorischer Zeit haben sie für den Kreislauf von Werden, Vergehen und Neuwerden dieses gleichnishafte Ursymbol geschaffen. Die Labyrinthform bezeugt, dass die Menschen die Gesetze ihres Daseins erkannt und akzeptiert haben.“

Was ist das Besondere am Labyrinth im Gegensatz zum Irrgarten, was unterscheidet es vom Irrgarten, der in der Kulturgeschichte viel später entstand, mit dem es aber oft zusammengedacht und verwechselt wird? Im Labyrinth führt ein langer Weg kreuzungsfrei in einem begrenzten Raum, pendelnd – einmal nach rechts, einmal nach links – mit Wendungen, sozusagen auf „Umwegen“ zur Mitte und wieder zum Ein-Ausgang. Es gibt keine sinnlosen Wegstrecken. Wer abkürzt, übergeht andere/s, unterschlägt etwas, verpasst eine Erfahrung und verliert den Faden. Der lange Weg verlockt und verführt, alles immer wieder von verschiedenen Seiten zu betrachten, den Standort – als Standpunkt – zu verschieben, die Blickrichtung zu wenden.

Wir sind gewohnt, den direkten gradlinigen Weg zum Ziel für den effizientesten zu halten. Schnelle Lösungen sind gefragt. Umwege kosten Zeit (oft auch Geld). Aber der direkte Weg zum Ziel ist oft gewalttätig, er „übergeht“ anderes, lässt ausser Acht, geht schlimmstenfalls über Leichen. (Beispiele aus der Weltgeschichte und Politik gibt es – auch aus unseren Tagen – leider zur Genüge).

Ein Labyrinth kennt keine Hierarchien, kein oben und unten. Ich kann es auch nicht im „Überblick“ haben – es sei denn ich erhebe mich darüber hinaus. Ich muss den Weg gehen, Schritt für Schritt, Wendung für Wendung, im Vertrauen, dass er weiterführt nach der nächsten Kehre und ich nicht in einer Sackgasse lande… Dem Labyrinthweg kann ich mich anvertrauen, er führt mich sicher hinein und hinaus. Ein Labyrinth kennt keine geschlossenen Kreise. Jeder Umgang ist offen zum nächsten hin. Aus der Chemie und der Soziologie wissen wir, dass geschlossene Systeme über kurz oder lang explodieren oder implodieren. Das Labyrinthmuster als „offenes System“ erlaubt es, hinein- und herauszufinden, nimmt neues auf, verwandelt es – vielleicht-, entlässt und empfängt von neuem.

Dies in Kürzestform und als „Kurzformel“, warum uns das Labyrinth fasziniert hat und warum wir es in den öffentlichen Raum tragen wollten. Es war lange Zeit nicht klar, wo dieser erste öffentliche Labyrinth-Frauenplatz entstehen sollte in der Schweiz, denn es waren Frauen aus verschiedenen Landesgegenden in der Vorbereitungsgruppe – oder ob überhaupt in der Schweiz. Es gab damals auch Frauen in Deutschland, die sich interessierten und engagierten

Landnahme und Kultivieren

1988 bot sich eine Gelegenheit, mit diesem Projekt in die Öffentlichkeit zu treten. Der Kanton Zürich hatte einen Wettbewerb ausgeschrieben fürs Jahr 1991, dem Jubeljahr, in dem 700 Jahre Eidgenossenschaft gefeiert und gewürdigt werden sollte. „Zürich morgen“ lautete das Thema. Es sollten nachhaltige und zukunftsweisende Projekte prämiert werden, die der Bevölkerung zu Gute kommen.

Diese Chance nutzten wir und reichten das Projekt „Öffentliche Labyrinthplätze“ ein. In der Eingabe formulierten wir: „Mit dem Labyrinthenplatz möchten wir ein öffentliches Forum schaffen, auf welchem die verschiedensten Kulturbereiche miteinander in Beziehung kommen. Diese neuartige Kunstform bietet eine interessante Möglichkeit, die verhängnisvolle Trennung der verschiedenen Bereiche unseres Lebens, die lebenszerstörerische Spezialisierung des Wissens, sichtbar und veränderbar zu machen. Ein Labyrinth bietet Gelegenheit, die komplexen Lebenszusammenhänge bildhaft darzustellen. Das Labyrinthen-Projekt entspricht der Realisierung einer visionären Vorstellung. So selbstverständlich wie Fussballplätze, Hallenbäder, Bibliotheken und andere öffentliche Einrichtungen, sollte in grösseren Gemeinden und Städten den Einwohnerinnen und Einwohnern ein Labyrinthplatz zur Verfügung stehen. Das Labyrinth wäre ein von Frauen initiierter und verwalteter Platz. Als öffentliches Forum aber, als Ort der Kommunikation, ist es für alle Interessierten zugänglich, erlebbar und in Absprache mitgestaltbar. Die Schaffung eines Labyrinthes ist ein zukunftgerichtetes Experiment, eine Reaktion auf das gestörte Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur, eine Experiment, das auf eine neue Form soziokultureller Begegnung hinweist.“

Wir hatten unser Projekt in der Rubrik „Kultur“ eingereicht. Es rutschte dann in den Bereich „Freizeit“ – und wurde prämiert. So konnten wir 1991 anfangen. Die Stadt musste, nein, durfte uns einen Platz zur Verfügung stellen. Aus mehreren Möglichkeiten wählten und entschieden wir uns für das Kasernenareal, aus dem einige Jahre zuvor das Militär ausgezogen war und für das es noch kein Nutzungskonzept gab – und bis heute nicht gibt – trotz mehreren Gestaltungswettbewerben, Ideensammlungen, Volksbegehren …

1991 war also das Jahr der „Landnahme“, das „öffentlich Wurzeln schlagen“. Das Gartenbauamt hat die Wiese umgepflügt und wir, die damalige Projektgruppe, eine Hand voll Frauen haben mit Hacke und Schaufel Beete aufgeschüttet und den Labyrinthweg gebahnt. Wir luden die Bevölkerung zum Mitgestalten, zum Kultivieren im ursprünglichen Sinne ein – vor allem durch Mund zu Mund Propaganda. Wir waren ja auf dem Platz und sprachen die Menschen direkt an. Wer wollte, konnte ein Stückchen Land bekommen und es mit eigenen Samen und Setzlingen bepflanzen.

Aus dem Viertel, aus der Stadt, von jenseits der Kantons – und sogar Landesgrenze kamen Kultivierungswillige. Mit Setzlingen und Samen vor allem Frauen und Kinder, mit Bäumchen oftmals Männer. Ihnen empfahlen wir einen anderen Standort zu wählen. In den schmalen Beeten nehmen Bäume zu viel Platz ein, zehren zu viel Nahrung aus dem Boden und werfen zu grosse Schatten. Bis zum Frühsommer war das Land verteilt. Die eingesäten und eingepflanzten Winzlinge schossen ins Kraut, in die Blüten und Fruchtstände. Sie kümmerten sich nicht um die Grenzmarkierungen zum Nachbargarten. Die Wurzeln breiteten sich subversiv in alle Richtungen aus. Nicht selten kam es zu Grenzkonflikten . Mit Einfühlungsgabe und Verhandlungsgeschick – wie in der richtigen Politik! – versuchten wir Projektfrauen die Konflikte zu entschärfen. Manchmal entwickelten sich daraufhin zwischen Nachbarn für beide Seiten profitable Tauschgeschäfte…

Das ungewohnte Treiben und Gedeihen auf dem vormals öden Platz zog Neugierige an. Sie spazierten auf dem Labyrinthweg entlang der Beete und drückten ihre Bewunderung aus oder gaben Ratschläge. Die Gärtnerinnen und Gärtner begriffen, dass ihr individuelles Gärtchen an ein Ganzes angeschlossen ist und sie je mit ihrem Gartenanteil beitrugen zu einem Gesamt- Kunst-Werk.

Im Herbst wurde das Land neu verteilt. Einige wollten weitermachen, andere überliessen ihr Gärtchen den Nachfolgenden. Nach fünf Jahren war kein Platz mehr für Neu-GärtnerInnen und ihre Gestaltungsideen, es sei denn wir hätten einen Teil der Pflanzen entfernt. Es hatte sich ausserdem gezeigt, dass sich Gemüseanbau auf diesem öffentlich zugänglichen Gelände nicht bewährt. Manchmal verirren sich Hunde in den Garten, und die Versuchung zu „ernten“, was andere gesät haben, war doch recht gross. Jenen, die Gemüse für den Eigenbedarf anbauen wollten, empfahlen wir, sich bei der Stadt um einen Schreber-Familiengarten zu bewerben.

Wir änderten nach reiflichem Überlegen das Konzept, beschlossen, die mehrjährigen Pflanzen gemeinsam mit allen, die mitarbeiten wollen, zu pflegen und zu erhalten. Ausserdem schien uns, war die Zeit reif für eine Umgestaltung des Platzes. Wir hoben die innersten Beete auf und schufen in der Mitte den Mergel-Kiesplatz mit dem Labyrinth-Logo, so wie er sich jetzt präsentiert.

Von vielen Pflanzen wissen wir noch, wer sie ursprünglich ins Labyrinth gebracht hat – es gibt also eine „Genealogie“ dieses Gartens. Menschen sind weggezogen, einige leben nicht mehr, aber ihre Gabe ans Labyrinth gedeiht weiter. Der Platz hat ein Gedächtnis bekommen. Zum Kultivieren im Garten gehörten von Beginn an auch kulturelle Veranstaltungen von Frühling bis Herbst: Musik, Tanz, Lesungen, Diskussionen. Auch die Art der öffentlichen Veranstaltungen hat sich im Lauf der Jahre immer wieder verändert. Durch neue Projektfrauen kamen neue Ideen und Wünsche. Die Veranstaltungen sind unentgeltlich, für alle zugänglich, auch Zaungäste sind willkommen. Wir haben immer etwas zum Knabbern und Trinken bereit und die Möglichkeit zum Gespräch wird von den Teilnehmenden und auch von Kulturschaffenden, die wir gelegentlich für diese Veranstaltungen einladen, gerne genutzt.

Im Laufe der Zeit sind eigentliche Labyrinthbräuche entstanden – denn auf einem Platz der gebraucht wird, entstehen Bräuche – so das „Fest zum Lebensanfang“ für die Kinder im ersten Lebensjahr. Das Labyrinth als Symbol für den Lebensweg bietet sich geradezu an für diese Feier. Oder der Brauch, an Heilig Abend, nach Ladenschluss, zusammenzukommen, kurz inne zu halten und den Wintergarten in einen Lichtergarten zu verwandeln…

Stadt gestalten

Labyrinth

Foto: zeitort.de

Das Labyrinth ist für mich ein „Stadtbild“, nicht weil es in einer Stadt wie Zürich lebt, sondern weil es eine Struktur anbietet, die Zusammenhänge und Beziehungen sichtbar macht, weil sich viele und unterschiedliche Menschen in diesem „begehbaren Bild“ gemeinsam bewegen können. Bei Richard Sennett, der sich immer wieder zum Thema Stadt äussert, habe ich den Satz gefunden: „Die Stadt ist eine Siedlungsform, die die Begegnung einander fremder Menschen wahrscheinlich macht.“ Das ist eine von unendlich vielen, aber eine, denke ich, gelungene Umschreibung oder Definition von Stadt und städtischem Geschehen.

Stadt ist ein – so verstehe ich es – Beziehungsgeschehen und Beziehungsgefüge. Ein komplexes Beziehungsgeschehen auf vielen und verschiedenen Ebenen: Beziehungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Alter, Bildungshintergrund. Beziehungen zwischen Mensch und Natur, zwischen Architektur und Mensch, zwischen bebauten und unbebauten Flächen, ökonomische Beziehungen, Arbeitsbeziehungen, Freizeitbeziehungen, Beziehungen zwischen Vergangenheit und Zukunft…..

Beziehungen aber müssen kultiviert werden, damit sie gelingen. Es braucht Räume, die so gestaltet sind, so dass die Menschen nicht übereinander herfallen oder sich für immer aus dem Wege gehen. Eine Balance zwischen Nähe und Distanz muss sich immer wieder neu einstellen können. Sennett meint, “ dass die produktive Erfahrung von Komplexität in einer Stadt nicht von selbst zustande kommt, dass sie vielmehr als eine sich entfaltende Erfahrung organisiert werden muss“. An anderer Stelle spricht er vom „narrativen Raum“ Stadt oder von der „Szenerie der gegenseitigen Wahrnehmung“.

Dass mir diese Zitate unmittelbar einleuchten, hängt mit der Erfahrung auf dem Labyrinthplatz zusammen. Wir sprechen nicht ohne Grund von den „1000 und mehr Geschichten“, die sich auf diesem Platz ereignen und die es wert sind, erzählt zu werden. Dieser Platz ist für uns ein „narrativer Raum“, ganz konkret, nicht nur im übertragenen Sinne. Hier gibt es die „Szenerie der gegenseitige Wahrnehmung“. Sie umfasst die Menschen, die das Labyrinth besuchen, sich für längere oder kürzere Zeit hier aufhalten, lesen, sich mit Freunden treffen, die Pflanzen betrachten, meditieren, musizieren, picknicken, eine Veranstaltung besuchen …

Sie umfasst auch die Gruppe „Randständiger“, die sich neben dem Labyrinth angesiedelt und diesen Ort zu ihrem Aussenwohnraum erkoren haben – Alkoholiker, ehemalige Drogenabhängige, Methadonbezüger. Auf manche LabyrinthbesucherInnen wirkt diese Randständigenszene irritierend und befremdlich, wird aber auch als Teil der urbanen Realität wahrgenommen.

Dazu eine kleine Episode – eine dieser „1000 und mehr Labyrinthgeschichten“: Regula, die für den Labyrinthgarten verantwortliche Frau, war mit Gartenarbeit beschäftigt und beobachtete eine ältere Frau, die gesammelt, andächtig, sehr, sehr langsam den Labyrinthweg abschritt. Die Alkis an den Tischen neben dem Labyrinth waren offensichtlich in Stimmung, lärmten laut. Regula war unentschlossen, ob sie zu ihnen gehen sollte und mehr Ruhe fordern, um die alte Frau in ihrer Andacht nicht zu stören. Sie liess es dann bleiben, kam aber mit der Frau ins Gespräch, nachdem diese ihren Meditationsweg beendet hatte. Die Frau war begeistert vom Labyrinth, der Vielfalt der Pflanzen, dem langen gewundenen Weg… und „wissen Sie“, sagte sie zu Regula“, der Lärm von den Tischen drüben war wie das Plätschern eines Baches, manchmal näher, manchmal weiter weg…“

Auch die Randständigen fühlen sich für den Labyrinthplatz mit verantwortlich. Das zeigt folgende Episode: Frau BeWe ist Inhaberin einer Kunstgalerie in der Nähe der Kaserne. Ihr Abendspaziergang führt sie oft durch den Zeughaushof und ins Labyrinth. Wir haben ihr angeboten, von den Kräutern, die üppig im Labyrinth wachsen, für den Eigenbedarf zu ernten. Besonders der Ruccola hat es ihr angetan. Eines Tages erzählt sie: Gestern beim Rucola pflücken hat doch plötzlich einer vom Alkitisch neben dem Labyrinth lautstark zu mir herübergerufen: „He Sie, das hier ist kein Selbstbedienungsladen!“ Da denkt man, sagt die Galeristin, diese Leute seien nur mit sich und ihrem Bier und ihrer Sucht beschäftigt. Aber sie nehmen wahr, was um sie herum geschieht, und offensichtlich fühlen sie sich für den Labyrinthgarten mitverantwortlich.

Mich hat in all diesen Jahren immer wieder die Frage beschäftigt, ob und wie Ästhetik und Ethik zusammengehören und zusammenwirken im öffentlichen Raum. Ob „schön“ – wie auch immer wir diesen Begriff inhaltlich füllen – gestaltete öffentliche Räume sich auch auf das Verhalten und auf den Umgang der Menschen miteinander auswirken. Für den Labyrinthplatz möchte ich den Zusammenhang zwischen Ästhetik und Ethik bejahen.

Der gestaltete Raum, das Labyrinthzeichen an sich, das nicht symmetrisch aber harmonisch ist und der Garten in seiner Poesie wirkt zentrierend und besänftigend. Diese Erfahrung hat sich auch den Randständigen vermittelt. Sie bemühen sich darum, auch ihren „Wohnraum“ zu pflegen, zum Beispiel den Müll zu entsorgen. Es gibt wohl kaum einen Platz in Zürich, an dem sich Randständige aufhalten und der weitgehend von diesen selber instand gehalten, ja von einzelnen sogar liebevoll gepflegt wird. Vor kurzem zum Beispiel hat die Stadtreinigung – nachdem einige Randständige schon vor längerer Zeit darum gebeten hatten – Müllcontainer für Glas und Metall aufgestellt. Sie werden genutzt, obschon die zuständige Behörde anfänglich skeptisch war.

Regula, die Labyrinthgärtnerin,hat mir erzählt, dass sie neulich abends einem „Alki“ begegnet sei, der torkelnd vom Tisch aufstand, eine ganze Batterie Bierdosen zu Füssen. Sie sagte ihm, es gäbe jetzt Container für die Dosen, er könne sie dort entsorgen. „Ich?“ fragte er. Und Regula meinte: „Ja du!“. Worauf er: „Warum?“ Und Regula: „Dmit es schön ist hier“. Er hob die Dosen auf, torkelte zum Container und warf sie in den Schlitz. Offenbar war beim Stichwort „schön“ etwas in ihm angeklungen.

Das Labyrinth als „Komposition“, als „Rauminstallation“ hat die Kraft, zu versammeln, ohne Zwang auszuüben. Es gibt den Menschen die Freiheit, den Abstand zueinander selber zu bestimmen, sorgt aber auch dafür, dass sie sich nicht für immer aus den Augen verlieren und aus dem Wege gehen können. Der Philosoph Peter Sloterdijk spricht von der „kompositionspolitischen Herausforderung“ unserer Zeit. Einer Zeit, in der alles auseinanderdriftet, unübersichtlich und beliebig wird. Am Horizont taucht dann die Erlösungsfigur „Globalisierung“ auf, das Zauberwort, das Zusammenhang stiften soll. Nur stiftet Globalisierung, so wie sie praktiziert wird als Zusammenschluss, Konzentration, Fusion der Welt-Konzerne gerade nicht den menschlichen Zusammenhalt.

Vielleicht kann das Labyrinth als „Welt-Bild“ eine Hilfe sein auf dem Weg, Welt als Heimat zu denken. Der Labyrinthplatz als ein von Frauen initiierter, verwalteter und gestalteter Platz kann die Welt- und Lebenserfahrung von Frauen in die Stadtplanung und -gestaltung einfliessen lassen. Es ist eine Tatsache, dass Frauen ihre Vorstellungen und ihre Erfahrungen zu wenig in Planungsdiskussionen einbringen, sei es dass sie keine Zeit und Energie dafür aufwenden können und mögen, dass sie sich zu wenig sicher fühlen, sich für zu wenig kompetent halten, sofern sie nicht ein entsprechendes Studium absolviert haben – oder dass sie sich nicht bewusst sind, dass die Stadt auch ihnen gehört und sie Verantwortung für die Ausgestaltung dieses Wohn- und Lebensraums übernehmen müssen, auch im Hinblick auf die künftige Generation.

Die „weibliche Sicht“ auf die Welt und auf die Stadt ist ein weites Feld. Nur eine Erfahrung aus unserer Praxis möchte ich mitteilen: Wir bezeichnen das Labyrinth manchmal als einen „öffentlichen Haushalt“, oder uns als „öffentliche Hausfrauen“. Unter „öffentlichem Haushalt“ versteht man landläufig nur den finanziellen Sektor, die Staats- oder Stadt-Einnahmen und Ausgaben. Der Haushalt der Hausfrauen ist viel umfassender. Es ist uns bewusst geworden, dass wir hier im öffentlichen Raum ziemlich genau das tun, was Hausfrauen überall in der Welt im privaten Raum tun: Einen behaglichen Ort zum Wohnen schaffen (hier ist es ein Aussenwohnraum), pflegen, reparieren, putzen, zuhören, sich einmischen, Streit schlichten, Recht sprechen, Zeit haben, sich stören lassen, Geschichten erzählen, den Tisch decken (und wieder abräumen), willkommen heissen und verabschieden, verschiedene Generationen und Charaktere integrieren und so weiter.

Was vor allem Frauen im „privaten“ Haushalt leisten, wird oft kaum beachtet und wertgeschätzt. Und doch ist es das, was das Leben am Leben erhält, denn jeder Mensch wächst auf und lebt Zeit seines Lebens in einem wie auch immer gearteten Haushalt, anders hätte er keine Überlebenschance. Die italienischen Philosophinnen der Libreria delle donne di Milano und der „Diotima“-Gruppe in Verona bezeichnen diese Leistung als das „zivilisatorische Werk der Frauen“. Unseren „öffentlichen Labyrinth-Haushalt“ führen wir selbstbewusst, meist mit Lust. Er wird wahrgenommen und wertgeschätzt. Ich wünsche mir, dass „Stadt- oder Staatshaushalt“  unter diesem umfassenden Blickwinkel betrachtet wird.

Als wir 1991 anfingen, den Labyrinthgarten anzulegen, warnte uns der für diesen Stadtteil zuständige Gärtner. Ihm sei in diesem Areal noch keine Blume zum Blühen gekommen. Die Menschen in diesem Viertel seien rücksichtslos, Vandalen, es würde alles zerstört: Hoher Ausländeranteil, Drogen, Prostitution… Wir haben in all diesen Jahren keine mutwilligen Vandalenakte erlebt, obschon der Platz tags und nachts, Sommers und Winters öffentlich zugänglich ist. Viele fragen sich und fragen uns, wie das möglich sei, welches Geheimnis dahinter stecke? Ich weiss es nicht. Ich vermute, es ist nicht ein Geheimnis, sondern der Platz drückt ein Versprechen aus: „Es wird hier gut mit euch umgegangen, mit euch Pflanzen und mit euch Menschen“. Hier seid ihr willkommen und geschützt, wer ihr auch seid, woher ihr auch kommt. Geschützt wovor? Geschützt vor Beliebigkeit und Bedeutungslosigkeit.

In diesem liebevoll gestalteten Raum wird die eigene Existenz sinnvoll und bedeutsam. Warum? Weil sie Teil des gestalteten Raums ist. Agnes Barmettler, die Kunstmalerin und Labyrinthbauerin, die zehn Jahre lang den Labyrinthgarten betreute, hat es einmal folgendermassen ausgedrückt: „Hier entstehen Bilder aus den Farben und Formen der Pflanzen, mit Licht und Schatten im Verlauf der Tages- und Jahreszeiten. Die Menschen, die sich im Labyrinth bewegen, sind Teil des Bildes.“

Weil es nicht ein privates sondern ein öffentliches Versprechen ist, nenne ich es politisch. Hannah Arendt beschreibt Versprechen und Verzeihen als die einzigen moralischen Kategorien, auf die wir uns im „Feld des Politischen“ stützen können. Das Versprechen nennt sie Heilmittel gegen die Unabsehbarkeit und Ungewissheit des Zukünftigen und das Verzeihen Heilmittel gegen die Unwiderruflichkeit des Vergangenen. Jede Stadt, denke ich, möchte ihren Bewohnerinnen und Bewohnern dieses Versprechen geben: „Hier seid ihr willkommen, hier wird gut mit euch umgegangen.“ Deshalb braucht es Regeln, Gesetze, Verordnungen, Pläne, Diskussionen, öffentliche Debatten. Ein Versprechen ist allerdings kein Rechtsanspruch, der eingeklagt werden kann. Darum braucht eine Stadt vor allem das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger, mehr noch als ihren Gehorsam und ihre Pflichterfüllung.

Auf dem Labyrinthplatz üben und pflegen wir den respektvollen Umgang mit allem, was ist. Respekt zwischen unterschiedlichen Menschen, Respekt im Umgang mit der Natur, mit Geschichten, die uns die Menschen erzählen, ihrem Schicksal, mit Ereignissen. Was meint Respekt im öffentlichen Raum? Hannah Arendt formuliert es so: „Der Respekt ist wie die Aristotelische philia politike eine Art politische Freundschaft> die der Nähe und der Intimität nicht bedarf; er (der Respekt) drückt die Achtung vor der Person aus, die aber in diesem Fall aus der Entfernung gesehen ist, welche der weltliche Raum zwischen uns legt, wobei diese Achtung ganz unabhängig ist von den Eigenschaften der Person.“

Die Deutung von Respekt als „politische Freundschaft“ gefällt mir sehr. Für den Labyrinthplatz leuchtet sie mir unmittelbar ein. Als Bezeichnung für die Art der Beziehung zwischen Stadtbewohnern und Bewohnerinnen finde ich den Begriff „politische Freundschaft“ Weg weisend.

Ich komme zum letzten Stichwort meines Versuchs von Analogien zwischen Labyrinth und Stadt. In der Soziologie und Urbanistik taucht seit einiger Zeit der Begriff „Nicht-Orte“ auf und wird diskutiert im Zusammenhang mit Globalisierung und Migration. Nicht-Orte sind Plätze, die sich weltweit ähneln: Flughäfen, Bahnhöfe, in denen man sich mittels Piktogrammen orientieren kann. Verpflegungsketten, Einkaufsmeilen, Fitnessparks, die für viele freiwillige und unfreiwillige Globetrotter zu so etwas wie punktueller Heimat geworden sind.

Vor bald zwanzig Jahren habe ich eine Gruppe Chilenen (Familien und kleine Kinder) bei ihrer „Ausschaffung“ nach Spanien begleitet. Sie hatten bereits mehrere Jahre in der Schweiz gelebt und wir hatten bis zuletzt für ihr Bleiberecht gekämpft (mit Kirchenasyl, Hungerstreik etc), vergeblich. Es blieb ihnen nur, nach Chile zurückzukehren oder in Spanien zu versuchen, eine neue Existenz aufzubauen. Am Tag nach unserer Ankunft ein Stadtbummel durch Madrid. Alle waren niedergeschlagen, sprachen niemanden an, obschon sie im Gegensatz zur Schweiz sich hier hätten problemlos verständigen können. Plötzlich hellten sich ihre Gesichter auf. Sie hatten einen Mac Donald entdeckt und die Gruppe stürzte sich förmlich in dieses Lokal. Vermutlich erinnerte es sie an die Sonntage, an denen sie sich zusammen mit Freunden in Zürich im Mac Donald verpflegt und getroffen hatten. Hier fühlten sie sich zu Hause und willkommen, hier wussten sie wie sich benehmen. Dieses Erlebnis hat mich nachdenklich gemacht und meine Beziehung zu diesen weltweit sich gleichenden „Nicht-Orten“ verändert.

Im Labyrinth treffe ich immer wieder Menschen fremder Herkunft an, die mir freudig berichten, sie hätten eine Pflanze aus ihrer Heimat entdeckt oder fragen, ob sie eine Pflanze aus ihrem Heimatort mitbringen und hier pflanzen dürfen. Neulich abends die Begegnung mit einem jungen Mann, der eine Mohnblüte in der Hand hielt. Ich runzelte die Stirn und erklärte ihm, dass es hier eigentlich nicht Brauch sei, Blumen zu pflücken. Da erzählte er, dass ihn der Mohn an seine Kindheit in einem kurdischen Dorf erinnere, wo die Felder im Sommer voller Mohn standen und dann folgte die leidvolle Geschichte seiner Familie mit Verfolgung, mehrmaliger Flucht bis sie schliesslich hier gelandet sind.

Das Labyrinth als begehbares Bild spricht für sich. Eigentlich ist es ein Piktogramm. Es muss nicht erklärt und gedeutet werden. Die Menschen, die es begehen, verstehen unmittelbar, sozusagen körperlich, jede/jeder auf seine/ihre Weise. Labyrinthe haben alle eine ähnliche Struktur. Der eine Weg, der kreuzungsfrei aber mit Umwegen zur Mitte führt und wieder hinaus. Dass sich das Labyrinth in einem Stadtteil mit einer grossen Sprachenvielfalt oder einem „Sprachengewirr“ – es sollen über 200 Muttersprache gesprochen werden – als „Verständigungsmittel“ bewährt, ist uns erst im Laufe der Zeit bewusst geworden.

Könnten Labyrinthplätze in unserer Zeit zu so etwas wie den vorher beschriebenen „Nicht-Orten“ werden? Orte, wo sich Menschen zurecht finden, orientieren können, auch wenn sie ortsunkundig und fremdsprachig sind? Nicht-Orte des Innehaltens, Wiedererkennens, sich zurecht Findens. Kleine Heimat-Inseln für MigrantInnen, Flüchtlinge, Globetrotter, Weltreisende…

Zitierte Bücher:

  • Rosmarie Schmid, Der Wunderkreis. Die Wiederbelebung eins kulturgeschichtlichen Phänomens in der Stadt Kaufbeuren, hrg. im Selbstverlag der Stadt Kaufbeuren, 2003.
  • Hermann Kern, Labyrinthe, München 1983.
  • Richard Sennett, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität, Frankfurt a.M. 1986.
  • Peter Sloterdijk, Kopernikanische Mobilmachung und ptolemäische Abrüstung, Frankfurt 1987.
  • Hannah Arendt, vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1981
  • Marc Augé, Orte und Nicht-Orte, Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit, Frankfurt a. M. 1994

Verwandte Artikel: Bettina Melzer: „Getrennte Lebensbereiche wieder verbinden“

Autorin: Ursula Knecht-Kaiser
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 23.11.2006

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Weggefährtin des Labyrinths

    z.B. Mit kleinem Budget bis jetzt, trotzdem einen spannend gewordenen Weg gehen, im Wissen, dass das Leben Sinn macht und ein grosses Abenteuer ist. Es macht tapfer, kämpferisch, phantasievoll, clever und verantwortungsbewusst.
    Zum Raum: Der Raum und der Umkreis muss immer mitgestaltet, umgestaltet, ausgetauscht, verschoben, beachtet und neu eingefügt werden, damit der Raum, die Aufmerksamkeit füreinander als schön wirken kann. Das kommt durch das jeweilig eingesetzte Einfühlungsvermögen für Menschen und für das Material. Und gegenüber anderen Verantwortlichen, die auch eingebunden sind. Und dann die Sorgfalt, wie gehe ich damit um, worauf kommt es an, was muss ich bedenken.Das sind meine Erfahrungen während gut 5 Jahren als Musikleiterin von „Spielleute-Tambourin“.
    Die Raumgestaltung geschieht nicht automatisch, gerade dann nicht, wenn Zeitnot herrscht. Deshalb müssen wir sorgsam und aktiv darauf bedacht sein, diese Raumgestaltungen einzukalkulieren und hervorzubringen, für die Empfindungen der Menschen und unsere Umwelt. Eine Notwendigkeit also.

  • Bernd Janes sagt:

    diese seite habe ich gerade zufällig gefunden. ich finde ihr thema spannend und lese interessiert weiter.

  • Assunta Tonietto sagt:

    Hätte ich vor bald 100 Jahren als geborene Padovanerin mir vorstellen können, dass meine Enkelin Stadtbürgerin von Zürich würde? Und dass das Zürcher Frauenlabyrinth sowie das Symbol Labyrinth ihr grundlegende Orientierung im Alltagsleben vermitteln könnten? Nein, dies lag jenseits aller meiner Vorstellungsmöglichkeiten. Auch dank solcher Grundlagen und verlässlich-mutiger Frauen kann meine Enkelin „feministisch in Präsenz weiter denken“.

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