beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik vertrauen

Die Entdeckung der Freiheit als religiöse Freiheit

Von Luisa Muraro

Labyrinth Ursula

Das Labyrinth: Symbol für das Hineingehen und sich Hineinnehmen lassen in die Tiefe des Seins, um in der Kraft dieser Beziehung Leben zu gestalten.

Jede von uns trägt einen schon begonnenen Diskurs in sich, der vielleicht schon begonnen hat, bevor die Einzelne auf die Welt gekommen ist. In diesem Diskurs geht es – egal, wann er begonnen hat – um jede von uns in erster Person, das ist gewiss. Deshalb versucht jede, auf diese Worte zu hören, sie zu verstehen , sie weiterzuentwickeln, oder zumindest nicht den Faden zu verlieren. Da entsteht aber ein Problem: Wenn dieser begonnene Diskurs noch nicht zu Ende ist, wie kann man dann mit einem neuen anfangen? Und wenn die Diskurse, die von anderen kommen, nichts mit dem zu tun haben, was eine in sich trägt, wie soll sie ihnen dann Gehör schenken?

Kurzum – ich bin hier eingeladen, um zu Ihnen zu sprechen, aber wie fange ich an? Welche Worte kann ich an Sie richten, ohne Ihre Interiorität zu stören?

Die Antwort ist einfach: De facto habe ich schon begonnen, mit eben diesen Worten, und jetzt mache ich auch weiter. Interiorität ist kein Abgeschottet -sein, sie ist ein Innerhalb Außerhalb; sie folgt der Bewegung der Worte, die ständig ein- und ausgehen – durch den Mund, die Ohren und auch durch die Augen und den ganzen Körper, der von Natur aus sehr durchlässig ist und manche Spalten und Öffnungen aufweist.

Ich wusste nicht, wie ich mein Buch Der Gott der Frauen beginnen sollte, und ich erinnere mich, dass mir die Lektüre einer Dichterin weitergeholfen hat, die sich mit dem mündlichen Aspekt der Poesie auseinandersetzt. „Wenn eine Tasse, die an einem Winterabend auf einem Tisch steht, uns als konkretes Zeichen einer verloren gegangenen Daseins-Lage erscheint, dann nähern wir unsere Lippen dem Rand der Tasse, und beim Öffnen der Lippen wird eine nicht äußere, eine nicht innere Welt unsere Kehle hinunter rinnen und bis zu unserem Geist hinaufsteigen.“ [1]

Mit der „verloren gegangenen Daseins-Lage“ bezieht sich die Autorin auf den Verlust der Glückseligkeit, in liebevollem Kontakt mit dem Leben zu sein, Kontakt, ohne den wir nicht auf die Welt gekommen wären. Aber ist diese Lage wirklich verloren gegangen? Völlig verloren?>

Ich habe angefangen, das Wort „Gott“ zu verwenden, um über das Schreiben der Mystikerinnen zu sprechen, das im 13.-14. Jahrhundert begann und bis in unsere Zeit fortgedauert hat, mit Emily Dickinson, Simone Weil, Clarice Lispector? Über Jahrhunderte hinweg durchzieht ein goldener Faden unsere Kultur, ich nenne ihn „Theologie in der Muttersprache“. Dazu gehören Schriften von Frauen, aber auch von manchem Mann, der sich den Worten der Frauen angenähert hat (ich denke hier an Meister Eckhart).

Als ich das Buch von Margarete Porete Der Spiegel der einfachen Seelen las, und auch andere Bücher dieses goldenen Fadens, begann ich die Worte eines Gesprächs zu hören, das nicht nur neu, sondern unerhört, also noch nie gehört war, ein Gespräch zwischen zweien, die ich der Kürze halber eine Frau und Gott nennen will. Eine Frau war sicher da. Gott – das weiß ich nicht, sicher ist jedenfalls, dass sie nicht allein war, da war ein Anderer oder eine Andere, dessen oder deren Stimme nicht bis zu mir vordrang, aber ich vernahm sie trotzdem, denn sie bewirkte eine Unterbrechung, oder besser eine Höhlung in den Worten der Frau, und sie veränderte meine Lektüre, sie wurde so etwas wie langsam aus einer Tasse trinken.

Die Möglichkeit des Kontaktes, der glücklich macht, ist keine „verloren gegangene Daseins-Lage“weder für diejenige, die den Spiegel der einfachen Seelen geschrieben hat (noch für mich, die las). Diese Daseins-Lage ist im Grunde für niemanden völlig verloren gegangen, denn ich glaube, niemand könnte auch nur einen Tag auf der Welt sein, ohne dass ihm/ihr ein Tropfen Genuss die Kehle hinab rinnt und zum Geist emporsteigt, wie spärlich dieses Rinnsal auch sein mag, wie durch eine unsichtbare Nabelschnur, die einen mit dem Ursprung des eigenen Lebens in Verbindung hält – wenn auch aus recht großer Entfernung.

Aber wie weit haben wir uns entfernt von dem, was uns am Leben hält? Im Buch von Margarete Porete, wo Gott in weiblicher Gestalt als „Frau Liebe“ erscheint, wechselt er a einer bestimmten Stelle Namen und Gestalt und wird zu einem Geliebten-Liebenden mit dem Namen „der Fernnahe“ (Loingpres). Das ist die Antwort auf die Frage nach der Entfernung dessen, was am Leben hält . Je weiter wir uns entfernen, desto näher sind wir, je näher wir kommen, desto weiter sind wir entfernt. Aber um die Wahrheit zu sagen: wie weit entfernt, das können wir nicht wissen, denn es ist eine Entfernung, für die es kein mögliches Maß gibt. Eine inkommensurable, nicht messbare Distanz müssen wir sie nennen. Sie ist maßlos – auch wenn die Logik uns nicht verbietet, sie uns als minimal vorzustellen, so minimal, dass es um Haaresbreite zum Kontakt kommen könnte.

Übrigens denke ich das ganz generell: Da ist immer Anderes in der Nähe des guten Essens, sonst wäre es nicht so gut, und Anderes ist auch in unmittelbarer Nähe jeder gelungenen Überlegung, oder zumindest sollte es so sein, und auch ganz in der Nähe der wissenschaftlichen Theorien, wenn sie keine dummen (und gefährlichen ) Maschinerien sein sollen. Das Andere steht unmittelbar bevor oder kann unmittelbar bevorstehen – auch in unserem banalsten Alltag, direkt hinter der scheinbaren Wiederholung der üblichen Dinge, und wer das weiß, wird des Lebens nicht müde und rettet sich vor der Verzweiflung. Wie die Hauptfigur in Dancer in the dark, dem Film von Lars van Trier. Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, einer Fabrikarbeiterin, die mit Hilfe ihrer Freundin die Tatsache versteckt, dass sie im Begriff ist zu erblinden. Sie ist in einem kommunistischen Land aufgewachsen und in die USA emigriert, um ihrem Sohn, der wie sie vom Verlust des Augenlichts bedroht ist (aber ohne Hoffnung auf Heilung), eine Operation zu ermöglichen. Der Film ist eine Allegorie der conditio humana, er zeigt, dass es aus der Trostlosigkeit und aus der Härte des Lebens einen Übergang zur Freude gibt; dieser Übergang existiert, die Protagonistin des Films kann ihn vollziehen, indem sie sich an die Musik klammert, die sie liebt, und auch an den Strohhalm von Güte, mit der jemand auf ihre vertrauensvolle Liebe antwortet, und das gelingt ihr bis zum Schluss, bis zu den letzten Stunden und Minuten – schrecklichen Stunden und Minuten – ihres Lebens.

Jenes Gespräch zwischen einer Frau und Gott hat mir den Übergang gezeigt. Die Beziehung zwischen ihr und Ihm (oder Ihr) war durch eine enorme Ungleichheit gekennzeichnet (deshalb die Großschreibung), und gleichzeitig auch durch eine große Vertrautheit, eine Vertrautheit ohnegleichen. Diese extreme Offenheit in einer so ungleichen Situation hat in mir einen Neid hervorgerufen, der einfach nicht vergehen will, wie angesichts einer Freiheit, die voller Freude und Genuss ist. Und das lässt mich nicht auf die Worte hören, die zu einem vernünftigen Verzicht auf ein „Zuviel“ ermahnen. Da war ein Wissen, das nicht Ergebnis eines Verzichts auf Genuss war, und dieses Wissen interessiert mich seither (seither? oder schon immer?). Dieses Wissen kann man allerdings nicht kaufen, und auch nicht verkaufen, man kann es nur werden und sein: Es ist ein Wissen darum, dass es einem an etwas mangelt, ohne dass man deshalb „weniger“ ist, es mangelt am Notwendigen und doch gelingt es, auf den Markt zu gehen und Gewinn zu machen: In der Tat ließ sich in jener so ungleichen Beziehung erkennen, dass die Frau um das Geheimnis der nicht aufzuhebenden „Ungerechtigkeit“ wusste, die das Leben kennzeichnet, ja, die vielleicht ein natürlicher Bestandteil des Lebens ist. Und die Frau war nicht erdrückt davon. Sie schien auf einer sehr schiefen Ebene zu stehen, einer schiefen Ebene wie die, wo Wasserfälle entstehen: Die Bewegung von oben nach unten war nicht zu sehen, oder ich sah sie von meiner Position aus nicht, man sah nur die Bewegung in die andere Richtung, es war ein erstaunlicher Anblick, wie der von Lachsen, die stromaufwärts schwimmen, um sich zu paaren.

Zwischen der Frau und dem Andren begann ein ganz neues Spiel, eine Art Verhandlung darüber, was wirklich und wahr ist. Dabei kamen auch die Wünsche zum Zuge, ohne Grenzen und Zensur, doch ohne dass alles im Chaos endete. In der fließend gewordenen Wirklichkeit, so lehrt Margarete, ertrinkt man nicht:

„Eine solche Seele, spricht die Liebe, schwimmt im Meer der Freude, das ist in dem aus der Gottheit ausfließenden und ausströmenden Meer der Wonnen. Doch empfindet sie dabei nicht irgendwelche Freude, denn sie selbst ist Freude. Und so schwimmt und schwebt sie in der Freude, ohne die Empfindung einer Freude. Denn sie bleibt in der Freude, und die Freude bleibt in ihr … (M. Porete, Spiegel der einfachen Seelen, Artemis, Zürich, München 1987, Kap. 28)

Die Texte von Margarete und der anderen Frauen wie sie haben diese Charakteristik; sie strecken sich hin zum Anderen und machen ihm Platz – angefangen beim Leser/der Leserin. Diese Texte sind geprägt von einer Bewegung, die der eines Stromes ähnelt, welcher von einem an der Oberfläche nicht sichtbaren Durchgang verschluckt wird. Die Bewegung erkennt man an den sprachlichen Formen, aber noch mehr an der Wirkung der Texte auf den Leser/die Leserin: Geist und Herz werden mitgerissen, nicht weniger als von irgendwelchen Konzepten oder logischen Ableitungen, ja, sie bringen einen zum Denken, mit einer Kraft, die für den Geist zwingend und für den ganzen Rest befreiend ist.

Die Texte der Mystikerinnen fehlen bis heute in der Kultur, die die Schule uns anbietet. Aber gibt es überhaupt ein Schulfach oder eine wissenschaftliche Disziplin, die sich diese Texte zu eigen machen könnten? Kein Fach, keine Disziplin könnte das vollständig leisten und sich das Wesentliche zu eigen machen, nämlich die Bewegung des Übergangs in Anderes. Diese Texte sind nicht dazu gemacht, mit dem Intellekt erfasst und gelernt zu werden; sie vermitteln ein Wissen, das nicht akkumuliert werden kann, denn es wirkt verändernd und verändert sich selbst. Aber man kann diese Texte dennoch verstehen; sie wirken erleuchtend, sie erzeugen soviel Licht, dass man weiter lesen kann. Seit jenem Tag habe ich nicht mehr aufgehört, weiter zu lesen. Das tue ich allerdings nicht, um meine Lücken zu füllen, wie das früher in der Schule hieß; ich habe aufgehört, meine Lücken oder die anderer Leute zu füllen. Das, was ich studiere und lehre, dient vielmehr dazu, die Lücken zu vergrößern.

Diese Texte entspringen einem Schreiben, das weder gesellschaftliche Legitimation noch symbolische Autorisierung noch historische Vorläufer besaß. Und es gelang, all dies zu bekommen – teilweise oder vollständig, auf einen Schlag oder Schritt für Schritt, in historischen Kontexten und unter gesellschaftlichen Bedingungen, die manchmal günstig, meist aber widrig waren -, es gelang dank einer freien und persönlichen Beziehung der Autorin zu Gott. Wie das möglich war, und vor allem was das bedeutet, ist schwer zu erklären: Es ist die ureigenste Eigenschaft dieser Schriften, eine Eigenschaft, die den zwar großen, teilweise sogar sehr großen mystischen Autoren unbekannt war. Es ist das Geheimnis eines Schreibens, das dem Anderen Platz macht und ihm, zusammen mit der schreibenden Frau, zum Sein verhilft. Das wurde möglich, weil diese Autorinnen in der Muttersprache schrieben (wobei „Muttersprache“ nicht mit der Nationalsprache zu verwechseln ist!), das heißt, indem sie Gott mitten in die Worte des alltäglichen Lebens, des Liebes- und des Arbeitslebens brachten, hinein in die Sprache der ersten Worte, die man spricht, voller alter Klänge und unübersetzbarer Bedeutungen.

„Text“ kommt vom lateinischen „textere“, weben (diese Bedeutung ist im Deutschen noch im Wort „Textilien“ erhalten). Aus dem Gewebe der Schriften, von denen ich hier spreche, schimmert noch hervor, was, trotz der hohen Mauern von Unfreiheit, Vorurteilen und erzwungener Unwissenheit, dieses Schreiben möglich machte. Über die Autorinnen ist im Allgemeinen wenig oder sehr wenig bekannt, aber ihre Schriften sprechen auch für die historischen Dokumente, die nicht vorhanden sind. Ihr Schreiben hatte einen Beweggrund, der zum Weg und zum Inhalt wurde. Dieser Beweggrund-Weg-Inhalt war – und ist es heute noch, das spürt man beim Lesen der Texte – eine freie und persönliche Beziehung zu Gott. Diese Beziehung war frei von jeder Vermittlung familiärer oder gesellschaftlicher Art, frei von jeder Vermittlung durch Kirchen, durch Männer, durch Heilige Schriften, Doktrinen oder Traditionen, sie stand auch außerhalb aller kodifizierter, von anderen angeleiteten geistigen Wege. Es war die Erfindung bzw. Entdeckung einer Freiheit der anderen Welt – in dem Sinne, den die Allegorie vom Maschen-Aufziehen einer Strickjacke nahe legt, d.h. es handelt sich um diese Welt, aber sie ist dekonstruiert und öffnet sich zum Unendlichen hin: Eine große Entdeckung, so groß wie die kopernikanische Revolution und sogar noch größer, denn es handelte sich um die Auflösung, nicht die Zerstörung des religiösen Gebäudes und der anderen Gebäude, mit denen man versuchte und weiterhin versucht, die unaaufhebbare „Ungerechtigkeit“ der menschlichen Conditio zu reparieren.

Was dabei am wichtigsten, unserer Kultur aber auch am fremdesten ist, ist die Tatsache, dass diese Freiheit und dieses Glück als Geschenk aufzufassen waren. Sie konnten weder durch Techniken noch durch Rechte garantiert werden.

Wir haben ja die Tendenz, uns alles sichern zu wollen, was uns gefällt: Wir fordern es wie ein Recht ein und lassen es uns mit Hilfe der Technik zur Verfügung stellen – sogar das Leben. Das ist zwar sehr menschlich, bedeutet aber auch ein großes Limit, denn der sichere Besitz, sei er intellektueller oder materieller Art, trennt die gewünschten Dinge vom Ursprung ihres ungreifbaren Sein-Könnens oder Geschehen-Könnens ab, d.h. vom eigentlichen Ursprung des Staunens und der Freude. Die „Befana“ (eine Sagengestalt, die in der Dreikönigsnacht die Kinder beschert) kam in meiner Kindheit jedes Jahr wie ein erwartetes und zugleich unglaubliches Wunder wieder.

Die persönliche, direkte und unmittelbare Beziehung zu Gott war unter Bedingungen möglich, die jenen nicht unähnlich waren, welche in unserer Kindheit den Weihnachtsmann, den Nikolaus, oder in meiner Heimat die „Befana“ wiederkehren ließen: Mit großem Eifer wurden die Vorbereitungen getroffen, die für das große Ereignis natürlich ganz unzureichend waren, dann kam der Vorabend intensiver Erwartung, früher oder später vom Schlaf besiegt, und schließlich ein Erwachen in staunendem Glück.

Diese Beziehung zu Gott nahm der Kirche nicht ihren Sinn und ebenso wenig den anderen Einrichtungen, welche die für das menschliche Dasein notwendige Vermittlung übernehmen. Was diesen Institutionen allerdings verloren ging, war ihre absolute Notwendigkeit; sie wurden provisorisch und relativ. Und das ist der zentrale Punkt dieser weiblichen Gottesoffenbarung: Was die absolute Notwendigkeit der Kirche und der anderen Vermittlungsinstanzen untergehen ließ, war die Tatsache, dass diese Frauen die Tür offen halten wollten, falls Er eventuell vorbeikommen sollte, sie lebten im Hier und Jetzt in Präsenz von Anderem – das Andere nicht im Sinne von anders als dies oder jenes, sondern anders als alles, das Andere im absoluten Sinn.

Das scheint unlogisch: Wie kann man in Gegenwart eines ungedachten und undenkbaren Abwesenden sein? Die Sprache widersetzt sich dem nicht, denn die Sprache hat, im Unterschied zur Logik, den Sinn des Mangels im Reinzustand. Die Sprache lässt diese Möglichkeit zu, ja, sie nährt sich sogar vom Mangel. Und sie nährt ihn mit der Schrift: Mit der Heiligen Schrift (die war die oberste Lektüre unserer Mystikerinnen: Sie reichten sie untereinander weiter, übersetzten sie und lasen sie dem Volk vor, bis die kirchliche Hierarchie intervenierte und diese nicht autorisierte „göttliche Schule“ verbot). Daneben pflegten die Autorinnen auch das Schreiben im gewöhnlichen Sinne, ohne dass es einen Bruch zwischen den beiden Schriften gegeben hätte.

Schreiben und Lesen wurden daher unabdingbar, so unabdingbar, dass auch die Analphabetinnen zu schreiben begannen. Viel früher als das fortschrittliche Bürgertum war es also Gott, der die Aufgabe übernahm, die Frauen – oder zumindest seine bevorzugten Freundinnen – zu alphabetisieren. Lesen und Schreiben ist unabdingbar für diejenigen, die in Präsenz von Anderem sein wollen. Und fast alle diese Frauen schrieben in ihrem Dialekt, das heißt in der Sprache, die sie von ihrer Mutter oder ihrer Amme gelernt hatten, und das war anfangs eine nur gesprochene Sprache.

Die Muttersprache ist die erste Sprache, die wir sprechen lernen, und sie ist nahe an der Grenze, wo das Bedürfnis zu essen in das Bedürfnis zu kommunizieren übergeht; sie ist nahe an der Schwelle zwischen den Worten und dem Schweigen und nahe am Austausch zwischen Körpern und Ideen. Und so hat die Muttersprache eine Antwort gegeben auf das Problem, wie man in Beziehung mit dem Anderen leben kann.

Die Muttersprache – und die Liebe, muss ich hinzufügen. Auch die Liebe hält uns in Präsenz des Anderen, die Liebe, wenn sie ohne Objekt ist, oder wenn sie immer bereit ist, es zu verlieren und nie sicher ist es zu besitzen, die Liebe zu nichts von dem, was wir uns vorstellen können, doch eine reale Liebe, die die Macht besitzt, dem Anderen Platz zu machen.

Und dank dieser Liebe, die ohne Objekt ist oder immer bereit ist es zu verlieren und nie sicher ist es zu besitzen, die aber real und mächtig ist – dank dieser Liebe wurden die verschiedenen Konstruktionen nicht mehr notwendig und nicht mehr verbindlich, einschließlich der Religion und des Begriffes Gott selbst.

Es war die Entdeckung der Freiheit in Form der religiösen Freiheit. Dabei verstehe ich religiöse Freiheit nicht im heutigen, modernen Sinn, verbürgt als Grundrecht und ergänzt durch andere Formen der Freiheit. Es war eine Freiheit, die in der Beziehung zu Gott erobert wurde und untrennbar mit der Liebe verbunden war; Freiheit von allem und von allen. Eine solche Freiheit kann also von nichts und von niemandem garantiert werden. Ganz im Gegenteil, sie selbst stellte damals den Beginn und  die heimliche Ressource der anderen Freiheiten dar.

In der Tat ist es keineswegs ausgeschlossen, dass unsere Freiheiten auf die religiösen Bewegungen zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert zurückgehen, deren Protagonisten Laienbrüder und Frauen waren.

Allerdings könnte ich nicht historisch nachweisen, dass unsere Freiheiten von der Bewegung der Beginen herrühren. Ich könnte auch keine Autoren zitieren, die die These von diesem Ursprung der Freiheiten vertreten. Das Problem liegt darin, dass zwischen uns und jener oft verzerrt dargestellten, vergessenen Bewegung eine Hürde steht, nämlich der Übergang zur Moderne. In diesem Übergang wird Gott zu einer notwendigen Vorstellung, zur Grundlage der Wissenschaft und des Rechts; er wird zum Urheber einer unveränderlichen Ordnung, die von Wissenschaft und Recht entdeckt und reproduziert werden sollte. Der unvorhersehbare Gott der Frauen bot sich für eine solche Operation nicht an: anwesend-abwesend in einer Beziehung freier Liebe, zeigte er sich, ohne sich jemals greifen zu lassen, wie in der berühmten Erzählung der Pilgerreise nach Assisi von Angela von Foligno: Sie erzählt, wie Gott in sie eintrat und stundenlang bei ihr bleib, aber dann entfernte er sich. Da begann sie laut zu schreien, in der Kirche, mitten unter den Leuten: „Und ich schrie ohne jede Scham und sagte Worte: „Liebe, du unbekannte !“Und: „Warum verlässt du mich?  Und ich konnte nichts anderes tun und sagen, als nur ohne Scham zu rufen: „Unbekannte Liebe, warum, und warum, und warum?“ (Angela von Foligno, Zwischen den Abgründen, Einsiedeln 1955, S. 21.

Für diejenigen, die diese religiöse Freiheit besaßen, war weder die Religion noch die Theologie falsch oder unwahr. Falsch oder unwahr wurde vor diesem Hintergrund aber der Anspruch, die Wahrheit über Gott zu sagen. So entstand eine Form der Sprache, die mit vorsichtigen Formulierungen verbrämt und schließlich unter dem Etikett „Sprache der Mystiker“ isoliert und neutralisiert wurde, einem Etikett, das unter Philosophen, Wissenschaftlern und Theologen heute noch gängig ist. Doch wenn man diese Frauen liest, dann entdeckt man, dass es eine Sprache war, die um die conditio humana und ihre elementarsten Erfahrungen, wie Geburt, Tod (Vollendung desÜbergangs in Anderes) und Verliebtsein wusste: die conditio humana als eine conditio der Abhängigkeit, der Ungewissheit, der Willkür der anderen ausgesetzt, aber glücklich. Aus diesen Texten spricht ein Wissen, das offen ist für Anderes, bereit, sich zu verändern, ein Wissen ohne Fundamente, aber wahr – und gerade deshalb ist es eine glückliche conditio und ein wahres Wissen.

Ich behaupte nun, dass jene Sprache, die sich im Laufe der Zeit in viele Richtungen entwickelte, zur Sprache der Philosophie, der Wissenschaften und der Politik hätte werden können. Für mich ist diese Möglichkeit noch nicht gestorben, und deshalb habe ich dieses Buch geschrieben.

Mit welchen Beweisen, mit welchen Argumenten kann ich diese These untermauern? Die Argumente und die Beweise kommen von zwei Seiten, die miteinander in Verbindung stehen: Auf der einen Seite der Bewusstwerdungsprozess der Frauen im Feminismus, auf der anderen Seite ein eingehendes Studium und ein neues Verständnis der Mystikerinnen.

Im Zuge des Feminismus kam ans Licht, dass es eine Kluft gab zwischen der Selbstwahrnehmung der Frauen und der vom Mann repräsentierten menschlichen Identität, und diese Kluft kann nicht mehr gefüllt werden, weil die Politik der Frauen in allen Teilen der Welt daraus den Ort der weiblichen Freiheit gemacht hat. Ich sagte, „Im Zuge des Feminismus“ kam das ans Licht: In der Tat ist der Feminismus nicht das Zentrum der Angelegenheit; er muss vielmehr wie eine indirekte Ergänzung eines großen Ereignisses gesehen werden, nämlich des freien Ausdrucks der weiblichen Differenz, was der einseitig männlichen Interpretation der Welt eine Ende gesetzt hat. Was ich hier sage, ist nichts Neues, aber aufgepasst: es ist das Gegenteil dessen, was man gemeinhin unter „Feminismus“ versteht. In der gängigen Auffassung ist der Feminismus die gesellschaftliche Konstruktion der weiblichen Freiheit durch Gleichstellung mit dem Mann, durch gleiche Rechte und Chancen. Aber was im Zuge des Feminismus passierte, ist das Gegenteil: es ist die Hervorbringung einer freien Bedeutung dessen, was eine Frau ist und für sich selbst werden kann, im Beziehungsgeflecht mit anderen und unabhängig von gesellschaftlichen Konstruktionen ihrer Identität.

An diesem Punkt mündet das Erbe der Mystikerinnen in die Gegenwart ein und beginnt zu zirkulieren. Wir holen sie aus ihrer Verbannung in die Vergangenheit, aus ihrer Verbannung in die Erbauungsliteratur heraus. Sie lehren uns das Universelle des Übergangs in Anderes. Wir übersetzen sie in die Sprachen einer Kultur, die voller Kontraste und Widersprüche ist. Sie vermitteln uns einen Sinn des Seins, dessen Ganzheit nicht von uns und unseren Synthesen abhängt, denn wir hängen von ihr ab, eine Ganzheit ,die uns umfasst und uns in Übereinstimmung mit allen Dingen hält. Wir befragen diese Schriftstellerinnen über das, was uns passiert und über den Sinn unseres Lebens. Sie antworten uns, indem sie unsere Maßstäbe mit der Maßlosigkeit der Liebe durchbrechen. Wir weisen jede Komplementarität und jede Unterordnung zurück, sie lehren uns, frei zu sein in der unüberwindbaren Asymmetrie der kreatürlichen Bedingung.

Über die religiöse Bewegung der Frauen im Mittelalter – der wir eine bedeutende Zahl von Texten und einige Meisterwerke zu verdanken haben – existieren keine einheitlichen historischen Darstellungen, wie über die Kämpfe um politische und religiöse Macht oder über soziale Revolten. Es lässt sich nicht einmal genau sagen, wie diese Bewegung begann und wann sie endete. Das ist auch besser so: wir können denken, dass sie nie zu Ende gegangen ist. Diese Bewegung hat viele Spuren und einige Dokumente hinterlassen, deren Gedankenkraft auch nach so vielen Jahrhunderten nicht erloschen ist. Es handelte sich um einen Kampf, den wir als politisch betrachten können; dabei ging es aber nicht um politische Macht oder soziale Gerechtigkeit: Der Kampf ging um einen größeren, freieren Sinn unseres Daseins in der Welt. Er ging um das Glück – ja, ich glaube, das ist das richtige Wort. Das Terrain des Kampfes war die symbolische Ordnung, damit meine ich die unsichtbare, aber aktiv wirksame Ordnung – wir lernen sie, wenn wir sprechen lernen -, und sie betrifft die Beziehung zwischen dem was ist und dem, was nicht ist bzw. nicht sichtbar ist, zwischen Dingen und Worten, zwischen den Körpern und den Zeichen, zwischen den Wünschen und dem Gesetz, zwischen der Erfahrung und der Möglichkeit, das Wahre zu sagen.

Vortrag im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum Frankfurt/M. 30.Mai 2005

Aus dem Italienischen von Traudel Sattler.

[1] Ida Travi, L’aspetto orale della poesia, Anterem Edizioni, Verona 2000, S. 11

Autorin: Luisa Muraro
Redakteurin: Ursula Pöppinghaus
Eingestellt am: 14.12.2006

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