beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik handeln

„Egalität kann einen Zauber entfalten“

Von Theresia Wintergerst

Beziehung und Organisation, Autorität und Gleichheit in politischen Bewegungen

Sozialforum

NGOs beim Europäischen Sozialforum in Paris 2003. Foto: Malte Riechey. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von www.sncweb.ch

„Wer sich nicht organisiert, kommt in der Gesellschaft nicht vor!“, so habe ich noch meinen Politikprofessor im Ohr. Gerade wenn es um politische Veränderungen geht, sind Organisationen, so war er überzeugt, absolut unverzichtbar.

Nichtregierungsorganisationen, NGOs, werden die Organisationen genannt, die von einem politischen Veränderungswillen angetrieben sind, aber nicht dem Staat, noch einer Partei zugeordnet werden können. Doch was passiert in diesen Organisationen?

Viele kennen die Erfahrung, dass diese Organisationen besonders über die Interessen, Vorlieben und Neigungen von Frauen hinweggehen, dass das Engagement zermalmt wird, in Sachzwänge aufgelöst, dass die Mitglieder auf Linie gebracht und dafür manipuliert werden und wir am Ende eine Entfremdung spüren von dem, was der Antrieb war, der in diese Organisationen führte. Da winken die Überzeugungen, die für die „Affidamentophilosophie“ der italienischen Feministinnen des Mailänder Frauenbuchladens wichtig sind: Das Persönliche ist politisch, auch der Abstand von Organisationen, auch ein Handeln, das vom konventionellen Standpunkt gar nicht als politisch gekennzeichnet ist, ist politisch, gelingende Beziehungen stehen im Vordergrund. Der eigene, persönliche Wandel hat seine politische Bedeutung. Wie wunderbar: Einmal das mühsame Ringen um die Rahmenbedingungen des guten Lebens aus den Augen verlieren und sich selber um ein gutes Leben bemühen. Auf sich selbst schauen, die eigene Stimmigkeit als Maß des Handelns nehmen und davon ausgehen können, dass auch davon politische Wirkungen ausgehen.

Doch Organisationen vermitteln uns auch vieles, was wir zum Leben brauchen: Informationen, Beziehungen, Kontaktmöglichkeiten, Einfluss, Aufträge, Stellen. Wir leben nicht im luftleeren Raum. In diesem Artikel will ich den Ball hinüber und herüber spielen, von der Beziehungsqualität als wichtigem Bestandteil politischer Bewegungen, wie aus der Affidamentobewegung zu lernen ist, von der Freude an der Egalität und an der Auseinandersetzung mit Strukturen, die aus der Arbeit in NGOs zu lernen ist.

Von was lebt eine Organisation, die politische Veränderung will und betreiben will? Kann sie von Kritik allein leben? Braucht eine NGO nicht auch einen affirmativen Kern, um nicht in einer Gegenabhängigkeit an das gebunden zu sein, was bekämpft wird? Wie wird verhindert, dass das Wissen, das in einer NGO angehäuft wird, vom Individuum eher als Ohnmacht denn als Macht erlebt und damit abgewehrt wird? Wie verhindert man den Kreislauf der Empörung, der zum Ausbrennen führt?

NGOs beruhen auf freiwilligen Zusammenschlüssen, das heißt, ihre Existenz kann nicht verordnet werden. Staatliche Politik bedient sich und fördert nämlich auch NGOs aufgrund der Einsicht, dass staatliche politische Instrumente begrenzt wirksam sind und der Ergänzung des freiwilligen Sektors bedürfen. NGOs sehen sich mit ihrem politischen Veränderungswillen oftmals Machtmonopolen gegenüber, deren Zusammenspiel ein effektives Lösen von Problemen verhindert. NGOs reagieren darauf mit Lobby- und Mobilisierungsarbeit: In der Lobbyarbeit geht es darum, Wissen und Argumente zu sammeln, Expertise zu schaffen, um sich als Gesprächspartner von EntscheiderInnen einzumischen. Im Mobilisierungssegment geht es darum, die Bedeutung der politischen Veränderung bei möglichst vielen Menschen zirkulieren zu lassen, Aufmerksamkeit zu wecken, Alternativen in der Praxis auszuprobieren, und das anvisierte Thema im Lebensstil möglichst vieler Menschen zu verankern.

Wer die Arbeit von NGOs betrachtet, muss feststellen, dass Überforderung als wesentlich für die Arbeit von NGOs gelten kann: Es gilt, mit meistens knappen Ressourcen sowohl Expertenwissen zu dem Thema anzuhäufen, dessen die NGO sich annimmt, als auch das Thema breit zirkulieren zu lassen und maßgeschneiderte innovative Projekte zu entwickeln. Dies geht nicht ohne eine umfassende Vernetzung zwischen den verschiedenen Handlungsebenen: den lokalen Ebenen mit ihren lokalen Problemen, der Vernetzungsebene, in der sich verschiedene lokale Akteure zusammenschließen, der Supportingebene, die die Politik der Engagierten vor Ort und in den Netzen unterstützt, und der Lobbyebene, in der politische Vertretungsarbeit geleistet wird. Darüber hinaus gilt es, sich auch mit anderen Organisationen in Abgrenzung und Kooperation zu vernetzen. Dies, wie gesagt, mit knappen Mitteln, die den AkteurInnen nicht viele teure Fehler erlaubt und sie so zu schnellem Lernen zwingt.

„Wenn man von dem, was sich nicht ausführen lässt, immer wieder redet, ist das bloßes Geschwätz.“ (Bert Brecht)

Eine Organisation, die sich als ein Ort deklariert, von dem aus Veränderung betrieben werden soll, zieht an. Denn sie verspricht, ein Ort zu sein, an dem es sinnvoll ist, das zu artikulieren, was in anderen Kontexten auf keine Resonanz stößt oder nur stört: Kritik und Empörung über Zustände, Wünsche nach etwas Besserem, Zweifel am So-sein-Müssen der Zustände, Leiden am Vorhandenen und am erfahrenen Unrecht, Mangelerfahrung, Pläne und Zuversicht über die Verwirklichung von Alternativen. Die Vergemeinschaftung dieser Artikulation kann eine befreiende Kraft sein. Sie bedarf aber auch der Zuversicht, dass der Ort dieser Kommunikation nicht nur eine Klagemauer ist, sondern tatsächlich ein Ort, von aus Veränderung ausgeht. Zum einen müssen NGOs also einen Gesprächsraum bieten, in dem Dinge zu Wort kommen können, deren Artikulation außerhalb dieses Raums auf wenig Resonanz stößt, zum anderen braucht die Organisation strategische Kompetenz zum Vorantreiben von Veränderungsprozessen.

Wie also kann Einfluss aufgebaut werden und am effektiven Umgestaltungswillen festgehalten werden, der nicht gleichzeitig die Gesprächskultur stört, indem er die Verschiedenheit nivelliert? Wie schafft man es, eine breite Auseinandersetzung und alternative soziale Formen zuzulassen und trotzdem „schlagkräftig“ zu bleiben, Macht und Einfluss zu gewinnen und doch nicht Beziehungen zu schädigen, zu manipulieren, auszuschalten, klein zu halten, zu verletzen? Keine kleine Herausforderung!

Dabei kommt es darauf an, die Qualität der Kommunikation innerhalb der NGO zu berücksichtigen und zu kultivieren. Hierbei können NGOs einiges von der Affidamentobewegung lernen. Dort wird ja ausbuchstabiert, wie Beziehungen und Kommunikation kultiviert und als Hebel für politische Veränderungen wirksam werden können, und zwar ohne dass diese Beziehungen sogleich als Seilschaften im instrumentellen Sinne geplant werden. Wie funktionieren Anerkennungsbeziehungen? Wie entsteht der Aufbau von Autorität jenseits von Positionsmacht?

Die Affidamentobewegung kann die NGOs auch etwas über Prozessqualität lehren: NGOs verfügen in der Regel über keine umfangreichen Positionsmacht oder ökonomische Ressourcen, aber die Bewegung, die in Gang kommt, wenn Menschen sich ausdrücken und sich auf andere anerkennend beziehen und über dieses Geschehen auch ein Weltbezug stattfindet, ist ein zentraler Beziehungsprozess für NGOs. Die Attraktivität von Menschen und deren Weltartikulation ist ein entscheidendes „Schmieröl“ für das Funktionieren von Organisationen, die auf Freiwilligkeit beruhen. Gelingt es NGOs, ein Ort zu sein, an dem Menschen über ihren erlebten Mangel, über ihr Leiden am So-Sein, über ihre Phantasien und Versuche der Alternativen sprechen und miteinander handeln können, so entsteht eine soziale Energie, die den NGOs einen entscheidenden Vorsprung verschafft: Sie sind umfassender gegenwärtig als die üblichen symbolischen Orte der Machtmonopole.

NGOs können von der Affidamentobewegung die Beachtung des kommunikativen Gewebes lernen, das es ermöglicht, sich in ungleichen Machtverhältnis kontinuierlich mit schwierigen Themen zu befassen, sich schlau zu reden, sich „hoch“ zu reden, motiviert und interessiert zu bleiben. Für eine originelle und Konventionen abgeneigte Kommunikation hält die Affidamentobewegung einiges bereit.

Die Politikwissenschaftlerin Holland-Cunz unterscheidet zwischen vertraglichen und nicht-vertraglichen Politikformen. Sie schreibt: „Durch die Betonung der Bedeutung persönlicher Bindungen und konkreter Erfahrungen, von Sexualität und Mutterschaft unterscheidet sich (insbesondere radikal-) feministische politische Theorie von der politiktheoretischen Tradition und markiert einen scharfen Bruch mit der westlichen Tradition der politischen Theorie“ (S. 28). Bei vertraglichen Politikformen entstehe Bindung aus Autonomie, bei nicht-vertraglichen Politikformen entstehe Autonomie aus Bindung. (S. 68ff.) Eine Politik, die nicht-vertragliche Politikformen nicht kennt und nicht zu kultivieren weiß, ist auf einem Auge blind. Intuitiv wissen das viele Engagierte, die sagen, in NGOs müsse man doch einen anderen, einen besseren Umgang miteinander pflegen, und die enttäuscht und verletzt sind, wenn diese Erwartung sich nicht erfüllt. NGOs dürfen sich nach innen keine Herrschaftsstrukturen leisten, weil diese Beziehungen, die Gehorsam verlangen, ohne Rücksicht auf den, der zu gehorchen hat, die Beziehungen schädigt und letztendlich Lernen verhindert.

Die Affidamentobewegung propagiert die Politik der ersten Person. Das bedeutet, sich nicht hinter Rollen und Institutionen zu verstecken, die eigenen Beweggründe nicht aus den Augen zu verlieren und sie nicht zu nivellieren. In und zwischen NGOs wird über die Strategie immer wieder gestritten werden (müssen), wie viel Konfrontation und wie viel Kooperation angeraten ist. Auch in der Vermittlung zwischen Konflikten ist es gut, von dem reden zu können, was einen persönlich überzeugt und die Gründe darzulegen, seine eigene Lerngeschichte zu zeigen (obwohl man ehrlicherweise auch sagen kann, dass dies als Trick eingesetzt werden kann, um Gefolgschaft zu erzeugen).

Viele von uns, die sich in politischen Bewegungen engagieren, kennen ihre politischen „Ersterfahrungen“ bzw. ihre politischen „Wiedererweckungssituationen“: Das sind Erfahrungen, die sich aufgeschlossen und aufgebrochen haben für eine Auseinandersetzung mit der Welt und die als innerer Orientierungspunkt sehr lange wirken. Nicht selten waren diese Situationen von besonderer sozialer und kommunikativer Qualität, die nachhaltig befeuern und orientieren. Laut Shell-Studie ist die Erfahrung der eigenen Wirksamkeit mittlerweile ein wichtigerer Faktor für politisches Engagement als der Grad der politischen Informiertheit. Wirksam handeln kann man nicht allein, politische Erfahrung ist meist eine Erfahrung des gemeinsamen Handelns trotz Verschiedenheit, und somit der Begegnung.

Manche nivellieren ihre politischen „Ersterfahrungen“ im Laufe ihres Lebens und halten dies für notwendig. Sie sagen dann: Ja, damals sei man noch jung und idealistisch gewesen, mittlerweile aber sei man abgeklärt. Man wisse, dass man Kompromisse machen müsse oder auf bestimmte Gefühle nicht mehr achten könne. Oder sie sagen, dass man ja sowieso nichts ändern könnte, weil die Welt zu verkommen sei. Beide Argumentationen, die der Anpassung und die der Resignation, sind sehr konventionell. Es wird ein Schnitt eingeführt, der von den ersten politischen Erfahrungen abtrennt – vielleicht um Enttäuschung nicht zu spüren oder um diese Erfahrungen in ihrer Verklärung zu schützen und sie nicht dem Lernen auszusetzen? Vielleicht um die Verarmung des täglichen Handelns nicht zu spüren, Ansprüche auszuschalten?

Ursprüngliche Antriebe zu nivellieren, um „erwachsen“ Politik machen zu können, heißt, diese Antriebe nicht in eine lebendige Weiterentwicklung mit einzubeziehen und sich dem Machtkalkül der herrschenden symbolischen Ordnung zu überantworten. Diese ersten Erfahrungen nicht zu kappen, sondern sie als Ausgangspunkt lebendigen Lernens und von Vermittlungsakten zwischen Menschen zu nutzen, stünde NGOs gut an. Ich meine, es ist notwendig, dass sich Menschen, die in NGOs tätig sind, den Zusammenfluss von persönlichen politischen (Erst)erfahrungen und weiteren institutionellen Lernerfahrungen nicht abschneiden. Es geht nicht darum, an einer ehemaligen Erfahrung und ihrer eins-zu-eins Übersetzung festzuhalten. Handeln im Nicht-Abgeschnitten-Sein (in diese etwas holprige Form bringe ich das), das können NGOs von der Affidamentobewegung lernen.

Nichtregierungsorganisation sind, so Daniel Janett, die Fahrgestelle sozialer Bewegung. Die Organisation ist also nicht identisch mit den fluktuierenden Bewegungen und Netzen, der durch die Kommunikation entstandenen sozialen Energie. Diese Fahrgestelle sind die Struktur, die gebildet wird, um Beständigkeit zu entwickeln und Sichtbarkeit zu erlangen. Man muss kein Autofetischist sein um die Nützlichkeit von Fortbewegungsmitteln anzuerkennen. Man kann sicherlich in vielen Fällen die institutionellen Aufwendungen reduzieren, an repräsentativen Apparaten sparen und mehr Beweglichkeit im Sinne einer Politik der ersten Person zulassen. Doch auch die effektive Organisation, deren Strukturen sich nach Aufgaben und nach der Sachlage orientieren, ist nötig, um Ziele zu erreichen. Ein unverzichtbares Ziel ist es dabei, die Qualität der Kommunikation und der Beziehung zu ermöglichen. Wie Politik ohne Repräsentation gelingen kann, ist ein Lernfeld, das es zu beackern gilt.

Die Affidamentobewegung propagiert die Abkehr von der Gleichstellungspolitik. Frauenpolitik soll sich nicht auf die Forderung nach Gleichheit mit den Männern fokussieren, denn vielleicht möchten Frauen etwas ganz anderes. Für die Frauen zu sprechen, verbiete sich, denn das gehe von einer Gleichheit unter Frauen aus, die nicht existent sei. Es gelte vielmehr, mit den Unterschieden zu arbeiten und diese anzuerkennen. Die Stärke und das „Mehr“ anderer Frauen anzuerkennen und diesen als Hebel des eigenen Veränderns zu nehmen, sei der bessere Weg. Ist Gleichheit als Wert also völlig verzichtbar?

Julie Fisher untersuchte weltweit Nichtregierungsorganisationen, darunter auch viele von Frauen. Ein partizipatorischer Ansatz, so Fisher, sei die Grundlage für den Erfolg von Nichtregierungsorganisationen. Learn-teach-learn nennt sie dieses Programm der „Selbstvervielfältigung“. Lernen, zu lehren, wie man lernt, heißt, sich der verändernden Kraft von Anerkennungsbeziehungen bewusst zu sein, in denen Menschen ihr Leben lang lernen und sich verändern können. Es ist gerade ein Kennzeichen von produktiven Lernbeziehungen, so lernen wir aus der Affidamentobewegung, dass Ungleichheit produktiv genutzt wird. Auch dieser Prozess ist eine prägende Ersterfahrung, die eine kenianische Frau so zusammenfasst: „You?ve changed my life for ever. I have never thought about the connection between power and behavior before. One year from today I am going to be powerful.“

Der Lernprozess mittels einer Anerkennungsbeziehung kennt mehrere Stationen. In der Affidamentobeziehung erkennt eine suchende Frau, die ihr eigenes Begehren verwirklichen will, bei einer anderen ein „Mehr“ an. Im zweiten Schritt ist es nötig, dass die andere Frau diese Autorisierung annimmt und sich damit selber in dem, was gesehen worden ist, und dem, was nicht gesehen worden ist, anerkennt. Dieser Prozess ist dynamisch und muss es bleiben, wenn wir nicht in Gefolgschaftsbeziehungen stecken bleiben wollen, die auf Dauer niemand zufrieden machen. Wird diese Bewegung konserviert und vielleicht sogar als einziger Ausgangspunkt für Strukturbildung legitimiert, so dient dies nicht der Vervielfältigung von weiblicher Autorität.

Hier nun sind Julie Fisher Untersuchungsergebnisse sehr interessant. Zum einen betont sie, dass „unequal power“ in den Ermächtigungsbeziehungen in NGOs eine zentrale Rolle spielen. Diese produktive Ungleichheit kennt die Affidamentobewegung sehr gut und erklärt sie einleuchtend. Julie Fisher betont aber auch ein zweites: Nichtregierungsorganisationen, die außergewöhnlich erfolgreich sind, sind sehr partizipativ und haben ein sehr hohes egalitäres Ethos. Unter diesen sehr erfolgreichen NGOs mit hohem egalitären Ethos befinden sich besonders viele NGOs von Frauen. Dies passt nicht in das Raster der Affidamentobewegung, die dazu tendiert, die in der Lernsituation produktive Ungleichheit zu verallgemeinern und einer Politik der Gleichheit entgegen zu setzen – zum Beispiel in der Forderung nach einer „Politik der Ungleichheit“.

Im Kontext der Affidamentobewegung ist Gleichheit ein Wert, der zu Konventionalität und Ineffektivität führt, da er lediglich die Solidarität in der Schwäche erlaube und die Stärke der einzelnen Frauen nicht zur Geltung kommen könne. Egalität wird gleichgesetzt mit Nivellierung. Aber ist dies so? Ist nicht vielmehr Egalität eine Voraussetzung, um Autorisierungsbeziehungen einzugehen? Wenn die grundsätzliche Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung außer Frage steht, ist es doch viel einfacher, das Risiko von Anerkennungsbeziehungen einzugehen, denn das „Mehr“ einer anderen Frau rechtfertigt nicht Strukturen der Ungleichheit und der Asymmetrie. Ich kann diese Autorisierungsbeziehung aufrecht erhalten und werde dadurch nicht als Schwache, als Minderwertige festgelegt. Die, die autorisiert wird, sucht ihr Gegenüber von Angesicht zu Angesicht, sie bleibt nicht allein.

Gleichheit und Autorität, so erweist es sich bei genauerem Hinsehen, funktionieren hier wie zwei Seiten einer Medaille: Wenn keine egalitäre Gesinnung vorherrscht, wird jede Differenz gefährlich, da sie sofort das Risiko mit sich bringt, Hierarchisierungen auszulösen und festzuschreiben. Erst durch einen egalitären Ansatz kann die Verschiedenheit als Vielfalt im freien Spiel der Autorisierung wirksam werden. Ein egalitäres Ethos ermutigt dazu, Differenz zu entwickeln, sie darzustellen und zirkulieren zu lassen. Egalität bedeutet nicht automatisch eine platt machende Nivellierung oder eine Missachtung von Stärke, sie kann eine dynamische Kraft sein. Egalität kann einen Zauber entfalten, der Menschen zur Entfaltung von ungeahnten Fähigkeiten bringt. Natürlich sind Menschen nicht gleich. Und doch ist die Egalität eine grundlegende Vor-Gabe, die es erst ermöglicht, dass Menschen sich entfalten können. Das Ethos der Egalität ist also nicht nur auf die vertragliche Politikform festgelegt, obwohl sie dort ihren wichtigen Platz hat. (Wessen Stimme wäre denn gesellschaftlich verzichtbar und wer sollte dies festlegen?) Egalität ist auch in den nicht-vertraglichen Politikformen ein Wert, auf den die Frauenbewegung nicht verzichten kann.

Zitierte Bücher:

  • Barbara Holland-Cunz: Feministische Demokratietheorie, Thesen zu einem Projekt, 1998
  • Daniel Janett: „Vielfalt als Strategievorteil: Zur Handlungskompetenz von Nicht-Regierungs-Organisationen in komplexen sozialen Umwelten“ in: „Vernetzt und verstrickt, Nicht-Regierungs-Organisationen als gesellschaftliche Produktivkraft, Hrsg: Elmar Altvater, Achim Brunnengräber, Markus Haake, Heike Walk, 1997.
  • Julie Fisher: The road of Rio, sustainable development and the non-governmental movement in the third world, 1993.

Mehr zum Thema: Theresia Wintergerst: Skepsis und Freude. Politische Selbstorganisation und die Philosophie Luisa Muraros, Königstein 2006.

Autorin: Theresia Wintergerst
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 10.12.2006

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