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Rubrik unterwegs

Feminismus der Dalit-Frauen

Von Brigitte Voykowitsch

In Indien beginnt der Dialog zwischen Feministinnen verschiedener Kasten

Dalits

Demonstration von Dalit-Frauen in Indien. Mit freundlicher Genehmigung von: Brot für die Welt. Foto: Brot für die Welt

„Wem stehe ich näher? Den Dalit-Männern? Oder den Frauen aus den oberen Kasten?“, fragte sich Swathy Margaret und kam zu dem Schluss: „Weder den einen noch den anderen.“ Swathy Margaret gehört zu den Dalits, den „gebrochenen Menschen“, wie sich viele Unberührbare in Indien heute selbst nennen – jene Menschen also, die unter- und ausserhalb des Kastensystems stehen und traditionell alle mit Schmutz, Blut, Tod und Kot verbundenen Tätigkeiten ausführen mussten. Der Begriff „Dalit“ steht für ihre Unterdrückung durch das Kastensystem, zugleich ist er als Kampfansage gegen Entrechtung und Ausbeutung zu verstehen. Offiziell wurde die Unberührbarkeit 1950 abgeschafft, und die Dalits, die rund 17 Prozent der mehr als eine Milliarde InderInnen ausmachen, sind nicht länger bereit, ihre Ausgrenzung hinzunehmen.

Swathy Margaret zählt zu einer kleinen Minderheit von Dalitfrauen, die den Weg an die Universität geschafft hat. Trotz aller Diskriminierungen hat sie ihr Magisterstudium abgeschlossen. Nun arbeitet sie an der Osmania-Universität in Hyderabad auf ihr Doktorat hin, zugleich ist sie bei Anveshi, einem Forschungszentrum für Frauenstudien in Hyderabad im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh, tätig. Gemeinsam mit anderen Dalit-Frauen arbeitet sie dort an diversen Studien zur Lage der Dalit-Frauen.

Ihr grösstes Anliegen ist der Dalit-Feminismus. Sowohl bei führenden Dalit-Ideologen wie auch bei prominenten Feministinnen stellt Swathy Margaret ein mangelndes Verständnis für die Kategorie Dalit-Frau fest. „Sie ignorieren die Tatsache, dass der soziale Status von Frauen aus den oberen Kasten nie mit dem von Dalit-Männern oder Dalit-Frauen vergleichbar gewesen ist.“

Der Dalit-Feminismus ist eine ganz spezifische Form von Feminismus und bedarf einer soliden theoretischen Grundlage. Zu deren Formulierung will Swathy Margaret ihren Beitrag leisten. Die Grundthesen stehen fest: Dalit-Frauen haben gemeinsame Anliegen mit den Dalit-Männern, ebenso teilen sie gewisse Anliegen mit Frauen aus anderen Kasten und Klassen. Dalit-Frauen haben von beiden Bewegungen profitiert und gelernt. Und doch sind Dalit-Frauen eine eigene Kategorie.

Die meisten Dalit-Frauen leben weiterhin am Land, in den Dalit-Siedlungen am Rande der Dörfer. Sie verfügen über keinen Besitz und haben weder Zugang zu Bildung noch zu Gesundheitsvorsorge. Obwohl sie schwer arbeiten, haben sie häufig nicht einmal genug zu essen. Sie werden von ihren eigenen Männern geschlagen und werden darüber hinaus oft noch Opfer von kastenspezifischer Gewalt. Denn auch in Indien tragen Männer ihre Konflikte über die Körper der Frauen aus.

Doch in den Dörfern und Städten haben die Dalit-Frauen begonnen, sich zu organisieren und für ihre Rechte zu kämpfen. Der Dalit-Feminismus zählt für Sharmila Rege, Leiterin des Instituts für Soziologie an der Universität von Pune, zu den wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahre, wobei seine „Entdeckung“ nicht mit seiner Entstehung gleichzusetzen ist. „Mit der ‚Entdeckung‘ der Dalit-Frauen-Bewegung verhält es sich ein wenig wie mit der so genannten Entdeckung Amerikas durch Kolumbus. Weil die indische Frauenbewegung die Dalit-Frauen mit ihren Anliegen und Aktivitäten nicht wahrnahm, waren sie zwar unsichtbar, aber deswegen nicht inexistent“, betont Sharmila Rege. „Dalit-Frauen ringen seit den 1920er Jahren um ihre Rechte, sie tun das aber nicht in einer Massenbewegung mit Großveranstaltungen, sondern in unzähligen kleineren und größeren Initiativen.“

Wenn die indische Frauenbewegung die Dalit-Frauen nicht bemerkt hat, dann wohl , weil „wir einfach an den falschen Orten geschaut haben“, meint Sharmila Rege über den Blick von Frauenforscherinnen, Leiterinnen von Frauen- und feministischen Studienprogrammen sowie Aktivistinnen aus den höheren Kasten. Dalit-Frauen sind eben nicht an den Orten zu finden, an denen sich Frauen aus der Mittelklasse und den oberen Kasten bewegen. Für Dalitfrauen waren aufgrund ihrer sozioökonomischen Lage, ihres Lebens in den Dörfern und den städtischen Slums sowie ihres Ausschlusses von Bildung und Gesundheit auch andere Themen vorrangig. Die indische Frauenbewegung, die sich seit Mitte der 70er Jahre mobilisierte, griff zunächst Probleme wie Mitgift oder Sati (Witwenverbrennung) auf, die die Dalit-Frauen kaum betrafen. Von Anfang an engagierte sich die neue Frauenbewegung auch gegen Gewalt an Frauen. Dabei griff sie zwar durchaus auch Fälle von Gewalt gegen Adivasi- (Stammes-) oder Dalit-Frauen auf, doch sie nahm diese Fälle nur als Teil einer allgegenwärtigen Gewalt gegen Frauen wahr, ohne die kasten- und klassenspezifischen Gewaltmechanismen zu analysieren.

Dalit-Frauen engagierten sich ihrerseits sehr stark für Dinge, die zwar die gesamte Dalit-Gemeinschaft etwas angehen sollten, aber infolge der patriarchalen Arbeitsteilung vor allem die Frauen trafen – wie der Zugang zu Wasser und Nahrung, die Versorgung der Kinder und deren Schulbildung. Gemeinsam mit ihren Männern kämpften sie um Landrechte und faire Löhne – vieles also, was das reine Überleben betraf und nicht als „emanzipatorisch feministisch“ anerkannt wurde.

Inzwischen gibt eine Reihe von Autobiografienvon Dalit-Frauen einen Einblick darin, wofür sich diese Frauen eingesetzt haben und an welchen Orten sie aktiv waren. Viele andere Quellen gilt es indes noch zu erforschen. Sharmila Rege sammelt und analysiert in ihrem eigenen Bundesstaat, Maharashtra, die Lieder der Dalit-Frauen, in denen diese ihr politisches Denken und ihre Zukunftsvisionen zum Ausdruck bringen. Häufig handelt es sich um Lieder, in denen eine andere, egalitäre Gesellschaft imaginiert wird. „Die Frauenbewegung aber hat diese Frauen nie als Aktivistinnen anerkannt.“

Allein sich einen Überblick über die in Printmedien und Liedtexten existierende Dalit-Literatur zu verschaffen, erfordert allerdings sehr viel Zeit und Mühe. Trotz ihrer bereits jahrelangen intensiven Beschäftigung mit dem Thema will Sharmila Rege keinesfalls schon jetzt irgendwelche definitiven Aussagen treffen. Noch hätte sie nicht einmal die regionalen Unterschiede innerhalb des Bundesstaates Maharashtra herausgearbeitet. Einen Überblick über ganz Indien geben zu wollen, sei derzeit ohnedies Illusion. „Das Land ist so groß. Die Dalit-Frauen-Bewegung ist so vielfältig und zerstreut, ihre Ausdrucksformen sind so unterschiedlich. Und wir haben ja überhaupt erst Mitte der 90er Jahre begonnen, sie wahr zu nehmen.“

Für Sharmila Rege hat die „Entdeckung“ des Dalitfeminismus weit reichende Konsequenzen. Kurz gesagt, bedeutet diese „Entdeckung“, dass „die gesamte Geschichte der indischen Frauenbewegung von der Perspektive der Dalitfrauen aus neu betrachtet werden muss.“ Es könne keinesfalls so sein, dass die Mainstream-Frauenbewegung die Normen vorgebe und dann schaue, ob die Dalit-Frauen gemäßdiesen Normen feministisch genug seien. „Das führt nur zu Debatten wie jener, ob die Dalit-Frauen die Gemeinschaft vor das Individuum gestellt haben, weil sie sich ja auch in der gesamten Dalitbewegung engagiert haben. Dazu kann ich nur sagen: Der Mainstream-Feminismus hat den Brahmanismus und das Kastensystem so selbstverständlich hingenommen, dass er damit ja auch die Gemeinschaft vor das Individuum gestellt hat.“

Einfach von einem indischen Feminismus zu sprechen, ist nach der Überzeugung von Sharmila Rege heute nicht mehr möglich. Es gebe kein Zurück mehr hinter die Differenzierung zwischen einem brahmanischen Feminismus und einem nicht-brahmanischen Feminismus, den Frauen aus Maharashtra in den 90er Jahren trafen. Ein Feminismus, der das Kastensystem nicht in Frage stellt, ist demnach ein brahmanischer Feminismus. „Die Dalit-Frauen“, erkennt Sharmila Rege an, „haben einfach den Nagel auf den Kopf getroffen, als sie feststellten: Die Frauenfrage in Indien kann nicht unabhängig von der Kastenfrage gesehen werden.“

Der Dalitfeminismus, so er denn ernst genommen wird, stellt auch eine große Herausforderung für eine ganze Reihe wissenschaftlicher Disziplinen dar. Gerade Sharmila Reges eigener Lehr- und Forschungsbereich – die Soziologie – ist gezwungen, völlig neue Ansätze zu finden. Wie, lautet die grundlegende Frage, würde denn eine nichtbrahmanische Perspektive auf die indische Gesellschaft aussehen?

„Wir haben über Kasten lange nur aus der Sicht von oben gesprochen“, erklärt Sharmila Rege. „Wir haben sie nicht aus der Perspektive jener betrachtet, die durch das System am allermeisten ausgebeutet und unterdrückt worden sind. Das bedeutet keineswegs, dass ich deren Schilderungen nur als ‚Erzählungen des Leidens‘ ansehe. Ganz und gar nicht. Ich betrachte sie ebenso als Erzählungen des Widerstands und damit auch des Strebens nach Veränderung“.

Sich ernsthaft mit der Perspektive von Dalits und Dalit-Frauen zu befassen, bedeutet, sich in eine völlig neue Welt zu begeben. Wie wenig – abseits einiger weniger Fakten und Klischees – wissen doch die oberen Kasten vom Leben und der Kultur der Dalits, von ihren Überlebenskämpfen und ihren Bestrebungen. Und solches Unwissen galt und gilt nicht einmal als Unwissen. Die gewaltsame Marginalisierung dieser Kultur(en) ist kein Thema. Damit müssen wir uns auch im Bereich der cultural studies beschäftigen.“

Schuldgefühle ob ihrer Gesinnung lässt sich Sharmila Rege keine oktroyieren. Denn einen Vorwurf bekommt sie immer wieder zu hören: Sie würde sich, meinen KritikerInnen, als Angehörige der oberen Kasten derart unwohl in ihrer Haut fühlen, dass sie dieses Unbehagen durch Identifikation mit den Dalit-Frauen zu kompensieren suche. Auch Dalit-Männer stellen bisweilen ihre Redlichkeit in Frage: Warum wolle denn ausgerechnet sie über die Dalit-Frauen schreiben, das möge sie doch gefälligst den Dalit-Frauen selbst überlassen. „Ich sage, ich spreche mit ihnen, nicht für sie. Ich weiß, ich muss da sehr vorsichtig sein. Als Nicht-Dalit kann ich nie für sie sprechen.“

Weniger vorsichtig ist Sharmila Rege mit ihrer Kritik am Mainstream-Feminismus. „Wenn der indische Feminismus wirklich emanzipatorisch sein will, muss er völlig umdenken. In der Dalit-Bewegung steckt ein so großes emanzipatorisches Potential. Sie bringt unsere indische Tradition und die Aufklärung zusammen und ist damit so viel befreiender als der Mainstream-Feminismus, der das Patriarchat nur modernisiert, aber nicht an der Wurzel packt. Viele Frauen aus meiner Kaste oder Klasse denken, sie sind modern. Aber das ist keine emanzipatorische Moderne, denn sie ist im Brahmanismus verwurzelt und kann daher nicht emanzipatorisch sein.“

Autorin: Brigitte Voykowitsch
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 10.12.2006

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