beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik handeln

Für eine Politik der Beziehungen

Von Antje Schrupp

Beispiele und Anstöße aus der feministischen Praxis

Gelnhausen

Lachen und streiten - hier bei einem Seminar zum 100. Geburtstag von Hannah Arendt im Frauenstudien- und -Bildungszentrum der EKD in Gelnhausen: Cornelia Weber, Gabriele Bock und Monika Roth (v.l.n.r.). Foto: Kirsten Beuth

Wie wichtig Beziehungen nicht nur im Privaten, sondern auch im politischen Bereich sind, rückt zunehmend ins öffentliche Blickfeld. Ein Beispiel ist die jüngste Diskussion um das Entstehen einer neuen „Unterschicht“ in Deutschland: Es ist gut, dass beim Thema Armut nicht länger nur über Geld, sondern auch über die Frage nach „gesellschaftlicher Teilhabe“ nachgedacht wird, also darüber, wie jene Menschen, die aus Sicht der Wirtschaft „überflüssig“ sind, in die Gesellschaft integriert werden können, wenn das über Erwerbsarbeit nicht mehr möglich ist. Oder auch beim Thema Bildung: So hat eine kürzlich veröffentlichte Studie ergeben, dass der relativ schlechte Schulerfolg von Kindern aus Migrationsfamilien vor allem mit den Beziehungen der Lehrerinnen und Lehrer zu diesen Kindern zusammenhängt: Weil sie nichts von ihnen erwarten, sind diese nicht zum Lernen motiviert.

Die Philosophie und Praxis von Frauen stellt schon immer – und seit der Frauenbewegung explizit – das Knüpfen und Lösen von Beziehungen in den Mittelpunkt. Wenn wir diese Praxis jetzt mit diesem Forum auch ins Internet einführen, dann auch deshalb, weil wir glauben, dass dieses Denken Wertvolles im Hinblick auf solche gesellschaftlichen Probleme enthält.

Denn so erfreulich es ist, dass gestörte Beziehungen bei vielen Themen inzwischen als Problemursache erkannt werden, so wundert es doch, dass die Lösung dieser Probleme gerade nicht in einer Kultur der Beziehungen gesucht wird. „Beziehungen“ – das klingt im Bereich der Politik noch immer irgendwie anrüchig. Stattdessen setzt man lieber auf so etwas Beziehungsloses wie das Geld, von dessen Vorhandensein oder sogar Fehlen man sich eine Garantie für gesellschaftlichen Zusammenhalt erhofft. So manche Linke oder Gewerkschafter zum Beispiel sind gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen, weil sie befürchten, wenn nicht einmal mehr die Notwendigkeit des Geldbeschaffens (via Arbeitsagentur und 1-Euro-Job) da sei, würden die „Unterschichten“ erst recht abgehängt. Dass eine Beziehung zwischen den Armen und dem Rest der Gesellschaft auch auf andere Weise als über Geld vermittelt zustande kommen könnte, ist offenbar völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft.

Es sind solche Missverständnisse und falsche Alternativen, denen „beziehungsweise“ etwas entgegen setzen möchte. Zum Beispiel mit dem Hinweis, dass Geld und Beziehungen sich nicht einfach so gegeneinander aufrechnen lassen. Beides hängt zusammen, aber nicht direkt und eins zu eins. Und so ist es natürlich ganz richtig, dass ein Grundeinkommen nur materielle, nicht aber kulturelle Probleme lösen kann. Aber wieso spricht das dagegen, es einzuführen?

Ein anderes Thema, an dem deutlich wird, wie die Störung von Beziehungen als Problem erkannt, eine Kultur der Beziehungen aber nicht ins Zentrum einer Lösung gestellt wird, ist der so genannte „Dialog mit dem Islam“, von dem derzeit überall dir Rede ist. Hier ist es nicht das Geld, das an Stelle von Beziehungen das Problem lösen soll, sondern gewissermaßen die „institutionalisierte Beziehung“: Repräsentanten der westlichen Welt treffen sich in formalisierter Weise mit den Repräsentanten des Islam und tauschen Standpunkte aus. Wobei die Beteiligten an diesem Gespräch jeweils die Aufgabe haben, für ihre Glaubensgenossinnen und Genossen zu sprechen – Stellvertreter- und Repräsentationspolitik.

Doch in der Logik der Repräsentanz, auch das ist eine Erkenntnis der Frauenbewegung, funktionieren Beziehungen nicht. In Beziehungen muss jede in erster Person anwesend sein. Beziehungen erfordern Urteile, den Wunsch, etwas zu sagen, und das persönliche Einstehen für das Gesagte. Beziehungen gibt es nicht auf abstrakter Ebene, sondern nur konkret, zwischen zwei Menschen aus Fleisch und Blut. Die Frauenbewegung ist genau in dem Maße kraftlos und langweilig geworden, wie professionelle „Frauenfrauen“ aufhörten, in eigenem Namen zu sprechen, sondern dazu übergingen, im Namen „der“ Frauen zu sprechen. Genauso kraftlos und langweilig ist der institutionalisierte interreligiöse Dialog. Denn „den Islam“ gibt es ebenso wenig wie „die Frauen“.

Natürlich gibt es eine Erklärung für die Skepsis der offiziellen Politik, sich auf das Wagnis einer Politik der Beziehungen einzulassen: Beziehungen sind nicht verallgemeinerbar. Und sie sind ständig im Fluss. Eine Politik, die auf Beziehungen setzt, kann sich nicht dauerhaft auf ein inhaltliches Programm festlegen, es gibt keine klaren Standpunkte, keine universale Ausrichtung, und es lassen sich daraus keine Gesetze ableiten. Aber Politik, so haben wir uns angewöhnt zu denken, muss doch immer „für alle“ gelten. Muss sie? Oder besteht die Kunst nicht gerade darin, im konkreten Alltag einen Sinn zu finden, der darüber hinausweist?

Wie aus dem Alltagshandeln von Frauen an ihren jeweiligen Orten, gründend auf konkreten Beziehungen, Projekte mit großer Wirkung entstehen können, zeigt die Geschichte des Labyrinths als von Frauen gestalteter Ort in der Öffentlichkeit. Hunderte von Labyrinthplätzen gibt es inzwischen in Deutschland, der Schweiz und Österreich, in Städten und auf dem Land, große und kleine, fixe und mobile.

Eines der ersten war der Labyrinthplatz in Zürich. Wie hier so einiges geschieht, was nach der festen Meinung von Stadtplanern und Soziologen eigentlich gar nicht funktionieren dürfte, erzählt Ursula Knecht-Kaiser, die dort seit vielen Jahren aktiv ist: Ein öffentlicher Ort mitten in der Großstadt, der ohne Ordnungspolizei und ohne Kommerz auskommt, der Begegnungen und Austausch ermöglicht.

Ursula Knecht-Kaiser: Öffentliche Räume „bewohnen“. Erfahrungen aus 15 Jahren Labyrinthplatz in Zürich

Wie eine „private“ Frauengruppe in einer oberbayrischien Kleinstadt schon seit 25 Jahren öffentliche Wirkung entfaltet, beschreibt Gisela Landesberger:

Gisela Landesberger: Freundinnen für’s Leben

Dass die Anwesenheit von Frauen in der Öffentlichkeit eine Quelle von Sicherheit und Lebensqualität bedeutet, hat sich inzwischen herumgesprochen und geht durchaus in die Planung von professionellen Politikerinnen und Politikern ein. Doch dass dieses konkrete Handeln von Frauen im Alltag selbst schon Politik ist, wird selten reflektiert. Statt von einer Politik der Frauen ist immer noch allenthalben von „Frauenpolitik“ die Rede – also einer Politik für oder im Namen von Frauen. Die italienischen Feministinnen des Mailänder Frauenbuchladens haben schon früh die Frauenpolitik der Gleichstellung und der Quoten abgelehnt und stattdessen auf das gesetzt, was sie die „primäre Politik der Frauen“ nennen: Das alltägliche Handeln und Tätigsein, die Pflege der persönlichen Beziehungen. Aber ist das genug? Welch ein Politikverständnis steht hinter diesem Denken? Die Journalistin Maria Terragni sprach darüber mit Luisa Muraro und Lia Cigarini.

Maria Terragni: Öffentliche Sphäre. Ein Gespräch über die Politik der Frauen.

Auch Theresia Wintergerst zeigt in ihrem Beitrag, dass die Bedeutung, die konkrete Beziehungen haben, oft unterschätzt wird, zum Beispiel auch in der Politik von Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Sie ist allerdings skeptisch, was eine grundsätzliche Kritik am Gleichheitsdenken betrifft. Ihr Beitrag ist deshalb auch die Einladung zu einer Kontroverse:

Theresia Wintergerst: „Egalität kann einen Zauber entfalten“. Beziehung und Organisation, Autorität und Gleichheit in politischen Bewegungen.

Damit aber gar nicht erst falsche Vorstellungen aufkommen: Natürlich ist es nicht so, dass Frauen qua Geschlecht für das Führen von Beziehungen besonders prädestiniert seien. Es handelt sich hier um harte Kulturarbeit. Wie schwierig es auch unter Frauen ist, über heikle Dinge zu sprechen, zeigt Gabriele Schärer in ihrem Film „Busenfreundinnen“, in dem sie sich mit dem Thema Brustkrebs auseinandersetzt.

Gabriele Schärer: „Vorher fühlte ich mich unversehrt…“

Apropos Kontroverse: Konflikte auszutragen gehört ganz wesentlich zu einer Kultur der Beziehungen, wenn diese fruchtbar sein soll. Gerade innerhalb des Feminismus ist das aber nach wie vor ein heikles Thema. In dreißig Jahren neuer Frauenbewegung haben sich verschiedene Fraktionen herausgebildet, die sehr unterschiedliche und teilweise auch gegensätzliche Auffassungen von Feminismus vertreten. Antje Schrupp plädiert dafür, dass aus der gegenseitigen Abschottung und dem Rückzug in verschiedene Nischen eine öffentliche Auseinandersetzung wird.

Antje Schrupp: Aneinander geraten. Konflikte und Fraktionen im deutschen Feminismus.

Der Streit über den Feminismus ist im letzten halben Jahr überraschend ins Blickfeld der Medien gerückt. Anlass war ein Buch der ARD-Nachrichtensprecherin Eva Herman, die dem Feminismus vorwirft, sowohl der Gesellschaft als auch den Frauen mehr Schaden zu bringen, als Nutzen. Diverse Talkshows haben sich darauf hin dem Thema gewidmet – eine davon, die Sendung „Menschen bei Maischberger“ zum Thema „Lebenslüge Feminismus?“ hat sich Dorothee Markert angesehen:

Dorothee Markert: Kann Feminismus eine Lebenslüge sein?

Ein konkretes Beispiel für das „Aneinandergeraten“ verschiedener feministischer Richtungen zeigt Brigitte Voykowitsch am Beispiel von Indien auf. Dort war die Frauenbewegung lange Zeit von westlichen Vorstellungen geprägt und eine Angelegenheit von Frauen aus höheren Kasten. Heute melden sich aber zunehmend Dalit-Frauen zu Wort, also Angehörige der Kaste der so genannten „Unberührbaren“. Im Gespräch mit der Dalit-Feministin Swathy Margaret und der Brahmanin Sharmila Rege erfuhr sie so einiges über diese Konflikte, die gleichzeitig auch Annäherungen und die Aufnahme von Beziehungen sind.

Brigitte Voykowitsch: Feminismus der Dalit-Frauen. In Indien beginnt der Dialog zwischen Feministinnen verschiedener Kasten.

Wenn die Notwendigkeit des Dialogs (und damit des Konfliktes) erst einmal gesehen wurde, stellt sich unweigerlich die Frage: Wie soll der Dialog geführt werden? Die Politik der Standpunkte und Stellungnahmen hat sich hierbei nicht als sehr hilfreich erwiesen, denn sie tendiert dazu, Parteien eher zu fixieren und abzugrenzen, als miteinander in ein Gespräch zu bringen. Worum es vielmehr geht ist die Notwendigkeit, eine Vermittlung zu finden – zwischen dem, was ich denke und sagen will und dem, was die oder der andere meint und sich vorstellt. Das Gespräch, will es Veränderung bewirken, darf nicht instrumentell sein, kein fixes Ziel verfolgen, ein echter Dialog kommt nur zustande, wenn sein Ergebnis offen ist und für keine Seite von vornherein feststeht. Ina Praetorius war eingeladen, vor einem Verein emanzipierter Geschäftsfrauen – also vor Frauen, die im allgemeinen glauben, keinen Bedarf an feministischer Philosophie zu haben – einen Vortrag über ihre Arbeit und ihren Beruf zu halten. Ihr Text ist ein praktisches Beispiel für das Bemühen, Vermittlungen zu finden.

Ina Praetorius: Vom Glück der Weltgestaltung. Oder: Wie spreche ich mit emanzipierten Geschäftsfrauen über die Notwendigkeit des Denkens?

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 28.12.2006

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