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Rubrik denken

Wir alle sind Beziehung: die Vernunft der Autorität

Von Andrea Günter

Zum Jahre 2000 fragte mich Michaela Moser für die Österreichische Zeitschrift für Erwachsenenbildung an, einen Artikel über die Anthropologie der Bezogenheit zu schreiben.[1] Diese Anfrage zeigte mir, dass die Einsicht, Menschsein beruhe darauf, mit anderen Menschen in Beziehung zu sein, zu Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Ihr Bedeutungszuwachs verdankt sich Denkerinnen wie Hannah Arendt, Luce Irigaray, den Frauen des Mailänder Frauenbuchladens und den Philosophinnen der Gruppe DIOTIMA. Irigaray und die genannten Italienerinnen stellen Frauenbeziehungen und insbesondere die genealogische Bezogenheit der Frauen ins Zentrum ihres Konzepts von Frauenpolitik. Hannah Arendt wiederum spricht davon, dass eine oder einer, die-der geboren wird, zur Welt kommt und damit in das Beziehungsgefüge menschlicher Angelegenheiten eintritt, in dem sie-er bis zu seinem Tode leben und handeln wird.

In beiden Ansätzen wird die Angewiesenheit auf andere nicht einfach als verhängnisvolle Abhängigkeit bestanden, die es zu überwinden gilt. Im Gegenteil, sie schälen heraus, dass gerade die Angewiesenheit auf andere Handlungsfähigkeit ermöglicht. Dies kann man sofort erkennen, wenn man beachtet, dass Neugeborene und Kinder mit Hilfe von Erwachsenen Fähigkeiten entwickeln, Wissen und Selbständigkeit erlangen.

In den Beziehungen zu anderen entsteht Freiheit. Freiheit ist nicht gegen Bezogenheit gerichtet. Sie wird vielmehr als eine bestimmte Art und Weise kenntlich, zu etwas in Beziehung zu stehen. Freiheit qualifiziert die spezifische Bezogenheit von Menschen, von Männern und Frauen. Freiheit ist für die Menschen in den meisten Situationen angelegt, weil Menschen sich zu den Dingen, Ereignissen und anderen Menschen wenigstens verhalten können: eine Vermittlung finden können, und das immer wieder aufs Neue. Es kann das spezifisch menschliche „Mehr“ entstehen: ein Mehr an Menschsein durch die Möglichkeit der menschlichen Vermittlung von den Verhältnissen. Zur Frage wird, wie wir das, was wir in Beziehungen erleben, so aufgreifen, dass darin die uns geschenkte Freiheit ihre Wirkung entfalten kann.

Die Perspektive der Bezogenheit erlaubt, viele der Vorstellungen über das Menschsein zu überwinden, die wir in der Regel als Dualismus wie den von Freiheit oder Beziehung vermittelt bekommen haben. Eine weitere Dimension hatte schon Platon in seinem Bestreben deutlich gemacht, Gerechtigkeit zu bestimmen. In seiner Schrift „Politeia“ führt er vor Augen: Wenn man Gerechtigkeit allein über die Einzelperson definiert, wird man nur herausfinden, was Ungerechtigkeit ist. Will man wirklich zu einem Verständnis von Gerechtigkeit kommen, dann muss man die Gemeinschaft von Vielen und Verschiedenen als Ausgangspunkt wählen: „Es entsteht also, sprach ich, eine Stadt, wie ich glaube, weil jeder einzelne von uns sich selbst nicht genügt, sondern vieler bedarf.“[2] Sich nicht selbst genügen: An diese Erfahrung anzuschließen, verändert das Verständnis und Selbstverständnis der Person. In dieser Erfahrung liegt die Wurzel von Moralität.

In der Bezogenheit steckt zugleich eine bestimmte Weise, zu Wissen zu gelangen – eine bestimmte Vernunft, würde man in der Philosophie sagen. Das Mehr an Wissen, das wir mit Hilfe von anderen erlangen können, hat einen speziellen Namen. Es heißt: Autorität. Autorität gründet auf dem Wissen, das verschiedene Menschen einander über die Wirklichkeit mitteilen. Denn das Wissen über die Wirklichkeit können sich Menschen nicht aus irgendwelchen Prinzipien ableiten. Dem einzelnen steht es ohne die anderen nicht zur Verfügung. Menschen gewinnen es nur über das einander Mitteilen und füreinander Objektivieren. Hannah Arendt hält diese Seite der menschlichen Vernunftsfähigkeit fest. Wirklichsein ist mehr als Lebendigsein. Es besagt, dort aktiv in Erscheinung zu treten, wo man mit anderen Menschen versammelt ist, indem man miteinander in Verschiedenheit spricht und dadurch Wirkungszusammenhänge aufdeckt. Auf diese Weise gelangt man zu Handlungsfähigkeit und zu eigener Wirklichkeit: zu dem Erzeugen von Wirkungen, die vom Persönlichen tragen sind. Das „Wirklichkeitsgefühl“ entsteht nur dort, „wo die Wirklichkeit der Welt durch die Gegenwart der Mitwelt garantiert ist, in der eine und dieselbe Welt in den verschiedenen Perspektiven erscheint. Denn nur was allen als glaub- und meinungswürdig erscheint, nennen wir Sein, und was immer sein mag, ohne sich in solchem Erscheinen für alle zur Geltung zu bringen, kommt und geht wie ein Traum, bleibt realitätslos, wenn es uns auch inniger und ausschließlicher zu eigen sein mag als irgendein öffentlich Sichtbares.“[3]

Autorität führt zu Wirklichkeitserkenntnis, hält auch Ruth Cohn fest.[4] Wir können Wirkungszusammenhänge erkennen, indem uns andere Menschen ihr Wissen über die Welt und ihre Erfahrungen mit-teilen. Hierbei ist allerdings zu beachten, dass ein enges Verständnis von den jeweiligen Wirkungszusammenhängen vertreten werden kann, womit Autorität in Besserwisserei und autoritäres Verhalten umschlägt. Aber es kann auch ein zu weites Verständnis ausgesagt werden, was wiederum unrealistisch macht. An Wirklichkeitswissen „zu wenig geben ist Diebstahl, zu viel geben ist Mord.“[5]

Deutlich wird: Die Vernunft der Autorität verweist auf die Eigenschaft der Vernunft, dass Menschen weltliche Wesen sind: dass sie zur Welt kommen, dort mit anderen in der Weise von Beziehung stehen, erkennen, denken und tätig werden. Autorität handelt von der Vernunft der Welt und Weltlichkeit. Die jeweiligen BeziehungsWeisen gilt es herauszuarbeiten, zu verstehen und weiterzuentwickeln. BeziehungsWeise will hierzu beitragen: ein sinnreiches Projekt für das 21. Jahrhundert. Ich wünsche guten Erfolg!

Anmerkungen

[1] Vgl. Günter, Andrea: Wir alle sind Beziehung, in: TOOLS. Österreichische Fachzeitschrift für Erwachsenenbildung 2000 (3), 7-10.

[2] Platon: Politeia. Werke in acht Bänden, Band 4, hg. v. Gunther Eigler, Darmstadt 1990, 369b

[3] Arendt, Vita activa, 193.

[4] Ruth Cohn, Pädagogisch-therapeutische Interventionen, in: Dies., Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion, Stuttgart 1975, 191.

[5] Ruth Cohn in: betrifft erziehung, Januar 1981, 22-27.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 18.12.2006

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