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Rubrik vertrauen

Für eine Theologie der Geburt

Von Hanna Strack

Hanna Strack: Geburt ist Begegnung mit dem Heiligen

Schifra

Die beiden Hebammen Schifra und Pua, von denen die Bibel berichtet. Abbildung: www.lucy-art.de

Hannah Arendt schreibt in ihrem Buch Vita Activa: „Wegen dieser Einzigartigkeit, die mit der Tatsache der Geburt gegeben ist, ist es, als würde in jedem Menschen noch einmal der Schöpfungsakt Gottes wiederholt und bestätigt.“ Dieses Zitat stelle ich an den Anfang meines Entwurfes einer Theologie der Geburt, die ich in den letzten Jahren entwickelt habe.

Die Geburt ist das Ankommen eines Kindes im Zusammenwirken von Mutter und Hebamme. Ist das ein natürlicher Vorgang oder ist es eine unter medizinisch-technischer Betreuung stattfindende Risikoverwaltung? Müsste die Kernfrage nicht zuerst heißen: Wie kommt die Frau in ihre Kraft? Und danach: Wie steht es dann mit der Sicherheit?

Die Geburt als Begegnung mit dem Heiligen

Welche Personen können wir nach ihren Geburtserfahrungen befragen? Die Mutter, die zwei oder drei unterschiedliche Geburtserfahrungen im Kreißsaal, im Geburtshaus oder in der eigenen Wohnung gemacht hat? Oder den Vater, der als Beobachter, Helfer oder „Coach“ eines vermeintlich „sportlichen“ Ereignisses dabei war? Oder können uns Hebammen antworten, die hunderte Geburten im Kreißsaal unter ärztlicher Leitung begleitet oder als freiberufliche Hebammen in eigener Verantwortung geleitet haben?

Bevor ich auf die Antworten von Hebammen eingehe, hören wir, wie Mütter und Väter von der Geburtserfahrung sprechen: Da ergreift dich etwas, da will dich etwas ergreifen von außerhalb deines Denkens. In der Grenzerfahrung bin ich Gott begegnet. – Ich erinnere mich noch an einen Moment, als ich mich am erbarmungsvollsten, elend, nackt und bloß fühlte, ein Licht durchs Fenster sah. Es war wirklich ein großartiges Geschenk, vom Licht beschienen, wie erleuchtet und dazu wieder diese innere Stimme, die mir ganz klar zu verstehen gab, dass alles gut wird. – Als mein Töchterchen soeben geboren war und ich erst einmal entspannt tief durchatmen konnte, spürte ich mit einem mal eine ganz tiefe Klarheit: Ich brauche nichts auf der Welt zu fürchten. Alles ist in der Liebe geborgen. – Ich weinte vor Angst und Freude! – Ich war der Schöpferkraft Gottes so nahe!

Diese Formulierungen zeigen, dass die Geburt als existentielle, spirituelle, metaphysische oder – je nach Sprachgebrauch – transzendente Erfahrung erlebt wird. Sie fordern uns heraus, uns auf die Suche nach einer Theologie der Geburt zu machen. Doch will ich noch einmal klar einem Missverständnis vorbeugen. Es geht nicht darum, Frauen auf ihre Mutterschaft hin festzulegen. Es geht nicht darum, ob Sie oder ich ein Kind geboren haben. Es geht vielmehr darum, dass alle Menschen leben, weil sie von ihrer Mutter geboren wurden. Oder wie Adrienne Rich sagt: „All human life of the planet is born of women.“

In meinen Interviews mit Hebammen wiederholten sich dieselben Begriffe: Grenzerfahrung, Ergriffenheit, Seligkeit, Neues Leben, Schmerz, Krankheit und Tod, Raum und Zeit, Stille. Wie können die Erfahrungen, auf die diese Begriffe verweisen, interpretiert werden?

Ich möchte die Tiefenerfahrung bei der Geburt als eine Begegnung mit dem Heiligen beschreiben. Ich verwende hier das Heilige als Phänomenologie, nicht als soziologische Kategorie. Das Heilige als Phänomen ist eine Tiefenerfahrung, die im Zusammenhang mit anderen lebensweltlichen Erfahrungen steht. Nach dem katholischen Religionsphilosophen Bernhard Welte ist das Heilige „die unsichtbare, unverfügbare, immer entzogen bleibende Dimension, die wie ein gewaltiger Kraftstrom alle wahre Lebendigkeit von Menschen und Welt entbindet und trägt.“

Das Heilige entzieht sich dem Zugriff, es kann nur erfahren werden, wenn es in die Wirklichkeit einbricht und sich so begegnen lässt. Diese Begegnungen können in allen Lebensbereichen stattfinden, sie sind nicht an einen religiösen Kontext oder an den Deuterahmen einer bestimmten Konfession oder Religion gebunden. Das Heilige ergreift uns körperlich. „Der Körper bringt mich zum täglichen Leben als Fundort der Heiligkeit.“

Das Heilige, dieses Numinose, wie Rudolf Otto es in seinem 1917 erschienen Buch „Das Heilige“ nennt, begegnet uns als fascinosum, als die absolute Seligkeit, Ekstase, als Entzücken. Ebenso kann es als tremendum erfahren werden im Schaudern, im absoluten Entsetzen.

Das Geburtsgeschehen ist ein dramatischer Prozess. Die Beteiligten kommen an ihre äußersten Grenzen, der Umschlag von überwältigenden Schmerzen zur vollkommenen Seligkeit und Freude berührt und erschüttert die seelische Tiefe von Mutter und Vater. Auch Hebammen können und wollen sich trotz der Routine dem nicht entziehen. Das Heilige bindet sich an dieses dramatische Geschehen. Hier ist der Ort, wo es erscheinen will. Denn das Heilige ist das Lebendige, das Leben Schaffende, das als schöpferischer Prozess wirkt.

Im Mittelpunkt dieser Dramatik steht die Beziehung von Mutter und Kind, aus der heraus das neue Leben in die Welt eintritt. Indem die Mutter mit all ihrer Kraft das Kind ins Leben schiebt, offenbart sich das schöpferische Heilige oder die heilige Lebendigkeit. Bei der Geburt eines kranken Kindes, bei einer Fehl- oder Totgeburt offenbart sich das schauervolle Heilige, das tremendum. Das Heilige, das neue Leben und das Sterben, ereignet sich im intimen Körperbereich von Frauen.

Der erste Hinweis darauf, dass die Geburt als eine Begegnung mit dem Heiligen verstanden werden kann, liegt in der Rede vom Ergriffensein. Für die Hebamme ist es bei jeder Geburt ergreifend, dass ihre Hände die ersten sind, die das Kind halten. Das Ergriffensein ist verbunden mit den Momenten der Seligkeit, Heiligkeit, der Unberührtheit, mit unbeschreiblichen Glücksgefühlen.

Ergriffenheit und Seligkeit gehören in die Erfahrung einer tiefen Wandlung, die unter der Geburt geschieht. Das Heilige erscheint hier nicht in einem einzigen Ereignis oder Gefühl, sondern in einem Geschehen, in dem sich eine Wandlung ereignet, an der alle teilhaben, die Gebärende, das Kind, die Hebamme und der Vater. Nach der Schmerzerfahrung kommt mit einem Mal dieses Tief-Atmen-Aha-Moment der Seligkeit. Hatten die Mutter und auch der Vater noch Todesängste ausgestanden, so kann die Stimmung in eine große Befreiung umschlagen: Es ist dieser Moment: „Wow!“, die Ehrfurcht, akzeptiert, geschafft, jetzt kann der Dampf raus, Ausspannen und Loslassen! Der Augenblick, in dem das Kind geboren ist, verwandelt die Anwesenden. Da war die ganze Angst irgendwie weg. Dann kam einfach nur noch Glück.

Es sind verschiedene Grenzen, die unter der Geburt erreicht und überschritten werden müssen. Da ist das Kind selbst, das die Grenze aus der Dunkelheit des Mutterschoßes in die Helligkeit der Lebenswelt überschreitet. Die Gebärende erfährt die Grenzen ihrer Belastbarkeit in der Geburtsarbeit und den Schmerzen, es wirft alles um an Leidensvorstellungen, an Schmerzgrenzen. Sie kann dem nicht ausweichen und muss über ihre Grenzen hinausgehen um dem Kind das Leben zu geben. Der Vater erfährt die Grenzen seiner Emotionalität. Er hat ja die Frau noch nicht so erlebt, zärtlich, Hilfe suchend, wütend, vor Schmerzen schreiend, den Mann beschimpfend, anschnauzend.

Auch für die Hebamme ist es eine Grenzerfahrung. Das ist meine Verantwortlichkeit und darin bewege ich mich, das sind auch immer Grenzerfahrungen. An der Grenze und bei ihrer Überschreitung werden Schutzwälle niedergerissen und Masken abgeworfen. Die eigene Identität und die bisher eingeübte Balance geraten aus den Fugen. Gleichzeitig ist die Grenzerfahrung in jedem Fall immer eine Bereicherung. Menschen haben eine Anlage – Rudolf Otto nennt sie den Seelengrund -, mit der sie sich vom Heiligen ergreifen lassen können. Dazu bedarf es eines Reizes, wie er in diesen Grenzerfahrungen geschieht.

Wenn die Mutter das Kind geboren hat, wenn die Hebamme es mit ihren Händen aufgefangen hat, wenn so ein neuer Mensch in dieser Welt angekommen ist, dann ist der ganze Raum erfüllt. Dieser Raum ist etwas ganz anderes als das geometrische, architektonisch gestaltete Zimmer. Er ist erfüllt von einer Atmosphäre. Jetzt ergießen sich die Gefühle von Leid – bei Krankheit des Kindes oder bei einem nicht gewollten Kind – und Freude über das gesunde Neugeborene und der Umschlag von größter Anstrengung zu vollständiger Entspanntheit in den Raum. Die Zeit ist dem Messbaren enthoben. Wir haben jetzt alle Zeit der Welt. Die Zeit ist jetzt nicht chronos sondern kairos, inhaltlich gefüllte Zeit, sie ist Ek-stasis, sie ist herausgehoben. Wie die Zeit plötzlich still steht.

Bild Schülerin

Dieses Bild malte eine Gruppe von fünf Hebammen-Schülerinnen. Es zeigt die enge Verbindung von Leben und Tod im Ereignis der Geburt.

Diese aus dem Alltagsrhythmus herausgehobene Zeit verlangt nach Stille und Schweigen. So halte ich Stille nicht bloß für eine Atmosphäre, die sich einstellt und ausbreitet, sondern darüber hinaus auch für das Aufgehen eines Verstehensraums, der gepaart ist mit einem sprachlichen Sinnhorizont. Die Erfahrung des Schweigens als Antwort auf die Gegenwart des Heiligen ist eine „Nötigung zum Schweigen, eine unmittelbare Wirkung des Gefühles des ´numen praesens` selber.“ Es ist ein flüchtiger Moment. Die Atmosphäre ist ganz anders, aber auch schnell wieder weg. Das Heilige erscheint und entzieht sich. Es begegnet im Geburtszimmer als heilende Kraft, als höchste Lebendigkeit und als ein wunderbares Geheimnis.

Studien über den Geburtsschmerz bei Frauen zeigen, dass in verschiedenen Kulturkreisen der Wehenschmerz unterschiedlich wahrgenommen wird. Der Gebärmuttermuskel arbeitet auch zur Hormonstimulierung. Es ist eine sinnvolle Körperarbeit ohne pathologische Ursachen. Die Schmerzen können als Quelle der Kraft und neuer Energie erfahren werden.

Die Schmerzen als Begegnung mit dem Heiligen hat Dorothee Sölle im Blick, wenn sie in ihrer Autobiographie auf das Gebären und die Schmerzerfahrungen der Frauengenerationen vor ihr eingeht. Dabei unterscheidet sie die Schmerzen der Eröffnungswehen, die mühselig sind, von den Schmerzen der Presswehen, die ihren Sinn darin haben, die Geburt vorzubringen. Es sind Schmerzen zum Leben hin. „So wäre denn die wirkliche Frage, die der Schmerz der Geburt an uns stellt, die, wie wir denn dahin kommen, Schmerz als Geburtsschmerz, Wehen als sich öffnende Türen, Stöhnen als ´Anbruch der Herrlichkeit der Kinder Gottes` zu begreifen. Wie gehen wir mit unseren Schmerzen um, dass sie uns nicht wie sinnlose Nierensteine peinigen, sondern als Wehen das neue Sein vorbereiten?“ Dorothee Sölle zieht die äußerste theologische Konsequenz, sie deutet den Geburtsschmerz selbst als Sakrament: „Der Schmerz der Geburt ermutigt uns und vergewissert uns des Lebens. Wie ein Stückchen Brot uns Gottes gewiss machen kann, so ist dieser Schmerz, wie konnte uns das je entfallen, ein Sakrament, Zeichen der Gegenwart Gottes.“

Während der Schwangerschaft und unter der Geburt bis in die ersten Lebenstage des Kindes liegen das Wunder des neuen Lebens und Krankheit und Tod ganz dicht beieinander. Die Mütter- und Säuglingssterblichkeit ist in Deutschland sehr gering. Die Berufserfahrung einer Hebamme aber zeigt: Wir können keine hundertprozentige Sicherheit erwarten. Es gibt Entscheidungen, die wir zu akzeptieren haben. Leben und Tod sind nicht verfügbar. Die vermeintliche Sicherheit durch Ultraschalluntersuchungen kann auch ins Gegenteil umschlagen, wenn eine Anomalie entdeckt wird. Ganz besonders aber erfahren Frauen mit einer Fehl- oder Totgeburt das Heilige als das Schauervolle, das Entsetzliche. Darin begegnet das Heilige als ein mysterium tremendum.

Bei einem Geburtsverlauf, der unter dem Aspekt des Risikos von der Apparatemedizin bestimmt wird, kann die Ergriffenheit durch das Heilige nicht oder nur selten gespürt werden. Denn es geht dort um Risiko und Sicherheit und nicht um Offenheit und Vertrauen. Das Heilige entzieht sich dann der Erfahrung. Das Vertrauen zwischen Mutter und Hebamme kann aber eine Atmosphäre schaffen, die das Heilige einlädt, sich zu zeigen. Auch die Stille und das Beisammensein des Paares unmittelbar nach der Geburt sind Gegebenheiten, die das Heilige in Erscheinung kommen lassen. Es bleibt die Ambivalenz: Das Heilige bedarf der Inszenierung und es erscheint dennoch ohne Zutun, ganz aus sich. Seine Gegenwart ist Gnade.

Die Frau ist Mit-Schöpferin

Hebammen sprechen von der Stärke der Frau, von ihrer schöpferischen Kraft. Das Besondere ist für mich ist, dass die Frau alleine gebären kann. Deshalb lassen sich Hebammen von der Frage leiten: Wie kommt die Frau in ihre Kraft?

Die Kraft der Frau bildet aber auch eine Gefährdung des Alltags unserer leistungsorientierten und aufgeklärten Gesellschaft. Hier ist eine Kraft des Schöpferischen, die im Gegensatz zur regulierenden Verfügungsgewalt steht. Auch darin mag ein Grund dafür liegen, dass die mit Schwangerschaft und Geburt verbundene Kraft verschwiegen wird und oft auch von Frauen nicht erlebt werden darf. Die schöpferische Kraft ist auch eine lustvolle Erfahrung. Die androzentrische Sicht der vergangenen Jahrhunderte hat diesen tiefsten Moment des Geburtserlebnisses verdunkelt.

Es ist sowohl die Geburt als Schöpfungsakt selbst als auch das Wunder der Geburt ein Wunder des Lebens, denn das Neugeborene ist nicht wie bei menschlichem Schaffen zusammengesetzt oder fehlerhaft, nein: Dass da etwas Fertiges, ohne Naht, ganz und gar vollkommen geboren ist. Die Hebamme, die leitend und abwartend zugleich am Geschehen teilhat, ist mitbeteiligt am Wunder des Lebens. Das Besondere ist für mich ist das neue Leben, das teilen dürfen mit den Eltern. Gott kooperiert mit der Frau, die Frau mit Gott, indem sie „Ja“ sagt. Noch einmal zitiere ich Hannah Arendt: „Wegen dieser Einzigartigkeit, die mit der Tatsache der Geburt gegeben ist, ist es, als würde in jedem Menschen noch einmal der Schöpfungsakt Gottes wiederholt und bestätigt.“

Während die androzentrische Theologie ausschließlich den Vers aus Gen3,16, der von den Schmerzen der Gebärenden spricht, rezipiert hat, und aus dem Eva-Bild der Verführerin das schlimme Wort im Neuen Testament abgeleitet ist, dass Frauen selig werden durch Kindergebären (1.Tim 2,15), stellen wir heute die Auslegung des Eva-Namens in den Mittelpunkt: „Adam nannte seine Frau Chawwa, denn sie ist die Mutter aller, die leben.“ (Gen 3,20) und die Auslegung, die Eva selbst für den Namen ihres Sohnes Kain gibt: „denn ich habe mit Gott einen Menschen geschaffen.“ (Gen 4,1)

Deshalb ist die Mutter – theologisch gesprochen – als die Mitschöpferin Gottes anzuerkennen. In Theologien anderer Kulturen kommt diese mitschöpferische Arbeit der Mutter zur Sprache. So schreibt Mercy Amba Odouyoye, methodistische Pastorin in Ghana: „Worauf wir unser Augenmerk lenken müssen, ist das Menschsein der Mütter als Mitschöpferinnen Gottes und als Nachahmerinnen der göttlichen Verwaltung und Behandlung der Schöpfung.“ Die Geburt ist die „Urform der schöpferischen Potenz.“ Die Mutter erfüllt ihren Anteil an der Schöpfung, sie ist Mit-Schöpferin. Damit wird das Heilige in Verbindung gesetzt mit dem Schöpferischen und mit dem Körperlichen. Im Körpergeschehen erscheint das Heilige.

Die Dichterin Nelly Sachs kündet von der Geburt als einer Auferstehung. Hier, so sagt sie, ist der Ort, an dem das Göttliche erscheint: An unseren Hautgrenzen / tastend die Toten / im Schauer der Geburten / Auferstehung feiernd / Wortlos / schifft sich Göttliches ein?

Solche Erfahrung, die Frauen in ihrem Körper machen, kann zur Erfahrung einer Transzendenz werden. In den schöpferischen Kräften des Körpers, in der wiedererwachten Schöpfung Frau wird eine Energie erlebt, die über die eigene Person hinausreicht. Diese Energie Gottes kann auch Geist oder Ruach Gottes, Heilige Geistin oder Heiliger Geist genannt werden. Die brasilianische Theologin Ivone Gebara nennt den Körper den neuen Ausgangspunkt für die Theologie. Sie schreibt weiter: „Vom Körper ausgehen heißt, von der ersten Wirklichkeit ausgehen, die wir sind und die wir kennen. das heißt, sein Wunderwerk bestätigen und anerkennen und zugleich die Unmöglichkeit einsehen, dass ohne ihn irgendetwas bestätigt werden kann. Der Körper ist Bezugspunkt sowohl für diejenigen, die ihn missachten, wie für diejenigen, die ihn lobpreisen, für diejenigen, die ihn unterdrücken, wie für diejenigen, die ihn respektieren.“

Die Hebamme als Priesterin

Die Hände der Hebamme waren die ersten Hände, die das Kind hielten und es an die Brust der Mutter legten. In unserer Geburtskultur ist die Hebamme die dritte Person beim Ankommen eines neuen Menschen. Die spirituelle Seite dieses Berufes findet heute keine offizielle kirchliche Resonanz. In der Geschichte wurde die Hebamme als verlängerter Arm der Kirche eingesetzt für Nottaufen und Seelsorge im Geburtszimmer. Diese androzentrische Theologie, die heute nicht weitergeführt werden kann, hat ein spirituelles Vakuum hinterlassen.

Inwiefern können wir davon sprechen, dass die Hebamme auch eine Priesterin ist? Wir haben gesehen: Da ist die spirituelle Seite in der Begegnung mit dem Heiligen während der Geburt in der Ergriffenheit und Seligkeit, in den Schmerzen und Grenzerfahrungen, in der besonderen Atmosphäre in Raum und Zeit. Die Hebamme ist Helferin und Zeugin der Schöpfung, des Ankommens eines neuen Menschen. Die Hebamme arbeitet an der Grenze zwischen Vor-Geburt und Geburt, zwischen Leben und Tod.

Da sind die verschiedenen Facetten des Berufes als Freundin der Gebärenden, als Schwellenbegleiterin, als Ritualanleiterin, als Trauerbegleiterin und als Weise Frau. Hebammen können die Situation rund um die Geburt so einrichten, dass alle Beteiligten die Geburt als Gegenwart des Göttlichen, als Begegnung mit dem Heiligen, erleben können. Das gilt grundsätzlich auch dort, wo die Machtstruktur im Kreißsaal es leider oft unmöglich macht. Frauen können in der Hektik des Kreißsaales die Begegnung mit dem Heiligen nicht erspüren. Sie bedürfen der sehr persönlichen Zuwendung, der Intimität und der Ruhe. Eine Mutter schreibt: Die Berührung mit dem Urgrund, im Fall der Geburt ist es nicht nur eine Grenzerfahrung, sondern ein über die Schwelle Schreiten und ein Stück ins andere Land Gehen, wo wir herkommen und wieder hingehen.

Wenn wir dies alles zusammenfassen, dann legt es sich tatsächlich nahe, von der Hebamme als Priesterin, als Pfarrerin oder als Pastorin zu sprechen. Wir haben hier aber das Wort „Priesterin“ aus der Auslegung der Texte des Alten Testamentes übernommen. Dort gibt es die Erzählung von der Hebamme der Rahel, die beim Weidewechsel am Wegesrand ihren Sohn Benjamin geboren hat und dabei starb. Die Hebamme der Rahel sagte zu ihr: „Fürchte dich nicht, denn auch diesmal ist es ein Sohn!“ Das „Fürchte dich nicht“ ist das erste Wort der Engel, wenn sie aus der göttlichen Welt zu den Menschen sprechen, es ist das Wort des Priesters im Alten Israel, wenn Menschen im Allerheiligsten des Tempels erschienen. Denn die Begegnung mit der Gottheit ließ die Menschen erschauern. Hebammen sagen heute: „Du machst es gut!“ und nehmen so der Frau die Angst.

Und wir haben noch einen Grund für die Bezeichnung „Priesterin“. Im Lateinischen heißt Priester „sacerdos“, das heißt sacer-dos, der oder die das Heilige Gebende. Wenn die Hebamme dem Heiligen einen Raum gibt, der die Möglichkeit des Vertrauens und der Stille schafft, dann entspricht dies dem „sacerdos“.

Es gibt in allen Ländern unterschiedliche Bezeichnungen für den Beruf der Geburtshelferin, die alle zum Ausdruck bringen, welche hohe Stellung und welche tiefe Bedeutung die Hebammen in dem jeweiligen Volk haben. So heißt die Hebamme in Frankreich noch heute „sage femme“ und in den Niederlanden „vroedvrouw“, was beides „Weise Frau“ bedeutet. Auch das englische midwife kommt von mid = weise. Im Talmud, dem jüdischen Kommentar zu den biblischen Büchern, heißt die Hebamme „chockma“, das bedeutet „die Weisheit“.

Es sind drei Ebenen, auf denen von Weisheit gesprochen werden kann: Religiös als weibliche oder mütterliche Seite Gottes und Mit-Schöpferin, wissenschaftlich als Erkenntnisweg zur Ordnung der Natur, und ethisch als Orientierung zum Handeln und als Ratgeberin.

Die Verehrung der Weisheit ist eine im Alten Israel und seiner Umgebung weit verbreitete religiöse Bewegung, die sich im Hiobbuch, in den Sprüchen und in Erzählungen niedergeschlagen hat, wie zum Beispiel der von Schifra und Pua. Die Weisheit wird in den frühen christlichen Gemeinden mit Jesus und mit der Gottesmutter Maria identifiziert.

Sie wird auch von alters her mit Brüsten dargestellt, die Milch spenden: Hier ist Sophia-Weisheit die königliche Frau, die auf einem Thron unter einem Baldachin sitzt, in weitem Gewand und kostbaren Hermelinpelzmantel. Sie umfängt mit ihren Armen zwei Männer, die vor ihr knien, sich die Hände reichen und an ihrer Brust trinken Es sind vermutlich Moses und Paulus, die die beiden Testamente vertreten. In der griechischen Sprache heißt Frau Weisheit „Sophia“. Sie wird als eine mythische göttliche Gestalt besonders in den orthodoxen Kirchen Russlands, Griechenlands und anderer Staaten hoch verehrt. Es gibt viele Kathedralen, die der Sophia gewidmet sind.

Die zweite Ebene der Weisheit ist die wissenschaftliche Erkenntnisweise. Sie steht im Gegensatz zum kausalen, rein verstandesmäßigen Denken. Weisheitliches Denken ist vernetzendes Denken. Es spürt der Ordnung der Natur und ihren Gesetzen nach. Weisheitliches Denken anerkennt die Begrenzung menschlichen Könnens.

Die dritte Ebene ist die ethische. Es geht darum, das Leben gut zu gestalten, auch nach der Ordnung der Natur. Weisheitliches Handeln bedenkt die Folgen des Tuns, sucht die Balance zwischen den Gegensätzen im Leben, nicht einen sturen und ideologischen Weg. Die Erzählung von den beiden Hebammen Schifra und Pua zeigt vorbildlich solches Handeln: Die Hebammen gehorchen nicht den Geboten des Pharaos (der ihnen befohlen hatte, die neu geborenen Söhne von Israelitinnen zu töten), sondern sie engagieren sich für das Leben, weil ihr Gott ein Gott des Lebens war. Und dieses Tun verteidigten sie mit einer List gegenüber dem Pharao.

Die Weise Frau und die Hebamme arbeiten mit Intuition und Einfühlungsvermögen. Damit stehen sie in Gegensatz zum Handeln der Geburtsmedizin, die dem Kopf und den Augen den Vorrang gibt. Das Hebammenwissen ist der Typ des alteuropäischen und vorderasiatischen Weisheitswissens. Die Hebamme ordnet sich ein in den Rhythmus der Natur, sie hat die Geduld, um dem nachzuspüren, wofür es Zeit ist. Wenn eine Hebamme in Weisheit handelt, dann achtet sie die Ordnung der Natur. Sie führt die Frau in ihre Kraft. Sie schenkt der Gebärenden das Vertrauen in ihren Körper. Sie handelt aus Einsicht und bedenkt die Folgen. Sie kann die Spannung zwischen Tun und Lassen aushalten, sie erkennt ihre Grenzen. Sie gebietet der häuslichen Gewalt Einhalt, um Frau und Kind zu schützen. Sie kann unterscheiden zwischen dem, was ihr Tun und ihre Verantwortung ist und dem, worüber sie nicht verfügen kann, das auf die Seite der göttlichen Macht gehört. Sie weiß, dass es die heile Welt nicht gibt und dass Wandel zum Leben gehört.

Die Hebamme kennt viele Schicksale und weiß, wie krumm oft die Wege verlaufen. Das macht die Lektüre der Bücher, in denen alte Landhebammen berichten, so spannend. In den Gesprächen und im Zuhören gibt die Hebamme Visionen der Hoffnung. Im Vorbereitungskurs schafft sie mit den Kreisen, mit denen sie die Gruppen gestaltet, eine tröstliche, eine heilende und heilige Atmosphäre. Die Hebamme achtet den Körper der Frau als den heiligen Ort, in dem sich sowohl der Schöpfungsprozess als auch das Schaudern vor dem Entsetzlichen ereignet. Wenn wir die Hebamme in der Tradition der Weisheit und als Weise Frau sehen, anerkennen und wertschätzen, dann wird die Geburt, unsere eigene und die unserer Kinder, wieder zu dem Ereignis, das unsere Biografie und unseren sozialen Lebenszusammenhang über die Kleinfamilie hinaus begründet hat.

Die Worte von Hebammen während und nach der Geburtsarbeit bleiben unvergesslich bei der Mutter und prägen das Kind, wenn es ihm erzählt wird, wie die Geburt war. Die Worte, die während der ersten Stunden und Tage ausgesprochen werden, dringen ganz außerordentlich tief ein. Davon erzählen Menschen, wenn wir sie nach dem fragen, was sie über ihre Geburt wissen. Hebammen sind sich der Kraft des ersten Wortes bewusst:

Das erste Wort der Hebamme? Ich sage nichts, damit legt mach doch einiges mit in die Wiege, aber ich will kein prägendes Wort, positiv oder negativ, sagen. – Ich verharre erstmal ganz kurz andächtig, sehr ruhig. – Ich überlasse es den Eltern. Später gratuliere ich. Ich reiche das Kind der Mutter, dann mein Glückwunsch, weil ich Ehrfurcht vor dem Leben habe will ich den Eltern die Ehre geben. – Ich mache es nicht generell. Einmal zum Beispiel, als der Kopf in der Scheide sichtbar war und schwarze Löckchen, habe ich das gesagt und die Mutter hat sich dann darüber gefreut. – Einmal hat ein Mann mir bei einer Hausgeburt gesagt, als die Herztöne nicht in Ordnung waren, und ich dann das Kind angepustet hatte, es habe jetzt eine besondere Bindung zu mir und beim nächsten Kind wolle er pusten.

Eine Hebamme denkt es sich im Stillen, manchmal spricht sie es laut: Kind, ich segne dich auf deinem Lebensweg. Möge dir Gutes begegnen. Geh deinen eigenen Lebensweg. Nimm an, was das Leben für dich bereithält. Ändere, was du ändern kannst. Amen

Hebammen als Schwellenbegleiterinnen, Ritualanleiterinnen, Trauerbegleiterinnen, Weise Frauen, Hebammen, die der Gebärenden die Angst nehmen, die der Schöpfung ihre Hände reichen und dem Kind ein Wort mit auf den Lebensweg geben – aus allen diesen Gründen ist es sinnvoll, von Hebammen als Priesterinnen zu sprechen, ohne dies kirchenrechtlich irgendwie zu verankern. Er soll aber in Kirche und Gesellschaft ein Verständnis dafür entstehen, welch hohe Bedeutung die Hebamme im Leben jedes einzelnen bei seiner Geburt und im Leben jeder Mutter, jedes Paares, hat. Und mit der gesamtgesellschaftlichen Würde, die wir den Hebammen geben, so hoffen wir, können wir auch die Bemühungen um eine humanere und frauenfreundlichere Geburt unterstützen.

Mein Vorschlag, Geburt als Begegnung mit dem Heiligen zu interpretieren, ist nur eine Möglichkeit. Es bleibt zu wünschen, dass andere Interpretationen dieser bislang als Frauen- und Körpererfahrung theologisch nicht ernst genommenen und doch für jeden Menschen Grund legende Tatsache gefunden und veröffentlicht werden.

Autorin: Hanna Strack
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 29.01.2007

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