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Lass es Liebe sein

Von Britta Erlemann

Joey Horsley und Luise F. Pusch stellen Frauenpaare aus der Geschichte vor

Pusch FrauenpaareAmy Lowell und Ada Dwyer Russel. Marie Fillunger und Eugenie Schumann. Rosa Bonheur und Nathalie Micas. Schon mal gehört? Die Protagonistinnen des Buches „Berühmte Frauenpaare“ lebten zwischen 1822 und 1989, und zumindest ein Teil der jeweiligen Doppel war zu Lebzeiten berühmt, zum Beispiel als Lyrikerin, Schauspielerin oder feministische Kämpferin. Sieben Paare führen uns die Herausgeberinnen Joey Horsley und Luise F. Pusch vor.

Die Autorinnen zeichnen auf der Basis von historischen Quellen  wie Briefen und Tagebuchaufzeichnungen und Aussagen von ZeitzeugInnen aus dem Umfeld der Frauen sowie Biografien über sie präzise und sorgfältig recherchiert (den Eindruck macht es zumindest beim Lesen) deren Werdegang und Charakter  eingebettet in den jeweilige Zeitgeist und Lebensbedingungen als Frauen und Frauenpaar nach. Auch beleuchten sie der Texte Quellen (wie Biografien) kritisch und stellen immer wieder Fragen wie „Gab es einen kulturellen Raum für lesbische Paare, der eine Atmosphäre toleranten Wohlwollens schuf?“ zu Lebzeiten von Marie Fillunger und Eugenie Schumann, also zwischen 1850 und 1938.

Die Geschichten der beschriebenen Frauen sind spannend, geben Anlässe zur Freude und den mitfühlenden Leserinnen mehrfach zum Mitleiden oder auch entsprechender Wut. Anlass zum Mitleiden etwa, wenn Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg verarmt im Exil leben und Lida Gustava an Krebs erkrankt, schließlich daran stirbt und ihr die Geliebte ein halbes Jahr später verwirrt, krank und gebrochenen Herzens folgt. – Das Leben von Frauen und insbesondere frauenliebenden Frauen ist und war eben kein Zuckerschlecken… Am erschütterndsten in dem Buch ist die Geschichte von Milena Jesenská (hauptsächlich bekannt durch ihre Beziehung mit Franz Kafka) und Margarete Buber-Neumann, die einander im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück kennen und lieben lernen. Milena Jesenskà hat diese Hölle nicht überlebt. Ihre Freundin Margarete Buber-Neumann schrieb nach der Befreiung des KZs das von den beiden Frauen gemeinsam geplante Buch über die Konzentrationslager, und 1963 erschien ihr Buch „Milena – Kafkas Freundin: Ein Lebensbild“, mit dem sie der Freundin ein Denkmal setzte.

„Dieses Buch“, schreibt Luise F. Pusch im Nachwort zu „Berühmte Frauenpaare“, „dient einerseits der überfälligen Aufarbeitung der Geschichte der Frauenliebe – wir können zeigen, dass Beziehungen zwischen Frauen vielgestaltig sind und kaum dem Klischee entsprechen, das die männliche Sexualwissenschaft und eine homophobische Umwelt ausgebrütet haben. Zum anderen verfolgen wir auch einen gesellschaftspolitischen Zweck: Unsere Paarbiografien sollen Lesben, ihren SympathisantInnen (und solchen, die es werden wollen) historische Orientierung geben und dem allgemeinen Publikum beim Umdenken helfen.“

Eines ist gewiss, dieses Buch ist geeignet, Lesben ihre von der männlich geprägten Geschichtsschreibung ausgeblendeten historischen Wurzeln, sprich einige ihrer Vorfahrinnen nach Lebens- und Liebesweise finden und ergründen zu lassen. Auch behauptet Pusch in ihrem Nachwort nicht zu viel, wenn sie von „vielgestaltigen“ Frauenbeziehungen spricht. Das belegen (nicht nur) die sieben Porträts in diesem Buch. Es ist auch ein Plädoyer für das Zusammenhalten von Frauen und ein Beweis für ihre kreative Kraft ihr Leben und dessen Inhalt zu gestalten. Und dafür, wie Frauen sich gegenseitig darin bestärken können und bestärkt haben.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt. So ist Ida Baker der charismatischen, tuberkulösen Schriftstellerin Katherine Mansfield bedingungslos ergeben.  Im Wesentlichen zeigt „Berühmte Frauenpaare“ aber, wie einander tief verbundene Frauen sich gegenseitig Leben geschenkt und mit Liebe erfüllt haben – und das trotz oft widriger Lebensumstände.

Möglicherweise haben sich die beschriebenen jeweils einander verbundenen zwei Frauen nicht alle als klassisches „Paar“ angesehen oder bezeichnet. Das nähme oder nimmt jedoch angesichts der gesellschaftlichen Umstände, in denen sich die Beziehungen abgespielt haben, nicht Wunder. Nicht zuletzt ist bis heute die Norm der heterosexuellen Mann-Frau-Zweierbeziehung maßgeblich. Und dann stellt sich auch die Frage: „Wo hört die Freundschaft auf und wo fängt die Liebesbeziehung an?“. Und: „Wer/welche hat aufgrund wovon die Definitionsmacht?“ Mir fällt dazu ein Liedtitel von Rosenstolz ein: „Lass es Liebe sein“ – und es waren Formen der Liebe, in allen sieben Geschichten.

Fazit: Mehr davon!

Joey Horsley und Luise F. Pusch (Hg): Berühmte Frauenpaare, Suhrkamp, Frankfurt 2005, 10 Euro.

Autorin: Britta Erlemann
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 05.01.2007

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