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„Vorher fühlte ich mich unversehrt…“

Von Gabriele Schärer

Thema Brustkrebs: Interview mit der Regisseurin Gabriele Schärer über ihren Film „Busenfreundinnen“.

BusenfreundinnenSchon lange beschäftigt sich Gabriele Schärer in ihren Filmen mit den Wechselwirkungen zwischen feministischer Praxis und dem Alltagsleben von Frauen. Viele kennen – und lieben – ihren Film Sottosopra, in dem sie im Gespräch mit Protagonistinnen der Frauenbewegung dem „Ende des Patriarchats“ auf der Spur ist. In ihrem neuesten Filmprojekt hat sie sich des heiklen Themas Brustkrebs angenommen. Antje Schrupp befragte sie über ihre Motive und ihre Erfahrungen.

Wie bist du auf das Thema Brustkrebs gekommen?

Das Frauenbild – im direkten, wie im übertragenen Sinn – hat mich als Regisseurin von Filmen immer wieder inspiriert. Vielleicht auch, weil es sich um eine weitgehend unerforschte Landschaft handelt, interessiert mich das Bild des so genannten unperfekten Körpers der Frau. Brustkrebspatientinnen werden, neben der Bedrohung durch den Tod, von einem Moment auf den anderen mit grossen körperlichen Veränderungen konfrontiert. Es kann mit einer Brustamputation anfangen, dann folgt der Haarausfall durch die Chemotherapie, die fehlenden Hormone können zu Gewichtsproblemen führen und so weiter. Mich interessierte, wie Brustkrebspatientinnen mit ihren Verletzungen umgehen können.

Und was hast du herausgefunden?

„Viele Frauen leiden unter einem schlechten körperlichen Selbstbewusstsein, kommt dann die Diagnose Brustkrebs, bricht dieses völlig zusammen.“ Meinte eine Ärztin. Doch einige Frauen scheinen auch daran zu wachsen. Während meiner Recherchen habe ich erstaunlich viele Frauen kennen gelernt, die gerne in den Spiegel gucken. Die Auseinandersetzung mit den körperlichen Konsequenzen von Brustkrebs kann Frauen dazu bringen, genauer hinzusehen. Angesichts der eventuell nur noch kurzen Lebenszeit haben sie den Mut, unkonventionelle Wege zu gehen. Ein gutes Leben zu leben bedeutet auch, den eigenen Körper zu mögen: mit zwei wieder aufgebauten, mit einer teiloperierten, mit einer oder ohne Brüste.

Es geht in deinem Film speziell um die Beziehungen unter Frauen. Der Filmtitel „Busenfreundinnen“ spielt ja direkt darauf an. Warum?

Als ich vor ein paar Jahren mit meinen Recherchen zum Thema Brustkrebs begann, stolperte ich sofort über das Thema schlechte Kommunikation. Die doppelte Tabuisierung von Brustkrebs – wir haben nicht nur Angst davor, zu sterben, sondern zuerst kommt oft die Angst davor, die eigene Identität als Frau zu verlieren – führt zu Kommunikationsproblemen. Diese führen oft zu einer großen Einsamkeit der erkrankten Frauen und deren Angehörigen. Wir fragen viel lieber nach einem gebrochenen Bein und trauen uns auch nicht, unsere Unsicherheit offen zu legen. Da ich mich mit dem Thema Kommunikation schon aus beruflichen Interessen immer wieder beschäftige (ich habe Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg studiert) fühlte ich mich sofort angesprochen. Ich überlegte mir, dass das Thema „schlechte Kommunikation“ vielleicht eine Möglichkeit wäre, den Brustkrebs ins Kino zu bringen, ohne darüber zu reden. Denn wer kennt es nicht: das aneinander vorbei Reden, das viel Reden ohne etwas zu sagen und so weiter.

So wie die beiden Frauen in dem Film: Angeblich gute Freundinnen, aber über die wirklich wichtigen Dinge – zum Beispiel eben die Krankheit – sprechen sie nicht.

Dass ich in meinen Filmen nicht anklagen, sondern Frauen ermutigen möchte, das „Heft in die Hand zu nehmen“ macht mich natürlich auch zu einer Kritikerin der Frauen. Beim Thema Kommunikation haben wir doch oft das Gefühl, wir Frauen seien besonders gut. In meinem Leben habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht. Auch beim Thema Krankheit und Kommunikation kann ich sehr gut vor der eigenen Haustüre kehren. Nur zu gerne machen wir Schuldzuweisungen, um die Bedrohung von uns abzuwenden. Als Kranke flüchten wir uns in die Opferrolle, weil diese einfacher ist, als die Verantwortung zu übernehmen. Deswegen tritt in meinem Film kein Arzt auf, der sich unmöglich aufführt, sondern die Frauen selbst sind es, die sich gegenseitig Probleme machen. Die Beziehungen unter den Frauen können viel verändern. Wir können uns gegenseitig ermutigen und das Selbstbewusstsein stärken. Gerade bei schwierigen Problemen, wie Krankheit und Tod, brauchen wir sehr viel Selbstbewusstsein. Niemand kann uns Entscheidungen, die unseren Körper betreffen, abnehmen. Doch dafür brauchen wir Beziehungen, in denen wir ernsthaft reden können. Gespräche, die Zuwendung bringen und uns aber auch herausfordern. Brustkrebspatientinnen befreunden sich mit anderen Betroffenen, auch um die vielen krankheitsbedingten Details besser bearbeiten zu können. Viele Patientinnen schaffen es, in ihrem Leben eine aktivere Rolle einzunehmen, die sich nicht auf das Thema Krankheit beschränkt.

Wie haben denn die Frauen auf das Projekt reagiert – sowohl die „Betroffenen“, als auch die „Zuschauerinnen“? Zu welchen Reaktionen, Themen, Debatten ist es gekommen?

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Am Auffallendsten dabei ist, dass sich junge Frauen nicht betroffen fühlen, wenn sie den Film sehen. Sie finden ihn auch nicht so hart. Sie reden dann von den Krebsfällen in ihren Familien und aber auch über das aneinander vorbei Reden. Doch viele Frauen ab vierzig fühlen sich sehr betroffen und finden den Film hart. Die einzigen, die auch mal lachen können, sind die an Brustkrebs Erkrankten. Ich wollte ja auch eine Parodie machen, also lachen wäre durchaus aus meiner Sicht erlaubt! Die direkt oder die indirekt Betroffenen sagen oft, dass sie froh um die Direktheit sind. Diese ist aber einigen Ärztinnen zuviel, es wirke so abschreckend und mit dem „Brust ab, Haar ab“, das sei ja auch heute nicht mehr so. …Viele andere Frauen, die im Bereich Brustkrebs tätig sind, finden den Film hilfreich. Ein Ausrufezeichen, das notwendig sei. Sehr viel wird er in den Ausbildungen eingesetzt. Ich denke, weil im Bereich der Pflege in letzter Zeit mehr am Thema Kommunikation gearbeitet wird.

Das heißt, es gibt Unterschiede in den Reaktionen, je nachdem ob die Frauen persönlich betroffen waren oder nicht?

An Brustkrebs erkrankte Frauen und ihr Umfeld, also indirekt Betroffene, wie PartnerInnen, Freundinnen, Töchter und natürlich Frauen, die im Bereich Krebs tätig sind, verstehen den Film meistens schneller.  Doch auch die jungen Frauen reagieren sehr unkompliziert, weil bei ihnen der Angstfaktor noch nicht funktioniert. Irrtümlicherweise wie wir leider wissen, heute erkranken immer mehr junge Frauen an Brustkrebs. Am meisten habe ich den Film mit Betroffenen geguckt, die sofort auf sich selbst zu sprechen kommen. Ohne Umwege werden die schlimmsten Erlebnisse punkto Kommunikation und damit verbunden oft die Themen rund um den versehrten Körper – also Aussehen und Leben mit diesen Verletzungen, Auswirkungen auf die Liebe – erzählt und diskutiert. Das sind auch die Themen, die in grösseren Veranstaltungen mit Erkrankten und nicht Erkrankten zur Sprache kommen.

Was hast du aus den Erfahrungen mit diesem Film gelernt?

Ich persönlich habe gelernt, mich mehr als mündige und selbstverantwortliche Patientin zu verhalten. Im Bereich alternative Medizin habe ich schon lange selbst Verantwortung übernommen, aber innerhalb der herrschenden Medizin war es mir zu anstrengend und kompliziert, mich ernsthaft damit zu beschäftigen und neue Wege einzuschlagen.

Spielt der Feminismus dabei eine Rolle?

Natürlich waren dabei die ganzen Auseinandersetzungen, die wir am Ende des Patriarchats führten und weiter führen hilfreich. Empowerment ist die neudeutsche Übersetzung einer Politik, die ich schon sicher zwanzig Jahre verfolge. Mit dem Feminismus haben wir uns selbst ermächtigt, unsere Geschicke in die Hand zu nehmen. Das Patriarchat hat seine Gültigkeit verloren, weil wir nicht mehr dran glauben. So fällt es sicher leichter, nicht an die Allmacht eines Arztes zu glauben, sondern zu wissen, dass auch eine Fachperson nur Entscheidungen treffen kann. Das kann ich auch, wenn ich mich informiere.

Auch was den Körper angeht, habe ich viel gelernt. In der bisherigen symbolischen Ordnung steht der nackte männliche Körper für Ehrgeiz, Stolz und Macht. Die nackte Frau hingegen stellte ein passives, beschützenswertes Wesen dar, dessen Handlungen instinktiv oder triebhaft motiviert sind. Allein die Darstellung der Frau mit einer entblössten Brust erweiterte den Kanon der Allegorien: Die entblösste Brust ist auch eine Allegorie der Macht und Freiheit, sie ist die Ernährerin, die stillende Muttergottes. Als Symbol weiblicher Potenz erhalten die Brüste – und damit der weibliche Körper insgesamt –  immer noch wenig Wertschätzung, auch von den Frauen selbst. Als bald 50-Jährige ist mein Körper im Umbruch und fordert mehr Aufmerksamkeit. Deswegen bin ich sehr froh um diese Auseinandersetzungen.

„Hilft“ die Frauenbewegung?

Im 3. Jahrhundert wurde die heilige Agatha mit dem Abschneiden ihrer Brüste für ihre Widerspenstigkeit bestraft. Die Beherrschung der Frau zeigt sich in der Verstümmelung des weiblichen Körpers. Sie hat in unserer Welt viele Gesichter. Auch in meiner persönlichen Geschichte. Nachdem mir mein Gynäkologe mit 17 Jahren einen Dammschnitt verpasst hatte, damit es mein Freund mit mir leichter hat, meinte er: „Die Brüste können wir erst drannehmen, wenn Sie erwachsen sind.“ Ganz nach Bedarf und Moral wird am weiblichen Körper herum geschnitten. Glücklicherweise konnte ich kurz darauf dieses traumatische Erlebnis innerhalb der neuen Frauenbewegung verarbeiten. Dass die Befreiung der Frau unmittelbar an ihre körperliche Befreiung geknüpft ist, leuchtete mir natürlich ein. Und damit waren meine Brüste gerettet.

Was bleibt zu tun?

Wie schon gesagt: Reden, statt verstummen, wenn die Krankheit auftritt. Mitfühlend nachfragen statt belehrende Rat-Schläge verteilen. Dafür braucht es ein ernsthaftes Interesse, das brauchen wir auch, um die Krankheit medizinisch zu bekämpfen. Endlich hat die Bekämpfung von Brustkrebs eine Lobby, weltweit setzen sich heute Frauen dafür ein, dass auf der medizinischen Seite Qualitätsstandards eingeführt werden. Dies ist auch das stärkste Argument für die europaweit durchgesetzten Screeningprogramme. „Nur Übung macht den Meister“, so Europa Donna-Präsidentin Karin Jöns. Die Zahl von jährlich mindestens 150 Erstoperationen pro Brustzentrum und die Vorgabe, dass mindestens 50 davon pro Operateur/in durchzuführen seien, bedeutet, dass pro Woche pro Operateur im Schnitt zwei bis drei Erst-OPs durchgeführt würden, was wahrlich nicht viel sei! Wer unter diese Zahl zurückfallen wolle, der wolle keine Kompetenzzentren. „Dabei zeigen Erfahrungen europäischer Nachbarn, dass in Kompetenzzentren behandelte Frauen nachweislich mehr Lebensqualität erfahren und größere Überlebenschancen haben“, betont Jöns.

Mehr zum Film im Internet.

Mehr zum Thema Brustkrebs bei Europa Donna – der Europäischen Koalition gegen Brustkrebs.

Autorin: Gabriele Schärer
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 03.01.2007

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