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Rubrik leben

Wahlverwandtschaften

Von Silke Teuerle

Was tät ich doch gern eine Co-Mama sein!

Frau mit Kind

Dies ist weder Silke noch Anna, sondern ein Schnappschuss, der in ganz anderem Zusammenhang aufgenommen wurde. Foto: Maranhao

Nee, also das kann sie sich ja gar nicht vorstellen! Ganz entrüstet ist sie, als ich ihr von matriarchalen Kulturen vorschwärme, in denen die Mitglieder einer Sippe zusammen wohnen und alle, die sich dort herumtreiben, Mutter und Vater der dort geborenen Kinder sind. Ganz hin und weg bin ich von dem Thema, seit ich mich damit näher beschäftige, und gehe allen damit schrecklich auf die Nerven. Vor allem meiner hochschwangeren Freundin Anna, die sich doch bitteschön direkt diesem Experiment aussetzen wollen soll. Will sie aber nicht. Obwohl sie als Mama von ihrem Ersten gar nicht mal so glücklich ist. Dabei liebt sie den Kleinen natürlich abgöttisch. Nur ihr Mutterdasein an sich, das liebt sie eine Ecke weniger.

Typische Situation: sie arbeitet Teilzeit, ihr Mann voll und seit der zweiten Schwangerschaft noch voller. Sie sitzt allein zu Hause, spricht von morgens bis abends Babysprache, und am Wochenende, dem sie wegen erhoffter väterlicher Erziehungsunterstützung schon die ganze Woche entgegen fiebert, renoviert er schlussendlich das Haus. Einen Nähkurs möchte sie gerne machen. Damit sie Gardinen selber nähen und Hosensäume einschlagen kann. Oder Blumenstecken. Was für die Seele. Am Alleinsein würde sich aber trotzdem wenig ändern.

Dabei ist es ja durchaus nachvollziehbar, wenn Männer an Strukturen haften, die ihnen ein Gefühl der Sicherheit geben. Das Haus will abbezahlt werden, den Kindern soll es an nichts fehlen, irgendwer muss das Geld ranschaffen, und die Teilzeitgattinnen tun es ja nun mal nicht. Logisch aber auch, dass Frauen unter Sicherheit etwas anderes verstehen und sich mehr direkte Unterstützung wünschen. Die Vorstellung vom einsamen Dasein als vor sich hin brabbelnde Mama schiebt die Altersgrenze, wann das erste Kind geboren werden soll, bei mir zumindest weit nach hinten, bis zur Unendlichkeit hin. Und darum soll meine herzallerliebste Anna ja jetzt auch mal was anderes ausprobieren und sich eine Co-Mama suchen. Und zwar mich!

Hab ich nämlich immer schon gesagt: Wenn ich Papa werden könnte, würde ich sofort Kinder kriegen. Aber Mama? Nee, danke! Und nun mit meinem neu errungenen Wissen kann ich diesen Blödsinn endlich übersetzen: Ich will eine soziale Mutter sein, keine biologische. Und dafür brauche ich jetzt eine biologische, die die soziale Rolle gerne teilen möchte.

Wollen sie aber nicht, diese biologischen Mütter. Denen wird nämlich ganz schlecht, wenn es ihnen in ihrer Rolle an den Kragen geht. Die Kinder würden ja ganz verwirrt, wenn es ganz viele Mamas gibt, sagen sie zum Beispiel. Oder: Dann pfuschen mir ja andere Frauen in die Erziehung. Ich bin die einzig Richtige, schwingt da mit. Nur das Beste fürs Kind. Und wer kann schon besser sein als die leibliche Mama, die neun Monate lang die Frucht genährt und ihr unter Schmerzen das Licht der Welt geschenkt hat? Da schwärmt meine Freundin die ganze Zeit davon, dass ich eine fabelhafte Mutter wäre, in der Hoffnung, ich würde auch mal endlich loslegen, und dann bin ich offensichtlich doch nicht fabelhaft genug. Zumindest nicht für ihre eigene Schar. Da spricht die Angst, ersetzbar zu sein.

Dabei geht es ja gar nicht ums Bessersein. Ich würde einfach nur ein Kind in meinem Leben wollen ohne den ganzen Kladderadatsch, der aus mir was macht, das ich nicht sein möchte. Und ich will meiner Freundin beistehen, die mir mit ihrer Einsamkeit Herzschmerz bereitet. Ich will die Tante sein, die genauso für die Kinder da ist wie die Mama, und was sich der Nachwuchs davon schlussendlich nimmt, ist mir ganz egal. Davon hängt ja nicht mein Leben ab. Das der biologischen Mütter aber wohl. Die müssen bestätigt und geliebt werden. Denn in ihrer Teilzeitwelt bleibt oft nicht mehr viel übrig, um den Selbstwert zu stärken. Befördert werden die Vollen. Geachtet auch. Die hochgezogenen Augenbrauen, weil frau zu Hause bleibt, wenn das Kind krank ist, geben zumindest nicht gerade das Gefühl, etwas ganz besonderes zu leisten. Aber Mama, das sind sie! Voll und ganz und gut!

Da kann ich noch so bohren und schwärmen, mit diversen Zaunpfählen winken in der Hoffnung auf co-mütterliche Patentantenschaft, es rührt sich nichts. Nee. Das können sich die echten Mamas einfach nicht vorstellen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Traum nicht der einer jeden ist.

Das wär`s doch! Unsere Mütter und Tanten und Onkels, Brüder und Schwestern, alle zusammen, und wenn die biologischen zu weit weg sind oder wir sie nicht leiden können, dann suchen wir uns eben Wahlverwandte. Schwanger wird, wer gerne schwanger werden will, und Mama werden alle, denen es liegt. Mal heute, mal morgen, mal die ganze Zeit, irgendwer wird schon da sein. Nie mehr allein. Und die Väter? Die machen, was sie wollen. Haben sie Lust auf`s Bemuttern, dann machen sie eben mit, wenn nicht, dann nicht, und wer lieber Onkel ist als Papa, der soll dann eben Onkel sein. Der bisher immer zur Seite stehende Partner wird nicht durchs abwesende Familienoberhaupt verdrängt, die Liebesbeziehung durch Erziehungs- und Wer-macht-was-Fragen nicht verdorben, endlich können die Männer sein, wer sie sein wollen und müssen nicht zwischen den Ansprüchen ihrer Frauen und ihren eigenen hin und her segeln, und Frauen ersticken nicht in Erwartungen, die doch niemals erfüllt werden, müssen nicht darauf warten, dass der Partner endlich mitzieht. Ein einfacheres Leben kann ich mir gar nicht denken.

Aber wenn meine Freundin sich gerne weiter über ihren Ehemann ärgern will, weil er schon wieder Überstunden macht anstelle den Nachwuchs bei der Tagesmutter abzuholen, oder ihren Frust in sich hineinfrisst, weil sie am Sonntag mal wieder alleine mit dem Kleinen spielen darf, dann hat sie selber Schuld. Ich hab`s ihr ja angeboten. Ein ganzes Weltbild habe ich ihr angeboten! Liebes, habe ich zu ihr gesagt, da gibt es Kulturen, die sind viel schlauer als wir! Hat nichts genützt. Ich habe immer noch kein Kind gefunden, das ich co-bemuttern könnte. Vielleicht sollte ich eine Anzeige aufgeben: Suche Wahlverwandte zwecks Sippengründung. Neu denken schafft Möglichkeiten.

Autorin: Silke Teuerle
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 24.01.2007

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ursula sagt:

    Ach wie sehr spricht mit dieser Artikel aus meiner tiefsten Seele. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich vor rund 30 Jahren nicht anders war als Mutter und ich heute auch mein freies Leben genieße und doch, es gibt viele Parallelen. Als ich von matriarchalen Kulturen erfuhr, war ich auch so davon erfüllt, dass ich von nichts anderem redete (naja hat sich bis heute nicht wirklich geändert), in der Hoffnung, dass sich auch andere dafür so begeistern könnten und ging allen damit tierisch auf die Nerven.
    Als meine Freundin Oma wurde, war in mir auch der Wunsch, teilzuhaben an dem Oma sein, eine Wahloma zu werden… Allerdings war es mir nicht so klar bewußt, bis ich oben den Artikel gelesen habe, damals wollte ich einfach nur mich dazugehörig fühlen… Doch das Gegenteil geschah, meine Freundin zog sich immer mehr zurück. Ok, ich habe sie gelassen und der Kontakt ist fast völlig eingeschlafen, da ich mich im Gegensatz zu früher kaum noch melde. Ich stellte nämlich fest, dass ich mich ständig bei ihr meldete und ihr gar nicht die Möglichkeit ließ, sich bei mir zu melden. Doch sie hatte und hat halt kein starkes Bedürfnis sich bei mir zu melden… und wenn es nicht ausgewogen ist… So habe ich mich dann anderen Dingen zugewendet, heute mehr denn je auf der Suche nach einer Wahlverwandschaft – nach einer Wahlgemeinschaft, die sich gegenseitig stützt und uns die sein lässt, die wir sind! Lach ja und auch ich habe überlegt, eine Anzeige aufzugeben: „Wahlverwandte zwecks Sippengründung gesucht“. Immerhin werden mein ebenfalls überwiegend matriarchal denkender Partner und ich im Mai (2011) zum Matriarchtskongress nach St. Gallen in die Schweiz fahren, um mehr darüber zu hören und Gleichgesinnte kennen zu lernen!

  • Sylvia sagt:

    Wie gut kann ich verstehen, was die Autorin beschreibt. Denn ich hatte das Glück, schon jung meine Wahlverwandtschaft zu finden, ohne danach gesucht zu haben. Ich hatte und habe einen innigen Bezug zu meinen Freunden und deren Kindern. Die Kinder sind mittlerweile beide Mitte Zwanzig und meine Wahlverwandtschaftt besteht seit nun fast 30 Jahren. Es war eine so schöne Zeit, als die Kinder heranwuchsen und was wir da erlebt haben, trägt bis heute hinein und verbindet uns auch für die Zukunft. Wir waren einfach alle in einer fünffachen win-win-Situation, wie man heute sagen würde.
    Und ich habe schon oft gedacht, wie schön es für mich war, daß meine Freunde gerne „geteilt“ haben und es keine Abgrenzung gab. Wir hatten und haben alle ein großes Vertrauen zueinander und es hat einfach gepasst.
    Und wenn wir heute alle zusammenkommen, ist es jedesmal wie ein großes Fest. Das ich einen ganz besonderen Draht zu dem Zweitgeborenen habe, führte nie zu irgendwelchen Schieflagen, denn es war immer für jeden und jede genug Aufmerksamkeit und Liebe da.

    Ich kann das nur empfehlen, muß aber auch sagen, es ist ein Glück so etwas vom Leben geschenkt zu bekommen. Suchen, um fündig zu werden … ich weiß nicht, ob das funktionieren kann. Aber einen Versuch ist es ganz sicher wert.

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