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Rubrik denken

Das wandelbare Gesicht der Hysterie

Von Christina von Braun

Von der Hysterie zur Anorexie

Hysterie1Das Abendland kennt nur zwei Mächte, die aus dem Nichts sichtbare Wirklichkeit zu schaffen vermögen. Das eine ist der liebe Gott, das andere die große ‚Frauenkrankheit’ Hysterie. Beide lassen aus Worten und ohne organische Substanz materielle, physische, sichtbare Wirklichkeit entstehen. Aber während in diesem Schauspiel die eine Seite die Rolle des Meisters einnimmt, der über den Verlauf der Geschichte bestimmt, spielt die andere die Rolle der Närrin, die ihrem Herrn ein verzerrtes Spiegelbild seiner Macht entgegenhält. Natürlich war die Närrin in diesem Bühnenstück keine ebenbürtige Partnerin. Aber sie brachte zumindest Unordnung in die saubere Welt von Eindeutigkeiten, die der logos spermaticos zu begründen versuchte. Deshalb wurde sie auch immer als die Krankheit der Lüge und der Verlogenheit bezeichnet. Otto Weiniger sagte es deutlich: „Die Hysterie ist die organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes.“[i] Sie sei eine „lächerliche Mimicry der männlichen Seele, eine Parodie auf die Willensfreiheit“.[ii] Eben weil sie ein Zerrbild und eine Lüge ist, gibt die Hysterie aber auch Aufschluß über die ‚Normalität’ und Wahrheit, der sie gegenübergesellt wird. Durch die Brille hysterischer Zweideutigkeit gesehen, eröffnen sich ungewöhnliche Perspektiven auf die abendländischer Geistesgeschichte. Deshalb gab es auch keine Disziplin abendländischen Denkens – ob es sich um die Medizin oder die Philosophie, die Theologie oder die Psychologie, die Naturkunde oder Literatur und Kunst handelt – die nicht irgendwann Interesse für Hysterie bekundet hat. Man vermutete in ihr ein ‚Geheimnis’, eine Innovation. Zugleich diente sie der Definition der Norm, die der Anomalie – des Ungesetzlichen – bedarf, um sich selbst benennen zu können. So wie die Reinheit die Unreinheit braucht, um sagen zu können, was rein ist, bedarf auch die Logik der Hysterie, um ihre Normalität und Gesetzlichkeit festzulegen.

Geschichte der Hysterie

Über rätselhafte Erscheinungsformen des weiblichen Körpers berichten schon einige Fragmente altägyptischer Papyrusschriften.[iii] Das Krankheitsbild verweist dort auf den Bereich des Magischen oder sogar des Heiligen. Zur Krankheit wird die Hysterie erst in der griechischen Antike, mit dem corpus hippocraticum, wo der Begriff der ‚Hysterie’ zum ersten Mal auftaucht. Es ist übrigens der älteste Begriff unseres medizinischen Vokabulars. Das Wort ist eine Ableitung vom griechischen Wort für Gebärmutter: hystera. Die Antike hatte die Vorstellung, daß eine Reihe von Symptomen, die bei Frauen auftauchten, von der Gebärmutter ausgehen müßten. Zu den typischen hysterischen Symptomen gehören: ekstatische Körperverrenkungen und -krämpfe, gehören Lähmungserscheinungen, die einen Teil oder die Gesamtheit des Körpers befallen, gehören Erstickungsanfälle, der völlige oder partielle Verlust der Sprachfähigkeit. (Die berühmte Anna O. zum Beispiel, deren Behandlung Ende des letzten Jahrhunderts zur Geburt der Psychoanalyse führte, wurde unfähig, ihre Muttersprache zu sprechen, konnte sich aber noch perfekt auf Englisch und Französisch verständigen.[iv]) Zu den Erscheinungsformen der Hysterie gehören weiter: Unsicherheiten beim Gehen und Stehen, die Empfindungslosigkeit der Haut, der teilweise oder völlige Verlust des Sehvermögens … und noch viele andere, sehr unterschiedliche Symptome, denen durchweg zwei Merkmale gemeinsam sind: Erstens läßt sich keine organische Ursache für die Symptome ausmachen, und zweitens können diese ebenso schlagartig wieder verschwinden, wie sie auftauchen. Es blieb Freud überlassen, nachzuweisen, wie eng diese  Symptome mit Sprache, Symbolik und allgemeinen kulturellen Phänomen zusammenhängen.

Der Zusammenhang zwischen Kultur und Krankheit gilt aber nicht nur für die Hysterika, sondern auch für die Nosologie, d.h. für die Deutungsmuster, die jedes Zeitalter über die sogenannten Frauenkrankheiten entwickelte. Rückblickend lassen sich diese verschiedenen Deutungsmuster ihrerseits wie die Metaphern eines Wunschbildes lesen, das seiner allmählichen Realisierung entgegenstrebte. In den Erklärungsmustern für die Hysterie offenbart sich das Wunschbild eines Wissens, das – wie Gott – durch das Wort materielle Wirklichkeit zu erschaffen vermag. Dieses Wunschbild kommt in der Hysterietherapie selbst zum Ausdruck.

Geschichte eines Wunschbildes

Die Antike hatte die Vorstellung, daß die Symptome der Hysterie mit einer Nicht-Befriedigung des Geschlechts- oder Muttertriebes zusammenhingen. Interessant am Deutungsmuster der Antike ist die Tatsache, daß sich die Ärzte die Gebärmutter als ein von der Anatomie der Frau unabhängiges Organ vorstellten. Manche vertraten sogar die Ansicht, daß es sich um ein Tier im Körper der Frau handle, das manchmal rastlos zu wandern beginne. Dabei verstopfe es die Blutbahnen und Atemwege und verursache somit die Lähmungs- und Erstickungsanfälle der Befallenen. Dementsprechend sah auch die Therapie aus: Durch üble Gerüche, die der Nase der Patientin zugeführt wurden, versuchte man, das Tier – oder die wandernde Gebärmutter – von oben zu verscheuchen; und durch gute Gerüche, mit denen die Geschlechtsteile eingerieben wurden, ja sogar durch die Verschreibung von Geschlechtsverkehr und Mutterschaft bemühte man sich darum, das Tier wieder nach unten zu locken. Diese Metapher einer wandernden Gebärmutter – in der die Antike freilich keine Metapher, sondern eine physiologische Erklärung sah – besagt einiges über die historischen Wunschbilder der Zeit. Die Vorstellung einer Gebärmutter, die als Fremdköper in der Frau haust, offenbart das Wunschbild, daß die Gebärmutter, und mit ihr die Entscheidungsgewalt über die Fortpflanzung, aus dem Körper der Frau herauszulösen sei. Daß die Gebärmutter also nicht nur wandern, sondern auch auswandern kann. Der Entzug von Sprache und Kultur – das Kulturverbot für Frauen – ist wiederum die Voraussetzung dafür, den Körper der Frau einer Fremddefinition zu unterwerfen.

Diese Erklärungsmuster – oder Wunschbilder – über die Ursachen der hysterischen Symptombildung entstanden beinahe zeitgleich mit dem ersten utopischen Gesellschaftsentwurf des Abendlandes, Platons ‚Staat’. Platon schuf das Urmodell aller Phantasien, daß die gesellschaftliche Wirklichkeit mithilfe von Logik und Wissenschaftlichkeit  ‚verbessert’ werden könne. Sein Entwurf siedelt sich im Nirgendwo an und wurde als Denkmöglichkeit begriffen – als Idee, daß die sichtbare Wirklichkeit nach rationalen, berechenbaren, menschengeschaffenen Gesetzen umgestaltet werden könne. Seine ‚Denkmöglichkeit’ verwandelte sich im Verlauf der abendländischen Geschichte zunehmend in eine Vorstellung von Machbarkeit. Wie tief das Denken Platons nicht nur die Philosophie sondern auch die soziale und politische Wirklichkeit beeinflußt hat, sei an einem einzigen Beispiel dargestellt: In seinem ‚Staat’ fordert Platon, daß die menschliche Fortpflanzung einer rationalen Planung der Auslese und Züchtung unterworfen werde und daß nur die ‚Besten’ das Recht erhalten sollten, Nachkommen zu zeugen. Auch sollten die Säuglinge der ‚Besten’ von ihren Müttern getrennt und von staatlichen Ammen aufgezogen werden, damit sie ganz dem Staate gehörten.[v] Für die Kinder, die aus einer unkontrollierten Zeugung von minderwertigen Mitgliedern der Gesellschaft hervorgingen, sah Platon die Aussetzung vor. Dieser utopische Entwurf, hinter dem die Phantasie einer Verbesserung des Schöpfungsaktes durch Beherrschung und Planung nach den Gesetzen der Logik stand, wurde im 20. Jahrhundert sowohl durch die nationalsozialistische Rassenpolitik als auch durch die moderne Gentechnologie in die Wirklichkeit umgesetzt, zum Teil wortwörtlich. Die Nationalsozialisten beriefen sich ausdrücklich auf Platon in ihrer Rassenpolitik.[vi]

Eine ähnliche, seine historische Verwirklichung einfordernde Wirkungsmacht entwickelte auch das Wunschbild von der wandernden Gebärmutter. Dem christlichen Mittelalter galten die Erstickungsanfälle, Lähmungserscheinungen oder die Empfindungslosigkeit des weiblichen Körpers als untrügliche Zeichen der Besessenheit durch den Teufel. Hatte die Antike das ‚Tier’ in der Gebärmutter angesiedelt, so war es nun der Teufel, der diese Funktion übernahm und der in den vielen Darstellungen auch oft tierische oder halbtierische Gestalt annahm. Diesen Teufel galt es ‚auszutreiben’ aus dem Körper der Frau, und zwar mit aller Gewalt. Hier werden Wunschbild und Therapie ganz handgreiflich: Es erscheint nicht nur denkbar, sondern sogar möglich, die Gebärmutter aus dem Körper der Frau herauszulösen.

In der Renaissance tauchte wieder die weniger gewalttätige Vorstellung der Antike auf, laut der die Hysterika ein unbefriedigtes Tier oder Organ in ihrem Körper habe. Paracelsus und Rabelais, die zu den Haupttheoretikern dieses Krankheitsbildes gehören, begannen aber auch schon auf die Zusammenhänge zwischen den Symptomen und kulturellen, bzw. sprachlichen Entwicklungen hinzuweisen. Damit geben sie dem Prozeß eine neue Stoßrichtung, die die Gebärmutter bei ihrer Wanderung weiter nach oben führen wird. In den drei bis vier folgenden Jahrhunderten setzt sich zunehmend die Vorstellung durch, daß die hysterische Erkrankung weniger im Unterleib als im Kopf der Frau ihren Ursprung habe. Die Theoretiker sprechen zunächst noch vom Nervensystem, bis im l9. Jahrhundert die Vorstellung aufkommt, daß es sich bei der Hysterie um eine Symptombildung der Psyche handle. Das heißt, betrachtet man den Verlauf des hysterischen Krankheitsbild von der Antike bis ins Industriezeitalter, so konstatiert man, daß es eine Verlagerung der Ursache – und mit ihr des phantasierten Fremdkörpers – ‚nach oben’ gegeben hat: Gegen Ende des l9. Jahrhunderts – besonders deutlich mit der Geburt der Psychoanalyse – ist die Gebärmutter ganz oben, im Kopf angelangt, wo sie sich in Worte und Symbole verwandeln und als solche den Leib der Frau (endlich) verlassen kann.

Eben das geschieht in mehrfacher Hinsicht: Ein Symptom ist natürlich die Entstehung der Psychoanalyse. Aber es gibt auch andere. Im Verlauf des l9. Jahrhunderts verfügt die Wissenschaft endlich über eine genauere Kenntnis der Zeugungsvorgänge: um 1830 wird der Eisprung entdeckt; um 1875 verschafft eine verbesserte Mikroskopiertechnik eine genaue Kenntnis der Vorgänge bei der Verschmelzung von Sperma und Eikern. Dieses Wissen, nunmehr berechenbar, in Worten und Formeln faßbar, wird für die Eugeniker zum Leitgedanken einer Herrschaft über die Erzeugung – und Manipulation – neuen Lebens. Um es in einem paradigmatischen Bild auszudrücken: Mit der Moderne verwandelt sich die Gebärmutter in eine Art von Sprechblase, die (etwa als genetischer Code) den Körper der Frau verlassen und im Labor ihre neue Heimat finden kann. Auch in der Therapie verwandeln sich die hysterischen Symptome in Worte: Freud kann plötzlich den Zusammenhang herstellen, zwischen der Gesichtsneuralgie seiner Patientin Cäcilie M. und einer Bemerkung ihres Mannes, die diese ‚wie einen Schlag ins Gesicht’ empfand.[vii]

Daß sich die Gebärmutter im Verlauf des 19. Jahrhunderts in eine Sprechblase verwandelt, die den Leib der Frau verläßt, zeigt sich auch daran, daß sich zeitgleich die Vorstellung durchsetzt, daß auch der Mann hysterisch werden könne. Und es sind nicht die Therapeuten, die den Mann zum Hysteriker erklären, sondern zunächst Künstler und Schriftsteller, also die schöpferischen Männer, die den Begriff und die Symptombildung der Hysterie für die Männlichkeit in Anspruch nehmen.[viii] Flaubert, Baudelaire, Mallarmé‚ und viele andere schmücken sich gerne und geradezu lustvoll mit dem Begriff der Hysterie, während die Ärzte (eingedenk des Wortursprungs der Hysterie) noch zögerten, den Begriff auf den männlichen Körper zu übertragen. Die Literaten zelebrierten die Weiblichkeit des männlichen Körpers – und sie erbrachten damit den Beweis, daß der Mann über ebenso gute, wenn nicht bessere Formen von Gebärfähigkeit verfügt als jede Frau. Und natürlich werden die ‚hysterischen Künstler’ für ihre Symptombildung nicht ins Krankenhaus gesteckt. Im Gegenteil: Ihre Hypochondrie, ihre Migränen, ihre Fallsucht und ihre Erstickungsanfälle werden als Beweis ihrer besonderen schöpferischen Begabung, ja ihrer Genialität betrachtet.

Hysterie und Geistesgeschichte

Was verbirgt sich hinter dieser historischen Entwicklung? Um allen Mißverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht etwa um den Übergang von Natur zu Kultur, wie er manchmal mit der Antike in Verbindung gebracht wird, sondern es geht um die Verwandlung eines Kulturzustandes in einen anderen, der von den Gesetzen des Alphabets geformt ist. Die Hysterie entstand mit der allmählichen Entwicklung des Alphabets, sie verbreitete sich in dem Maße, in dem sich die Denkformen, die das Alphabet schuf, durchsetzten –  und sie trat schließlich ab von der Bühne des historischen Geschehens, als die Schrift sich dem Denken selbst eingeschrieben hatte, nämlich mit der allgemeinen Alphabetisierung in den Industrieländern um 1900. An dieser historischen Schwelle verschwindet auch die Hysterie aus den psychiatrischen Krankenhäusern der Industrieländer – und zwar nur aus diesen und ohne daß jemand eine überzeugende Erklärung dafür zu geben vermochte. In demselben Moment betritt eine neue ‚Frauenkrankheit’ die Bühne des Geschehens: die Magersucht, die Symptombildung der Entmaterialisierung und der Askese, die paradoxerweise in eben jener Epoche auftaucht, die die leibliche und sexuelle ‚Gesundheit’ zur Norm erhoben hat.

Warum soll das Schriftsystem für die Geschichte der Hysterie eine solche Rolle gespielt haben. Ich will versuchen, die Antwort zu skizzieren. Unser Schriftsystem – das volle Alphabet entstand in Griechenland, also der Heimat von Platon und Hippokrates, von Wissenschaft und Logik um 800 vor unserer Zeitrechnung. Dieses Schriftsystem unterscheidet sich von anderen dadurch, daß es Laute – Phoneme – in visuelle Zeichen überführt. Das hat zur Folge, daß die gesprochene Sprache, auf Papyrus verewigt, dem Körper entrissen wird. Indem sich die Sprache vom sprechenden Körper löst, befreit sie sich auch vom Gesetz der Sterblichkeit, dem dieser unterliegt. Ein Gedicht, ein Gedanke oder ein Gesetz, auf Papier festgehalten, überlebt auch dann, wenn der Mensch, der dieses Gedicht, diesen Gedanken oder dieses Gesetz formuliert hat, schon längst verstorben ist. Diese Zweiteilung in sterbliche Sprache und unsterbliche Schrift hat zu tiefen Umwälzungen im Abendland geführt: Es entstanden die Geschichtsschreibung (ein Denken in fortlaufender Zeit), der Gesetzeskodex (als höchste Instanz) und eine Wissenschaft, die nach Logik und Eindeutigkeit verlangt. Und es entstand eine neue symbolische Geschlechterordnung, für die die Hysterie ein Ausdruck ist .

Geschriebene Körper

Die Veränderungen, die das griechische Alphabet bewirkte, bestanden einerseits in der Abstraktion vom Sichtbaren – das utopische Modell Platons, das ich schon erwähnte – andererseits aber auch in der Sichtbarmachung des Abstrakten. Sie lassen sich mit sechs Punkten charakterisieren (die in verschiedenen Epochen von unterschiedlicher Bedeutung waren):

1. das Denken in einer Sprache, die für ihre Vermittlung keines lebendigen Leibes, keines sprechenden Körpers bedarf. In diesem Sinne nennt Sombart die Schrift „die Sprache des Abwesenden“.[ix]

2. Der eng damit verbundene Glaube an die Existenz eines unsterblichen Geistes;

3. Die davon abgeleitete Hoffnung auf menschliche Unsterblichkeit. Will der Mensch die Sterblichkeit überwinden, so muß er werden wie die Schrift: Er muß zum ‚Abwesenden’ werden und einen ‚verklärten Leib’ annehmen. Das ist einer der Gründe dafür, daß – etwa in einem Hollywood-Film – das männliche Geschlecht nie zu sehen ist. Der Phallus kann nur als ‚entleibter’ seine Macht ausüben. Nimmt er einen Leib an – wird er sichtbar – so verliert er seine Potenz.

4. Das Phantasma eines unsterblichen Geistes führte zur Vorstellung einer Überlegenheit des Geistes über die sichtbare, sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit. Davon leitet sich die für das Abendland charakteristische Dichotomie zwischen Geist und Materie, Kultur und Natur ab.

5. In dieser Dichotomie wurde der weibliche Körper zum Symbolträger menschlicher Naturbestimmung, damit auch der Vergänglichkeit. Er repräsentierte die gesprochene Sprache – und folgerichtig nannten die Gelehrten des Mittelalters die regionalen Mundarten auch ‚Muttersprache’, während sie die geschriebenen und lateinischen Texte als ‚Vatersprache’ bezeichneten. (Ich erinnere hier an die ‚Gebärmutter’ und ihre Rolle in der Geschichte der Hysterie). D.h. die Gegensätzlichkeit von Geist und Materie, die vorschriftlichen Gesellschaften fremd ist, suchte in der sichtbaren Geschlechterdifferenz ihr Spiegelbild; sie diente der Biologisierung oder Naturalisierung einer imaginären Zweiteilung zwischen Schrift/Geist einerseits und Mündlichkeit/Körperlichkeit/ Sterblichkeit andererseits. Aus diesen Zuschreibungen – ‚männliche Geistigkeit’ und ‚weibliche Körperlichkeit’ – sollte sich das Kulturverbot für Frauen entwickeln, das für die Geschichte der Geschlechterverhältnisse wie der hysterischen Symptombildung von eminenter Bedeutung ist: Die Hysterie – mit ihren sprechenden Symptomen – ist die Repräsentationsgestalt dieser  ‚Verweiblichung’ der gesprochenen, an den Leib gebundenen Sprache.

6. Schließlich entstand durch das Alphabet auch das Phantasma, daß die Heilsbotschaft der Vergeistigung ihre Erfüllung finden wird, wenn die sichtbare Wirklichkeit nach den Gesetzen des Logos, die die Unberechenbarkeit und den Zufall ausschließen, gestaltet ist – wenn also das göttliche Wort Fleisch geworden ist.

Während einige der zuerst genannten Charakteristika auch auf andere Schriftkulturen zutreffen, ist dieser letzte Aspekt – der sich auch als Materialisierung des Zeichens umschreiben ließe – bezeichnend für das christliche Abendland. Das hängt mit dem griechischen Alphabet zusammen, in dem die Zeichen nach ihrer Rematerialisierung verlangen. Am deutlichsten wird das durch den Vergleich mit dem semitischen Alphabet, das einige Jahrhunderte vor dem griechischen entstand. Das semitische Alphabet schreibt nur die Konsonanten, mit der Folge, daß dieses Schriftsystem nur lesen konnte, wer auch die Sprache beherrschte. Das hatte zur Folge, daß sich ein Nebeneinander von gesprochener und geschriebener Sprache erhielt, das bis in die religiöse Praxis hinein eine wichtige Rolle spielt. Das griechische Alphabet hingegen mit seiner vollen Erfassung der gesprochenen Sprache führte zu einer Konkurrenz von Schriftlichkeit und Mündlichkeit, und das hatte einerseits die schon erwähnte Abwertung des flüchtigen, gesprochenen Wortes gegenüber dem ‚ewigen’ geschriebenen Gedanken zu Folge; andererseits beinhaltete dieses Verhältnis aber auch die allmähliche Gestaltung der gesprochenen Sprache nach den Gesetzen und der Logik des Geschriebenen. Die Geschichte der griechischen und in seiner Nachfolge lateinischen und christlichen Gesellschaft läßt sich lesen als historischer Prozeß, in dessen Verlauf das gesprochene Wort allmählich nach den Gesetzen des geschriebenen geordnet und gestaltet wurde: ein Prozeß, der sich mit der Erfindung des Buchdrucks rasant beschleunigte und um 1800, parallel zum Beginn einer allgemeinen Alphabetisierung eine allmähliche Ununterscheidbarkeit von Mündlichkeit und Schriftlichkeit herbeiführte. Die Mündlichkeit floß allmählich in die geschriebene Sprache ein und wurde von dieser ‚assimiliert’. Christus als das ‚Fleisch gewordene Wort’ ist die Symbolgestalt dieses Grundverhältnisses von Schrift und Sprache, Geist und Materie im Abendland.

Und die Hysterie? Der hysterische Körper, bei dem sich Worte in Symptome verwandeln, stellte eine getreue Wiedergabe dieser symbolischen Geschlechterordnung dar. Andererseits unterwanderte er diese aber auch. Denn wie Christus, der Mensch und Gott zugleich ist, verfügt auch der hysterische Körper über eine ‚doppelte Natur’: es gibt einerseits seine Einbildungen und Imaginationen, andererseits setzt er diese aber auch in reale Symptome um, vergleichbar dem Akt der Verwandlung bei der Transsubstantiation. Ist Christus ‚das Fleisch gewordene Wort’, so erschuf die Hysterie allein durch die Macht des Wortes reale Symptome: Krämpfe, Erstickungsanfälle, die völlige oder partielle Erblindung, den Sprachverlust.[x] Sie schien also über eine Definitionsmacht zu verfügen, die eigentlich dem Männlichen zugeordnet wurde – zugleich galt sie aber als typische Frauenkrankheit

Zeichen und Fleisch

Hysterie2Ich möchte an einem konkreten Beispiel darstellen, wie sich das Verhältnis von Zeichen und Körper in die Geschlechterordnung eingeschrieben hat – und ich glaube, Sie werden sehen, was dieses Verhältnis wiederum mit der Entstehung der modernen Eßstörungen um 1900 zu tun haben könnte. Ich behaupte nicht, daß dieses Verhältnis von Zeichen und Fleisch die einzige Möglichkeit ist, die  Geschichte der Geschlechterordnung im Abendland zu lesen. Es ist eine unter vielen – allerdings eine zentrale. Das Beispiel, an dem ich dieses Verhältnis darstellen möchte, besteht aus den Parallelen zwischen der Geschichte des Geldes und der Geschichte der Prostitution, die sich wie Spiegelbilder zueinander verhalten.

Geld heißt soviel wie ‚geprägtes Zahlungsmittel’, ist also ein Zeichensystem – das Zeichensystem schlechthin, wenn man bedenkt, für wie viele materielle Güter es zu stehen hat. Die Geschichte des nominalistischen Geldes – das heißt eines Geldes, dem ein Zeichen aufgeprägt wird, das über seinen Wert Auskunft gibt – hängt eng mit der Geschichte der alphabetischen Schriftzeichen zusammen und entwickelte sich im Anschluß an dessen Entstehung in Griechenland. Zunächst war das Geld, dessen Name (lat. pecunia) sich von ‚pecus’, lateinisch ‚Vieh’ ableitet, ein symbolischer Ersatz für das Opfer, das im Tempel dargebracht wurde. „Opfergeräte wie der Opferspieß (griech. obelós, vgl. dt. ‚seinen Obolus entrichten’) dienten vor dem 7. Jahrhundert v. Chr. den Griechen als eine Art ‚Gerätegeld’. Der ‚Opferstock’ entwickelte sich aus dem sakralen Getreidespeicher (griech. thesaurós). Noch das deutsche Wort ‚Geld’ leitet sich von althochdeutsch gelt = ‚Götteropfer’ her.“[xi]

Dieses Geld hatte nichts mit den Prägestempeln zu tun, die auf Edelmetalle gesetzt wurden, um deren Wert oder Gewicht zu beglauben. Das Zeichen auf dem griechischen Geld war ein reines Zeichen, die Münze, auf der dieses Zeichen geprägt wurde, bestand oft aus Silber, aber hatte nicht notwendigerweise einen Wert, der dem Zeichen entsprach. Der Wert, der der Münze zugewiesen wurde, bestand in der Gleichsetzung des Zeichens mit dem Opfertier, also letztlich einer durch die Götter beglaubigtem Wert. Diese Beglaubigung sollte später auch die Nähe von Credo und Kredit ausmachen. Erst in Griechenland wurde das Geld zu einem gesetzlich festgelegten Zahlungsmittel, das, so wie auch das geschriebene Gesetz Instanzcharakter hat, der von einer Autorität verliehen wird.  In dieser Fassung sollte das Geld alsbald den Tempel verlassen und in das allgemeine staatliche und private Tauschgeschäft übergehen (Hinweis Laum)

Auch die Prostitution nahm ihren Ausgang vom Tempel. Im Gegensatz zur verbreiteten Ansicht, daß es die Prostitution schon immer gegeben habe – „das älteste Gewerbe der Welt“ – betonen neuere historische und sozialwissenschaftliche Theorien, daß die Prostitution ein historisches Phänomen sei, das in geldlosen und genossenschaftlich organisierten Stammesgesellschaften unbekannt ist. Die weibliche, gelegentlich auch männliche sakrale Tempel-Prostitution entwickelte sich ab dem 14. Jh. v. Chr. Die sakrale Prostitution war besonders unter den Völkern des Mittelmeerraums und des Vorderen Orients verbreitet und Bestandteil von Fruchtbarkeitskulten. Die profane Prostitution des Altertums stellte wiederum eine Weiterentwicklung der rituellen Formen der religiös-geschlechtlichen Hingabe dar – und sie verließ zeitgleich mit dem Geld den Tempel, um eine Bedeutung außerhalb des Opferkultes anzunehmen. Im 7. Jahrhundert v. Chr., als in Griechenland die ersten Silbermünzen geprägt wurden, begann die Prostitution so zu florieren, daß Solon im Jahre 594 v. Chr. in Athen die ersten staatlich lizenzierten Bordelle einrichtete, in denen Sklavinnen für die Sexualbedürfnisse der Bevölkerung zur Verfügung standen. Die Aufsicht über die Bordelle oblag Beamten, die – wie bei der Münze auch – die Preise kontrollierten und die Gewerbesteuer einzogen.[xii]

Im Rom, wo die Münzwirtschaft bestimmend war, gab es zur Kaiserzeit 46 Bordelle. Das Gewerbe galt als ebenso unehrenhaft wie es verbreitet war. Wie schon in den griechischen  Stadtstaaten war den freien männlichen Römern  (nicht den freien Römerinnen) die Ausübung der Prostitution bei höchster Strafe untersagt. Diese geschlechtsdifferenzierende Regel läßt sich so interpretieren, daß der männliche Körper das Zeichen auf der Münze repräsentierte, während der weibliche Körper den materiellen Gegenwert zu diesem Zeichnen symbolisierte. Das entsprach der vorher schon beschriebenen Geschlechterdifferenzierung, die das Alphabet geschaffen hatte – zwischen dem männlichen Körper, der die (unsterblichen) Zeichen der Schrift – und mithin Rationalität und Geistigkeit repräsentierte, während der weibliche Körper zur Symbolgestalt der gesprochenen Sprache und Leiblichkeit wurde. So auch in der Prostitution: Der sexuelle Leib wurde zur Inkarnation der abstrakten Geldzeichen.

Je mehr sich die Geldwirtschaft ausbreitete, desto wichtiger wurde auch die Prostitution. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs und während der ersten Jahrhunderte des Christentums zirkulierten nur wenige Münzen. Doch nachdem sich die Kirche europaweit etabliert hatte, also ab etwa 1200, begann nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Prostitution erneut zu blühen. Mit der Entwicklung der Städte und des Geldwesens nahm sie kontinuierlich an Umfang zu und erreichte im 15. Jh. ein Ausmaß, das demjenigen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jh. entsprach. Ab dem 13. Jahrhundert bildete sich die Institution des ‚Frauenhauses’ heraus, die zunächst privat, dann auch zunehmend von den Städten und sogar dem Klerus betrieben wurden. In dieser Zeit schufen die Städte einen wertbeständigen, überregionalen ‚ewigen Pfennig’, der die verschiedenen regionalen Münzen ersetzte und eine Ausbreitung des Handels ermöglichte.. Dieser Entwicklung des Geldwesens war in der Kirchenlehre die Verkündung der Transsubstantiationslehre (1215) vorausgegangen. Und so wie in dieser Lehre aus einem Symbol (Hostie und Wein) Fleisch und Blut wurde, schien auch die Prostitution den Beweis dafür zu erbringen, daß der homo oeconomicus über ähnliche Fähigkeit verfügte, Wunder zu bewirken, wie der Priester vor dem Altar.

Je mehr das Geld abstrakten Charakter annahm, desto wichtiger wurde die käufliche Sexualität. Ab dem 14. Jahrhundert entwickelte sich der bargeldlose Verkehr mit seinen Wechsel, Schecks und Endossamenten, im 17. Jahrhundert führte Schweden das erste Papiergeld ein, eine Neuerung, die freilich erst später, nach dem Ersten Weltkrieg, allgemeine Bedeutung erlangt: Damals wurde mit dem Zusammenbruch der Goldwährungen die Bindung des Papiergeldes an das Gold aufgegeben; danach begannen Papierwährungen zu zirkulieren.

Diese allmähliche Verlagerung des Geldes zum reinen Zeichen wurde begleitet von einer Ausbreitung der Prostitution, die in den Städten der Industrieländer Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem Massenphänomen wurde. Damit begannen Zuhälter wie Menschenhandel eine wichtige Rolle zu spielen. Der Zuhälter wurde zur Wechselstelle, an der der Körper gegen das Zeichen getauscht wurde und dieser sich in eine ‚lebende Münze’ verwandelte. Das 20. Jahrhundert beschleunigte die Entwicklung noch: Mit der Herausbildung des weltweit notierten elektronischen Geldes begannen die Industrieländer Frauen und Kinder aus der dritten Welt zu importieren; es entstanden die international operierenden Zuhälterringe. Zugleich setzte ein weltweit florierender Sextourismus ein: in die Philippinen, nach Thailand, Lateinamerika oder Afrika. Zusammenfassend: Es läßt sich eine historische Linie erkennen, in der sich das Geld und die Prostitution wie Spiegelbilder zueinander verhalten. Die Entwicklung der ‚profanen Prostitution’ wird lesbar als ein groß angelegter Versuch, dem Geld, abstraktes Zeichen schlechthin, eine quasi-physiologische, zeugende und sexuelle Macht zu verleihen: Die käufliche Sexualität soll den Wert des immateriellen Geldes ‚beglaubigen’ – so wie das Geld schon in seinem Ursprung durch den Priester als Opferwert ‚beglaubigt’ wurde.

Kommen wir nun zurück zur Hysterie. Ich sagte am Anfang: Neben Gott vermag nur die Hysterie aus dem Nichts Wirklichkeit zu erschaffen. Mit seiner zunehmenden Abstraktion oder Zeichenhaftigkeit begann aber auch das Geld über dieses Vermögen zu verfügen. Und siehe da, das Geld begann, sich hysterische Eigenschaften zuzulegen. Ist es ihre Fähigkeit zur vollendeten, d.h. die Natur nachahmenden Simulation, die die Aufmerksamkeit des homo oeconomicus auf die Hysterie lenkte? Ist es die Macht des hysterischen Körpers, aus der Einbildung materielle Wirklichkeit zu erschaffen, die eine solche Faszination auf ihn ausübt, daß der Markt nach den Grundsätzen der Hysterie funktioniert? Der Börsen-Guru Andras Kostolany hat einmal gesagt: „Der Teufel hat die Börse erfunden, damit der Mensch glaubt, daß er, wie Gott, aus dem Nichts etwas erschaffen könne.“ Ob der Teufel seine Finger im Spiel hatte, werden wir nie erfahren. Aber daß seine alte Komplizin, die Hysterie, deren Symptome lange als Zeichen von Besessenheit gelesen wurden, bei der Erfindung der Börse Modell gestanden hat, dafür spricht einiges. Anfang des 20. Jahrhunderts begannen die großen hysterischen Anfälle aus den Krankenhäusern der Industrieländer zu verschwinden – aus Gründen, für die es bisher keine plausible Erklärung gibt. Könnte es nicht sein, daß die Hysterie damals an die Börse gegangen ist? In dem Maße, in dem die Hysterie als ‚Frauenkrankheit’ aus den Praxen verschwand, setzen ihre großen Auftritte auf dem Geldmarkt ein. Je abstrakter das Geld wurde, je mehr es sich in Papier und elektronisch zirkulierende Zeichen verwandelte, desto dramatischer wurden ihre Inszenierungen. Mit ihren schlechten Launen und grandiosen Hochstimmungen, mit ihrer Fähigkeit, freudiges Herzklopfen oder Depression zu bereiten, mit ihren zerrütteten Nerven und ihren nervösen Spannungen, mit ihrer Suggestibilität und ihrer synchronen Erregungszuständen verwirklicht die Börse das, wofür die eingebildeten Symptome der Hysterika nur eine Verheißung waren. Sie schafft eine Konsensgemeinschaft in jeder Bedeutung des Wortes: eine Gemeinschaft der Sinne, in der sich die Anleger ebenso unberechenbar wie einmütig verhalten. Die Börse hat die Erbschaft der alten Hysterika angetreten, aber sie agiert nicht mehr im einzelnen Frauenleib, sondern im Kollektivkörper eines globalen Nervensystems: endlich ein echter globus hystericus, der seinen Namen verdient![xiii] Mit ihrer lustvollen Spekulation auf Wertpapiere, die durch keine Produktionsmittel gesichert sind, hält sie fest an den Prinzipien der alten Hysterie mit ihren Symptomen ohne organische Ursache dar. Nur die Hysterika und die Börse bringen es fertig, ‚ein bißchen schwanger’ zu sein. Doch mit ihrer zuverlässigen Unberechenbarkeit, mit ihren Scheinschwangerschaften – bei der sich hohe Werte und ganze Märkte als Spekulationsblasen erweisen – repräsentiert die Börse nicht etwa die alte ‚Krankheit’, sondern die perfekte Umsetzung aller Phantasien von der realitätserzeugenden Macht der Zeichen. Die Börse ist zu dem Ort des modernen Konversionssymptoms geworden – und es geht dabei auch um die geschlechtliche Konversion: Ein ‚männliches’ Zeichen versieht sich mit der Simulationsfähigkeit einer ‚weiblichen Natur’. Und der leibliche Beleg dieser Materialisierungsfähigkeit ist die Prostitution. Laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht geht die EU-Kommission davon aus, daß heute jährlich 500 tausend Frauen und Kinder mit dem Ziel der sexuellen Ausbeutung in die Mitgliedsländer der Europäischen Gemeinschaft gelangen.[xiv]

Massenhysterie

Die Verlagerung der Hysterie in den öffentlichen Raum ist nicht etwa meine Erfindung. Sie läßt sich an der Begriffsgeschichte selbst festmachen. Mit dem frühen 2o. Jahrhundert setzt sich allmählich der Begriff der Massenhysterie durch. In der Nosologie ist nun die Rede davon, daß die Hysterie die Krankheit der Ich- und Willenlosigkeit sei. Hysterische seien suggestibel und legten sich, mangels eines ‚wirklichen’ Ichs, ein Pseudo-Ich zu, das von den Bildern der Außenwelt übernommen worden sei.[xv] Ein solches Erklärungsmuster für die Hysterie steht in völligem Gegensatz zu allen Deutungsmustern der Vorzeit. War die Hysterie einst als die Krankheit der Unangepaßtheit, der Verweigerung von ‚Normalität’ gesehen worden, so wird sie nunmehr als Krankheit der Überangepaßtheit interpretiert, als Mangel an Fähigkeit, ‚nein zu sagen’, gedeutet. Das 2o. Jahrhundert wird zum großen Zeitalter der Massenhysterie, der freiwilligen, ja lustvollen Unterwerfung des Ichs unter das Wir – und auch dieses Bild ist keineswegs geschlechtsneutral.In demselben Jahr, in dem Freud und Breuer ihre ‚Studien zur Hysterie’ veröffentlichen, publiziert Gustave Le Bon in Frankreich sein Buch zur ‚Psychologie der Massen’, in dem er die „psychologische Masse“ als „ein unbestimmtes Wesen“ beschreibt.[xvi] Wie der Begriff des ‚unbestimmten Wesens’ zeigt, der an Freuds ‚schwarzen Kontinent’ erinnert, ist auch dieses Bild des Gesellschaftskörpers mit Sexualbildern aufgeladen. Hatte der Physiologe Rudolf von Virchow erklärt: „Alles, was wir an dem wahren Weibe Weibliches bewundern und verehren, ist nur eine Dependenz der Eierstöcke,“[xvii] so schreibt Le Bon:

„die Masse (wird) beinahe ausschließlich vom Unbewußten geleitet. Ihre Handlungen stehen viel öfter unter dem Einfluß des Rückenmarks als unter dem des Gehirns. Die vollzogenen Handlungen können ihrer Ausführung nach vollkommen sein, da sie aber nicht vom Gehirn ausgehen, so handelt der einzelne nach zufälligen Reizen.[xviii]

Gustave Le Bon setzt die Masse ausdrücklich mit dem Weiblichen gleich – so wie zuvor die Kirche oder die Nation feminisiert worden waren: „Überall sind die Massen weibisch, die weibischsten aber die lateinischen Massen“.[xix]Zwar gibt es für Le Bon auch die Gestalt des ‚Führers’, aber dieser kann nur zum Führer werden, wenn er sich den Eigenschaften und der Irrationalität der ‚Masse’ anpaßt.

„Meistens sind die Führer keine Denker, sondern Männer der Tat. Sie  haben wenig Scharfblick und könnten auch  nicht anders sein, da der Scharfblick im allgemeinen zu Zweifel und Untätigkeit führt. Man findet sie namentlich unter den Nervösen, Reizbaren, Halbverrückten, die sich an der Grenze des Irrsinns finden.“[xx]

Bei Le Bon unterliegt die Masse ‚Einbildungen’, und sie ist zugleich ‚Urnatur’, verfügt über einen ‚echten’ Leib. Man sieht also deutlich, wie hier die traditionellen Beschreibungen der Hysterie – Nervosität. Irrationalität, Unberechenbarkeit, die Einbildung und deren Macht über die ‚Natur’ -vom individuellen Frauenkörper auf den kollektiven Körper übertragen werden.

Ist es unter diesen Umständen verwunderlich, daß sich die alte ‚Frauenkrankheit’ verabschiedet und neuen Verweigerungsstrategien zuwendet? Kann es verwundern, daß die ‚Krankheit des Gegenwillens“, wie Freud einmal die Hysterie nannte,[xxi] nach neuen Ausdrucksformen sucht? Die weiblichen Eßstörungen betraten in dem Moment die abendländische Bühne, als sich die hysterische Symptombildung aus den Krankenanstalten verabschiedete. Sie repräsentieren eine Symptombildung des ‚Verschwindens’ oder der Desinkarnation. Ist es weit hergeholt, einen Zusammenhang zwischen diesem Krankheitsbild der sexuellen Verweigerung und dem Frauenkörper als ‚lebender Münze’ zu sehen? Ist es unberechtigt, zwischen diesem Krankheitsbild, das wie wenig andere das Selbst – also das Individuum – ins Zentrum des Interesses rückt und der ‚weibischen Masse’ zu vermuten?

Desinkarnation

Es sind nicht so sehr die Symptome wie die ‚Kranken’, die auf die Verwandtschaft von Hysterie und Anorexie verweisen. Das gilt natürlich vor allem für die Tatsache, daß die weit überwiegende Zahl der Magersüchtigen Frauen und Mädchen sind und daß bei den wenigen männlichen Anorektikern oft eine starke Identifizierung mit Weiblichkeit konstatiert wird.[xxii] Aber die Ähnlichkeit der beiden Krankheitsbilder erstreckt sich nicht nur auf das Geschlecht, sondern auch auf das Verhältnis der anderen zu den Kranken. Den Magersüchtigen wird oft, wie einst den Hysterikerinnen, ‚böser Wille’ nachgesagt, oder sie werden als Verleugner betrachtet: „Es ist eine wohlbekannte Tatsache, daß Magersüchtige selten, wenn überhaupt, die Wahrheit sagen“, so heißt es in einem der modernen Lehrbücher über die Anorexie.[xxiii] Wie den Hysterikerinnen, so wird auch den Anorektikerinnen nachgesagt, ihre Umwelt zu „manipulieren“.[xxiv] Gleichzeitig wird ihnen ein Selbstzerstörungstrieb unterstellt.

Mara Selvini Palazzoli, die sich seit langem mit Anorektikerinnen beschäftigt, sagt ihnen eine besondere Willensstärke, Energie, Leistungsfähigkeit, Intelligenz, geistige Regheit und Aufnahmefähigkeit nach.[xxv] Andere haben die Anorektikerinnen als Menschen von „starker, explosiver, untergründiger Vitalität“ umschrieben.[xxvi] Es wird ihnen eine „leidenschaftliche wenn auch unterdrückte Liebe zum Leben“ nachgesagt.[xxvii] So scheint es schwer einzusehen, warum es ausgerechnet bei den Magersüchtigen zum „Selbstzerstörungstrieb“ oder der „Weigerung, erwachsen zu werden“, kommen soll, mit denen die Magersucht so oft erklärt wird. Der Eindruck, daß es sich bei der Anorexie vielmehr um eine Form der Selbsterhaltung handelt, verdichtet sich bei näherer Betrachtung. So schreibt Selvini Palazzoli: „Der schlechte Körper, der vom Selbst ferngehalten wird, behütet die Existenz eines guten, idealisierten, gestärkten, annehmbaren und respektierten Ichs.“[xxviii] Die „Desinkarnation“, wie drei französische Psychoanalytiker die Magersucht genannt haben,[xxix] dient also der Befreiung von einem Körper, der als schlecht und verlogen betrachtet, ja mit der „Lüge“ selbst gleichgesetzt wird. Demgegenüber gilt der verschwindende Körper als Beweis von „Echtheit“ und „Offenheit“.[xxx]

Aber handelt es sich hier nicht um die genaue Umkehrung des alten Verhältnisses, bei dem der weibliche Körper die ‚Lüge’ inkarnierte, die der unsichtbaren ‚Wahrheit’ entgegengestellt wurde? Und entspricht diese Umkehrung nicht wiederum der Umkehrung, die sich in der Geschichte des abendländischen Denkens vollzogen hat? Hatte die Hysterie um die Wahrung des ungeschriebenen Körpers gekämpft und war deshalb der Lüge bezichtigt worden, so nennt nunmehr die Magersucht als ihre Nachfolgerin den Körper, als ‚materialisiertes Zeichen’ eine ‚Lüge’. In der Anorexie spiegelt sich auch eine Verweigerung der modernen Massen- und Überflußgesellschaft wider. Das mag einer der Gründe dafür sein, daß die Eßstörungen gleichzeitig mit neuen Widerstandsformen aufkamen. Zu diesen gehört der Hungerstreik, der zum ersten Mal von den englischen Suffragetten als kollektive politische Verweigerungsart eingesetzt wurde.[xxxi] Die Verwandtschaft mit der Magersucht liegt auf der Hand. An den Suffragetten wurde, zum ersten Mal in der Geschichte des Abendlandes, die Zwangsernährung praktiziert – und wenn man heute manche Formen von Anorexietherapie betrachtet, so kann man nicht umhin, den Vergleich mit dieser Art von Fürsorge zu ziehen.[xxxii] Beide, der Hungerstreik und die Magersucht, sind Verweigerungsformen, die in früheren Zeiten sinnlos erschienen wären,[xxxiii] weil es der Körper, die Materie selbst waren, die als das zu Überwindende galten. Der Hungerstreik kann nur wirksam werden in einer Gesellschaft, die sich selbst als „Übermutter“ begreift und in der das Kollektiv ‚weibliche’ Züge annimmt – als Nation, als ‚Volkskörper’, als soziale Wohlfahrtsgesellschaft oder eben als Masse. D.h. der Hungerstreik als Waffe der innenpolitischen Auseinandersetzung breitete sich in dem Maße aus, in dem der weibliche Körper alles symbolisierte außer sich selbst. Formen von Widerstand wie Hungerstreik und Anorexie wurden erst denkbar und sinnvoll in einem Kontext, wo sie eine tatsächliche Bedrohung für das Kollektiv darstellen. So schreibt Selvini Palazzoli: „In ihrer extremsten Form – dem Hungerstreik – wird die Weigerung zu essen zu einem idealistischen Schlag für die Freiheit; zur totalen Zurückweisung der Zwänge des Stärksten durch die Schwächsten.“[xxxiv]

Es liegt mir fern, die Anorexie in irgendeiner Form zu idealisieren oder magersüchtige Frauen zu ‚Helden der Geschichte’ zu erklären. Vielmehr geht es um die Frage: Was besagt das Aufkommen einer ‚Frauenkrankheit’ wie dieser über die Gesellschaft, in der sie entsteht? Wie die Hysterie, so eröffnen auch die Eßstörungen einen anderen Blick auf die soziale Wirklichkeit – und zwar in mehrfacher Hinsicht: Die Anorexie verweist einerseits auf die historische Entwicklung, die zu den modernen Industriestaaten mit ihrem Beleibungsdogmen geführt hat – u. a. dem Dogma von der Fleischwerdung des Geldes. Sie bewahrt die Erinnerung daran, daß der Körper eine Geschichte hat. Dabei geht sie eine symbolische Allianz mit der alten Widersacherin der Hysterie ein: der Schrift, die die Erinnerung an den historischen Prozeß bewahrt, der unsere ‚geschriebenen Körper’ hervorgebracht hat. Auch so ist Selvini Palazzolis Interpretation der Magersucht zu lesen: Der schlechte Körper, der vom Selbst ferngehalten wird, behütet die Existenz eines guten, idealisierten, gestärkten, annehmbaren und respektierten Ichs…..[xxxv]

Anmerkungen

[i] Otto Weininger, Geschlecht und Charakter, 1903, 16. Aufl. 1915, S 361.

[ii] Weininger, s. 377.

[iii] vgl. Ilza Veith, Hysteria, The History of a Disease, Chicago/London 1965, S. 2-7.

[iv] Zur Geschichte v. Anna O. vgl. Ernest Jones, der als erster ihren wahren Namen (Bertha Pappenheim) enthüllte: Ernest Jones, Das Leben und Werk von Sigmund Freud, Bern/Stuttgart 1960-1962, Bd. 1, S. 266.

[v] vgl. Platon, Der Staat, in: Platon, Hauptwerke, ausgew. u. eingeleitet v. Wilhelm Nestle, Stuttgart 1973, S. 188.

[vi] Hans F.K. Günther, Platon als Hüter des Lebens. Platons Zucht- und Erziehungsgedanken und ihre Bedeutung für die Gegenwart, München: Lehmanns, 1929.

[vii] vgl. Joseph Breuer, Sigmund Freud, Studien über Hysterie (1895), Frankfurt 1970, S. 145f.

[viii] vgl. Christina v. Braun, Männliche Hysterie – weibliche Askese, zum Paradigmenwechsel der Geschlechterrollen, in: dies. Die schamlose Schönheit des Vergangenen, Frankfurt: Neue Kritik 1989, S. 50-79.

[ix] Werner Sombart, Der Moderne Kapitalismus, Berlin 1901.

[x] Zur Geschichte und Wirkungsmacht der Hysterie vgl. Christina v. Braun, Nicht ich. Logik, Lüge Libido,Frankfurt/M 1985. Neu überarbeitete Auflage Frankfurt/M 2005.

[xi] Metzler Lexikon Religion, Hg. v. Christoph Auffarth, Jutta Bernard, Hubert Mohr, Stuttgart/Weimar (Metzler) 1999, Bd. 2, S. 609.

[xii] Solon führte auch ein neues Gesetz ein, das die Trauer der Frauen und Mütter einschränkte und dem Staat vorbehielt. Durch dieses Gesetz wurde der Staat gleichsam zur ‚Mutter’ der Verstorbenen und diese zu seinen ‚Kindern’. Vgl. Nicole Loraux, Die Trauer der Mütter. Weibliche Leidenschaft und die Exzesse der Politik, a. d. Französischen von Eva Moldenhauer, Frankfurt/New York (Campus) 1990; s.a. Chr. v. Braun, Versuch über den Schwindel. Religion, Schrift, Bild, Geschlecht, Zürich/München (Pendo) 2001, 2. Kap.

[xiii] Mit dem ‚globus hystericus’ bezeichneten die Hysterietherapeuten eine Art von Erstickungsangst, die während eines hysterischen Anfalls entstehen konnte und durch den Eindruck – die Einbildung – vermittelt wurde, daß etwas im Halse stecken bleibt.

[xiv] Der Tagesspiegel 28. 5. 2004.

[xv] Vgl. z.B. Stavros Mentzos, Hysterie. Zur Psychodynamik unbewußter Inszenierungen, München: Kindler 1980, S. 61

[xvi] Gustave Le Bon, Psychologie der Massen (1895), deutsch m. einer Einführung von Helmut Dingeldey, Stuttgart (Alfred Kröner) 1973, S. 13.

[xvii] Rudolf v. Virchow, Das Weib und die Zelle, zit. n. Rosa Mayreder, Zur Kritik der Weiblichkeit, 2. Auflage, Jena/Leipzig 1907, S. 17.

[xviii] Le Bon, S. 20.

[xix] Ebda., S. 22

[xx] Ebda., S. 83.

[xxi] Sigmund Freud, Gesammelte Werke, Frankfurt: Fischer, Bd. XV, I, S. 10.

[xxii] Vgl. Mara Selvini Palazzoli, Magersucht, übers. v. Hilde Weller, Stuttgart: Klett-Cotta 1982, S. 111.

[xxiii] Ebda., S. 26.

[xxiv] Ebda. S. 44.

[xxv] Ebda. S. 48 u. 92.

[xxvi] H. Hiltmann und G. Clauser, Psychodiagnostik und aktiv-analytische Psychotherapie Jugendlicher, dargestellt an der Pubertätsmagersucht, in: Praxis der Psychotherapie, München 1961, S. 173.

[xxvii] Selvini Palazzoli, Magersucht, S. 87.

[xxviii] Ebda. S. 116

[xxix] E. Kestemberg, J. Kestemberg, J. Décobert, La faim et le corps, Paris 1972, S. 156ff.

[xxx] Selvini Palazzoli, Magersucht, S. 94.

[xxxi] Heribert Ostendorf, Das Recht zum Hungerstreik. Verfassungsmäßige Absicherung und strafrechtliche Konsequenzen, Frankfurt/M. 1983.

[xxxii] vgl. Christina v. Braun, Die Angst der Satten. Über Hungerstreik, Hungersnot und Überfluß, Filmessay: WDR 1992.

[xxxiii] vgl. Edward Shorter, The First Great Increase in Anorexia Nervosa, in: Journal of Social History, Summer 1988, S. 81.

[xxxiv] Selvini Palazzoli, Magersucht, S. 94.

[xxxv] Ebda. S. 116.

Autorin: Christina von Braun
Redakteurin: Astrid Wehmeyer
Eingestellt am: 08.02.2007

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