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Forum für Philosophie und Politik

Rubrik handeln

Für eine Kultur der Differenz

Von Astrid Wehmeyer

Neue Impulse für eine Politische Bildung für Frauen

Frau auf dem SofaWelche frauenpolitische Bildungseinrichtung kennt das heute nicht: Ständig dahin schmelzende, im besten Falle nicht gekürzte, aber auch nicht wachsende (kommunale) Fördermittel, komplexer und vielschichtiger werdende Themen und sinkende Teilnehmerinnenzahlen bei politischen Bildungsveranstaltungen. Von offizieller Seite werden immer öfter Kommentare verlautbar, vor allem die sinkenden Teilnehmerinnenzahlen seien doch positiv damit begründbar, dass die „reinen Frauenthemen“ heute eben abgearbeitet seien. Gleichberechtigung sei hergestellt, Gender Mainstream erfolgreich. Da wäre es doch nur verständlich, wenn Frauen heute nicht wie in den 1980ziger Jahren üblich gleich scharenweise zu Bildungsveranstaltungen einliefen. Der Fokus habe sich eben verlagert.

Für dieses Argument spricht, dass es immer noch im Wesentlichen Frauen sind, die Weiterbildungsveranstaltungen füllen. Aber eben „mit anderem Fokus“: Sprachkurse und Wellnessangebote wie Yoga oder Callanetics toppen die Hitlisten örtlicher VHS-Angebote, nur knapp gefolgt von Kreativ- und Kochkursen. Also alles beim Alten, Frauen in den drei K´s – Kochen, Krabbeln, Kleben – und Männer in den „wichtigen“ weil berufs- und gesellschaftsbezogenen Kursen?

Es steckt viel Häme und heimliche Genugtuung in dieser Behauptung. Scheinen die Umstände doch zu beweisen, dass Frauen sich nicht wirklich „für die Welt“ sondern doch „nur fürs Private“ interessieren, sich lieber zu Hause verstecken und was Schönes kochen statt draußen in der Welt zukunftsweisende Dinge zu bewirken.

Betrachten wir die „Umstände“ aber genauer, so bleibt nur ein Tatbestand als wirklich zutreffend übrig: Die Bedürfnisse von Frauen hinsichtlich Weiterbildung haben sich verändert. Diesem Umstand muss sich jede frauenpolitische Bildungseinrichtung stellen, wenn sie nicht an den real existierenden Frauen vorbei Angebote entwickeln und wieder einstampfen will. Wobei wir bei der Gretchenfrage wären: Was wollen die Frauen denn heute (lernen)?!

Ganz offensichtlich interessieren sich Frauen heute für Angebote, die sie selbst und den Menschen als Ganzheit in den Mittelpunkt stellen. Sie interessieren sich für ihren Körper und dessen Wohlbefinden. Sie suchen Anregung bei der Bewältigung von Erziehungs- und Partnerschaftsfragen. Sie möchten die Welt sehen und sie mit anderen Augen wahrnehmen. Die Entfaltung ihrer Persönlichkeit und eine reife spirituelle Suche liegen ihnen am Herzen. Sie nehmen die Dinge sehr persönlich und gehen sie auch so an. Und – sie möchten ihre Gestaltungskräfte anders einbringen als „nur“ in berufsbezogenen Leistungssystemen.

Die polemisierende Bewertung dieser Interessen als nicht wirklich gesellschaftlich relevant speist sich immer noch aus der patriarchal-behaupteten Zweiteilung der Welt: Hier die „wichtigen“ Lebensbereiche wie Arbeit, wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Einfluss, da die „unwichtigen“ wie Privatleben, Erfüllung und persönliche Entfaltung. Innen = Frau, Außen = Mann. Da ist sie wieder, die immer schon veraltete Binsenweisheit, die heute mal wieder dank der Evas und Herrmanns wieder nach dem Hintertürchen greift.

Dass die gesellschaftliche Realität schon lange ganz wo anders stattfindet, wird dabei geflissentlich ignoriert. Denn obwohl sogar Wirtschaft und Politik die Bedeutung der lebenslangen Erwerbstätigkeit angesichts über Jahrzehnte konstanter, ja steigender Arbeitslosenzahlen in Zweifel ziehen, glauben wir anderen noch immer an die allein selig machende Kraft der Arbeit, an den Erfolg in „draußen in der Welt“, der uns Lebenssinn und -glück bescheren soll. Und nur dafür zahlt sich lernen und lehren wirklich aus.

Tatsache jedoch ist, das unsere „Tellerwäscherin-zur-Millionärin“ Träume ziemlich geringe Chancen haben angesichts von globalen Märkten, wo Millionen Dollar und Milliarden Menschen nur noch virtuelle Realitäten sind. Die Grenzen werden durchlässig, und Phänomene, die wir bislang nur aus fernsehgerecht inszenierten Spendenaufrufen kennen werden auch bei uns bald zum Alltag gehören. Es ist alles nur noch eine Frage der Zeit.

Frauen haben gehofft, durch die Gleichberechtigungspolitik ihren Anteil an der Spielwiese „wirklich wichtiges Leben“ zu erhalten. Lange Zeit hat Frauenpolitik übernommen, was ihr als Mainstream entgegen gehalten wurde: Frauen haben nur dann eine wirkliche Bedeutung, wenn sie tun (können), was Männer tun (können). Selbst die Familienpolitik, wie Frauenpolitik heute auf neudeutsch heißt, hat sich diesem Credo verschrieben: Gebt Frauen mehr Kinderbetreuungsplätze, und der Partizipation am echten Leben steht nichts mehr im Weg. Also können Frauen heute  Kanzlerinnen sein, Wirtschaftsbossinnen zwar noch eher weniger, dafür aber sogar mancherorts Soldatinnen, die jetzt auch im Auftrag töten dürfen. Wäre es da nicht an der Zeit, die Erfolge zu feiern, und sich – wie eingangs erwähnt – zurückzulehnen?

Kehren wir also noch einmal zum Ausgangspunkt zurück: Frauen, und nicht nur einige wenige, sondern eine ganze Menge, verweigern sich heute offenbar dem Druck, spielregelkonform mitzumachen. Sie interessieren sich nicht wirklich dafür, wie sie die Regeln der freien Marktwirtschaft noch ein bisschen besser beherrschen könnten, um noch ein bisschen mehr mitspielen zu dürfen.

Frau mit KindIm Gegenteil: Viele Frauen spüren heute ein gewisses Unbehagen angesichts der Tatsache, ausgerechnet jetzt mitmachen zu sollen, wo sich die Regeln der Spielwiese grundlegend ändern. Und zwar so, dass eigentlich niemand gerne mehr mitspielen mag. Denn ganz im Nebenbei haben sich die einst blühenden Landschaften „wirtschaftliches Wachstum“ und „freie Marktwirtschaft“ in Wüsteneien verwandelt hat, in der die zu lösenden Aufgaben Ausmaße á la Klimawandel, Globalisierung und Massenarbeitslosigkeit haben.

Männer in der Politik antworten darauf mit dem Ruf nach einem „bedingungslosen Grundeinkommen“ – und natürlich wieder so, als hätten sie das Ganze gerade erst erfunden. Als gäbe es nicht seit Anbeginn der geschlechtsbezogenen Arbeitsteilung Aufgabenbereiche, die bedingungslos und völlig bargeldlos gehandhabt werden: Haushaltspflege, Ernährung, Kinderbegleitung, Krankenpflege, Beziehungspflege. Von Frauen natürlich, ehrenamtlich, freiwillig, unter Aufgebot höchster persönlicher Leistungsnormen, zeitlich und räumlich unbegrenzt. Und zumindest bisher als allerhöchstens zweitrangig bewertet. Eben als Nebenwiderspruch.

Wenn Frauen heute ganz bestimmte Weiterbildungsangebote auswählen und andere eben nicht, so hat das für mein Empfinden weniger mit einem artikuliertem Desinteresse an den „wirklich wichtigen“ Inhalten und Lebensbereichen zu tun. Die hohen Zahlen sich weiterbildender Frauen zeigen ja gerade, dass Frauen Lernprozessen und neuen Erkenntnissen gegenüber aufgeschlossen sind, ja sie geradezu (auf-)suchen. Aber es hat möglicherweise mehr damit zu tun, dass für manche Frauen so genannte Nebenwidersprüche Haupt-Ansprüche sind, für die sie andere Schwerpunkte setzen und aus denen heraus sie andere Bedürfnisse formulieren als öffentlich von Frauen gefordert werden. In denen es zum Beispiel weniger darum geht, dass gleiche Leben wie ein Mann zu leben, sondern mehr um die Fragen eines „gute Lebens für alle“, wie es die Mailänder Philosophinnen formulieren. In dem zuallererst einmal Sorge getragen sein sollte für alle eben, und nicht nur für einige wenige.

Eine sich wandelnde Gesellschaft könnte im „Wahlverhalten“ von Frauen Inspiration finden, statt dieses sofort auf der Matrix ihrer überkommenen Überzeugungen zu beurteilen und als unbedeutend einzustufen. Frauen hatten schon immer vielfältige Bedürfnisse, von denen einige sich aufs Mitspielen in der patriarchalen Welt richteten. Andere hingegen waren eher darauf fokussiert, das „Private politisch“ zu verstehen und Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur, Medizin, Kunst … von Innen heraus, aus den Erfahrungen der menschlichen Existenz heraus zu speisen. Wenn Frauen sich heute (wieder) stärker der humanitären Bildung zuwenden, dann heißt das eben nicht, dass sie die wirtschaftliche Bedingtheit menschlicher Existenz negieren. Es bedeutet vielleicht schon eher, dass sie „Wirtschaften“ eine neue Bedeutung geben, damit unser aller Überleben gesichert sein kann.

Frauenpolitische Bildungseinrichtungen könnten den Wandel heute nutzen, in dem sie die Hinwendung von Frauen zu bestimmten Orten und Angeboten mit wachen Augen verfolgen. Und dieses Verhalten zu übersetzen verstehen: Wenn Frauen lieber filzen statt fechten, dann geht es vielleicht auch um eine andere Qualität der Schöpfungsprozesse. Die möglicherweise mehr mit der Transformation von Wolle, Wasser und menschlicher Handarbeit zu tun hat als mit dem Durchfechten eigener Überzeugungen auf dem globalen Markt der Möglichkeiten. Möglicherweise. Denn das einzige, was heute sicher zu sagen ist, ist die Differenz weiblicher Lebensentwürfe und der damit verbundenen Bedürfnisse auch an Weiterbildungsangebote. Und wieder: Auch hier haben die Feministinnen der Mailänder Philosophinnengruppe Diotima vorausschauende Denkansätze hervorgebracht: Es ist die Achtung dieser Differenz, die weibliche Bedürfnisse zu Frauenpolitik macht. Ein frauenpolitischer Bildungsansatz, der sich diesem Differenzgedanken öffnen kann, erfährt möglicherweise interessante Inspirationen und die Eröffnung neuer Bildungswege.

Das Frauenzentrum Mainz e.V. versucht seit 2005, diesem Gedanken durch das Weiterbildungsangebot „Frauen denken die Welt anders“ offen entgegen zu kommen. Mit guter Resonanz. Im April dieses Jahres wird die Reihe durch „Geld, Geist und Gabe – Arbeit, Leben und Sinn von innen neu verstehen“ fortgesetzt.

Mehr Informationen unter www.frauenzentrum-mainz.de oder Frauenzentrum Mainz e.V., Walpodenstr. 10. 55116 Mainz, Tel.: 06131. 22 12 63, fz@frauenzentrum-mainz.de

Autorin: Astrid Wehmeyer
Redakteurin: Astrid Wehmeyer
Eingestellt am: 26.02.2007

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