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Wie Frau sich schön macht

Von Antje Schrupp

Vicki Baums Schönheits-Komödie „Pariser Platz 13“

Vicki Baum„Wer schön sein will, muss leiden“ – an diesen Spruch meiner Mutter, der unweigerlich ihre Bemühungen begleitete, mir vor dem Schulgang mit Hilfe von Kämmen, Bürsten und Haarspangen die wunderlichsten Frisuren zu machen, kann ich mich noch gut erinnern. Wer schön sein will, muss auch viel Zeit mitbringen, könnte ich heute noch anfügen, wenn ich sehe, wie viel Zeit manche Frauen aufwenden, bevor sie sich in die Öffentlichkeit begeben (ich beobachte das im Fitness-Studio, ein guter Ort, um diese alltäglichen weiblichen Verwandlungsküste zu bestaunen). Der Frauenbewegung sei Dank habe ich für mich entscheiden können, den entsprechenden Aufwand auf ein Minimum zu beschränken, Jeans und Pulli tun es auch.

Wie anders die Frauen, die uns in Vicki Baums Theaterstück „Pariser Platz 13“ begegnen. Geschrieben Ende der 1920er Jahre (und jetzt im Aviva-Verlag neu aufgelegt), schildert das Buch auf ironische Weise die Attraktivität, die damals neue „wissenschaftliche“ Methoden der Körpergestaltung (Massagen, Haarefärben, Hautkosmetik, Hormontherapien) für viele Frauen hatten – und zwar gerade für jene „neuen“ Frauen, die ihre soeben erst gewonnenen Rechte genossen, die sich nicht länger als Anhängsel eines Mannes verstanden, die berufstätig und selbstbewusst waren und so in vielerlei Hinsicht unsere Vorbilder wurden.

Die Damen, die sich im Schönheitssalon am „Pariser Platz 13“ in Berlin unter die Trockenhaube, die Fangopackung oder die Schminkkur begeben, sind allesamt in höchstem Maße „emanzipiert“. Nicht von der Unterdrückung der Männer, das sowieso, sondern eben auch von den Begrenzungen ihrer körperlichen Existenz. Altwerden ist keine Frage des Kalenders mehr, sondern des Geldbeutels und der Leidensbereitschaft. Und Gegenstand eifriger Diskussionen: Wenn eines der hauptsächlichen Probleme der gegenwärtigen Normierung von Frauenkörpern das Schweigen ist, die Tatsache, dass man „darüber“ nicht redet, wie Astrid Wehmeyer in ihrem Beitrag „Der Zwang zur Norm“ schreibt, dann ist dies ein wesentlicher Unterschied zu den Frauen, die Vicki Baum uns vor Augen führt. Hier ist der weibliche Körper samt seiner Tücken und Eigenarten nämlich ständiger Gegenstand des Gesprächs, und die Art und Weise seiner Gestaltung etwas, worüber Frauen untereinander verhandeln.

Nicht einer anonymen Kosmetikindustrie liefern sie sich aus, sondern sie begeben sich, zwischen Maklertermin und Geschäftsbesprechung, vertrauensvoll in die Hände der Schönheitsgöttin Helen Bross, der unumschränkten Autorität auf dem Felde der Kosmetik – hier persifliert Baum das damalige Unternehmensimperium von Elizabeth Arden, die sich in Anzeigen als „Schöpferin der nie alternden Frau“ anpries. Helen Bross verkörpert den Erfolg ihrer „Methoden“ im wahrsten Sinne des Wortes: Obwohl schon Ende vierzig, sieht sie höchstens aus wie dreißig! Die Verwicklungen beginnen, als sie sich in den jungen Liebhaber einer ihrer Kundinnen verliebt – wie die Geschichte sich verwickelt und dann ausgeht, soll an dieser Stelle, der Spannung wegen, nicht verraten werden. Nur so viel: Es gibt für Frauen nicht nur gute Gründe, sich jünger zu machen. Manchmal muss frau sich auch älter machen. Und die Aufdeckung eines Schwindels ist kein Skandal in einer Welt, die den Schwindel völlig normal findet.

Vicki Baum gelingt es, mit ironischem Blick die Absurdität der Operation „sich schön machen“ zu zeigen, ohne das Projekt der Emanzipation dabei lächerlich zu machen. Gleichzeitig zeigt sie, wie schwierig es für die „neuen Frauen“ damals war, ihr Verhältnis zur Welt und den Männern neu zu definieren und zu gestalten. Als Rechercheurin ist sie tief in das Thema eingestiegen, wie die anderen in diesem Band versammelten Texte beweisen: Sie hat diverse „Methoden“ an sich selbst ausprobiert und ihren Leserinnen vorgestellt. Vicki Baum schwankte selbst zwischen der Faszination der Versprechungen der neuen Techniken und dem Wissen darum, dass sich die Frage der weiblichen Selbstbestimmung sich in der „Verjüngungskur“ keineswegs erschöpft. Und schon hier kündigt sich an, was auch in Astrid Wehmeyers Analyse heutiger Essstörungen zum Ausdruck kommt: Jenes Paradox weiblichen Handelns, das die scheinbare Anpassung an äußere Normen in eine Rebellion zu verwandeln vermag, wodurch wiederum die die Norm zur Unordnung und die Störung zum Beginn der Gesundung werden kann.

Heute, wo Wellness, Schönheitsoperationen und Anti-Aging-Kuren wieder einmal in die Debatte geraten sind, ist es sehr lehrreich zu sehen, dass dieses Thema eigentlich nicht neu ist. Die selbstironische Distanz, die nicht nur Vicki Baum, sondern auch ihre Protagonistinnen dazu einnehmen, ist wohltuend, denn sie zeigt einen Ausweg aus der unguten Gegenüberstellung von „hässlichen“ Feministinnen (ein Klischee, das sich ja hartnäckig hält) und „schönheitsfanatischen“ Frauen, denen jeder Reflektionsgrad kurzerhand abgesprochen wird. Nein, Feminismus ist nichts, das im Widerspruch zur Schönheit stünde, und dass eine sich „schön macht“ (und bereit ist, dafür zu leiden und Geld auszugeben) heißt nicht, dass sie für den Feminismus verloren ist.

Dennoch müsste die Reflektion noch einen Schritt weiter gehen. Was ist denn eigentlich schön? Diese Frage ist in der Frauenbewegung noch nicht wirklich diskutiert worden, und das ist ja durchaus erstaunlich angesichts der Wichtigkeit, die das Thema für viele Frauen hat. Zum Beispiel ärgert es mich, wenn sich Frauen gegenseitig ihrer Schönheit versichern, ohne dass damit ein wirkliches Urteil verbunden ist. Wenn eine zu mir sagt: „Schön siehst du aus“, dann möchte ich, dass das nicht nur ein Statement gegen den Schönheitswahn ist (nach dem Motto: Mir gefallen Frauen prinzipiell auch in Jeans und Pulli), sondern ich möchte, dass sie damit wirklich etwas sagt, das mich betrifft. Wenn wir pauschal alle Frauen für schön erklären, bloß weil sie Frauen sind, dann haben wir das Konzept der Schönheit abgeschafft. Oder anders: Schön kann nur sein, wer manchmal auch hässlich ist.

Es geht auch hier um Beziehungen und darum, wie ernst wir sie nehmen. Letizia Paolozzi und Lia Cigarini schreiben unter der Überschrift „Die schönen Beziehungen“: „Sehen, Anschauen. Das Spiel der Blicke ist eines der beziehungsvollsten Elemente, die wir kennen. Die Beziehung, wenn sie funktioniert, bringt Vertrauen und Stärke hervor. So erklärt es sich, dass es – wenigstens in unseren Augen – notwendig ist, über Schönheit nachzudenken. Alle Welt ist ja der Meinung, dass Schönheit und Weiblichkeit zusammengehören. Was die Schönheit betrifft, so haben wir also symbolische Kompetenz. Und nun möchten wir verstehen, auf welche Weise wir dies in die Beziehungen einbringen.“ (Via Dogana Nr. 72, März 2005).

„Bin ich schön?“ Diese Frage interessiert sehr viele Frauen – und sie interessiert auch mich, trotz Jeans und Pulli. Die Schönheit allgemein und die Schönheit der Frauen im Besonderen ist ein altes Thema der weiblichen Geschichte. Vicki Baum zeigt, wie Frauen in den 1920er Jahren versucht haben, zwischen den Versprechungen der Kosmetikindustrie auf der einen und konservativen Appellen an eine „natürlich, unverfälschte“ Weiblichkeit auf der anderen Seite zu einem eigenen Urteil zu kommen. Vor dieser Notwendigkeit stehen wir im Prinzip auch heute noch. Denn wenn wir verhindern wollen, dass die Werbeindustrie die Frage „Was ist schön?“ für die Frauen beantwortet, ist es notwendig, nicht nur diese Antworten als falsch zu entlarven, sondern auch, eigene Antworten zu geben.

Vicki Baum: Pariser Platz 13. Eine Komödie aus dem Schönheitssalon und andere Texte über Kosmetik, Alter und Mode, Aviva-Verlag, Berlin 2006, 16,50 Euro.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 11.02.2007

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