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Rubrik leben

Zwischen den Kulturen

Von Safeta Obhodjas

Die bosnische Schriftstellerin Safeta Obhodjas beschreibt ihr Leben und Arbeiten im Exil

Meine erste Heimat ist Bosnien und Herzegowina. Ich habe dieses Land nicht freiwillig verlassen, ich wurde 1992 in einer Welle der „ethnischen Säuberung“ wegen meiner islamischen Herkunft zusammen mit meiner Familie vertrieben. Ich landete in Deutschland, in einem mir bis dahin unbekannten Land, wo ich das Glück erfahren durfte, eine neue Sprache zu erlernen, und mich dadurch als Schriftstellerin weiter zu entwickeln.

Meine erste Phase in Deutschland, 1992-95, war eine Flüchtlingsagonie: Tagsüber hatte ich ein großes Programm zu bewältigen, ich hatte drei Stellen als Putzfrau, musste meine Familie versorgen, Sprachkurse an der Volkshochschule besuchen, mehrere Stunden Deutsch lernen. Dabei ständig in Gedanken an die Kriegskatastrophe in Bosnien, an Morden, Sterben, Hunger und Elend meiner Landsleute. Bosnien war in allen Medien präsent, seine Tragödie wurde jeden Tag live in die Wohnzimmer weltweit übertragen. Viele Deutsche engagierten sich und sammelten für die Leidenden in Bosnien. Sie brauchten eine Referentin, die gerade dem Krieg entkommen war. Ich machte mit, wobei ich nach und nach begriff, wie wichtig Deutschkenntnisse sind, wie es mir gut tat, mich auf gleicher Augenhöhe zu Wort melden zu können.

Literatur aus Bosnien war damals gefragt, aber nicht die meine. Der Mainstream wollte der deutschen Öffentlichkeit sowohl das kosmopolitische Sarajevo als auch das harmonische Miteinander von Kulturen und Religionen in Titos Jugoslawien vorführen. Ich aber hatte keinen Roman, der das schöne multikulturelle Märchen meiner Heimat zum Thema hatte. Mein Stil des Erzählens gefiel einigen Lektoren, deshalb wollten sie bei mir einen Liebesroman bestellen. „Ich schreibe keine Liebesromane. Ich schreibe über  bosnische Frauen, die im Name der Liebe ausgebeutet werden, sogar von ihren eigenen Familien,“ antwortete ich. „Keine Emanze jetzt. Die Liebe zwischen einem serbischen Jungen und einem muslimischen Mädchen kann man zur Zeit gut verkaufen.“ Ich konnte keinen Roman mit diktiertem Inhalt schreiben und hielt mich an den Putzstellen fest. Irgendwann fand sich ein kleiner Verlag, der die Werke aus den bedrohten Kulturen bevorzugte.

Mit den ersten Publikationen, zwischen 1996-97, endete meine Flüchtlingsphase in Deutschland. Danach war ich Putzfrau und Exilschriftstellerin gleichzeitig. 1997 wurde ich durch das Engagement meines Verlags zu einem Symposium „Verlegen im Exil“ als Referentin eingeladen. Es gab viele Referate und Diskussionen über die Situation des Schriftstellers in einer fremden Kultur. Ein Satz einer Referentin aber hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt: Exilfrauen putzen Deutschland sauber, weil sie keine andere Chance bekommen. – Oder sie ihre Chance verpassen wie ich.

1997-98 war ich von dem Glück verwöhnt, weil ich mehrere Arbeitsstipendien bekam. Ohne existenzielle Sorgen und mit fortgeschrittenen Deutschkenntnissen konnte ich mehr Informationen über das Leben in Deutschland sammeln. Es war mir unverständlich, warum politisch-kulturelle Götter das Problem Zuwanderung so oberflächlich behandelten. Man stellte fest, dass die Integration schief ginge, aber suchte kein Mittel, das die Entstehung von Parallelgesellschaften in den deutschen Städten verhindern konnte. Frauen im Exil sind dazu verdonnert, nicht nur als Putzfrauen zu arbeiten, sondern auch Tradition und Bräuche aus der alten Heimat zu hüten, und jede Grausamkeit solcher Umstände zu ertragen. Die Vorreiterinnen blieben meinst vereinzelt und konnten kaum Unterstützung von deutschen gesellschaftlichen Strukturen erhoffen.

Im Künstlerdorf Schöppingen 1998 lernte ich einen Schicksalgefährten aus dem Irak, Sargon Boulus, kennen, der aus der assyrisch-christlichen Kultur stammte. Seine Heimatlosigkeit berührte mich, seine Kenntnisse des Nahen Ostens begeisterten mich. Durch den Austausch unserer Erfahrungen als Pendler zwischen den Kulturen entwickelten wir ein gemeinsames Projekt, das Mosaikbuch „Legenden und Staub – auf den christlich-islamischen Pfaden des Herzens.“ Aber damals zeigten Verlage wenig Interesse an einem christlich-islamischen Dialog-Buch. „Die Geschichte ihres Kollegen können Sie ausradieren, ihre eigene vertiefen, wobei Sie ihren Leidensweg als Muslimin beschreiben sollten. Wir geben Ihnen zwei Monate Zeit, den Vertrag können wir jetzt schließen.“ Der Lektor war großzügig, ich aber zögerte, das Buch zu ruinieren. Einige Jahre später entschied sich ein Verlag, das Buch in einer kleinen Auflage zu drucken. Zum Glück hatte meine durch Mundpropaganda entstandene Leserschaft eine vollkommen andere Meinung. Sie fand meine Literatur neu, erfrischend, bedeutend, beeindruckend. Mit Putzstellen und Lesungen hielt ich mich lange Zeit über Wasser.

Der Terroranschlag am 11.September 2001 in New York erschütterte und veränderte die ganze Welt. Nach dem schmerzlichen Aufwachen konfrontierte sich die Öffentlichkeit mit der Tatsache „Islam in Europa“ aber nicht konstruktiv. Man behandelte dieses Thema entweder extrem feindselig oder wie ein rohes Ei auf der goldenen Waage der politischen Korrektheit. Die Korrekten dachten, um Gottes Willen, nur nicht die Fundamentalisten innerhalb der islamischen Gemeinschaft verärgern. Die Redaktionen überboten sich darin, den so genannten Korankennern ein Forum zu schaffen. Immer wurden dieselben Personen zu den Podiumsdiskussionen eingeladen und die Zeitungsseiten waren mit ihren Einstellungen gefüllt. Mal belehrte uns eine junge, schick gekleidete und reichlich geschmückte Dame, wie wir uns entsprechend den Vorschriften des Islams kleiden sollten, ein anderes Mal predigte uns ein Frauenfeind, dass eine Selbstverwirklichung von Musliminnen eine Sünde sei, weil sie nur für das Wohl ihrer Familien leben sollten. Eine junge Kopftuchträgerin, die sich im Sozialbereich engagiert, gab zu, dass es viel Gewalt gegen Frauen in den zugewanderten Familien gäbe. Sie versuche, dem Imam in der Gemeinde ans Herz legen, die gewalttätigen Männer bei seiner Predigt in der Moschee zu ermahnen. Man dürfe die Frauen nicht verprügeln, weil so was der Prophet nie getan hätte. Man fragte sich, wo lebten diese Musliminnen? In einem streng islamischen Land, wo die Scharia herrscht, oder in einem europäischen Staat, wo alle Gesetze zur Verfügung stehen, mit denen man die Rechte des Individuums schützen kann?

Feindselige Medien riefen nur die negativen Schlagzeilen aus den Parallelgesellschaften hervor: Zwangsheirat, Ehrenmorde an Schwestern und Töchtern, radikalisierte Jugendliche, Schulen des Schreckens. Viele Verlage folgten ihnen nach, weil sich mit den Büchern über misshandelte Allahtöchter gutes Geld verdienen ließ. Ich hatte wieder keine glaubwürdigen Referenzen, weder für die Politischkorrekten noch für die bösen Redakteure. Für die ersten war meine Art des Denkens und Schreibens zu europäisch, für die anderen hätte ich mehr Unterdrückung erleiden müssen. Es mag das, was ich jetzt erzähle, sehr zynisch klingen, aber das ist eine wahre Geschichte: Eine Journalistin wollte ein Filmporträt von mir machen. Der zuständige Redakteur witzelte: „Das Porträt einer Muslimin, die keine Kopftuchträgerin ist, die nicht vergewaltigt oder misshandelt wurde und nicht in einem Frauenhaus gelandet ist? Eine solche Geschichte interessiert unsere Zuschauer nicht“.

Wann werden diese Redakteure begreifen, dass sie sich irren. Ich hatte die Ehre und Freude, viele Deutsche kennen zu lernen, die von den Medien erwarten, dass sie Muslime zu Wort kommen zu lassen, die zwar zu ihrer islamischen Kultur stehen, aber gelernt haben, undogmatisch zu denken und zu handeln. Und es gibt noch etwas, was mir viel Hoffnung macht: Die Stimmen von Muslimen und Musliminnen, die europäisch leben möchten und jegliche Gewalt in Name des Glaubens verabscheuen, werden immer lauter.

Autorin: Safeta Obhodjas
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 11.02.2007

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