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Rubrik denken

Naturwissenschaft im Schwebezustand

Von Florianne Koechlin

Ein Interview mit der Schweizer Biologin Florianne Koechlin.

Pflanze

Sind Pflanzen intelligent? Einiges spricht dafür... Foto: Rosadora G. Trümper Tuschick

Dieses Interview entstand aus der Lektüre des Buches „Zellgeflüster“, in dem Florianne Koechlin die Leserinnen auf interessante Streifzüge durch wissenschaftliches Neuland mitnimmt:  Hier eine Rezension.

Die Fragen an Florianne Koechlin stellte Antje Schrupp.

AS: Was mich als Science-Fiction-Fan an deinem Buch besonders interessiert hat, ist die Frage nach der „Intelligenz“ von Tieren und auch von Pflanzen. Wie würdest du heute, nachdem du dich so lange mit dem Thema beschäftigt hast, Intelligenz definieren?

FK: Es gibt keine Definition von Intelligenz, der Begriff wird immer schwammiger und vielfältiger, desto mehr darüber geforscht wird. Ich beziehe mich auf eine Definition von Stenhouse: „Adaptives und variables Verhalten während der Lebenszeit eines Individuums.“ Und das trifft für Pflanzen zu. In dem Sinne kann man Pflanzen eine Art Intelligenz zuschreiben.

In der Science-Fiction geht es ja auch oft um die Frage nach der „Intelligenz“ außerirdischer Lebensformen und daraus wird dann eine bestimmte ethische Notwendigkeit im Umgang mit diesen Lebensformen abgeleitet. Das finde ich einerseits verständlich, andererseits aber auch problematisch: Steckt dahinter nicht eine anthropozentrische Haltung nach dem Motto „Je ähnlicher eine Lebensform uns selber ist, desto besser müssen wir sie behandeln?“ Wie stehst du persönlich zu dieser Vorstellung, die ja auch hinter der Anfrage dieses Ethikrates an euch WissenschaftlerInnen stand, eine Expertise zu den Pflanzen abzugeben?

Zum einen bleibt uns ja gar nichts anderes übrig, als Dinge aus unserer Warte heraus zu beurteilen. Das sollten wir uns auch eingestehen. Bei der Pflanzenstudie ging es einfach einmal darum, zu schauen, was die moderne Biologie über das Wesen der Pflanze weiss. Nicht darum, wie „menschenähnlich“ sie sind. Pflanzen sind natürlich ganz anders als wir, sie können nicht rennen und haben kein Gehirn. Doch – und das ist der wichtige Punkt: Punkto Komplexität tun sie uns wahrscheinlich nichts nach. Sie sind mitnichten ‚lebende Roboter’, die auf den gleichen Umweltreiz immer gleich reagieren, genetisch fixiert und determiniert. Sie sind flexibel, können sich anpassen, können sich erinnern, lernen – Sie sind anpassungsfähig in Bezug auf Wachstum und Entwicklung, wir in Bezug auf Verhalten…- das ist ein vollkommen neues Bild der Pflanze.

Interessant fand ich, dass du auch einen Schamanen in deinem Buch befragst. Wie hat denn die restliche „wissenschaftliche Fachwelt“ darauf reagiert? Ist es in diesem Rahmen heute möglich, andere Erkenntnisformen als die wissenschaftlich-rationale ernst zu nehmen?

Das weiss ich nicht so genau. Mich hat einfach die Frage interessiert: Wie wissen Schamanen, was sie wissen? Wie also gelangen sie zu ihrem unendlichen Wissen? Wir haben es von den Pflanzen, sagen sie. Das hat mich interessiert.

Dahinter steht ja immer auch die Frage nach dem Menschenbild – also nicht nur, wie wir die „anderen“ (Nicht-Menschen) sehen, sondern auch wie wir uns selbst sehen. Gerade die feministische Philosophie war ja diesbezüglich sehr engagiert in den letzten Jahren. Spielen solche philosophischen Überlegungen in den Bewegungen, in denen du dich engagierst, eine Rolle?

Natürlich spielte das eine grosse Rolle, vor allem zu Beginn der ganzen Anti-Gentech-Bewegung. Heute spielt der Feminismus in unseren Bewegungen keine so grosse Rolle mehr. Das bedaure ich. Doch ich glaube, viele Diskurse über Menschenbild und Herrschaftswissen sind immer noch prägend, jedenfalls für mich.

Als Politikwissenschaftlerin liegt für mich der Unterschied zwischen Menschen und Nicht-Menschen nicht so sehr in der Frage der Intelligenz, sondern in der der Pluralität: Das heißt, Menschen sind politische Wesen, die sich durch individuelle Differenz zu anderen auszeichnen, was die Notwendigkeit politischer Verhandlungen ausmacht – und bei aller Intelligenz von Pflanzen und Tieren gibt es diese Pluralität dort doch nicht, oder?

Da bin ich mir nicht so sicher. Ich möchte aber keineswegs die Unterschiede zwischen Tier und Mensch verwischen, und die Bedeutung des ‚historischen und kulturellen Menschen’ herabmindern. Es ist einfach so, dass viele Schranken, die bisher unangefochten galten – die Trennmauer zwischen Tier und Pflanze zum Beispiel, oder auch zwischen Tier und Mensch – zu bröckeln beginnen. Das fasziniert mich.

Das Erstaunliche an deinem Buch ist ja, dass es deutlich macht, wie differenziert und vielfältig die wissenschaftlichen Herangehensweisen heute schon sind. Ein Problem scheint mir aber in der Vermittlung zu liegen – im Alltagsdenken ist ja das „Gen-Dogma“ zum Beispiel noch sehr virulent. Dein Buch ist ja der Versuch zu so einer Vermittlung. Welche Erfahrungen hast du gemacht? Wie wurde es aufgenommen? Bei den Menschen? In den Medien? Bei deinen KollegInnen?

Das Gen-Dogma ist ja auch in der Wissenschaft durchaus noch vorhanden. Ganz speziell in der kommerziellen Agro-Gentechnik – Gentech-Mais oder Gentech-Baumwolle. Da hängen Milliarden dran, und viele Patente. Interessant ist, dass, wenn die Molekularbiologie einmal die Fesseln des Gendogmas gesprengt hat, ein neues Weltbild zum Vorschein kommt. Aber es sind auch in der Wissenschaft noch beide Ausdeutungen – in allen Schattierungen – vorhanden. Ein Schwebezustand. Doch ich bin ziemlich überzeugt, dass wir in zehn Jahren etwas verständnislos auf das Gendogma – diese krude und mechanistische Utopie des 20. Jahrhunderts – zurückblicken werden.

Weitere Artikel zum Thema:

„Klare Grenzen sind nicht haltbar“. Cornelia Roth über das Verhältnis von „Mensch“ und „Natur“

Autorin: Florianne Koechlin
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 20.03.2007

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