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Traumatisierungen zwischen Frauen und Männern

Von Dorothee Markert

Traumatisierungen

Foto: Photocase/keighty

In einem etwa zehn Jahre alten Reiseführer über Südfrankreich las ich letzten Sommer (bevor das Buch zusammen mit unserem ganzen Gepäck gestohlen wurde), das Besondere an Südfrankreich sei, dass es dort keinen Geschlechterkrieg gebe. Soweit ich mich erinnere, belegte der Autor seine Aussage mit der Beschreibung von Situationen, die von spielerischer Leichtigkeit im Umgang miteinander geprägt waren, in denen Lachen und Scherzen sowie selbstverständliche gegenseitige Hilfeleistungen eine wichtige Rolle spielten. Neben dem Gedanken, da lebe ein Mann seine Nostalgie über das Ende des Patriarchats in Form einer Idealisierung aus, die ja besonders leicht fällt, wenn sie in andere Länder verlegt wird, sprach mich dennoch etwas an dem Bild an: Spielerische Leichtigkeit, Humor und selbstverständliches Geben und Nehmen in den alltäglichen Beziehungen zwischen Frauen und Männern würde ich mir ja schon wünschen, wenn es ohne den Preis, den Frauen (und auch Männer?) dafür im Patriarchat hinter den Heile-Welt-Kulissen bezahlt haben, zu bekommen wäre.

In den folgenden Monaten fiel mir in unterschiedlichen Situationen die Aussage des Reiseführer-Autors wieder ein, und damit verstärkte sich mein Wunsch nach einer Welt mit Humor und Leichtigkeit in den Geschlechterbeziehungen. Gleichzeitig nahm ich deutlicher wahr, warum in unserer Zeit solche Beziehungen fast unmöglich zu sein scheinen. Und ich sah einen Zusammenhang zu der anderen Frage, die mich und einige andere Frauen auf der Mailingliste „Gutesleben“ gerade beschäftigte: Warum kommt so wenig von dem, was Frauen aus der Frauenbewegung an Kostbarem erarbeitet haben, dort an, wo es unserer Meinung nach dringend gebraucht würde? Warum gibt es oft noch nicht einmal ein Minimum an Neugier, geschweige denn Offenheit oder gar die Bereitschaft, sich durch von Frauen Gedachtes verändern zu lassen, von Frauen zu lernen? Hat es überhaupt Sinn, weiterhin von der Geschlechterdifferenz aus zu denken, wenn das einfach niemand hören will? Machen wir uns nicht etwas vor, wenn wir vom Ende des Patriarchats ausgehen? Ist es nicht doch ein illusionärer Anspruch, wenn wir meinen, wir hätten der Welt etwas Wichtiges zu sagen? Diese Fragen stellte ich in einer Mail auf unserer Mailingliste, nachdem offensichtlich geworden war, dass ein Mann, der sogar in der Liste mitdiskutierte, bei einem Buch, das er zusammen mit einem Kollegen herausgebracht hatte, nicht einmal dafür gesorgt hatte, dass dort Gedanken und Veröffentlichungen der an der Liste beteiligten Frauen zum Thema des Buches erwähnt wurden, von einer Auseinandersetzung mit ihrem bzw. unserem Denken ganz zu schweigen. Ursula Knecht, die das Thema eingebracht hatte, konnte ebenfalls nur Fragen stellen: „Was machen wir falsch, dass wir nicht rezipiert werden? Bewegen wir uns nur in geschlossenen Kreisen? Wie könnten wir sie öffnen? ‚Hingehen zu den anderen und mit ihnen reden’ (Antje Schrupp)? Aber manche von uns tun das doch, und sogar recht häufig?“

Bei unserem Betroffensein ging es nicht mehr so sehr (wie im letzten Jahrhundert) darum, dass Frauen mit ihren Leistungen in der Welt sichtbar werden wollen, sondern um unser Anliegen, mit unseren Gedanken etwas für das „Gute Leben“ in der Welt zu tun. Dies zeigt vor allem Ursula Knechts Aussage, als diese Frage etwas später im Zusammenhang mit dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos wieder Thema wurde: Es sei wichtig, dass wir mit „unserem Feminismus“ ins Gespräch mit den Männern kommen, weil dieses Gespräch für die gemeinsame Welt (nicht mal so sehr für uns) lebensnotwendig sei. Sie schrieb: „Müssen wir uns – vorläufig – darauf konzentrieren (und damit abfinden), unsere Anliegen und Einsichten einflussreichen Männern, die bereit sind, uns zuzuhören, zu vermitteln, damit sie auf diesem Weg wenigstens Gehör finden in einer breiteren Öffentlichkeit? Im Interesse der Welt vielleicht gar nicht so daneben?“

Ich bin überzeugt, dass es an gestörten Beziehungen liegt, wenn Menschen nicht voneinander lernen können. Nach Hinweisen darauf, dass die Beziehungen von vielen Männern (und auch einigen Frauen) zu Feministinnen massiv gestört sind, müssen wir nicht lange suchen. Bei zahlreichen Personen – mehr Männern als Frauen – geht sofort die „Klappe herunter“, wenn der Verdacht besteht, dass eine Aussage „aus der feministischen Ecke“ kommt. Gerade vor einigen Tagen bekam ich eine Mail von einem früheren Schulkameraden, der unsere Internetseite entdeckt und meine Texte gelesen hatte, obwohl er eigentlich „allergisch gegen den Feminismus“ ist („beziehungs-weise“ war ihm das möglich). Auch für ihn war es erstaunlich, dass er meine Texte als verständlich und nicht aggressiv wahrnahm.

Unsere italienischen Lehrmeisterinnen haben sich, soweit ich weiß, im Gegensatz zu uns nie selbst als Feministinnen bezeichnet, sondern sprechen stattdessen von der „Politik der Frauen“ in Italien. Wir versuchen eher den Weg, immer wieder zu erklären, dass es beim Feminismus um weibliche Freiheit geht und nicht um Verunglimpfung und Unterdrückung von Männern und dass Feminismus etwas anderes ist als Emanzipation und Gleichstellungspolitik. Doch das scheint niemand so recht zu glauben. Denn es ist einfach wahr, dass – vor allem in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts – viele Männer die Erfahrung der Ausgrenzung durch Frauen machten, die sich Feministinnen nannten. Ich halte es durchaus für überlegenswert, ob auch wir auf diesen Begriff verzichten sollten, da er bis jetzt fast automatisch die Assoziation mit aggressiv-männerfeindlichem Verhalten auslöst. Doch dies ist hier nicht mein Thema. Ich möchte mir die Ursachen für die Störungen in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen im Zusammenhang mit der Frauenbewegung genauer anschauen.

In der ARD-Talk-Sendung „Menschen bei Maischberger“ (Thema:  „Lebenslüge Feminismus?“) erfuhr ich nur aus einem Untertitel, dass der teilnehmende Väter- und Geschlechterforscher Gerhard Amendt behauptet hatte, der Feminismus habe die Geschlechterbeziehungen beschädigt. Er wagte nicht, dies in der Sendung zu wiederholen, und wich aus, als er danach gefragt wurde. Inzwischen habe ich mich im Internet kundig gemacht: Amendt verfasste eine Studie über Scheidungsväter und engagierte sich in dem Verein „Väteraufbruch für Kinder“. Auf einer Internetseite dieser Gruppierung schreibt er, er setze seine Hoffnung auf junge Männer und Frauen, „deren Generation den verdammenden Feminismus und das sprachlose männliche Wegducken nur als Rückblick auf einen Kosmos von schwer nachvollziehbaren Feindseligkeiten kennengelernt hat. Das sind wegweisende Anzeichen dafür, dass die alle Veränderungen lähmende Spaltung der Geschlechter in gute Frauen und gute Mütter und böse Männer und schlechte Väter und umgekehrt sich allmählich entschärft“. In einem Zeitschriftenartikel mit dem Titel Wider die Verteufelung und die Verherrlichung des Männlichen schrieb er 1999: „Wer wird ernsthaft die Konflikte zwischen Männern und Frauen verleugnen wollen? Dass Männer dabei die Bösen und Frauen die Guten seien, zeugt zwar von Realitätsblindheit. Nur, sie ist weit verbreitet. Sie beherrscht das Gros feministischer Forschung – einmal ganz grobschlächtig, dann wieder feinsinnig, und sie beherrscht das Alltagsbewusstsein. Statt die Gegenseitigkeiten des Geschlechterarrangements zu verstehen, reimt sich feministische Forschung fast immer auf weibliche Opfer und männliche Täter; und das, wie gesagt, nicht im kleinen, sondern im universellen Maßstab. Und wer schuldig ist, trägt selbstverständlich auch die Verantwortung für die Geschichte – auch das universell“ (DER STANDARD 3.11.99, Seite 73).

Ebenfalls in der oben genannten Talk-Sendung erklärte Sybille Plogstedt eine gewisse Männerfeindlichkeit in der Frauenbewegung mit dem Entsetzen, das das Bekanntwerden des bis dahin totgeschwiegenen Ausmaßes der Gewalt gegen Frauen und Mädchen hervorgerufen hatte. Diese Erklärung leuchtete mir sofort ein. Auch bei mir hatte sich dies so ausgewirkt, als ich las und in Filmen sah, was Frauen überall auf der Welt von Männern angetan wurde und als zunehmend auch Frauen aus meinem Umfeld über ihre Gewalt- und Missbrauchserfahrungen sprachen.

In einem Gespräch mit meiner Partnerin über die Entstehung des weitverbreiteten Vorbehalts gegen alles, was mit „Feminismus“ zusammenhängt, fiel irgendwann der Begriff „Traumatisierung“, Traumatisierung der Frauen über die Wahrnehmung des Ausmaßes an Männergewalt in der Welt, aber auch Traumatisierung von Männern über die Aggressivität von Frauen, verbunden mit ihrem Ausschluss aus Frauenveranstaltungen. Da wir gerade einen Film über die „Kommissionen für Wahrheitsfindung und Wiedergutmachung“ in Südafrika gesehen hatten, kam uns die Idee, hier bräuchte es vielleicht eine ähnliche Art von Versöhnungsarbeit. Während wir es aussprachen, drängte sich sofort der Einwand auf, dies sei ja wohl nicht zu vergleichen. In Südafrika war es um Entführungen, Folter und zahlreiche Morde im Rahmen des Apartheidssystems gegangen. Hier ging es auf der einen Seite ja „nur“ um Ausgrenzung, Beschuldigungen, Unterstellungen und Vorwürfe, auf der anderen Seite aber neben Abwertung durchaus auch um Gewalt, Missbrauch, Verstümmelung bis hin zum Mord. In Südafrika handelte es sich um einen politischen Kampf, um Bürgerkrieg, im Geschlechterverhältnis spielen sich die Dramen überwiegend im Verborgenen und Privaten ab. Tatsache ist, dass Frauen und Männer über diese Dinge bisher nicht miteinander sprechen können, ohne sich in unendlichen gegenseitigen Beschuldigungen und Rechtfertigungen zu verlieren. Tatsache ist auch, dass Frauen und Männer trotz dieser Traumatisierungen zusammenleben müssen und dass die meisten auch sehr nahe Beziehungen zu einem oder mehreren Menschen des anderen Geschlechts haben. Während Menschen mit dunkler und heller Hautfarbe in Südafrika nach dem Ende des Apartheidsystems den politischen Willen aufbrachten, sich gemeinsam anzuschauen, was Menschen einander angetan hatten, gemeinsam darüber entsetzt zu sein und den Schmerz und die Trauer an sich herankommen zu lassen, befinden wir uns heute, was die Geschlechterbeziehungen angeht, größtenteils noch in der Situation der Sprachlosigkeit.

Mir hilft der Begriff Traumatisierung, um mich auf eine neue Weise dem zuzuwenden, was zwischen den 70er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts die Beziehungen zwischen Frauen und Männern tiefgreifend verändert hat. Und da ich auch dabei von mir selbst ausgehend nachdenken möchte, kann ich nicht die Augen verschließen vor dem Unrecht, das ich in dieser Phase getan oder nicht verhindert habe. Natürlich war auch ich entsetzt, als ich erfuhr, wie viele Frauen aus meinem Umfeld als Mädchen Missbrauch oder Vergewaltigungen erlebt hatten. Oder als ich von systematischen Vergewaltigungen in und nach Kriegen oder von Genitalverstümmelungen hörte. Und ich war und bin wütend über die männliche Kumpanei, die den Tätern ermöglichte und ermöglicht, weiterhin ein angesehenes Leben zu führen, über die Vertuschungen, Verharmlosungen, Rechtfertigungen und Beschönigungen, die sie für die Verbrechen ihrer Geschlechtsgenossen fanden und immer noch finden. Über den Mangel an Mut bei vielen Männern, ihre Geschlechtsgenossen zu kritisieren, wenn sie Frauen abwerten, schlecht behandeln oder ihnen gar Gewalt antun. Doch mir persönlich ist in diesen Jahren kein solches Unrecht angetan worden. Weder im privaten noch im beruflichen Umfeld kann ich mich über das konkrete Verhalten von Männern mir gegenüber beklagen. Und auch meine Gewalterfahrungen als Kind verteilen sich ziemlich gleichmäßig auf Männer und Frauen. Mit welchem Recht stellte ich also Männer unter Generalverdacht? Um mich vor unliebsamen Überraschungen zu schützen? Oder aus Frauensolidarität? Heute schäme ich mich meiner Unfreiheit, offen gegen manche Ausgrenzungen und Abwertungen gegenüber Männern, deren Zeugin und Mittäterin ich war, Stellung bezogen zu haben.

Auch wenn ich es weiterhin für richtig und wichtig halte, dass wir uns in unseren Gruppen nur unter Frauen getroffen haben, auch wenn ich weiterhin bestimmte Frauenräume (und Männerräume) für sinnvoll und notwendig halte, damit wir innerhalb unserer Geschlechtergruppe untereinander über unsere jeweilige Geschlechterkultur verhandeln können, möchte ich trotzdem nicht vor dem Unrecht der Ausgrenzung die Augen verschließen, das teilweise mit unserem Auszug in eigene Frauenräume verbunden war. Ich denke beispielsweise an eine öffentliche Vorführung des Films „Deutschland, bleiche Mutter“ (Helma Sanders-Brahms) Ende der 70er Jahre, organisiert von der Frauen-Kulturgruppe, der ich eine Zeit lang angehörte. Wie bei allen Veranstaltungen dieser Gruppe waren Männer ausgeschlossen. Gerade bei diesem Film fand ich das eigentlich eher bedauerlich, da Helma Sanders-Brahms darin zeigt, wie der weitgehend getrennt erlebte und erlittene zweite Weltkrieg die Beziehungen zwischen Frauen und Männern verändert und geschädigt hat. Ich kam jedoch noch nicht einmal auf die Idee, dies in der „Kulturgruppe“ zu sagen. Damals hatten sich noch nicht alle Männer mit ihrem Ausschluss aus bestimmten öffentlichen Veranstaltungen abgefunden. So kam es an der Kasse immer wieder zu recht unerfreulichen Auseinandersetzungen. Besonders unangenehm berührte mich, dass bei dieser Veranstaltung der 8-jährige Sohn einer Mitveranstalterin die Aufgabe übernahm, die Männer mit dem Ruf „Männer raus!“ zu vertreiben. Ich fand das wirklich schlimm, aber es führte nicht dazu, dass ich etwas dagegen unternahm. Ich stellte der Mutter nur die Frage, ob sie nicht befürchte, dass sich diese Erfahrung negativ auf ihren Sohn auswirken könnte. Denn immerhin werde aus ihm doch auch einmal ein Mann.

Noch mehr im Zentrum des Geschehens stand ich bei einer wirklich hässlichen Situation, die ich zwar so nicht beabsichtigt hatte, die aber aus einer Initiative von mir entstand: Fast zeitgleich mit meinem stärksten Engagement in der Frauenbewegung (und in einer gemischten Homosexuellenbewegung) arbeitete ich auch noch in einer emanzipatorischen Bewegung mit, die das Lehren und Lernen in der Schule demokratisieren wollte, in dem kleinen deutschen Ableger der französischen und internationalen Freinetbewegung. Die Menschen in dieser Bewegung waren sehr aufgeschlossen, der Umgang freundschaftlich. Dort war damals der einzige öffentliche Ort (außer Szenekneipen), an dem ich mich frei genug fühlte, meine sexuelle Orientierung offen zu zeigen. Bei einem Bundestreffen, das wie immer als selbstorganisierte Tagung gestaltet war, bot ich eine Arbeitsgruppe für Frauen an, da ich fand, dass vom feministischen Aufbruch in dieser Bewegung noch nichts zu spüren war. Als Aufhänger diente mein Ärger über einen Mitstreiter, der als Schulleiter der bisher einzigen „Freinetschule“ in Deutschland eine besondere Stellung in der Bewegung hatte. Einige Äußerungen in einem seiner Artikel in unserer Zeitschrift „Fragen und Versuche“ hatte ich als frauenfeindlich empfunden. In der Arbeitsgruppe entwickelte sich daraus eine sehr aggressive Dynamik, die ich nicht mehr stoppen konnte. Einerseits war ich ambivalent und daher unentschlossen, andererseits war ich auch einfach zu feige, eindeutig dagegen Stellung zu beziehen: Mit einem kämpferischen Frauenbewegungsslogan auf einem riesigen Transparent zogen wir schließlich am Abend ins Plenum ein und verlangten von dem „Übeltäter“, dass er seine Äußerungen zurücknahm und sich entschuldigte. Da dieser keine „Einsicht“ zeigte, wurde das Plenum zum Tribunal. Sofort kam es zu einer Polarisierung: Bis auf eine Frau, die ich dafür sehr hasste, stellten sich alle anwesenden Frauen auf unsere Seite und überschütteten die anwesenden Männer, besonders aber den „Angeklagten“, mit Vorwürfen. Schließlich fing ein Freund von mir zu weinen an über das, was dort an positiven Beziehungen zerstört zu werden drohte. Dies stoppte die Dynamik so weit, dass wir das Plenum auflösen und uns in Einzelgesprächen etwas beruhigen konnten. Doch die Auseinandersetzung ging (ohne mich) mit unverminderter Schärfe in der Zeitschrift weiter. Undenkbar erschien es mir damals, anderen Frauen durch öffentliche Kritik „in den Rücken zu fallen“, auch wenn mir gar nicht gefiel, was aus meiner Initiative entstanden war.

So wie in dieser Situation war ich auch sonst oft stillschweigend dagegen, wenn Männer ungerecht angegriffen wurden oder wenn ich selbst nicht einsah, warum Männer aus allen Veranstaltungen ausgeschlossen werden mussten. Ich bedauerte es zwar, dass unsere Gastgeber in Berlin, die uns fünf Frauen eine Woche lang beherbergten, zu keiner einzigen Veranstaltung im Rahmen der Frauensommeruniversität zugelassen waren, denn sie waren wirklich aufgeschlossen und interessiert. Ich sprach das aber noch nicht einmal gegenüber den anderen Gästinnen an, geschweige denn hätte ich es in eine der öffentlichen Diskussionen eingebracht. Mein Entsetzen über „männerfreie“ Wohngemeinschaften, in denen auch Brüder und Väter der Bewohnerinnen nicht zu Besuch kommen durften, und über ein Mädchenbuch, in denen die Protagonistin jubelt, wenn es in der Schule „jungsfrei“ gibt, führte zwar schließlich dazu, dass ich mich mehr und mehr von dieser Art Feminismus zurückzog. Doch die notwendigen Auseinandersetzungen führte ich immer noch sehr wenig und zaghaft.

Bei der Vorbereitung der Lesbenfilmtage geriet ich einmal in eine Diskussion über die Organisation von „Schutz“ gegen befürchtete Angriffe feindseliger Männer. Einige Frauen waren der Meinung, da die Polizei uns sicher nicht schützen würde, wäre auch eine Bewaffnung der „Schutz“-Frauen angebracht. Auch hier brachte ich meinen Mund nicht auf, war aber dankbar, dass andere Frauen dieses Ansinnen vorsichtig zurückwiesen. Dies änderte nichts daran, dass einige „Schutz“-Frauen Männer äußerst aggressiv verjagten, auch wenn diese ohne böse Absichten in die Kino- und Caféräume hineinstolperten, die normalerweise für alle offen waren.

Ich war also oft stillschweigend dagegen. Aber vielleicht sind Männer das auch? Wie ist es mit meinem fehlenden Mut, unsere eigene Geschlechterkumpanei zu durchbrechen, die wir beschönigend „Frauensolidarität“ nennen und die wir mit einem Unrecht rechtfertigen, das andere Männer anderen Frauen angetan haben? Ich weiß noch, wie empört ich mit 17 war, als ich erstmals die Erfahrung machte, in Frankreich als Deutsche schief angesehen zu werden. Als ich dann mehr über die Verbrechen von Deutschen in der Nazizeit erfahren hatte, nahm ich solche diskriminierenden Situationen in Ländern, die sehr unter Deutschen gelitten hatten, mit einem gewissen Verständnis hin. Vielleicht haben sich manche Männer im Umgang mit Vorwürfen von Frauen auch eine solche Haltung zugelegt, ein verschämtes Sich-Wegducken, verbunden mit einem diffusen Schuldgefühl. Dies wäre eine Erklärung dafür, warum Männer weitgehend aufgehört haben, sich gegen Pauschalvorwürfe von Frauen zu wehren. Stattdessen üben sich viele in politischer Korrektheit, zumindest in der Öffentlichkeit. Die damit verbundene Selbstzensur verhindert jede Art von Spontaneität. Und damit verhindert sie auch Leichtigkeit und Humor in den Geschlechterbeziehungen. Ich meine, dass es an der Zeit ist, dass wir uns darum bemühen, die beschädigten Beziehungen zu heilen. Und dabei ist der erste Schritt die Erlaubnis zur Offenheit, zunächst innerhalb der eigenen Geschlechtergruppe, dann auch im „interkulturellen“ Gespräch mit der jeweils anderen.

Kommentare und Antworten auf diesen Artikel:

Ursula Knecht: Versöhnungspotential in der gemeinsamen Sorge für das „Gute Leben“

Antje Schrupp: Gute Erfahrungen sichtbar machen

Kerstin Wolff: Die historische Dimension der Frauenbewegung sehen

Ingrid Maria Bertram: Männer auszuschließen war kein Unrecht

Zuschriften zu diesem Artikel:

„Schuldbekenntnisse“ ermöglichen Zäsuren, das Verabschieden einer „Epoche“ und den Beginn einer neuen. Was aber genau wollen wir verabschieden, und was soll jetzt neu werden? Hierzu ein paar Gedanken:

1. Wir verabschieden uns von der Phase, in der wir uns den Versuchungen der „Pauschalverurteilungen“ hingaben. Wir sagen also: „die Männer“ ungleich „das Patriarchat“.

2. Wir verabschieden uns weiterhin von der Illusion klarer Geschlechterfronten (Männer – Frauen), denn der „Riss“ geht mitten durch die Männer und die Frauen hindurch (sowohl kollektiv als auch individuell: durch „die Gruppe“ der Männer und die der Frauen wie durch die einzelnen Persönlichkeiten mit ihren unterschiedlichen Anteilen und widersprüchlichen Glaubenssätzen). Frauen wie Männer setzen sich aktuell ein z.B. für die Stärkung der Entscheidungsfreiheit von Frauen in Bezug auf Kinder, Job und das eigene Leben (wenn es sich auch in der gesamten Kinderbetreuungsdiskussion wie vor 50 Jahren nur um die Frauen dreht). Und auf der anderen Seite: Frauen wie Männer in Deutschland trauen sich heute wieder zu sagen, dass Frauen eigentlich vor allem zur Kindererziehung gemacht sind und schüren das Rabenmutterschlechtesgewissen-Syndrom.

3. Vielleicht verabschieden wir uns auch von der Strategie der Konfrontation und suchen BündnispartnerInnen, wo immer wir sie finden – ohne den eigenen Ansatz zu verwässern! „Gutes Leben für alle“ ist sicher ein Ziel, das sich unterschiedlich ausdifferenzieren lässt.

Das heißt für die „neue Zeit“: wir unterscheiden zwischen den einzelnen Menschen und einem Denksystem (kollektive Kognitionen), in das wir alle hineingeboren sind – und von dem wir alle in irgendeiner Form und natürlich mehr oder weniger profitieren. Das Patriarchat ist tot, es lebe das Patriarchat: aus meiner Sicht hat das, was wir als Patriarchat bezeichnen, weiterhin jede Menge Macht, und die meisten Auswirkungen – das ist das perfide daran – sind nicht direkt sichtbar. Ich erlebe ihre eiserne Faust in meiner täglichen Arbeit im Coaching mit Frauen. Um mit Paolo Freire zu sprechen: wir alle haben den Unterdrücker noch in uns – Männer wie Frauen. Da sind wir noch lange nicht raus.

Aus meiner Sicht geht es auch um überdachte Begrifflichkeiten. Der Einfachheit halber – in ohnehin schon multikomplexen Aufgabenstellungen. Ich persönlich vermeide als Praktikerin den Begriff „Feminismus“, weil er mir Türen zuschlägt, bevor sie geöffnet werden konnten. Meine GeschäftspartnerInnen in Wirtschaft und Politik haben bestimmte Konnotationen des Begriffes im Sinn, mit denen ich mich im Alltag nicht dauernd  auseinandersetzen möchte. Ich beschreibe, was ich will und wofür ich stehe und achte dabei auf Anschlussfähigkeit und Nachvollziehbarkeit. Das macht es mir leichter, BündnispartnerInnen zu finden und meine Ziele zu erreichen. Zum anderen habe ich mich nie richtig mit dem Begriff „Feminismus“ identifizieren können, weil ich wie bei jedem -ismus immer die Gefahr einer Verabsolutierung mitgedacht habe.

Wenn es gelingt, dass Frauen und Männer nach einer ehrlichen Situationsanalyse ehrlich schauen könnten, wo sie gemeinsame Ziele haben und wo nicht, wären wir ein Stück weiter: wo es geht, gemeinsame Ziele verfolgen und wo nicht, in wechselseitigem Respekt separate. Oder ist so ein Ansinnen nur ein „weibliches“ und kein „männliches“ Begehren?

Margot Abstiens, www.businessSchule-fuer-frauen.de

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 24.03.2007

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