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Rubrik leben

Versöhnungspotential in der gemeinsamen Sorge für das „Gute Leben“

Von Ursula Knecht-Kaiser

Dieser Text ist ein Kommentar zu einem Artikel von Dorothee Markert: „Traumatisierungen zwischen Frauen und Männern“.

Herzlichen Dank für deinen befreienden und deshalb notwendigen Text „Traumatisierungen zwischen Frauen und Männern“. Zuerst wollte ich schreiben „deinen ehrlichen und mutigen Text“ – das ist er natürlich auch, aber vor allem ist er befreiend. Denn er deckt die Unfreiheit (z.B. in Form von Feigheit) auf, die wir uns unter dem Deckmantel „Frauensolidarität“ geleistet haben (und noch leisten). Er ist eine wunderbare „Anstiftung“ zur heute notwendigen „Politik der Frauen“ und einer   wegweisenden Praxis.

In den letzten Tagen habe ich merkwürdigerweise an Ähnlichem herumgedacht. Ich war ein paar Tage in den Bergen und hatte endlich etwas Zeit zum Bücher lesen,  u.a. von Joachim Bauer. Ich war durch eine Radio-Sendung darauf aufmerksam geworden. Bauer ist Neurobiologe und Psychiater, hat auch molekularbiologisch gearbeitet (Professor in Freiburg i. Br. für psychosomatische Medizin). Sein Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen Darwins Prinzip der Evolution, dass der Stärkere siegt (und überlebt) und gegen die These vom „egoistischen Gen“. Kurz: das Erfolgsgeheimnis der Evolution ist Kooperation und Kommunikation, es geht immer um gelingende Beziehungen, bereits auf der molekularbiologischen Ebene. Zahlreiche naturwissenschaftliche Studien belegen das und immer mehr seriöse ForscherInnen bestätigen es. Dennoch, sagt Bauer, hält sich hartnäckig die Vorstellung Darwins vom „war of nature“ oder Richard Dawkins „The Selfish Gene“ (1976 dt publiziert). Diese „Lehre“, Bauer nennt es eine „Ideologie“, wird an den Schulen, Universitäten, in populärwissenschaftlichen Medien etc.weiterhin verbreitet, als ob es nicht längst genügend Gegenbeweise gäbe. (Selbst Darwin, scheint’s, liest man ihn sorgfältig, äußere da und dort leise Zweifel an seiner eigenen These).

Da gibt es also einen Wissenschaftszweig (Epigenetik), in dem v.a. männliche Forscher (es gibt auch ein paar Frauen unter ihnen) tätig sind, der für das „Gute Leben und Zusammenleben der Menschen“ von Bedeutung wäre, ein Umdenken bewirken könnte, aber offensichtlich von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wird. Und an diesem Punkt habe ich Parallelen gesehen zu unserer Maildiskussion über das „Nicht Rezipiertwerden“ und mich plötzlich gefragt, ob es vielleicht nicht (nur) mit der „Geschlechterfrage“ zusammenhängt, sondern auch an den Themen liegt, die unbequem sind, weil sie ein Umdenken erfordern, nicht im Mainstream liegen. Ich habe mich gefragt, ob wir, statt auf der „Männer-Frauen-Schiene“ zu ver- und beharren, uns stärker an Themen orientieren müssten, wo Frauen und Männer in der Sorge um die gemeinsame Welt und für das gute Leben bereit sind, den interkulturellen Dialog „auf gleicher Augenhöhe“ zu führen zum Wohle aller, in Achtung und Respekt vor einander und der je unterschiedlichen Sichtweise und Erfahrung. Darin läge auch ein Versöhnungspotential, denke ich mir, vielleicht Heilsames für das „beschädigte Geschlechterverhältnis“. Die gegenseitigen Traumatisierungen wären nicht das Hauptthema (wie bei einer Versöhnungskommission, die etwas Bestechendes hat und die ich mir nach meinem dreijährigen Afrika-Aufenthalt in diesem Kontinent sehr gut, in unseren Breitengraden aber eher weniger vorstellen kann), sondern kämen immer dann zur Sprache und „auf den Tisch“, wenn sie das interkulturelle Gespräch blockieren und die gemeinsame Welt sich zu verflüchtigen droht. Da könnte dann auch der Humor und das Scherzen ins Spiel kommen, entkrampfen und deblockieren. Ich merke, ich muss darüber noch lange nachdenken. Ich hoffe, es wird auf deinen Artikel in der bzw-weiterdenken weitere Reaktionen geben. Wir bleiben dran.

Autorin: Ursula Knecht-Kaiser
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 28.03.2007

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Kreativer Sandhaufen

    Ja, liebe Ursula, wir sehen uns eher wenig,aber wir bleiben dran.Unser gemeinsames Tun und Erleben liegt im Bau und bauen vom Labyrinth in Zuerich, anfangs der neunziger Jahren.Das „ausbuddeln“ von Steine, das fassen und legen von Steine und Ecksteine,das schwitzen in der Hitze der Bau-Wochen,ja so wars. Eben, daraus wurde ein Fundament für das Leben.Andere Frauen und Männern legten andere Steine anders und liessen Rosen wachsen neben, oder mit anderem Saat.Wie dem auch sei, das Gerüst ist nicht auf Sand gebaut, wenn gleichermassen Männern wie Frauen,auch
    vorübergehend in veränderte Positionen
    darin gepilgert sind.Oder am Rande als Zuschauer, die Steine zu Pflaster werden liessen um nicht unter zu gehen. Denn die Männer bauten und bauen mit.Von jenes Ungemach worüber so manches etwas zu erzählen weiss, sie ist immer zu kurz gegriffen.Denn es wird jetzt und in der Zukunft so mancherlei an guter Saat aufgehen,und zwar wegen jene die dort am Ball waren wo die Frauen aufhörten sie zu pflegen und zu hegen.Ich bin keine Akademikerin und mische dennoch mit, nicht wahr !Ich lasse mein „Oranje-boven“ Suddelei stehen,ohne orthografischen Korrektur
    im Nachhinein, damit andere Menschen
    mit einem anderen Sprachhintergrund auch den Mut finden an die Frauenthemen heran zu wagen.Danke.

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