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Zellgeflüster

Von Antje Schrupp

Auch in der Biologie wird zunehmend die „Bezogenheit“ entdeckt

ZellgeflüsterDie Welt der Naturwissenschaften scheint im Allgemeinen wenig mit Politik und Philosophie zu tun zu haben. Gerade feministischen Denkerinnen erscheint sie oft als Negativfolie – wo sonst, wenn nicht in den Labors der Weißkittel, hat noch die alte dualistische Aufteilung von Subjekt und Objekt, von Forschern und Erforschtem das Sagen? Und auf der politischen Bühne scheinen Debatten um die Natur der Dinge, der Pflanzen, der Tiere allzu oft von rein ökonomischen Strategiestandpunkten her diskutiert und entschieden zu werden.

Die Baseler Biologin und profilierte Gentech-Kritikerin Florianne Koechlin zeigt jedoch, dass es auch eine „andere“ Naturwissenschaft gibt, und dass sie inzwischen durchaus einflussreich ist. Koechlin selbst zum Beispiel ist seit Jahren als Beraterin von Schweizer Regierungsgremien aktiv und steht schon seit langem für eine Biologie der „Weltsicht in Bezogenheit“.  Als Mitautorin in unserem Aufsatzband „Sich in Beziehung setzen“ hat sie über neue wissenschaftliche Erkenntnisse im Hinblick auf die Gene geschrieben, die heute nicht mehr als selbst unveränderliche Steuerer gesehen werden (wie wir es mit Mendel und Co. noch in der Schule gelernt haben), sondern von denen man inzwischen weiß, dass sie ebenfalls mit ihrer Umwelt in einem regen Austausch stehen und sich selbst auch verändern können.

In ihrem Buch „Zellgeflüster“, das jetzt auch als Taschenbuch erschienen ist, nimmt sie die Leserin mit auf eine Entdeckungsreise: Gemeinsam mit der Autorin besuchen wir eine indische Ökologin, die für die Samenvielfalt der Kleinbäuerinnen eintritt, einen Insektenforscher, der in Kenia TseTse-Fliegen auf umweltverträgliche Weise bekämpft, wir lernen einen bereits verstorbenen Biologieprofessor kennen, der sich über die „Innerlichkeit“ von Pflanzen Gedanken gemacht hat, besuchen einen Biobauern, der über die Seele der Kühe philosophiert, einen Schamanenforscher, der nach anderen Wegen der Erkenntnis strebt, oder zwei Molekularbiologinnen, die das „Gen-Dogma“ gründlich auf den Kopf stellen.

Diese Gespräche, die Florianne Koechlin anschaulich schildert, sind vor allem deshalb so spannend, weil sie damit ihren eigenen Erkenntnisprozess im Laufe dieser Begegnungen nachzeichnet. Ganz abgesehen davon, dass auch die Laiin hier auf ganz unanstrengende Weise einen guten Einblick in die aktuellen Forschungsgebiete der Biologie bekommt. Ich selbst habe das Buch so spannend wie einen Krimi gefunden und es an drei Abenden in einem Rutsch durchgelesen.

Einige Fragen sind dabei für mich noch offen geblieben – zum Beispiel die nach der „Intelligenz“ von Pflanzen und der Sinnhaftigkeit, über Identitäten bzw. Unterschiede zwischen Menschen und Nicht-Menschen nachzudenken. Darüber habe ich mit Florianne Koechlin gemailt – das Interview ist hier nachzulesen.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 15.03.2007

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