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Rubrik handeln

Die dritte Welle

Von Kerstin Wolff

oder: Brauchen wir auch in Deutschland mal wieder einen Aufschwung der Frauenbewegung?

Frauenbewegung

Eine historische Welle der Frauenbewegung: Der Kampf um das Wahlrecht

Wie einige andere wahrscheinlich auch, habe ich zum 8. März wieder sehr aufmerksam die Presse gelesen und bin dabei bei einem Interview hängen geblieben, das in der taz veröffentlicht worden ist. Das Interview führte Adrienne Woltersdorf mit Amy Richards, der Mitbegründerin der „Third Wave-Association“, einer feministischen Organisation in den USA, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Feminismus in den USA zu stützen und zu stärken. Überschrieben war der Artikel mit „Feminismus ist Freiheit“.

In dem Interview erzählt Amy Richards, wie diese „Dritte Welle“ des Feminismus aussehen soll, was sie sich mit der neuen Organisation vorgenommen haben. Es geht vor allem um Finanzierung und Schulung von jungen Frauen, die eine Nichtregierungsorganisation gründen wollen oder im Non-Profit Bereich Frauenprojekte durchführen wollen. Amy Richards: „Wir können uns vor Anträgen gar nicht retten.“

Im Verlauf des Interviews wurde deutlich, dass es Richards und ihrer Organisation nicht um neue Themen oder Ansätze im Feminismus geht, sondern darum, pragmatisch zu handeln, die Wahlfreiheit für Frauen zu unterstützen und vor allem zu ermöglichen, dass junge Feministinnen wahrgenommen werden: „Ich bin immer wieder bei Konferenzen, wo der halbe Saal voller junger Leute ist und das Thema der Konferenz lautet: Warum interessieren sich die jungen Frauen nicht für Feminismus? (…) Nicht das Thema Feminismus frustriert junge Frauen, sondern die Leute, die ihnen sagen, es gibt nur einen richtigen Feminismus.“

Nach der Lektüre des Interviews habe ich mich spontan gefragt, ob auch wir hier in Deutschland eine „Dritte Welle “ brauchen?

Das Bild der feministischen Wellen, welches die Soziologin Ute Gerhard hier populär gemacht hat, lässt uns ja immer wieder nach dem eigenen Standort fragen und die Antwort ist seit mehren Jahr(zehnten?) immer die gleiche: Wir sind in einem Wellental, der Feminismus ist tot! Stimmt diese Einschätzung eigentlich? Mit welchen Wellenkämmen vergleichen wir denn unsere Situation? Ist dieser Vergleich gerechtfertigt? Interessant ist es immer dann, wenn ich bei meinen historischen Vorträgen zur „ersten Welle der Frauenbewegung in Deutschland“ auf Frauen (und Männer) treffe, die fasziniert von den Erfolgen und den Geschichten aus der Ersten Welle der Frauenbewegung sind und die dann ihre Situation als völlig konträr einschätzen. Zu Recht?? Was unterscheidet uns denn konkret von einer Wellenkamm-Situation? Was macht einen Wellenkamm denn überhaupt aus?

Von einem Wellenkamm spricht man wohl immer dann, wenn das Projekt Feminismus eine bestimmte Wirkmächtigkeit erreicht hat und diese Wirkmächtigkeit sich in den Medien und auf der Straße widerspiegelt. Und von beidem scheint unsere Situation sehr weit weg zu sein. Die Straße ist ruhig und die Presse schweigt sich – außer zum 8. März – über Frauenthemen aus.

Sieht man allerdings genauer hin, dann könnte man die Beschreibung dieser Situation auch auf die Frauenbewegungsphase um 1900 geben, und dabei wird diese Phase als absolute Hochphase der Frauenbewegung in Deutschland gepriesen. Die Presse des Kaiserreichs gefiel sich nicht gerade darin, freundliche Berichte über die Frauenbewegung zu bringen – wenn sie das Thema überhaupt wahrnahm – und auf den Straßen war auch nicht gerade viel los. Aber,  und das scheint mit der wahre Unterschied zu sein: Es gab einen großen Zusammenhalt innerhalb der Frauenbewegung und es wurde leidenschaftlich und vehement über die „Endziele der Frauenbewegung“ gestritten. Artikel wurden in eigenen Medien veröffentlicht, Vorträge gehalten und Petitionen verfasst um das ungerechte System zu verändern. Dabei waren vielfältige Hemmnisse zu überwinden. Es galt noch der Paragraf 8 des preußischen Vereinsgesetzes, welches Frauen verbot, politische Themen zu erörtern. Frauen stand der Zugang zur höheren Bildung noch nicht offen, um das Wahlrecht musste gestritten werden, und das Thema Prostitution wurde auch gerade erst angepackt.

Der Enthusiasmus und die Bereitschaft der damaligen Feministinnen scheint mir also nicht so sehr in Medienpräsenz oder im Straßenbild zu liegen, sondern in der Tatsache, dass sie sich kannten, trafen und stritten. Kein Jahr ohne Bundesversammlung der großen Frauenvereine (sei es der „gemäßigte“ Bund deutscher Frauenvereine, oder der „radikale“ Verband Fortschrittlicher Frauenvereine oder die konfessionellen Evangelischen, Katholikinnen oder Jüdinnen). Kein Jahr ohne großen Kongress – wie 1904 als der International Council of Women in Deutschland tagte und gleichzeitig auch noch der Weltbund für Frauenstimmrecht in Berlin gegründet wurde – oder ohne große Fachtagung, auf der die verschiedenen Flügel der Frauenbewegungen versuchten, ihre Sicht der Dinge nach innen und nach außen zu vermitteln. Oder der erste Bundesfrauenkongress 1972, zu dem sich 400 Frauen treffen und die „autonome Frauenbewegung“ verkünden. Die Frauen Sommeruniversität 1976, zu der 600 Frauen kamen, sechs weitere Treffen folgten. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Die Treffen erreichten vor allem eins: Sie setzten ein Zeichen gegen Vereinzelung und Frustration. Sie machten deutlich, dass da noch andere waren, die ebenso dachten und sich einsetzten. Denn darin scheint mir eines der größten Probleme der heutigen Zeit zu liegen: In der Vereinzelung, die das Gefühl hervorbringt, die letzte Mohikanerin auf verlorenem Posten zu sein. Dabei gibt es sie, die Frauen in den (Klein)Städten, die jedes Jahr zum 8. März ein Frauenprogramm aufstellen, die politische oder soziale Basisgruppen leiten, die sich in Geschichtswerkstätten und Erzählkaffees für Frauengeschichte einsetzen und die in diversen politischen Parteien Arbeit tun.

Wäre es da denn nicht mal wieder Zeit ein Zeichen gegen die Vereinzelung zu setzen und sich mal wieder zu treffen? Wie wäre es mal wieder um das Thema Feminismus zu ringen? Was verstehen wir denn heute darunter? Was würde denn heute passieren, wenn Frauen (und Männer!!) zu einem großen Feminismus Kongress einladen würden, der in Berlin stattfindet und die gesellschaftlichen Veränderungen unter die (feministische) Lupe nimmt. Könnte es gelingen, den Feminismus als eine „Kulturbewegung“ stark zu machen, die uns lehrt, die Welt unter einem Genderaspekt der mit Gerechtigkeit verbunden ist, anzusehen? Wäre es nicht wirklich an der Zeit, Liberalität, Toleranz, Wahlfreiheit und Chancengerechtigkeit wieder zu diskutieren und dabei keine Partei im Auge zu haben? Ist der Feminismus denn nicht nach wie vor der Versuch, auf grundsätzliche Menschheitsfragen eine Antwort zu geben?

Wie wäre es denn mit dem nächsten 8. März? Dann könnte da dann in der taz stehen: Die dritte Welle ist in Deutschland angekommen!

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Autorin: Kerstin Wolff
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 13.04.2007

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