beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik erinnern

Die historische Dimension der Frauenbewegung sehen

Von Kerstin Wolff

Kommentar zum Artikel „Traumatisierungen zwischen Frauen und Männern“

Ich halte es für sicher, dass jede Feministin und jeder feministisch bewegte Mann die Situationen, die Dorothee Markert beschreibt, kennt. Allzu leicht und allzu schnell sind und werden Konfliktlinien anhand der Geschlechtszuweisungen ausgetragen. Dies heute kritisch zu hinterfragen und nach den Strukturen zu suchen, die das ermöglicht hatten und haben, halte ich für ausgesprochen sinnvoll und weiterbringend.

Trotzdem möchte ich einen entscheidenden Punkt zu bedenken geben: Als Historikerin, die sich seit nun fast 15 Jahren mit den verschiedenen Phasen der Frauenbewegungen in diesem Land wissenschaftlich und persönlich herumschlägt, möchte ich in die Diskussion eine Perspektive einbringen, die – so glaube ich – dringend notwendig ist, nämlich die historische.

Die Frauenbewegungen in Deutschland sind alt, über 150 Jahre und da haben wir dann nur die organisierte Bewegung betrachtet. Ich halte diese Tatsache für wichtig, denn sie zeigt uns, dass wir es mit einer Bewegung zu tun haben, die sich immer wieder verändert hat, sich verändern musste. Auch Bewegungen haben Lebensphasen, sie ändern ihre Themen, ihre Formen und auch ihre Wahrheiten. Denn seien wir ehrlich, die Wahrheit und den Weg zu der Wahrheit gibt es sowieso nicht, es gibt immer nur für bestimmte Phasen der Bewegung von fast allen akzeptierte Vorgehensweisen, die dann als die Wahrheit verhandelt werden. Und genau hier scheint mir ein Problem zu liegen, welches ich immer wieder beobachte: Die Frauenbewegung wird nicht als historisch wandelbar betrachtet, sondern als ein monolithischer Block, der seit mindestens 30 Jahren die ewig gleichen Wahrheiten liefert. Und vor allem: Die Frauenbewegung heute wird an ihren Wahrheiten von vor 30 Jahren gemessen. Ist das sinnvoll?

Ich glaube nein. So wie wir uns seit den 1970/80er Jahren persönlich verändert haben, so hat sich auch die Frauenbewegung verändert. Die Diskussionen sind andere geworden, die Fragen haben sich verändert, die Lösungen und die ProtagonistInnen auch. Dies alles wahrzunehmen ist wichtig, denn sie geben der Bewegung des Feminismus ihre Geschichte und ihre Entwicklung zurück. Und dank der historischen Perspektive können wir uns heute noch einmal vergegenwärtigen, in welcher gesellschaftlichen Situation wir damals gehandelt haben. Denn eines darf doch auch nicht vergessen werden: Es war eine extrem ungleiche Machtsituation, in der Männer und Frauen standen und meistens ging es zu Gunsten von Ersteren aus – das sollte bei der ganzen Diskussion auch nicht vergessen werden!

Warum aber auch heute noch die massive Kritik an Äußerungen von Feministinnen? Hier scheint mir der Ansatz von Antje Schrupp weiterbringend zu sein, die zu recht darauf hinweist, dass diese Abwehrbewegung zum Stereotyp verkommen ist. Es herrscht eine breite gesellschaftliche Akzeptanz darüber, dass Äußerungen von Feministinnen nicht angehört werden brauchen. Als Totschlagargument wird dann die lila Latzhose und der 70er Jahre Feminismus gezückt. Dies zeigt, dass es keine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Frauenbewegung und des Feminismus gegeben hat – und zwar von keiner Seite. Da hilft – meiner Meinung nach – nur eins: Wir selber müssen beginnen, die Bewegung und den Feminismus als historisch eingebundene Phänomene zu betrachten. Wir sind keine 70er Jahre Feministinnen mehr, und die Frauenbewegung hat sich auch verändert.

Was aber passiert, wenn frau und mann – so wie ich vorschlage – die historische Dimension mit bedenken? Ich glaube wir sind dann viel besser in der Lage, das was war, heute zu begreifen. Dann sehen wir die Diskriminierungserfahrungen, die damals von vielen Frauen gemacht wurden, ebenso wie die Verletzungen und die Kämpfe gegeneinander und wir sehen die Suche nach der Wahrheit. Wenn wir die historische Dimension einziehen, sind wir vor allem in der Lage, uns und unsere Handlungen zu relativieren. Nicht um sie zu entschuldigen, sondern um sie verstehbar zu machen. Wenn wir das tun, dann können wir – so hoffe ich – zusammen mit den damals beteiligten Menschen jedweden Geschlechts über diese Zeit reden und – das wäre das beste überhaupt – verstehend lächeln: Und zwar von beiden Seiten!

Autorin: Kerstin Wolff
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 23.04.2007

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