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Rubrik handeln

Gute Erfahrungen sichtbar machen

Von Antje Schrupp

Vorschläge zum Umgang mit der traumatischen Geschichte des Geschlechterkonfliktes

Nachdem Dorothee Markert ihren Text „Traumatisierungen zwischen Männern und Frauen“ auf diese Seiten eingestellt hat, habe ich ihn gleich meinem Partner zu lesen gegeben, denn er ist einer von den „Betroffenen“ – also ein Mann, dessen Interesse an feministischen Ideen allzu oft abgeblockt wurde, weil ihn das „nichts angehe“, wie ihm gesagt wurde. Ihm sind anhand dieser Schilderungen viele Situationen eingefallen, die dazu passen. Den Ausdruck „Trauma“ fand er aber zu stark, eher empfindet er rückblickend ein gewisses Bedauern über verpasste Gelegenheiten und übt sich ansonsten in halbwegs verständnisvollem Schulterzucken.

Während ich das schreibe merke ich, dass es mir tatsächlich schwer fällt, mich hier als „Hetera“ zu outen, denn als solche empfand ich mich immer als im Verdacht stehend, latent „unfeministisch“ zu sein. Eine absurde Idee natürlich, aber emotional offenbar noch nicht so ganz überwunden. Und so kann ich dem Unrecht, das Dorothee zur Sprache gebracht hast, noch ein weiteres anfügen: Ich habe vielfach in frauenbewegten Zusammenhängen meine privaten Beziehungen zu Männern geradewegs verleugnet.

Aber zurück zu der These von den Traumatisierungen. Ich glaube, dass sie tatsächlich einiges erklären kann. Zum Beispiel habe ich mich sehr gewundert über die teilweise völlig überzogenen Kritiken männlicher Journalisten und Theologen gegen die neue Bibelübersetzung „in gerechter Sprache“. Diese Kommentare – „Gesinnungsterror“ zum Beispiel wurde ihr vorgeworfen – waren so vollkommen jenseits jeder vernünftigen oder wissenschaftlichen Argumentation, dass sie tatsächlich auf ein Trauma hinzudeuten scheinen.

Wobei das Ganze aber auch eine Frage der Generationen ist. Denn unter jüngeren Frauen und Männern scheint mir diese „Leichtigkeit“ in den Beziehungen, die Dorothee sich wünscht, durchaus schon vorhanden zu sein. Zum Beispiel denke ich an einen jungen Kollegen, der beim ganz normalen Reden völlig selbstverständlich eine inklusive Sprache benutzt – viel unverkrampfter als ich. Er hat es ja auch zu tun mit einer Generation von jungen Frauen, die mit großer Selbstverständlichkeit als Frauen präsent sind, ohne sich deshalb von Männern abzugrenzen. Und auch die organisierte Frauenbewegung ist ja schon seit längerer Zeit nicht mehr so aggressiv und pauschal in ihrem Urteil über Männer.

Das heißt jedoch nicht, dass sich das Thema mit der Zeit gewissermaßen „von selbst“ erledigt. Aus den Erfahrungen im Umgang mit anderen historischen Traumata – etwa der Geschichte des Nationalsozialismus – wissen wir ja, dass sich diese über Generationen vererben können, selbst wenn die Erfahrungen von den Jüngeren nicht mehr persönlich gemacht werden. Deshalb ist es wirklich notwendig, unser Verhältnis zu den Männern (und ihres zu uns) offen zur Sprache zu bringen. Und auch das eigene Handeln zu verändern. Vielleicht können wir, soweit es in unserem Einfluss steht, in der Frauenbewegung und „feministischen Szene“ neue Regeln einführen – Regeln in dem Sinne, wie Chiara Zamboni sie als Möglichkeit einer politischen Praxis beschreibt, die in Kontakt mit dem Realen steht. Eine solche neue Regel könnte es sein, dass wir interessierte Männer offen und explizit zu allen unseren Veranstaltungen und Projekten einladen, es sei denn, es stehen konkrete Gründe und Umstände dagegen, die dann aber im Einzelfall benannt werden müssten.

Natürlich ist es richtig, dass diese „gemischten“ Projekte in der Vergangenheit häufig schief gegangen sind und viele Frauen sind daher skeptisch. Ich glaube, diese schlechten Erfahrungen kommen daher, dass das Projekt „Männer zulassen“ häufig unter dem Egalitäts- oder Neutralitätsduktus stand. Das heißt, es wurde konzeptionell nicht die Ungleichheit, nicht die Differenz der Kulturen (zum Beispiel Gesprächs- und Redekulturen), nicht die Notwendigkeit der Versöhnung nach einer belasteten gemeinsamen Geschichte berücksichtigt, sondern so getan, als wären in „gemischten“ Projekten Männer und Frauen gleich. Das kann aber nur gut gehen, wenn alle beschließen, als Neutren aufzutreten (und auf diese Weise geht es ja in vielen Institutionen und Organisationen heute gut). Wenn es aber zum Beispiel darum geht, gesellschaftliche Gewalt gegen Frauen zu diskutieren oder die ungleiche Einkommensverteilung zwischen den Geschlechtern oder sonst irgend ein Thema, in dem die Geschlechterdifferenz unmittelbar relevant ist, können Frauen und Männer sich nicht „als Gleiche“ begegnen. Sondern es sind einige Fragen zu klären, zum Beispiel: Mit welchen Männer möchten wir warum ins Gespräch kommen? Wie müssen wir die Umstände gestalten und die Themen formulieren, damit die kulturellen Differenzen darin aufgehoben und vermittelbar sind? Letztlich ist Dorothee Markerts Idee, „Versöhnungskonferenzen“ zu gestalten, ein solches „Setting“, ebenso wie Ursula Knechts Vorschlag, gemeinsame „Gutes Leben“-Projekte zu machen. Ich könnte mir auch noch andere denken.

Eine weitere Möglichkeit wäre zum Beispiel, gelingende Beziehungen zwischen Frauen und Männern sichtbarer zu machen und zu feiern, zu untersuchen, warum sie gelingen und was von ihnen zu lernen ist. Das wäre sicher auch ein Projekt, das den Feminismus für jüngere Frauen interessant machen würde. Medial wird ihnen doch meistens vermittelt, dass Beziehungen zu Männern ungeheuer komplizierte und anstrengende Angelegenheiten sind, die viel Zeit und Mühe erfordern. Ich erlebe hingegen Beziehungen zu Männern sehr oft als fruchtbar und inspirierend, sie geben mir mehr als sie mich kosten – und ich glaube, das hängt tatsächlich auch mit meinem feministischen Hintergrund zusammen.

Damit bin ich bei einem anderen Punkt, den ich noch ansprechen möchte. Und war beobachte ich, dass sich die realen und inzwischen weitgehend historischen Konflikten zwischen „ungerechten“ Feministinnen und „betroffenen“ Männern zuweilen zu einer Art Gestus verfestigt haben, der weiterlebt, auch wenn die Realität sich verändert hat. Diesen Gestus sehe ich zum Beispiel bei den Jüngeren unter den „Antifeministen“ in Wissenschaft und Medienlandschaft, die sich sozusagen darin gefallen, jede Äußerung einer Frau (wenn sie das Frausein thematisiert und nicht als Neutrum auftritt) als tendenziell dogmatisch und unqualifiziert abzutun. Und ich sehe ihn auch dort, wo heute jüngere Frauen Bücher über die „F-Klasse“ und einen neuen Aufbruch der Frauen schreiben, aber gleichzeitig betonen, dass sie mit der Frauenbewegung auf gar keinen Fall etwas zu tun haben wollen. Beide haben ja überwiegend mit „realen“ Feministinnen „alter Schule“ nie etwas zu tun gehabt.

Deshalb bin ich auch nicht dafür, den Begriff „Feminismus“ und die Historie der Frauenbewegung außen vor zu lassen, die entsprechenden Begriffe nicht mehr zu verwenden, um Missverständnisse zu meiden und alte Wunden nicht aufreißen zu lassen, und uns stattdessen ausschließlich auf das „gute Leben“ zu konzentrieren. Sondern ich will lieber versuchen, beides zusammenbringen: Das Engagement für das gute Leben aller und das Feministin sein. Denn es stimmt, dass es nichts nützt, immer weiter zu erklären, dass das mit dem Feminismus ja nicht so gemeint war. Versöhnung ist nur möglich, wenn andere Erfahrungen an die Stelle der Klischees und kultivierten Vorurteile treten.

Der Gestus, der sich in dem Konflikt zwischen Frauen und Männern und aufgrund des hier begangenen Unrechts verfestigt hat, lässt sich meiner Meinung nach nur aufbrechen, wenn Männer (und Feminismus-skeptische Frauen) andere, bessere Erfahrungen des Dialogs nicht einfach nur mit Frauen machen, sondern eben gerade mit Feministinnen. Deshalb versuche ich persönlich beim „Hingehen und mit den anderen reden“ immer beides zu verkörpern: Dass ich am Gespräch und am Austausch mit Männern und an einem guten Leben für alle ehrlich interessiert bin. Und eine Feministin.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 01.04.2007

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