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Rubrik leben

Kinderstreit

Von Silke Teuerle

Von Mamas und Frauen

Meine Freundin Anna ist doof. Wir haben uns gestritten, wie junge Mädchen – keine wusste, was konkret vorgefallen war, aber wir waren stinksauer aufeinander, wechselten kein Wort mehr miteinander und waren eben keine Freundinnen mehr. „Du bist doof“, hätte ich zu Anna gesagt, hätten wir uns damals schon gekannt, sie auf dem Schulhof stehen lassen und seitdem geschnitten. Und Anna hätte das auch mit mir gemacht. Im Klassenzimmer hätten wir exakt in der Mitte unseres Tisches einen Strich gezogen und noch nicht einmal mehr bei uns abgeguckt. Wir machen das jetzt natürlich in der Erwachsenenversion. Schnörkel fahren, damit ich auf dem Weg zum Supermarkt nicht an ihrer Tür vorbeikomme, wo ich früher immer angeklingelt habe. Kategorisch jede Verabredung mit gemeinsamen Freundinnen absagen mit irgendeinem Schmus von wegen keinen Babysit und so. Solche Sachen eben. Und genauso kindisch.

Als vernunftbegabte Erwachsene könnten wir uns natürlich aussprechen. Haben wir auch, aber seitdem ist alles nur noch schlimmer. Dass wir uns weniger gesehen und gehört haben, dauerte ja schon viel länger, sie hatte da ein Unbehagen, ich eins, insgeheim fanden wir uns ja schon viel länger doof, sie mich, weil ich bei jedem Telefonat und jeder Verabredung erzählte, wie müde ich sei, und ich sie, weil ich gemerkt habe, dass sie das doof findet. Ich würde ihr übrigens viel lieber etwas anderes erzählen. Ist wirklich so eine Sache mit meiner anhaltenden Überarbeitung. Aber das ist ja gerade der Punkt, über den ich mich mit ihr gerne ausgetauscht hätte, und da stoße ich auf taube Ohren. Dabei dachte ich, bei Freundinnen könne ich sein, wie ich bin – und das ist nun mal eben müde.

Meine sich wiederholenden Erschöpungsäußerungen langweilen sie übrigens nicht etwa, sie machen sie auch nicht wütend, weil ich nichts dran mache, nein, es nervt sie, weil ich keine Kinder habe. Und seitdem ich das weiß, finde ich Anna saudoof! Wenn ich ständig müde sei, was solle sie denn dann sagen, meinte sie, wo sie doch mittlerweile sogar zwei Kinder habe. „Naja“, habe ich geantwortet. „Dass Du müde bist, vielleicht.“ Mir war gar nicht klar, dass Müdigkeit messbar und konkurrenzierbar ist. Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist die Müdeste im ganzen Land? – Die Mütter, die Mütter! Womit mir zum ersten Male bewusst wird, dass ich offensichtlich eine Kinderlose und in eine andere Kategorie gerutscht bin. Womit mir überhaupt erst mal bewusst wird, dass es Kategorien gibt.

Das hätte ich allerdings schon früher merken können. Schon direkt bei einer unserer ersten Begegnungen. Da sagte Anna nämlich, sie wolle ganz viele Kinder und auch voll für sie da sein, sie habe aber gar nichts gegen Karrierefrauen. „Sollen sie nur machen, was sie für richtig halten“, hatte sie gesagt, „aber ich persönlich finde das nicht richtig.“ Hätte mir also auch damals schon auffallen können, dass Anna doof ist. Aber ich war gar nicht auf die Idee gekommen, mich als potentielle kinderlose Karrierefrau angesprochen zu fühlen, und mein feministisches Hirn hatte ich an jenem Nachmittag offensichtlich (wahrscheinlich wegen üblicher Überarbeitung) ausgestellt, faul von der Sonne in Annas Garten und den zwei Stücken Erdbeerkuchen, die ich gerade gefuttert hatte. Wäre ich etwas konzentrierter gewesen, hätte ich vielleicht geantwortet: „Ja, ich bin genauso tolerant, ich habe gar nichts gegen Mütter, sollen sie nur machen, was sie für richtig halten, aber ich persönlich finde das nicht richtig.“ Ich vermute, ich hätte meinen Rest Erdbeerkuchen wieder einpacken und sofort nach Hause gehen können. Sssssipp – Strich auf Tisch.

Aber so weit wäre es ja gar nicht gekommen. So einen Blödsinn hätte ich vielleicht gedacht, aber niemals ausgesprochen. Dazu finde ich es selber viel zu schwierig, die richtige Entscheidung zu treffen. Für Anna ist ihre Wahl (im Moment) richtig. Sie wird nach ihrem Mutterschutz aufhören zu arbeiten, weil ihr die Doppelbelastung auch mit halber Stelle zum Hals raus hängt. Für mich ist die Entscheidung nicht richtig, nicht, weil ich Karriere machen möchte, sondern weil mir das Modell der Kleinfamilie nicht gefällt, in dem ich mich Sylvia-Plath-artig mit dem Kopf im Ofen enden sehe.

Anna und ich sind da einfach anders. Mir ist meine Arbeit tatsächlich wichtiger als mich fortzupflanzen. Mit der Ablehnung von Mutterschaft hat das aber nichts zu tun. Wie gesagt, ich fühle mich ja gar keiner anderen Kategorie zugehörig als Anna. Darum auch mag ich dieses Wort ‚kinderlos‘ nicht, denn es impliziert, dass ich keine Mutter bin. Naja, werden Sie sagen, wer weit und breit kein Kind zum Bemuttern hat, ist eben keine Mutter. – Naja, erwidere ich da, wer sagt denn das?

Wer sagt denn, dass es zwischen Frausein und Muttersein einen Unterschied gibt? Als ich mal in Peru in einer recht unzivilisierten Gegend war, sprachen mich alle Frauen mit ‚Mama‘ an und drückten mir selbstverständlich ihre Kinder in die Arme, wenn sie mal sonst was machen mussten. Für die war ich Mama, weil ich Frau war. Nichts weiter. Seit der Menarche bin ich Frau und kann also Kinder kriegen. Ich bin Frau und wenn ich in den Wechseljahren bin, hätte ich Kinder gekriegt haben können. Ich blute und höre wieder auf und bin Frau und also Mama. In matriarchalen Gesellschaften sind ja sowieso alle Frauen Mama, die sich um Kinder kümmern. Wenn eine Frau ein Kind kriegt, wird nicht nur sie, sondern werden auch all ihre Schwestern Mutter. Kümmern sich ja auch alle um das Kind. Hab ich auch gemacht, als meine Schwester geboren hat. Also bin ich Mama. Alle Frauen sind Mamas. Weil sie weiche Brüste haben, an die sich Kinder kuscheln können, wenn sie Trost suchen. Weil sie eine sachte Stimme haben. Weil ihre Körper alles haben, was sie an die Wurzel des Lebens bringt. Wir sind genauso alle Mama wie wir alle Frau sind.

Dabei geht es mir ja gar nicht darum, dass ich gefälligst als Mutter ohne Kinder anerkannt werden möchte. Auf die Idee bin ich ja überhaupt nur gekommen, weil Anna mit Kindern mich ohne Kinder plötzlich anders sieht, als wie wir beide noch einfach Anna und Silke waren. Und weil ich ihr offensichtlich den Wind aus den Segeln genommen habe mit meiner Müdigkeit. Denn Erschöpfung ist das Kennzeichen sich aufopfernder Menschen. Und das sind Mütter. Sie denken nur an das Wohl anderer und kriegen mittlerweile ja sogar noch den Bonus der demographischen Retterinnen des Vaterlands. Kinderlose denken nur an sich selbst. Mütter sind anpassungsfähig und können sich mit schlechten Familienmodellen arrangieren. Kinderlose haben eine zu niedrige Toleranzschwelle. Und wenn ich als Kinderlose Müdigkeit für mich beanspruche, weiß Anna nicht, was sie sagen soll, um ihrer Erschöpfung und also Aufopferungsbereitschaft Ausdruck zu verleihen. Und das muss sie, denn sie lebt in einem System, in dem bezahlte über unbezahlte Arbeit gestellt wird, und indem sie nur über ihren christlich angehauchten Altruismus so etwas wie Anerkennung erwarten kann.

Da werden wir zu Konkurrentinnen, die sich nicht nur um den Titel der größten Gähnerin streiten, sondern auch um den besten Lebensentwurf. So frei ist unsere Wahlfreiheit nämlich nicht, denn ihre Ergebnisse sind alles andere als selbstverständlich, sondern ständigen Beurteilungen ausgesetzt. Und also müssen wir uns rechtfertigen. Die Vollzeitmutter muss sich als irgendwie Verantwortungslose und Abhängige rechtfertigen, weil sie kein Geld verdient, die Doppeltbelastete muss sich rechtfertigen, weil sie den Hals nicht voll kriegt und alles will, aber dieses alles angeblich nur halb tut. Und die Kinderlose muss sich rechtfertigen, weil sie Papa Staat den Nachwuchs vorenthält. Und sie rechtfertigen sich nicht nur vor irgendwelchen Arbeitgebern oder Nachbarn, sie rechtfertigen sich vor allem gegenüber anderen Frauen, von denen sie sich in Frage gestellt fühlen, weil sie eben anders sind. Wenn die andere die Doppelbelastung aushält, warum ich nicht? Wenn der Vollzeitmutter zu Hause nichts fehlt, warum mir dann? Diese ständige Unsicherheit, ob wir die richtige Entscheidung treffen, ob wir genug tun, ob wir richtig sind. Und anstatt uns in unseren Entscheidungen gegenseitig zu unterstützen, teilen wir uns also in Kategorien ein und ernennen uns zur Konkurrentin.

Und das finde ich einfach megadoof! Mir ist doch ganz egal, was Anna macht! Ob sie sich doppelt belasten möchte oder nicht, ob sie Kinder hat oder nicht, sie bleibt doch meine Anna! Bei der ich dann, hätten wir uns damals schon gekannt, auf dem Schulhof angekrochen gekommen wäre mit der Frage: „Sollen wir uns wieder vertragen?“ Und dann hätte sie noch ein wenig rumgebockt, mir aber schließlich nicht widerstehen können, und wir hätten Händchen haltend und kichernd an unser letztes Gequatsche angeknüpft, als wäre nichts gewesen. Ich werde das morgen mal in der Erwachsenenversion tun. Ich werde auf dem Rückweg vom Supermarkt bei Anna mit Erdbeerkuchen vorbeischauen und mein feministisches Hirn von der schönen Frühlingssonne einlullen lassen. Dazu sind Freundinnen ja da – man kann bei ihnen sein, wie man ist, und wenn das nun mal doof ist, dann mag ich Anna eben auch doof.

Autorin: Silke Teuerle
Redakteurin: Silke Teuerle
Eingestellt am: 24.04.2007

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ursula sagt:

    DANKE!
    ja so seh ich es auch… und mit 55 werde ich auch eine 40 jährige Freundschaft nicht canceln, sondern den Jetzt-Zustand lediglich als Entwicklungsphase ins Zeitalter der alten weisen Frau ansehen…. smile

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