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Das Ende der Piraten

Von Antje Schrupp

Warum es einen vierten Teil von „Fluch der Karibik“ geben muss

„Wir nehmen, was wir kriegen können, und geben nichts davon zurück“ – dieses Motto von Johnny Depp alias Piratenkapitän Jack Sparrow im ersten Teil von „Fluch der Karibik“ habe ich vor einigen Jahren in mein Büchlein „Zukunft der der Frauenbewegung“ aufgenommen, weil er mir gut die Maxime der gegenwärtigen symbolischen Unordnung auf den Punkt zu bringen scheint: Wir haben es nicht mehr mit Patriarchen zu tun, sondern mit Piraten. Ein Bild, das sich in den anschließenden Diskussionen als recht fruchtbar erwiesen hat – die Piraterie als postpatriarchaler Zustand, der Chaos und Gesetzlosigkeit sowohl androht als auch verspricht, der Freiraum schafft für Abenteurerinnen, sie befreit aus alten Beschränkungen der Kolonialherrschaft, der aber auch Unsicherheit und Angst auslöst.

Und wie geht die Geschichte weiter? Ist eine neue, postpatriarchale Ordnung am Entstehen – und wie könnte die aussehen? Nun ist der dritte Teil der Trilogie in die Kinos gekommen. Was hat er in dieser Hinsicht zu bieten?

Dass es auch hier wieder einmal die Frauen sind, auf denen alle Hoffnungen ruhen, ist wenig verwunderlich. Wohl selten ist die viel besprochene „Doppelbelastung“ der emanzipierten Frau eindrücklicher in Szene gesetzt worden. Aus der ins Korsett geschnürten schüchternen Dame, um deren Rettung und Zuneigung der Seeräuber und der ehrenwerte Gentleman in Teil 1 noch konkurrierten, war schon im zweiten Teil eine eigenwillige Protagonistin geworden, die als einzige den Mumm hatte, über den frechen Egoismus des Piraten nicht nur zu jammern, sondern ihn – trotz seiner liebenswert-sympathischen Reh-Äuglein, es ist schließlich Johnny Depp! – konsequent zur Verantwortung zu ziehen. Weshalb dieser ihr, in Verkennung der Umstände, den höchsten Ehrentitel verlieh, den er zu vergeben hat: „Du Pirat!“ flüstert er ihr ins Ohr, bevor ihn das Schicksal ereilt.

Und? Ist sie nun wirklich selbst zum Piraten geworden? Auf den ersten Blick sieht es ganz so aus. Im dritten Teil avanciert nämlich die Dame – Keira Knightley alias Elizabeth Swann – zur Königin aller Piraten, die die East India Trading Company (die Verkörperung jener vergehenden, patriarchalen Zeiten) endgültig in Grund und Boden bombt. Unterstützt wird sie von der wieder entfesselten Meeresgöttin Calypso, die ebenfalls das Ende der patriarchalen Kultur symbolisiert, während die diversen Piratenkapitäne und -kapitäninnen (auch die gibt es natürlich in emanzipierten Zeiten) einmütig der inspirierten Lady folgen. Sogar der ritterliche Liebhaber reiht sich, obwohl eigentlich ein Held alter Schule, freiwillig in die zweite Linie ein, als hätte er gerade ein Seminar in Gender-Mainstreaming hinter sich gebracht.

Vielleicht sehe ich das alles ja etwas übertrieben. Der taz jedenfalls ist nichts dergleichen aufgefallen (vielleicht, weil sie die Emanzipation schon für so selbstverständlich hält, dass ihr der Unterschied zwischen Frauen und Männern gar nicht mehr auffällt), sondern sie sieht in dem Kampf zwischen Kolonialherren und Piraten eine Allegorie auf den Kampf zwischen „Empire“ und „Multitude“, also zwischen den bösen globalen Multikonzernen auf der einen und einem bunten Drittwelthaufen auf der anderen Seite. Aber die Multikulturalität des Piratenbündnisses (ein gefährliches Schlitzauge, ein Eunuch mit Turban, eine weißgesichtige Geisha-Karikatur, ein Neger, ein säbelrasselnder Latino-Macho, ein lächerlich perückter Franzose…) ist nur Kulisse, die für die Handlung ohne Bedeutung bleibt.

Dass hingegen die Superheldin, die nicht nur das Patriarchat besiegt, sondern auch die Piraten in Schach hält, eine Frau ist, ist meines Erachtens kein Zufall. Zwar ist der Film auf den ersten Blick so enttäuschend wie die ganze Emanzipation: Frauen kämpfen mit, ansonsten bleibt alles beim Alten, das Gemetzel, das Gesaufe, die Zoten. Oder doch nicht? Denn insgeheim, während sie noch den Säbel schwingt und ihren Feinden die Köpfe abhaut, ist sie schon damit beschäftigt, zu überlegen, wie es denn weitergehen soll, wenn das Patriarchat erst einmal versenkt ist. Noch mitten im Schlamassel der Schlacht entscheidet sie sich kurzerhand zur Heirat (nachdem sie ihrem schmachtenden Helden wegen dessen unzeitgemäßer Eifersüchtelei den ganzen Film über die kalte Schulter gezeigt hat): Zwischen zwei Säbelschlägen muss der Kapitän mal eben hopplahopp die Ehezeremonie abhalten – für die im Multitasking erprobte Frau von heute ist das offenbar kein Problem, die Romantik vom „wichtigsten Tag im Leben einer Frau“, die in Teil 1 noch deutlich präsent war, ist mit dem Kolonialherrenschiff endgültig untergegangen. Und was die Piraterie betrifft, so ist die eben auch keine Alternative – auch wenn der Seeräuber, eitel wie er nun mal ist, nach wie vor glaubt, dass sie eigentlich ihn liebt und nicht diesen ritterlichen Langweiler, mit dem sie sich gerade vermählt.

Doch eigentlich ist das auch ganz und gar unerheblich, denn am Ende sind sowieso alle Männer verschwunden. Der Pirat ist wieder zurückgekehrt zu seinen belanglosen Spielchen rund um den Suff, den Schatz und den Sex. Und der frisch angetraute Gemahl wird – ein verblüffend treffender Kommentar auf die derzeitigen Erwerbsbedingungen – zu immerwährender Arbeit verdonnert. Nur alle zehn Jahre bekommt er einen Tag frei, um sich im Schoß der Familie zu erholen. Ein Tag, was soll das? Das ist doch kein Happy End?

Wer weiß. Wer jedenfalls glaubt, die einsame Frau am Strand, die den männlichen Helden am Horizont entschwinden sieht, sei das Ende vom Lied, ist zu früh nach Hause gegangen. Das Wesentliche geschieht, während der Abspann läuft. Es wird, wie im echten Leben, nicht gezeigt, sondern offenbar als selbstverständlich vorausgesetzt. Wir kriegen nur das Ergebnis präsentiert (falls wir zu den wenigen Kinogästen gehören, die so lange sitzen geblieben sind): Ganz am Ende erscheint die Heldin noch einmal auf der Bildfläche, lächelnd, souverän. Wie eine Piratin sieht sie eigentlich nicht aus. Wie eine alte Kolonialherrin aber auch nicht. Sie hat ein Kind an der Hand, beide sind gut gekleidet, wohl genährt, und offensichtlich glücklich. Wie haben sie das angestellt auf dieser öden Insel? Wer hat ihnen bei der Entbindung geholfen? Woher bekamen sie was zu essen? Wie haben sie sich ihre Kleidung beschafft? Wer hat sie bei Krankheit gepflegt? Welche Feste haben sie gefeiert und in welcher Gesellschaft? Das alles zu erfahren, wären wir nun wirklich neugierig. Genauso neugierig wahrscheinlich wie der mutmaßliche Vater, der jetzt, im Moment des Sonnenuntergangs, für seinen Eintagesurlaub nach zehn Jahren am Horizont wieder auftaucht.

Johnny Depp hat bereits verkündet, dass er keinen vierten Teil von „Fluch der Karibik“ drehen will. Aber das muss ja nicht heißen, dass es keinen vierten Teil gibt. Es würde doch reichen, wenn Keira Knightley zur Verfügung stünde. Ein Titel fiele mir schon ein: „Neuanfang in der Karibik – die wahre Herausforderung.“

Zuschrift zu diesem Artikel:

…aber nicht ohne Johnny Depp, weil Käptn Jack Sparrow ist der Pirat meiner Träume. Schlau, ohne sich im Kampf sinnlos zu verausgaben, entschieden menschlich, eitel, albern, dem guten Leben durchaus zugetan („Wieso ist schon wieder der Rum alle?“), ich verstehe gar nicht, was du hast 🙂

An zwei Stellen warst du nicht korrekt in der Wiedergabe: Es ist die East India Trading Company, das ist nicht wirklich wichtig (ich hab’s aber trotzdem inzwischen korrigiert, Anm. von Antje) aber Käptn Jack Sparrow flüstert Elizabeth nicht ins Ohr, sondern grinst es ihr ins Gesicht: „Pirat“. Alles andere wäre uncool und viel weniger sexy. Und sie liebt ihn – was sie an gar nichts hindert. Und das weiß auch der Schleimer, sorry, William Turner, seines Zeichens hin- und her gerissen zwischen patriarchalem Heldentum und emotionaler Intelligenz. Aber sie will ja Ehe und Abenteuer, und da eignet sich der Pirat halt nicht wirklich. Der auch nicht wirklich trauert um diese nicht zustande gekommene gesetzlich sanktionierte Beziehung – es ist, wie es ist, und es gibt noch spannende Dinge zu tun – eine Haltung, die ich bei Männern sehr schätze.

Bin also ganz deiner Meinung, her mit dem vierten Teil, aber bloß nicht nur als Beschreibung einer Ehe mit dem Kindsvater auf Dauermontage – das ähnelt dann doch zu sehr meinem Alltag. Lieber Abenteuergeschichte mit ausreichend Blödsinn, Rum und Frauen, die lieben, wen sie wollen, auf die Art, wie sie es wollen.

Die Hochzeit fand ich wesentlich besser als die lahme Party im Schnürleibchen – spätestens als Elizabeth dem neuen Kommandanten mit Waffengewalt klarmacht, dass mit einer Frau, die um ihre Hochzeitsnacht gebracht wurde, nicht zu spaßen ist, wurde deutlich, daß sie nicht wegen dem ausgefallenen Ball so wütend war. Übrigens waren alle an der Zeremonie Beteiligten ziemlich multitaskingfähig: Das ist offenbar nicht nur für Frauen, sondern auch für Piraten unerläßlich.

Viele Grüße, Sandra

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 28.05.2007

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Selten habe ich etwas gelesen, bei und nach dem ich nicht im geringsten verstand, worum es da ging; sorry Sandra, das liegt nicht an dir. Und noch was, was ich erheiternd dabei empfinde: mir fehlt nixxxx – im Gegenteil! :-))))

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