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Rubrik erinnern

Das Erbe unserer Vorfahrinnen

Von Safeta Obhodjas

Feminismus und Musliminnen in Ex-Jugoslawien

Bosnische Tracht

Muslimische Mädchen in bosnischer Tracht, Anfang des 19. Jahrhunderts.

Die Frauenbewegung und der Begriff Feminismus tauchten in Ex-Jugoslawien erstmals Mitte der siebziger Jahre auf. Die Frauen befanden sich damals in einer paradoxen Situation: Auf dem Papier hatten sie alle Rechte, in der Praxis funktionierte das aber nicht. Die kommunistische Partei und ihr Präsident Tito waren fest überzeugt, dass sie in dem von ihnen gegründeten Vielvölkerstaat nach den Prinzipien der Gerechtigkeit regierten. Der Sozialismus, so ihre Auffassung, habe den Frauen ihre Rechte und die Gleichberechtigung auf dem silbernen Tablett des ersten Grundgesetzes nach dem Zweiten Weltkrieg serviert. Die Frauen hatten allerdings keine Möglichkeit, ihre Lage in der Gesellschaft zu thematisieren, weil sie in der Politik kaum vertreten waren.

Kultur und Literatur in den Ländern Ex-Jugoslawien waren männlich dominiert und standen, wie das ganze Leben, unter der Kontrolle der herrschenden Ideologie. In Regel vermieden Denker, Theoretiker und Künstler, sich mit den Herausforderungen der Gegenwart kritisch auseinanderzusetzen, weil sie damit schnell in Ungnade fallen konnten. Ex-Jugoslawien war eine große experimentelle Baustelle, auf der Marxisten und Leninisten einen paradiesischen Staat für alle Völker aufbauen wollten. Es wurden nur Werke von Denkern und Theoretikern veröffentlicht, die mit der Ideologie in Einklang standen. Viele Künstler vergruben sich in der Vergangenheit und schrieben Bücher über die Herrschaft der Osmanen auf dem Balkan.

Auch Ivo Andric, der Nobelpreisträger und europaweit der bekannteste Schriftsteller aus Ex-Jugoslawien, schrieb überwiegend über bosnische historische Themen, womit er den aktuellen Machthabern keine Kopfschmerzen bereitete. Doch seine Lektüre schürte böses Blut zwischen den Serben und den Muslimen. Die Orthodoxen lasen Andrics Werke nicht als Literatur, sondern als Beleg für die Misere ihrer Vorfahren unter den muslimischen Herrschern. Sie fühlten sich durch die Muslime an ihren fünf Jahrhunderte währenden Leidensweg unter der Herrschaft der Türken erinnert. Weibliche Charaktere waren in der Literatur rar und klischeehaft, mal stellten sie eine opferbereite Mutter, mal eine Xanthippe dar. Für uns, die realen Frauen, die den Alltag meisterten und fast alle Familienprobleme alleine schulterten, hatte die Phantasie der Männer kaum etwas übrig.

Irgendwann in den Siebzigern wachten die Frauen auf, besonders ihre intellektuelle Elite. Die treibende Kraft bei dem Versuch, die Errungenschaften der Frauenbewegung aus Europa in unsere Wirklichkeit zu übertragen, war Dr. Nada Ler-Sofronic, damals Assistentin für Psychologie an der Universität von Sarajevo. Später hat sie an dieser Uni eine Karriere als Professorin gemacht. Sie war keine Christin, sondern stammte aus einer angesehenen jüdischen Familie. In einem Interview, das kürzlich auf der Frauen-Webseite „Ekviva“ in Zagreb erschienen ist, beschreibt sie die Situation der Frauen in Ex-Jugoslawien: „Das war damals ein sehr heikles Thema. Feminismus wurde als ein linker Dogmatismus bezeichnet: Weshalb, um Gottes Willen, soll man ein besonderes Interesse der Frauen und ihre Probleme thematisieren?! Wir seien doch alle gleichberechtigt, wenn auch noch nicht jetzt, so doch in der Zukunft, wenn das bürgerliche Eigentum endlich abgeschafft sein würde. Bei uns gebe es keine Diskriminierung, auch keine Gewalt gegen Frauen und Kinder, Pornographie und Prostitution seien ausgerottet – solche Perversionen existierten nur im Kapitalismus. Frauen bekämen denselben Lohn wie Männer, sie verrichteten dieselbe Arbeit wie Männer, und überhaupt, Frauen seien phänomenal, weil sie alles schafften: berufstätig zu sein, und sich zugleich für ihre Lieben, Kinder, Männer, Eltern aufzuopfern. Warum brauchen sie eine Entlastung, wenn sie doch alles könnten: Geld verdienen, einkaufen, kochen, putzen, waschen, die Kranken in der Familie pflegen? Alle Achtung! Damals verstand man das als eine Humanisierung der Verhältnisse zwischen den Geschlechtern, weil sich Männer auf ihre Frauen vollkommen verlassen konnten. Aus ihrer Sicht war das eine wunderbare Gleichberechtigung.“

Nada Ler-Sofronic war in jedem Sinne eine Vorreiterin, eine mutige Frau, die nie zögerte, die leeren Floskeln der Schein-Gleichberechtigung anzuprangen. Sie machte Frauenthemen in den Medien präsent, weil sie durch ihr großes Wissen und selbstbewusstes Auftreten andere begeistern konnte. Ich habe sie für ihren Mut und ihr Engagement immer bewundert. Ich selbst war damals keine „aktive Feministin“, aber ich versuchte, durch meine Literatur die geistige Entwicklung der Frauen zu beschleunigen, egal ob sie Christinnen, Muslimminen, Jüdinnen, Atheistinnen oder was auch immer waren.

Die erste Feministische Konferenz Jugoslawiens fand 1978 in Belgrad statt. In jenem Interview erinnerte sich Nada Ler-Sofronic auch an die Namen der Frauen, die damals dabei waren: So viele bekannte Namen aus allen Landeshauptstädten des Ex-Jugoslawiens. Aber unter ihnen kein einziger muslimischer! Für mich ist das eine bedrückende Feststellung: Die Musliminnen blieben und bleiben den Bewegungen, die etwas mit ihren Rechten zu tun haben, fern. Warum? Damals, vor dreißig Jahren, hatte ich darüber gar nicht nachgedacht. Aber jetzt möchte ich in der Vergangenheit nach Erklärungen für diese „politische Selbstlosigkeit“ der Musliminnen suchen. Das ist allerdings nicht einfach, denn Musliminnen haben kaum Spuren in der Geschichte des Balkans hinterlassen.

Wo beginnt ihre Geschichte?

Ler-Sofrofnic

Nada Ler-Sofronic, Wortführerin des frauenbewegten Aufbruchs der 1970er

Wo kam der Islam auf den Balkan her? Die Bosnier sind keine zugewanderten Muslime, sondern die einheimischen Stämme des Balkans, die im Mittelalter unterschiedlichen Richtungen des Christentums angehört hatten, meist dem Katholizismus oder den Sekten der Bogumilen oder Patarenen. Durch die Osmanen, die damaligen Eroberer Bosniens, verbreitete sich im fünfzehnten Jahrhundert dann eine weitere Religion im Land, der Islam. Er brachte in dieser Zeit eine bessere Lebensweise mit sich. Viele christliche Stämme sind damals, im ersten Jahrhundert der türkischen Herrschaft, zum Islam übergetreten, weil dies mit vielen Vorteilen verbunden war: Landsbesitz, Feudalherrschaft, Adelstiteln und vielen anderen Privilegien wie niedrigen Steuern, guten Schulen für ihre Kinder in den orientalischen Zentren, Beamtenposten in der Staatverwaltung. Handel und Handwerk, die schon vorher vorhanden waren, entwickelten sich nun schneller. In jeder Stadt wurde ein Markt – Carsija auf Türkisch – gegründet.

Eine Weile war das Osmanische Reich samt seiner eroberten Gebiete in einem wirtschaftlichen Aufschwung. Doch im Lauf der Jahrhunderte zogen Kriege, Rebellionen, Pest, verheerende Brände über das Land. Fünf Jahrhunderte später, als die Osmanen 1878 Bosnien und Herzegowina der K-und-K-Monarchie überließen, war es ein armes Land ohne Infrastruktur, ohne wirtschaftliche Grundlage, ohne gebildete Schicht, die fähig gewesen wäre, die politische Verantwortung zu übernehmen.

Welche Rolle spielten Frauen während der Osmanischen Herrschaft? Wie gesagt, es gibt kaum Spuren. Die Familien hatten ihre Töchter nicht zur Ausbildung in die Schulen im weit entfernten Orient geschickt. Sie wurden zuhause oder in kleinen Koranschulen unterrichtet, meist über die Religion. Wenn die Familie wohlhabend war, lernten die Mädchen auch Schreiben und Lesen auf Arabisch, weil unsere Muttersprache keine Bücher und Buchstaben hatte. Sie blieben im Elternhaus, meist wohl behütet, bis sich ein passender Bräutigam fand. Zwangsverheiratung und arrangierte Ehen kamen aber sehr selten vor. Flittern und Verkuppelung war eine besondere gesellschaftliche Kunst, weil die Frauen in ihren Häusern lebten, die sie nur in einen Tschador gehüllt verlassen durften. In ihren Aufgabenbereich fielen Hygiene, Körperpflege und Haushaltsführung.

Ihre Kreativität ließen sie in Musik, Handarbeit und Kochkunst einfließen. Die Wohnungen von Muslimen wurden mit selbst gewebten Teppichen und Stickereien geschmückt, religiöse Rituale waren ein guter Anlass, sich zu versammeln, gemeinsam zu beten, zu feiern und sich auszutauschen. Dafür hatten sie ihre eigene Musik erfunden, die mit der Religion wenig zu tun hatte. Ohne Heft und Noten komponierten sie Sevdalinken, wunderschöne Volkslieder. Der Name Sevdalika stammt von dem türkischen Wort Sevdah, was ungefähr „Liebe mit viel Schwermut“ bedeutet. Es ist eine schwierige Musikgattung, die nicht jeder singen kann, man braucht ausgezeichnete Stimmenbänder, wie für Operarien.

In den Metaphern der Sevdalinken kann man etwas über die Frauenleben jener Zeit ablesen: ihre Sehnsucht nach mehr Freiheit, nach Liebe, manchmal fast hemmungslose Erotik, ihre Klage über die Ungerechtigkeit, die sie im Familienleben erdulden mussten, aber auch Spott über die Unzuverlässigkeit der Männer. In einem Lied heißt es: „Wenn mein Liebling vorbeikommen würde, würde ich ihm ein Nachtlager machen mit vielen Rosenblättern unter dem Kissen. Von dem Rosenduft wird er oft erwachen und mich jedes Mal küssen.“ In dem Lied „Sarajevos Feldweber trinken Wein“ wehrt sich ein junges Mädchen, eine Dienerin aus Sarajevo, gegen männliche Rücksichtslosigkeit und ständiges Grabschen an ihren Brüsten. „Wenn ich auch jeden von euch bedienen muss, denn heißt das nicht, dass ich jedem von euch eine Geliebte sein muss.“

Die bosnischen Männer hatten meist nur eine Ehefrau, zwei unter einem Dach waren eher eine Ausnahme, und der Harem war unbekannt. Viele Muslime dachten, schon eine Gattin sei zu teuer. Bosnierinnen gebaren immer viele Söhne, die die Herrscher in Istanbul an allen ihren Fronten „verpulvern“ konnten. Das Osmanische Reich war ständig auf dem Kriegspfad.

Nachdem Österreich-Ungarn Bosnien von den Türken übernommen hatte, versuchte es, daraus ein europäisches Land zu machen. Es wurde die Schulpflicht eingeführt und Vorbereitungen für die Gründung einer Hochschule getroffen. Die meisten Muslime wehrten sich gegen Erneuerungen vom Westen und schotteten sich ab. Sie wollten ihre Tradition und ihre Religion nicht verlieren, fühlten sich immer noch dem Osmanischen Reich verbunden. Die Jungen schafften es irgendwie, in die Schule zu gehen, auch wohlhabenden Familien schickten ihre Söhne an die Hochschulen in Belgrad, Zagreb und Wien. Die Frauen dagegen blieben unter dem Tschador und hinter ihren Hofmauern, stickten und sangen ihre Lieder, jetzt immer öfter in bitterer Armut, weil ihre Männer das Familienerbe in den neu eröffneten Kneipen und Herrenhäusern verschleuderten. Und die jungen Männer, die in der Armee des Kaisers dienten, kamen oft an Syphillis erkrankt nach Hause und übertrugen die Seuche an ihre Frauen und Kinder.

Um ihr schriftliches Kulturerbe kümmerten sich die Muslime nicht sonderlich, das taten die Beamten der Monarchie. Kosta Hermann zum Beispiel reiste durch das Land und zeichnete als erster die Volkslieder, die Sevdalinken, auf. Die Muslime kamen den westlichen Ankömmlingen exotisch vor, deshalb wurde viel über ihr Leben und ihre Bräuche geschrieben.

Es war auch für die Christinnen kein leichtes Leben. Doch ihr Weg zu westlicher Bildung wurde schon in türkischer Zeit gelegt. Eine protestantische Wohltäterin, Paulina Irby, gründete etwa 1870 in Sarajevo eine Mädchenschule. Sie musste deshalb viel Schikane seitens der katholischen Priester erdulden, aber trotzdem funktionierte ihre Schule, in der Lehrerinnen ausgebildet wurden, eine Weile. Auch eine einheimische Frau, die Serbin Staka Skenderova, wagte es, nach 1880 eine Mädchenschule zu gründen. Sie wurde allerdings von den reichen christlichen Händlern Sarajevos angegriffen und mehrmals gezwungen, ihre Schule, die sie selber finanzierte, zu schließen. Am Ende wurde die Schule durch einen Brand zerstört. Sie behauptete immer, das sei Brandstiftung gewesen.

Von solchen Bildungsversuchen konnten die Musliminnen nur träumen. Die Lehrerinnen aus der Tschechoslowakei, Kroatien und Österreich, die als Beamtinnen des Kaiserreiches in Bosnien unterrichteten, wurden nicht gerne gesehen. Meist waren sie „allein stehende Fräulein“, deshalb wurden sie von den Männern als Freiwild betrachtet. Aber auch die Frauen empfanden sie als eine Bedrohung der alten Werte und der Familien. Keine Muslimin kam auf die Idee, eine Mädchenschule zu gründen. Die Abschottung und Schulverweigerung der Muslime wurde von der Ulemma, der oberen Schicht von Imamen, propagiert. Jede Familie, die sich dem Westen öffnete, wurde streng ermahnt und zurückgepfiffen. Doch kaum jemand kämpfte gegen Armut, Leid, Angst, Unwissenheit, Krankheiten und Desorientierung, in denen Muslime damals lebten. Viele bedeutende muslimische Familien wanderten deshalb in die Türkei aus.

Den Zusammenbruch der K-und-K-Monarchie mussten viele muslimische Soldaten aus Bosnien mit ihrem Leben bezahlen. 1918 wurde das Königreich von Serben, Slowenen und Kroaten gegründet, Bosnien und Herzegowina wurde ein Teil davon. Bosnische Muslime wurden geduldet, aber nie akzeptiert. Sie lebten weiterhin unter erbärmlichen Umständen, tausende Kriegswitwen und Waisenkinder irrten durch die Städte. Viele Frauen mussten nun ihre Tradition vergessen, sie mussten sich eine Arbeit suchen, um ihre Familien ernähren zu konnten. Einige Väter besannen sich, ignorierten die Befehle der Imame und schickten ihre Kinder in die Schulen, sogar die Töchter.

Nach dem Ersten Weltkrieg bekamen die Muslime endlich ein sehr aufgeklärtes Oberhaupt, den Reis Dzemaludin Cuasevic. Er hat 1919 dem ersten muslimischen Mädchen, Sevala Zildzic, eine Ausbildungserlaubnis erteilt, mit den Worten: „Der Koran belehrt und verpflichtet uns, überall, und sei es in China, nach Wissen zu streben!“ Als einziges Mädchen besuchte Sevala das Jungengymnasium in Sarajevo, weil sie nur mit diesem Schulabschluss später in Zagreb Medizin studieren konnte. Und sie hat es geschafft, sie ist später die erste bosnische Ärztin geworden.

Aber eine Schwalbe macht noch keinen Frühling, Sevala blieb viele Jahre eine einmalige Erscheinung. Fatima Kosaric, die erste bosnisch-muslimische Lehrerin, hat erzählt, dass ihr Vater sich in den 1930ern entschieden hat, alle vier Töchter in die Schule zu schicken. Aber oft musste er sie in die Schule begleiten, weil sie von der Nachbarschaft angegriffen wurden. Einige angesehene muslimische Familien führten einen regelrechten Kampf gegen ihre religiösen Führer, um ihren Töchtern einen Schulabschluss zu ermöglichen. Unser Unglück war, dass viele Imame die Suren über die Suche nach dem Wissen „sogar in China“ einfach ignorierten. Sie passten nicht zu ihrer Machtposition.

Politisch gesehen ist die muslimische Volksgruppe in Bosnien ständig in die Zwickmühle der serbisch-kroatischen Auseinandersetzungen geraten. Seit der Gründung des Königreichs Jugoslawien im Jahr 1918 konnten sich Kroaten (katholisch) und Serben (orthodox) nicht leiden, wobei vor allem auch die Muslime einen Zankapfel darstellten. Die Kroaten behaupteten, die Muslime seien „ihre Blumen“, weil sie vor dem Konvertieren katholisch gewesen seien. Davon wollten die Serben aber nichts wissen und brachten immer neue „Beweise“, dass die Muslime vorher orthodox gewesen wären. Sie drängten die Muslime, sich wieder zur Religion ihrer Ahnen zu bekennen. Und beide Seiten beanspruchten die spezifisch islamische Kultur, die die Muslime in Bosnien in den Jahrhunderten der türkischen Herrschaft entwickelt hatten, für sich.

Diese Zerrissenheit zwischen zwei Streithähnen und das eigene Gefühl, etwas Besonderes zu sein, waren der Grund dafür, dass die Muslime in Bosnien für lange Zeit politisch isoliert waren. Obwohl alle drei Seiten dieselbe Sprache sprachen, kam es nicht zu einer politischen Verständigung.

Als 1941 der Zweite Weltkrieg durch die deutsche Bombardierung Belgrads auch den Balkan ergriff, waren die Muslime in Bosnien eine Volksgruppe ohne gemeinsame politische Richtung. Die aufgeklärten und gebildeten Männer und auch einige Frauen kämpften meist entweder direkt in Titos Partisaneneinheiten oder indirekt in der antifaschistischen Bewegung in den Städten im Untergrund. Doch es gab auch viele, die entweder als SS oder als kroatische Ustascha-Soldaten rekrutiert wurden. Dies musste die Zivilbevölkerung teuer bezahlen. Wo die kroatischen und die deutschen faschistischen Einheiten keine Schutzgürtel bildeten, wurden Muslime von den serbischen Cetnik-Milizen systematisch vernichtet, besonders in der Krajina und entlang des Flusses Drina. Gleichzeitig vernichteten die Nazis in ihren KZs sowohl die Juden als auch die serbische Zivilbevölkerung sowie Kommunisten, egal welcher Nationalität. Zwischen 1941 und 1945 herrschte in Bosnien und Herzegowina ein grausamer Bürgerkrieg, in dem sich jede Nation mehr oder weniger ihre Hände blutig machte, auch Tito und seine Partisanen.

Zu den neuen Zeiten

1945! Endlich Befreiung von den Besatzungsmächten und die Vernichtung der einheimischen Faschisten! Tito und seine Kameraden übernahmen die Macht, unterstützt von den Alliierten, weil sie gegen den Faschismus gekämpft hatten. Es wurde wieder ein Vielvölkerstaat gegründet, mit sechs Republiken: Slowenien, Kroatien, Serbien, Makedonien, Montenegro und Bosnien und Herzegowina, in denen fünf Völker lebten: Serben, Kroaten, Slowenen, Montenegriner und Makedonier.

Und was geschah mit den bosnischen Muslimen? Sie wurden nicht als Nation anerkannt, obwohl ihre Vertreter für ihre Leistungen in der antifaschistischen Bewegung ausgezeichnet wurden und in der Regierung saßen. Aber Religion konnte kein verbindendes Merkmal sein, denn es war Atheismus angesagt. Die kommunistischen Machthaber ließen den Muslimen drei Möglichkeiten: Sie konnten sich entweder national gesehen als Serben oder als Kroaten deklarieren, oder sie konnten eine Weile unentschieden bleiben.

Sofort nach dem Krieg wurden Gesetze verabschiedet, die das erneute sich Abschotten der Muslime verhindern sollten. In den 1950er Jahren wurde es den Frauen verboten, in der Öffentlichkeit einen Tschador zu tragen. Einige Musliminnen, die Aktivistinnen in der antifaschistischen Bewegung gewesen waren, enthüllten sich demonstrativ auf feierlichen Bühnen, trampelten ihre Tschadors nieder und verlangten von den anderen Frauen, dasselbe zu tun.

In meinem Roman „Scheherezade im Winterland“ habe ich eine Geschichte meiner Schwiegermutter aus dieser Zeit aufgezeichnet: „Nadira war vollauf mit dem Einschlagen der Burek beschäftigt und hörte nicht, wie die Frauen von der Gegenwart wieder in die Vergangenheit glitten. Sie sprachen von der Zeit, als die Frauen noch verschleiert gingen. Emins Mutter behauptete, sie habe nichts auf der Welt so sehr gehasst wie den Schleier. Sobald sie mit ihren Freundinnen das Haus verließ, nahm sie den Gesichtsschleier ab und legte einen Schal um. Aber nachdem sie verheiratet war, musste sie einen Schleier tragen, der bis zum Gürtel reich­te. Einmal war sie mit ihrem Mann Smailaga die Bistrik hinun­tergegangen, die Straße war steil und vereist, man konnte kaum auftreten, ohne dass die Beine wegrutschten. Der Schleier war lang und dicht, sie sah nichts vor sich. Mit der einen Hand hielt sie sich an ihrem Mann fest, mit der anderen hob sie den Stoff, um besser zu sehen. ‚Alja, Alja, was machst du da? Wenn du dich so entblößt, wenn du mit mir ausgehst, was machst du erst, wenn du allein in die Carsija gehst.’ Nach diesen Sätzen schwieg sie kurz und fügte dann hinzu: ‚Wisst ihr, wenn die Kommunisten sonst nichts Gutes getan ha­ben, sie haben uns Frauen immerhin aus dieser Dunkelheit be­freit. Ich würde diesen Schleier nicht mehr tragen, und wenn man mir eine Pistole an die Stirn hielte oder mich Hungers sterben ließe. Es ist besser zu sterben, als die Umgebung nicht sehen zu können.’“

Aber die Kommunisten waren keine Demokraten, jeder Widerstand wurde hart bestraft. Es wurde darüber nie gesprochen, über ihre Gefängnisse mit den politischen Gefangenen erfuhren wir nur durch Familiengeschichten. Eine Gruppe gebildeter Muslime versuchte, sich gegen „Christianisierung und Bedrängung ihrer Religion und Tradition“ zu wehren. Sie nannten sich „Gruppe der jungen Muslime“ und trafen sich ein paar Mal in Mostar und Sarajevo, um ihre Aktion zu besprechen und wie sie unter der Bevölkerung agieren könnten, damit nicht alle alten Werte verschwinden würden. Es wurde nie über einen bewaffneten Kampf gesprochen, sie wollten nur geistigen Widerstand organisieren. Anfang der 1940er wurden sie verhaftet und gefoltert. Vier junge Muslime, Halid Kajtaz, Omer Stupac, Hasan Biber und Nusret Fazlibegović, wurden 1949 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Viele andere saßen jahrelang in den Gefängnissen. Auch einige Frauen wurden bestraft, weil sie ihre Brüder und Söhne nicht rechtzeitig angezeigt hätten. Über all das wurde wenig berichtet, ich selbst erfuhr es in den Sechzigern, weil eine Freundin von mir im Haus einer bestraften Frau wohnte. Sie hatte einige Jahre im Gefängnis gesessen, weil sie nicht für die Polizei spitzeln wollte.

Die muslimischen Frauen meiner Generation, die den Fünfzigern geboren sind, profitierten von der allgemeinen Schulpflicht und der neuen Freiheit, das Haus nach eigenem Belieben verlassen zu dürfen. Den Tschador kannten wir nicht mehr. 1945 wurde in Sarajevo die erste Hochschule für Lehrer gegründet, einige Jahre später die philosophische Fakultät. Die städtische Bevölkerung akzeptierte die Änderungen schnell, bald wurde es fast normal, europäisch gekleidete Muslimminen als Studentinnen zu treffen. In den ländlichen Gebieten ging es jedoch schleppend voran, viele Väter oder Brüder verhinderten, dass Mädchen eine Schule besuchten. Aber nach und nach drängten Frauen in alle Bereiche hinein, arbeiteten als Lehrerinnen, Ärztinnen, Apothekerinnen, Bibliothekarinnen, Redakteurinnen, Professorinnen, Kauffrauen, verdienten ihren Unterhalt als Bäuerinnen und Arbeiterinnen.

Sie schrieben auch Bücher, meist Lehr- und Sachbücher, seltener Literatur, jedoch immer unter dem sicheren Schutzschirm der herrschenden Ideologie. Nach und nach lockerten sich die religiösen Bände, die Muslime lebten nicht mehr nur bei den Christen sondern wirklich mit den Christen zusammen. Auch Mischehen wurden nicht mehr misstrauisch beäugt, sondern als ganz normal empfunden. In nur zwei Jahrzehnten schafften die Muslime eine unglaubliche geistige Entwicklung, sowohl die Männer als auch die Frauen. Die alten Bräuche, Traditionen und die Religion wurden weiterhin in den familiären Kreisen gepflegt, aber das hinderte sie nicht mehr daran, ein ganz normales bürgerliches Leben zu führen.

Präsident Tito hatte alle Hände voll zu tun, die ständigen Auseinandersetzungen zwischen Kroaten und Serben zu schlichten. 1971 rebellierten die kroatischen Kommunisten gegen die serbische Hegemonie, die Serben erinnerten sich an alte Rechnungen aus dem Zweiten Weltkrieg und nach und nach auch an das Leid, das ihnen von den Türken zugefügt worden war. Diese politischen Umwälzungen waren in Bosnien und Herzegowina wegen seiner drei Nationalitäten deutlich zu spüren. Doch das System war noch immer sehr stabil. Alles, was nicht zur proklamierten „Einheit und Brüderlichkeit“ passte, wie zum Beispiel die Studentenbewegung von 1968, der Kroatische Frühling 1971, der serbische Nationalismus sowie jeder Versuch, die Gründe für die Auseinandersetzungen in einer demokratischen Diskussion auf den Tisch zu bringen und zu erklären, wurde von Titos Polizeiapparat gnadenlos bekämpft und verfolgt. Auch zwei Frauen, in Kroatien Savka Dapcevic-Kucar, in Serbien Latinka Perovic, wurden politisch verfolgt und aus der Partei ausgeschlossen. Sie waren fast die einzigen Genossinnen auf hohen politischen Posten gewesen.

Dies Mal benahmen sich Muslime vorbildlich und neutral. Sie hatten ihre Lektion gelernt und hofften darauf, endlich eine positive Reaktion auf ihren Antrag zu bekommen, als eigenes Volk anerkannt zu werden. Sie fühlten sich als Volk reif genug, um die politische und kulturelle Verantwortung in Bosnien und Herzegowina zu übernehmen, weil das ihre Heimat war und sie hier die Mehrheit bildeten. Wir erfuhren nie, warum die kommunistischen Machthaber in Belgrad schließlich tatsächlich die Muslime als Nationalität anerkannten. Einige sagten, sie wollten eine dritte Nation als Ausgleich, damit Kroaten und Serben Jugoslawien nicht spalten könnten – weil bei einer Abspaltung nun ein Teil ihres eigenen Volkes in Bosnien bleiben würde, das wegen der Muslime nicht teilbar sei. Andere meinten, Tito und seine Kommunisten wollten aus wirtschaftlichen Gründen gute Beziehungen zu den arabischen Ländern aufbauen, und dafür brauchten sie die bosnischen „Vorzeigemuslime“.

Was auch immer der Grund war, die Muslime freuten sich über ihre Anerkennung, akzeptierten diesen Namen, obwohl der sie nicht an das Land band, in dem sie seit Jahrhunderten lebten, sondern an die alte Tradition, die sie ja, wenn auch mehr oder weniger unter Druck, aufgegeben hatten. In diesen Jahren bekam Ex-Jugoslawien viele Kredite aus dem Westen, damit es seine wirtschaftliche Krise mildern und Betriebe für die Waffenproduktion aufbauen konnte. Alle arabischen und viele Länder in Afrika wurden mit diesen Waffen beliefert.

Es waren genau diese Jahre der „Scheinprosperität“, in denen die Frauen in Jugoslawien die Ideen der europäischen Frauenbewegung aufgriffen und endlich ihre doppelte Belastung durch Familie und Berufstätigkeit ansprachen, die Gesellschaft auf ihre spezifisch weiblichen Probleme aufmerksam machen wollten. Alle Frauen, egal ob Christinnen oder Musliminnen, waren gezwungen, zusätzlich zur Arbeit im Haus und in der Familie arbeiten zu gehen, weil von nur einem Gehalt die Familie nicht ernährt werden konnte. Diese Doppelbelastung war alleine Sache der Frauen, weil die Männer aller Nationalitäten sich zuhause meistens wie Paschas benahmen.

Waren die Muslimminen damals mit ihrer Lage zufriedener als die anderen Frauen, sodass sie keinen Grund für eine Rebellion sahen und das feministische Trommeln überhörten? Oder wurden sie gar nicht eingeladen, mitzureden und zusammen mit den Christinnen unter einer Flagge für ihre Rechte zu kämpfen? Eine dokumentarisch belegte Erklärung dieses Phänomens kann ich nicht geben. Aber ich stecke in der Haut einer bosnischen Muslimin und kann versuchen, aus dieser Sicht ihre Zurückhaltung zu erklären.

Als im Jahr 1978 die erste feministische Konferenz Jugoslawiens stattfand, war das nicht mal ein Jahrzehnt nach der Anerkennung der Muslime als selbständige Nation. In dieser Zeit führten sich die Muslime sehr „politisch korrekt“ auf, weil sie kein Risiko eingehen wollten, ihre Errungenschaften wieder zu verlieren. Sie hatten aus der Geschichte gelernt: Wenn sich die zwei mächtigen Nachbarn, Serben und Kroaten, streiten, werden die Muslime zur Zielscheibe. Sie hatten nach dem zweiten Weltkrieg so viel gewonnen, wie nie zuvor in der Geschichte. Sogar zum Premierminister hatte es ein Muslim aus Bosnien geschafft, Dzemal Bijedic, der allerdings während seiner Amtzeit bei einem Flugzeugunglück umgekommen ist.

Die akademische Elite der muslimischen Frauen hat den Feminismus zwar theoretisch wahrgenommen, aber sie blieben der Bewegung aus mehreren Gründen fern. Erstens hätten diese Aktivitäten viel Zeit in Anspruch genommen, die sie für politisches Engagement nie hatten. Dafür hätten ihre Familien sie nie unterstützt. Ohne Zustimmung ihrer Familien hätten sie auch die Reise zum Kongress nach Belgrad nicht unternehmen können oder dürfen, besonders nicht wegen einer politisch heiklen Sache, die man in der Partei als „linken Dogmatismus“ bezeichnete. Ich habe mehrfach Äußerungen von muslimischen Akademikerinnen gehört, die ihre Passivität rechtfertigten: „Warum sollen wir so wirbeln und trommeln? Unsere Mütter trugen den Tschador, waren Analphabetinnen, waren total abhängig von den Männern. Und wir, ihre Töchter, haben Jahrhunderte übersprungen. Wir tragen die Gesellschaft auf unseren Schultern, weil wir den Nachwuchs und die Alten versorgen und gleichzeitig unsere eigene akademische Karriere aufbauen. Die nächsten Generationen können ihre Gleichberechtigung auf unserer Grundlage weiter entwickeln.“

Es war ihnen nicht vergönnt, dass dieser Traum sich erfüllte. Ein Jahrzehnt später zerbrach der Kartenturm Jugoslawien, und gerade die Musliminnen in Bosnien mussten dafür einen ungeheuren Preis bezahlen. Jetzt, ein weiteres Jahrzehnt später, macht sich das Problem „Islam in Europa“ lautstark bemerkbar. Die westliche, christliche Öffentlichkeit muss endlich wahrnehmen, dass viele Muslime in Europa leben, die sich nicht so „politisch korrekt“ aufführen wie einst die Muslime in Ex-Jugoslawien. Aber über Musliminnen in Europa schreibe ich in einem anderen Text. Denn auch was das angeht, stecke ich – wieder einmal – in ihrer Haut.

Autorin: Safeta Obhodjas
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 16.05.2007

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Carola Meier-Seethaler sagt:

    Wann nimmst Du Dein Brett vom Kopf?

    Welch trauriger Backlash! 1987 zitierte der österreichische Archäologe Hans Biedermann (Die Grossen Mütter) als Musterbeispiel für arrogante Ignoranz den Spruch seines Kollegen von 1915, der hier wieder aufgewärmt wird: „Weib,oh Weib, fettes Weib, schönes Weib“ — Mann, oh Mann, wann endlich nimmst Du Dein Brett vom Kopf? Dazu noch die frauenverachtende Werbung!

  • Marie-Luise sagt:

    Dies macht mich sehr besorgt für Europa, denn der Trend geht zurück in die Vergangenheit. Ausgehend von Khomeini hat ein Rückfall zur „Bedeckung“ eingesetzt, bei nicht so Gebildeten sowie bei Gebildeten. Letztere verfolgen damit politische Ziele – die Islamisierung Europas.

    Das wird zu großen Problemen führen. Ich hoffe, wir in Deutschland/Europa bekommen keine „Balkanverhältnisse“!

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