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Rubrik handeln

Die zweite tut’s doch!

Von Silke Teuerle

Brauchen wir wirklich eine dritte feministische Welle? – Gedanken einer jungen Feministin

Jahrgang 1972. Tochter keiner Vollblutfeministin, aber einer still rebellierenden Ehefrau, und eines linken Vaters, den ich immer als Feminist bezeichnet habe, wenn ihm vielleicht auch die Haare zu Berge stehen werden, wenn ihm das zu Ohren kommt (wobei es den Haaren meiner Mutter wahrscheinlich auch nicht anders geht, wenn sie liest, auf welche Rolle ich sie hier reduziere – aber das ist ein anderes Thema). Schon auf der Schule als Feministin verschrien. „Wer Hirn im Kopf hat, ist doch Feminist“, habe ich immer geantwortet, wenn ich später ungläubig gefragt wurde, ob ich denn Feministin sei. Ungläubig, weil ich ’normal‘ aussah. Und so nett und vernünftig war. Bin ich immer noch, aber mittlerweile antworte ich nur: „Natürlich!“

Wenn ich so rum höre, gibt es nur wenige meiner Art. „Ich bin keine Feministin, aber“-Frauen gibt es weitaus häufiger in meiner Generation. Ich habe diese Frauen weniger als unverantwortlich empfunden, als für undankbar. Wir jungen Frauen, die selbstverständlich Abitur machen, frei einen Beruf ergreifen, die wählen gehen und Politik machen können, Kinder kriegen oder auch nicht, können doch gar nicht anders als Feministin sein! Wir sind doch die Erbinnen der feministischen Mütter- und Großmüttergeneration! So wie wir den Namen unseres Vaters oder unserer Mutter erben, erben wir doch den Namen, der uns zu dem gemacht hat, was wir sind: freie Frauen!

Das zieht aber irgendwie nicht. Hört keine gerne. Und sieht auch keine so. Denn zur Freiheit gehört auch die Freiheit der Wahl. Und Frauen möchten schon gerne selbst entscheiden, wie weitreichend sie ihr Erbe antreten. Kann frau keiner übel nehmen. Das war ja schließlich der Sinn der Sache: Frauen frei und kritisch machen. Sind wir! Trotzdem ist es schade, dass sich in meiner Generation so wenige als Feministin fühlen. Warum sie nicht nur diesen Namen scheuen, sondern auch den Anschluss an die Bewegung, verstehe ich mittlerweile aber immer besser. Und auch, warum sich meine Generation nicht fragt, ob wir in Deutschland mal wieder einen Aufschwung der Frauenbewegung brauchen, wie Kerstin Wolff ihren Artikel „Die dritte Welle“ untertitelt. Und das müsste sie ja tun, sollte eine dritte Welle notwendig sein, denn diese Generation müsste sie ja ins Leben rufen. Also ist die Frage nicht nur, ob wir die dritte Welle in Deutschland (und in der ganzen Welt!) brauchen, sondern: Wer ist wir? Und also: Brauchen junge Frauen den Feminismus?

Frauen voriger Generationen brauchten ihn. Sie brauchten ihn persönlich. Die emanzipatorische Bewegung damals war eine Reaktion auf die Ausgrenzung von Frauen, die sie am eigenen Leibe tagtäglich erfahren haben. Damit war der Feminismus eine Bewegung von unten. Heute ist Feminismus eine Art Institution geworden, an der frau teilhaben kann oder auch nicht. Und da stellt sich dann ganz im modernen Sinne die Frage: Was bringt mir das? Obwohl das so modern gar nicht ist. Idealismus ist immer nur ein Charakterzug einiger Weniger gewesen. Und ist als solcher auch nichts weiter als ein persönliches Anliegen. Das ist auch gut so. Persönliche Anliegen sind der beste Motivator für anhaltendes Engagement. Und sie sind das in den 70ern genauso gewesen wie heute.

Die Frauenbewegung als emanzipatorische Bewegung (und diesen Ruf hat sie) ist aber keine Antwort auf die persönlichen Probleme von Frauen heute. Für die hat der Feminismus keine greifbaren Lösungen parat. Feminismus heute ist ein größtenteils akademischer Feminismus, ein theoretischer Diskurs, dem nur eine handvoll Frauen folgen können. Feminismus ist anstrengend geworden. Oftmals doppelt belastet bleibt bei vielen für ihn, der im konkreten Leben wenig praktisch und hilfreich erscheint, keine Energie mehr übrig. Außerdem kommt Feminismus immer noch männerfeindlich rüber. Nicht attraktiv für Frauen, deren Beziehungen demokratisch sind oder doch zumindest sein sollen und deren Kollegen und Partner am Arbeitsplatz männlich sind.

Die sich immer wiederholenden Forderungen, wie zum Beispiel nach gleichen Löhnen, finden junge Frauen natürlich wichtig (das sagen sie ja auch, keine findet Feminismus überflüssig!), hat aber keine Priorität. Bei ihnen im Leben geht es eher um Fragen der Beziehungs- und Lebensgestaltung, um Entscheidungen, die Kinder oder die Arbeit betreffen. Und gerade bei diesen Fragen fühlen sich junge Frauen vom Feminismus eher missverstanden, verlangt er doch von ihnen, zum Zwecke der Teilhabe an Macht, Anpassung an ein System, das ihnen persönlich nicht unbedingt liegt. Denn sie stellen sich ja durchaus gesellschaftliche Fragen, sie sind sich dessen bewusst, dass sie Teil der Gruppe und also auch von derselben Dynamik betroffen sind. So frei fühlen sie sich dann auch wieder nicht. Ich höre zum Beispiel immer wieder von Frauen, dass es ihnen schwer fällt, in einem ökonomischen System funktionieren zu müssen, in dem nur bezahlte Arbeit etwas wert ist. Sie vermissen Werte, die sie persönlich wichtiger finden.

Und das ist in ihren Augen das andere Erbe des Feminismus: die Bestätigung männlicher Werte, die eine Abwertung weiblicher Werte impliziert. Natürlich möchten junge Frauen die Errungenschaften des Feminismus nicht missen. Sie möchten teilhaben an der Macht in dem Sinne, dass sie nicht beherrscht werden möchten. Aber ob es wirklich diese Macht ist, an der sie teilhaben möchten? Eher nicht. Da kriegen sie das Gefühl, nicht sie selbst sein zu können. Wie also sollen sie sich mit einem Feminismus identifizieren, der weit entfernt ist von ihrer eigenen Identität? Wie können sie sich Feministin nennen, wenn sie von ihrer Freiheit Gebrauch machen und nicht an dieser Macht teilnehmen möchten, was sie als eine absolut unfeministische Tat empfinden? Und wie können sie Feministin und weiblich sein?

Natürlich ist Feminismus mehr als Männerfeindlichkeit bei gleichzeitiger Bestätigung männlicher Werte und auch mehr als „Frauen-an-die-Macht“-Propaganda. Der Feminismus hat aber nicht nur ein Imageproblem. Es ist auch eine Frage der Zugänglichkeit. Frauen, die zum Beispiel dieser Machtfrage skeptisch gegenüber stehen, könnten sich ja eigentlich mit unzähligen feministischen Veröffentlichungen zur Patriarchatskritik nähren. Die liegen aber eben nicht auf dem Zeitschriftentisch im Wartezimmer ihrer Zahnärztin für sie parat. Feministinnen suchen solche Quellen aktiv. Nicht-Feministinnen nicht. Um zu sehen, dass Feminismus mehr ist als jene Propaganda, müssten Frauen also erst Feministin werden. Das bedeutet aber, dass sie sich, zumindest innerlich, der feministischen Bewegung anschließen müssten, der mit dem Imageproblem.

Ohne junge Frauen, die sich mit dem Feminismus identifizieren, kann jedoch auch keine dritte feministische Welle entstehen. Und sie können sich offensichtlich nicht mit ihm identifizieren, solange es die zweite Welle noch gibt. Und es gibt sie! Denn es ist wirklich nicht die Medienpräsenz, die das Bestehen einer Bewegung ausmacht, wie auch Kerstin Wolff beschreibt, es ist die Bewegung selbst, und die ist absolut noch nicht vom Aussterben bedroht, wie die zahlreichen feministischen Veröffentlichungen, Vorträge, Seminare oder Workshops beweisen.

Ich denke, dass es viel zu früh ist für eine dritte Welle. In meinen Augen tut es die zweite noch. Sie muss sich nur weiter entwickeln. Wellen sind nicht statisch, und sie hat sich ja auch schon verändert. Der Feminismus heute ist nicht mehr der der 70er Jahre. Die zweite Welle hat so viel Wertvolles an Gedanken hervorgebracht, dass es eine Sünde wäre, sich davon zu distanzieren. Ich möchte sie deshalb als Unterbau verstehen für das, was nun kommen sollte, nämlich die Feinarbeit. Die zweite Welle hat uns zu selbständigen, mündigen Frauen gemacht. Auf dieser Basis muss es jetzt weiter gehen. Wir brauchen keine dritte feministische Welle. Aber der Feminismus braucht neue Frauen. Womit ich wieder bei der Frage wäre: Aber brauchen junge Frauen den Feminismus?

Den Feminismus vielleicht nicht. Aber sie brauchen eine Bewegung, die Ausdruck ihres Unbehagens ist. Eine feministische Bewegung scheint mir das naheliegendste, denn wenn sich dessen auch nicht alle wirklich bewusst sind, dieses Unbehagen hat zu tun mit dem System, in dem wir leben und das eindeutig patriarchal ist (auch, wenn es einige Feministinnen gibt, die behaupten, das Patriarchat wäre tot – aber auch das ist ein anderes Thema). Machthierachien, das Modell der Kleinfamilie, die Entwertung oder Fehlwertung von Mutterschaft und Weiblichkeit, all diese Themen, die den Alltag von Frauen heute prägen, wurden von der Patriarchatsanalyse zu genüge behandelt, und hierbei gibt es nur einen Spezialisten: den Feminismus.

Also ja, auch Frauen heute brauchen den Feminismus. Sie brauchen an erster Stelle vielleicht keine Forderungen an den Staat. Aber sie (und auch Männer) brauchen die Auseinandersetzung mit ihrer Situation, mit dem Zustand der Welt, mit der Frage, ob sie möglicherweise etwas versäumen, wenn sie dem „männlichen“ Weg folgen. Sie brauchen die Auseinandersetzung um die wirkliche Bedeutung von Weiblichkeit, damit sie Macht weiblich gestalten und einen, wenn vielleicht auch nur kleinen, Riss in patriarchales Machtverständnis und patriarchale Machtausübung bringen können, um so ihr eigenes, persönliches Leben eigen-mächtiger gestalten zu können.

Feminismus ist ihr ganz persönliches Anliegen. Sie wissen es nur noch nicht. Aber wie heißt es so schön? Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, dann muss der Berg eben zum Propheten kommen. Will heißen: wenn die Frauen nicht zur Frauenbewegung kommen, dann muss die Frauenbewegung eben zu den Frauen. Will heißen: Zielgruppenanalyse. Sich öffnen für Neues und sich den Bedürfnissen des „Marktes“ anpassen. Fragen stellen. In welcher Situation befinden sich Frauen heute? Wie gestalten sie Leben? Wie möchten sie es gestalten? Welche sind die Schwierigkeiten? Welche die Träume? Wie verstehen Frauen Macht? Wo ecken sie an? Wo brauchen sie Hilfe? Was stößt sie am Feminismus ab? Was spricht sie an? Einladen durch Offenheit.

Vielleicht wäre das eine Idee für den nächsten Frauentag: kein Kongress in Berlin, sondern Feministinnen auf der Straße, am liebsten in jeder Stadt, die junge Frauen befragen: Wie geht es Euch? Was wünscht Ihr Euch? Und was würdet Ihr Euch dabei vom Feminismus wünschen? Kein Feminismus bewegter Frauen, sondern ein Feminismus für Frauen, die (sich) bewegen möchten.

Autorin: Silke Teuerle
Redakteurin: Silke Teuerle
Eingestellt am: 01.05.2007

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