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Rubrik denken

„Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden“

Von Ina Praetorius

Ein offener Brief an Papst Benedikt XVI

Griechen

Rückbesinnung auf die alten Griechen? Dieses Fresko von Raffael zeigt in der Mitte Platon und Aristoteles beim Diskutieren. Es befindet sich in den vatikanischen Museen.

Lieber Herr Ratzinger,

Endlich habe ich mir Zeit genommen, Ihre berühmte „Regensburger Vorlesung“ [1] zu lesen, über die in den vergangenen Monaten so lebhaft diskutiert wurde. Sie gefällt mir. In vielem haben Sie Recht. Und die Art, wie Sie einer breiten Öffentlichkeit komplizierte geistesgeschichtliche Zusammenhänge vermitteln, beeindruckt mich. – Allerdings gibt es, wie Sie sich denken können, einige Punkte, an denen wir uns voneinander unterscheiden. Insbesondere Ihren Begriff von „Vernunft“, der ans Weltbild der griechischen Antike anschliesst, und das damit verbundene Verständnis von unveränderlicher (christlicher) Wahrheit finde ich problematisch. Ich möchte Ihnen in diesem Brief meine Gedanken zu Ihrer Vorlesung mitteilen, und hoffe, damit ein fruchtbares Gespräch in Gang zu bringen.

Sie haben Recht: Eine Vernunft, „die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen.“ Auch ich bin überzeugt, dass moslemische Gläubige, die uns westliche Menschen als „die Ungläubigen“ bezeichnen, uns damit etwas Wichtiges mitteilen. Sie wollen uns sagen: Die Menschheit kann nicht in Frieden zusammen leben, wenn nicht all die Milliarden Leute, die in immer neuen Generationen zusammen mit unzähligen anderen Lebewesen die eine Erde bewohnen, sich der Frage nach dem SINN DES GANZEN zuwenden, und zwar öffentlich.

Sie sind überzeugt, der SINN DES GANZEN werde in dem „tiefe(n) Einklang zwischen dem, was im besten Sinne griechisch ist und dem auf der Bibel gründenden Gottesglauben sichtbar“ (3).  „Das Zusammentreffen der biblischen Botschaft und des griechischen Denkens,“ so schreiben Sie, „war kein Zufall“ (3). Vielmehr habe GOTT selbst uns Menschen in dieser „gegenseitigen Berührung“ (3) etwas mitteilen wollen, das bis heute gilt und auch in Zukunft gelten wird, nämlich dies: „Nicht vernunftgemäss handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider“ (2). Auch ich bin überzeugt: GOTT kann, zum Beispiel, nicht wollen, dass wir einander töten oder beschimpfen oder massregeln, nur weil wir verschiedenen Traditionen angehören. Insofern hat sich GOTT laut dem christlichen Verständnis von Offenbarung tatsächlich in gewisser Weise an das gebunden, was wir Menschen „Vernunft“ nennen.

Wenn ich nun nur Ihre Regensburger Rede kennen würde und sonst nichts von Ihnen wüsste, dann wäre ich jetzt fast begeistert. Denn ich glaube, dass es heute Menschen braucht, die, wie Sie, mit Autorität sagen: Eine Vernunft, die die Frage nach dem SINN ins Reich subjektiver Meinungen einschliesst, verfällt „der Beliebigkeit … und … reicht ganz einfach nicht aus.“ (6). – Stutzig machen würde mich allerdings die Nostalgie, mit der Sie auf „die Zeit der alten Ordinarien-Universität“ (1) zurück blicken, in der, wie Sie sich erinnern, „ein wirkliches Erleben von Universitas“ (1) noch möglich war. Ich war damals, im Jahr 1959, als Sie in Bonn Theologie lehrten, drei Jahre alt. Es war die Zeit der Restauration des bürgerlichen Patriarchalismus. Meine Mutter lehrte damals zwar auch an einer Hochschule, aber als eine von sehr wenigen Frauen. Und sie lehrte nicht Theologie, sondern Musik. An der Theologischen Fakultät in Bonn gab es damals noch keine Frauen. Erst zehn Jahre später, im Jahr 1969, wurde dort Helen Schüngel-Straumann als erste Frau promoviert. Sie erzählt von ihrem Studium im Tübingen der fünfziger Jahre:

„Ich war damals weit und breit das einzige Mädchen. Frauen, die Volltheologie studierten, gab es nicht… Meine Zwischenprüfung musste ich zusammen mit Priesteramtskandidaten ablegen, aber ich sollte irgendwie räumlich von ihnen getrennt und doch im gleichen Raum sein. Es wurde dann so eine Art spanische Wand aufgestellt, und ich musste ganz hinten an einem Extratisch sitzen. Man wusste einfach nicht, was man mit mir machen sollte.“[2]

Ich wundere mich, dass Sie diese fünfziger Jahre als eine Zeit erlebt haben, in der „wir … ein Ganzes bilden und im Ganzen der einen Vernunft mit all ihren Dimensionen arbeiten und so auch in einer gemeinschaftlichen Verantwortung für den rechten Gebrauch der Vernunft stehen“(1) konnten. Kann eine Universität das „Ganze der einen Vernunft“ abbilden, wenn sie Frauen, die eine theologische Prüfung ablegen wollen, hinter spanischen Wänden verbirgt? Noch heute sind Sie überzeugt, dass man Frauen nicht zum katholischen Priesteramt zulassen darf, und Sie setzen diese Überzeugung, die Ihrer Meinung nach im göttlichen Logos begründet ist, mit aller Strenge, um nicht zu sagen mit Gewalt durch. Wie verhält sich solcher Zwang zur Vernunft? Kann sich die naturgemässe Vernunft, von der Sie sprechen, wenn sie denn vernünftig ist, nicht ohne Zwang Raum schaffen? Sie zitieren den christlichen Kaiser Manuel II in Ihrer Rede doch im Sinne eines gewaltlosen Vorbilds für den Ihrer Meinung nach gewalthaltigen Islam: „Wer … jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung…“(2).

Sie merken es schon, und es ist Ihnen auch längst bekannt: Ich habe nicht nur Ihre Regensburger Rede gelesen, sondern weiss mehr über Sie. Zum Beispiel weiss ich, dass Ihr Eindruck, die alte Ordinarienuniversität habe universellen Geist geatmet, obwohl in ihr Angehörige des weiblichen Geschlechts noch nichts zu sagen hatten, auch „kein Zufall“ (3) ist. Ihrem, dem hellenistischen Vernunftbegriff ist es nämlich eingeschrieben, dass Frauen das theologische Denken Männern überlassen sollen. Schon der von Ihnen verehrte Platon meinte zu wissen:

„Viele Frauen mögen zwar in vielem besser sein als viele Männer …, im ganzen … aber ist das Weib schwächer als der Mann.“ [3]

Nicht nur dem angeblich schwachen weiblichen Geschlecht haben die Denker der griechischen Klassik einen unverrückbaren Ort zugewiesen. Die Welt als Ganze erschien ihnen als eine Art Pyramide, in der alles, vom Sklaven bis zum Gott, vom Hausherrn bis zum Haustier wusste, wohin es gehörte und was es zu tun hatte: Sklavinnen arbeiten (und werden auch mal von ihrem Herrn vergewaltigt, falls ihm danach ist), Herren befehlen. Frauen gebären Kinder, Männer machen Staat. Türkinnen putzen das Gemeindehaus, Päpste sagen die Wahrheit, zum Beispiel über Türkinnen und Theologiestudentinnen. – Möglicherweise meinen Sie ja etwas anderes, wenn Sie von „dem, was im besten Sinne griechisch ist“(3), sprechen? Was aber meinen Sie, wenn nicht die hierarchisch geordnete Welt, an der selbst DER LEBENDIGE GOTT nichts mehr ändern kann und in deren oberster Etage sich damals die freien Männer Athens einrichteten, als deren Nachfolger  Sie sich zu verstehen scheinen? – Sagen Sie jetzt bitte nicht, Sie seien doch, wie Jesus, unser aller Diener. Solcherart paternalistische Heuchelei ist längst durchschaut und nicht mehr erträglich.

Auch wenn ich mit Ihnen einig bin, dass eine sinnvergessene Vernunft „für die Menschheit gefährlich“(6) ist, so bin ich doch meinen aufgeklärten Vorfahrinnen und Vorfahren dankbar, dass sie die „neuzeitliche Selbstbeschränkung der Vernunft, wie sie in Kants Kritiken klassischen Ausdruck gefunden“(5) hat, in Gang gebracht haben. In diesem anderen Vernunftbegriff  der europäischen Aufklärung steckt zwar, da haben Sie Recht, die Gefahr der Beliebigkeit. Andererseits eröffnet er die Möglichkeit, diesseits von vermeintlichen metaphysischen Gewissheiten neu über die Beschaffenheit der Welt und den SINN DES GANZEN nachzudenken. Martin Luther, Immanuel Kant und Adolf von Harnack mögen zwar noch ähnlich über die Frauen gedacht haben wie Sie. Dennoch haben sie, zusammen mit vielen gelehrten Frauen, ein Gespräch in Gang gesetzt, an dem ich heute teilnehme, ohne mich ständig gegen die vermeintlich vernünftige Zuschreibung zur Wehr setzen zu müssen, ich sei von Gott und der Natur zum Stillschweigen bestimmt. Ohne die Vernunftkritik der Aufklärung, die sich je länger je mehr, wie Sie richtig sagen, im Sinne einer „Enthellenisierung des Christentums“(4) auswirkt, wäre es mir nicht möglich zu unterscheiden zwischen den zeitgebundenen Auffassungen bestimmter griechischer Denker und dem vernünftigen SINN DES GANZEN, zu dem wir täglich neu gemeinsam unterwegs sind. Dieser SINN, die FÜLLE GOTTES, kommt immer neu auf uns zu, überrascht uns, treibt vermeintliche Sicherheiten aus, stösst Mächtige vom Thron, lässt uns auferstehen und gibt Frauen die Freiheit, die Welt so zu nähren, wie es ihnen gegeben ist: als Mutter und als Gelehrte, als Prophetin, Mystikerin oder als Priesterin. Göttliche GEISTKRAFT, da bin ich mir sicher, weht auch schon durch die Mauerritzen des Vatikans. Sie überspringt mit Leichtigkeit das nur partiell vernünftige Weltbild der alten Griechen, um uns als LIEBENDES INTER-ESSE aneinander und an einer friedlichen Welt immer neu entgegen zu kommen.

Lieber Herr Ratzinger, auch Sie scheinen es zu ahnen: „Die LIEBE übersteigt die Erkenntnis und vermag daher mehr wahrzunehmen als das blosse Denken (vgl. Eph. 3, 19)…“(4).

Um den dynamischen Geist der saraitisch-abrahamitischen Traditionslinie, der sich auch in Ihren Worten zuweilen Gehör verschafft, neu zu entdecken, braucht es heute und braucht es für einen fruchtbaren Dialog der Kulturen zunächst genau dies: die „Enthellenisierung des Christentums“(4). Und dann braucht es den Begriff einer geburtlich sinnhaltigen Vernunft, der sich diesseits der metaphysischen Spekulationen der griechischen Antike ansiedelt. Diesen Vernunftbegriff gibt es noch nicht, aber er ist im Entstehen. Denn mit GOTTES Hilfe arbeiten viele Frauen und Männer an diesem Zukunftsprojekt, zum Beispiel die Übersetzerinnen und Übersetzer der „Bibel in gerechter Sprache“. [4]

Ich freue mich auf Ihre Antwort und grüsse Sie herzlich

Ina Praetorius, Wattwil, 2. Mai 2007

Anmerkungen

[1] Am Dienstag, 12. September 2006 hielt Papst Benedikt XVI an der Universität Regensburg eine Rede, die besonders wegen ihrer umstrittenen Interpretation des Islam breit diskutiert wurde. Die Rede ist u.a. unter http://www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/855/85770/ dokumentiert. Die in meinem Brief in Klammern gesetzten Seitenzahlen beziehen sich auf diesen Weblink der „Süddeutschen Zeitung“.

[2] Gerburgis Feld u.a. Hgg, Wie wir wurden, was wir sind. Gespräche mit feministischen Theologinnen der ersten Generation, Gütersloh 1998, 115.

[3] Platon, Der Staat, Hamburg o.J.,146.

[4] Ulrike Bail ua. Hgg, Bibel in gerechter Sprache, Gütersloh 2006.

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 03.05.2007

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