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Rubrik leben

Freundinnen für’s Leben

Von Gisela Landesberger

Wie private Beziehungen öffentliche Wirkung entfalten

Vorbemerkung von Antje Schrupp: Im Sommer 2006 hatte mich Gisela Landesberger, Gleichstellungsbeauftragte in Freising, zu einem Vortrag eingeladen. Anlass war das 20. Jubiläum der Gleichstellungsstelle. Oft sind solche Jubiläumsveranstaltungen ja sehr formal, mit ihrer Aneinanderreihung von Grußworten gerne auch etwas langweilig. Formal ging es auch hier zu, Repräsentanten und Repräsentantinnen der Gremien und Institutionen waren da, der Rahmen entsprechend festlich. Dennoch spürte ich eine ungewöhnliche Atmosphäre, eine starke Energie, die auf das Ganze ausstrahlte. Ich kann es schwer in Worte fassen, aber in gewisser Weise lagen hier „Beziehungen“ in der Luft. So als wäre dieser öffentliche Akt angereichert von etwas anderem, von einer Kultur der Frauen, die die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem auf eine sinnstiftende Art und Weise auflöste und überschritt. Deshalb habe ich Gisela Landesberger eingeladen, diesen Artikel zu schreiben.

Eines Abends im Februar 1982 in einer oberbayerischen Kleinstadt fand im weitläufigen Wohnzimmer meiner ältesten Freundin ein folgenreiches Treffen statt. In den üppigen braunen Kissen ihres Sofas mit Patchworkmuster lagerten und saßen Frauen, durch einen Telefon-Rundruf zusammengerufen, um die Bildung einer Frauengruppe zu diskutieren.

Einige kannten sich von früher, andere waren ganz neu. Einige waren schon in Frauengruppen, andere hatten es schon seit langem vor. Die Altersspanne war Ende dreißig bis Mitte zwanzig. Einige hatten (kleine) Kinder, waren verheiratet, geschieden, die eine oder andere hatte lesbische Neigungen. Fast alle waren berufstätig, lebten allein, in Zweierbeziehungen oder in WGs, die meisten in der Stadt, drei auf dem Land. Alle stammten wir aus der Mittelschicht. Die Eltern von dreien waren Flüchtlinge. Also ein gutes Spektrum weiblicher Lebensentwürfe.

In den nächsten Jahren bildete sich die Gruppe immer mehr heraus. Die Mitgliederzahl – für manche war es dann letztendlich doch nichts – pendelte sich auf acht Frauen ein. Wir trafen uns regelmäßig reihum und lernten uns immer besser kennen. Unsere Themen: (Frauen-)Literatur, Filme, Theater, Tanz, (weibliche) Spiritualität, Selbsterfahrung, Reisen, Gesundheit, Kinder, gemeinsames Wohnen, Gärten, Ökologie und Politik. Gerade zum letzten Thema Politik contra Spiritualität schlugen die Wogen oft hoch. Doch lernten wir auch mit der Zeit, dass gerade die Kombination aus den beiden manchmal den spannendsten Lösungsweg anbot.

Immer häufiger vermissten wir ein richtiges Frauenzentrum in unserer Stadt. Wir waren hier genug Frauen, wir wollten nicht immer nach München fahren müssen. Zwei ergriffen die Initiative, machten ein Konzept, und im Juli 1986 wurde mitten in der Stadt der Frauentreff mit Frauennotruf eröffnet. Der Start zu einem wachsenden Frauennetzwerk aus den verschiedensten Frauen und Organisation in Stadt und Landkreis.

Unsere Aktivitäten, vor allem die mit dem Verreisen verbundenen, richteten sich nach dem, was jede einzelne an Bezügen hatte. Wir fuhren anfangs zu Sommerunis nach Berlin, zum Fasten in eine Hütte in den Bayerischen Wald, in den Frühling an die ligurische Küste. Eine wusste immer eine Wohnung, ein Haus, eine Hütte, in die wir uns günstig für ein paar Tage einmieten konnten. So fuhren wir später auch nach Cornwall, Nordengland, Hamburg, Wien oder auch an schöne Orte im Mühlviertel und Niederbayern. War der – immer noch – heftige Terminkoordinationsprozess überstanden, wurden und sind das unsere abenteuerlichen, Geschichten-trächtigen „wisst Ihr noch…“s.

An aufregenden Aktionen wären außerdem zu nennen ein Theaterstück: „Machen Sie das beste aus ihrem Typ!“, das wir nach unendlichen Herumalbereien zusammen zur Aufführung brachten, (drei mal!) sowie das Aushecken von Geburtstagsüberraschungen. Ein Beispiel: Raub der am Bügelbrett stehenden Hauptperson als Amazonen verkleidet, Verschleppen im Auto mit inszeniertem „in die Irre fahren“, Ankunft in behaglich hergerichteter, mit Schwierigkeiten am Nachmittag im Garten aufgebauter schwarzer Jurte. Trotz einsetzendem strömendem Regen endlich trocken und vergnügt in Köstlichkeiten schwelgend verriet natürlich der vorbeifahrende Zug sogleich unseren Standort.

Der Alltag, Gespräche über Probleme mit den Partnern oder den Kindern, Versorgen mit leckerem Essen und Schmankerln im Krankheitsfall, Unterstützung beim Garteln, auch finanzielle Aushilfe gehören zum Selbstverständnis als Gruppe. Größere Einbrüche und Krisen blieben natürlich auch nicht aus. Zwei geraten in eine tiefe Krise nach einer Liebesaffäre Ende der achtziger Jahre, eine geht einige Jahre später unwiederbringlich mit heftigen Vorwürfen an alle nach der Trennung von ihrem Partner. Wut, Trauer, Ratlosigkeit, Unvermögen – lange Zeit. Da waren’s nur noch sieben.

Fünfundzwanzig Jahre sind ins Land gegangen. Vor unseren staunenden Augen haben wir über die Jahre den Werdegang zweier Malerinnen, einer Yogalehrerin, einer Erzählerin, einer Familientherapeutin und einer Klangheilerin miterleben dürfen – von ersten Gesprächen, ersten Erprobungen en groupe bis zum Hinausgehen in die Welt.

Kürzlich trafen wir uns an einem Donnerstag uns zu unserem Jubiläum. Im ersten Teil des Abends ging es beim Essen hauptsächlich um die geplante dritte Startbahn am Flughafen und ums Fliegen. Im zweiten Teil feierten wir uns mit schallendem Gelächter und gerührten Herzen in einer Diashow aus dem reichhaltigen Doku-Fundus. Kleinere Spannungen blieben an diesem Abend unausgesprochen. Aber das nächste Treffen ist ausgemacht, und Mitte Juli haben wir drei Tage auf einer Hütte in den Bergen und gründlich Zeit miteinander. Und außerdem haben wir die Vorstellung, Freundinnen bis zum Lebensende zu sein.

Autorin: Gisela Landesberger
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 10.05.2007

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