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Macht und Unterwerfung

Von Antje Schrupp

Spiritualität von Frauen zwischen Hingabe und Unterdrückung

Coakley Cover„Das profunde Paradox, dass eine unhintergehbare Kapitulation (Unterwerfung) vor Gott der geheime Grund und Ursprung von ‚Ermächtigung’, auch feministischer Ermächtigung, bleiben muss“ ist das Thema, dem Sarah Coakley, Professorin für Systematische Theologie an der Harvard University (USA) in diesem Aufsatzband nachgeht. Kritisch setzt sie sich mit dem Umstand auseinander, dass die liberal-westliche Suche nach Handlungsmöglichkeiten der „Unterwerfung“ keine Aufmerksamkeit schenkt, weil diese immer nur als etwas verstanden wird, das zu Lasten der „Freiheit“ geht, und die Gott nur als Herrscher oder als nicht existent sehen kann. Coakleys Denken berührt sich an vielen Punkten mit dem, was wir „Weltsicht der Bezogenheit“ genannt haben, ist höchst originell und anregend, auch wenn die Themen oft etwas speziell erscheinen (wenn es etwa um die Frage geht, was wir heute von Dom John Chapman, einem Benediktiner an der Wende zum 20. Jahrhundert, lernen können, oder inwiefern die Spiritualität des 12. Jahrhunderts bereits den Individualismus der Aufklärung vorbereitet habe oder darum, was die Philosophie Judith Butlers von dem orthodoxen Kirchenvater Gregor von Nyssa lernen könnte).

Das Besondere an diesem Buch ist, dass hier eine systematische Theologin, eine Akademikerin, nach Möglichkeiten einer real gelebten Spiritualität heute sucht, weil sie der Meinung ist, dass „göttliche Macht nicht ängstlich an den Rand gedrängt noch verlegen der Rhetorik der neuen religiösen Rechten überlassen werden sollte.“ (S. 16). Ausgangspunkt von Coakleys Überlegungen ist die Beobachtung, dass „der originäre Widerstand der Aufklärung gegen ‚Unterwerfung’ ein ökonomisches System hervorgebracht zu haben scheint, das ironischerweise die Fortsetzung multipler Formen von Unterdrückung ermöglicht“ (S. 13). Dem entgegen setzt sie „die Behauptung, dass die Alternative zwischen einer abhängig machenden ‚Verwundbarkeit’ und einer befreienden ‚Macht’ künstlich und falsch ist.“ (S. 15). Daher teilt sie auch nicht den feministischen Einwand gegen christliche Opfertheologie, wonach die „Demut“ als christliche Tugend nur den Männern anzuraten sei, den Frauen jedoch (da sie zur Demut ohnehin so lange gezwungen wurden) nicht. Stattdessen will sie „die Bedingungen dieser Debatte, die unterschiedlichen Bedeutungen von ‚Macht’ und ‚Unterwerfung’, sowohl menschlich wie göttlich, sowie ihre semantischen kulturellen Mischungsverhältnisse“ (ebd.) untersuchen.

Im ersten Kapitel zum Beispiel geht es um die verschiedenen theologischen Traditionen, die versucht haben, die „Entäußerung“ Gottes in der menschlichen Gestalt Jesu zu verstehen. Hat hier ein allmächtiger Gott auf seine Allmacht verzichtet? Ganz oder nur teilweise? Hat er nur so getan, als ob, oder ist er wirklich machtlos geworden? Und wenn, führte das nicht dazu, dass Gott letztlich schwach und also irrelevant wurde? Für Coakley liegt diesen theologischen Debatten eine maskulinistische Sichtweise sowohl von Macht als auch von Schwäche bzw. Menschlichkeit zugrunde. Sie selbst vertritt die These, dass „in Christus eine herrschaftsfreie göttliche ‚Macht“ mit einer sich selbst aufgebenden Menschlichkeit zusammentritt“ (S. 57) und dass „wahre göttliche ‚Ermächtigung’ sich am ungehindertsten in dem Kontext einer speziellen Form menschlicher ‚Verwundbarkeit’ ereignet“. (S. 59). Speziell, weil es notwendig ist, eine aus ungerechten Verhältnissen resultierende Verwundbarkeit von jener zu unterscheiden, die im Rahmen einer spirituellen kontemplativen Praxis entstehen kann. Eine solche „Macht-in-Verwundbarkeit“, so Coakley, sei dann aber „alles andere als ein Ausgleich von Maskulinismus, sondern ihr Ende.“ (S. 65).

In weiteren Aufsätzen untersucht sie verschiedene Theorien zu kontemplativen Wegen, die gender-codierte Ablehnung eines „weiblichen Mystizismus“ als zu emotional und körperbezogen, zeichnet nach, wie sich in der westlichen Theologiegeschichte ein „Auseinander Reißen“ von Affektivität und Intellekt im Hinblick auf die bestmögliche Beziehung zum Göttlichen etabliert hat (im Unterschied zu mancher orthodoxen Tradition, auf die Coakley wiederholt verweist) und unternimmt schließlich sogar eine Ehrenrettung Descartes, der von der westlichen (auch feministischen) Vernunftkritik als Übeltäter ausgemacht wurde, weil er die Abspaltung des Denkens von der Realität angezettelt habe – eine Kritik, die sich ihrer Ansicht nach nur deshalb so vehement äußert, weil sie selbst nicht aus ihren eigenen Dualismen herauskommt.

Interessant ist auch Coakleys Versuch, ein aktuell relevantes Verständnis der Auferstehung zu finden. Die klassischen theologischen Lager, die sich hier gegenüber stehen – die „Historiker“, die auf der Relevanz des geschichtlichen Faktes beharren auf der einen, und die „Barthianer“, die in der Auferstehung lediglich eine „Glaubenstatsache“ sehen, für die die Historie gänzlich irrelevant sei, auf der anderen Seite – hält Coakley nur für zwei Seiten derselben Medaille: Beide setzen nämlich voraus, dass es im Hinblick auf den Auferstehungsglauben auf so etwas wie Sicherheit und Gewissheit überhaupt ankomme. Demgegenüber verweist sie auf die biblischen Auferstehungserzählungen, die ja alle einen Prozess schildern: Zuerst einmal erkennen die Jüngerinnen und Jünger Jesus nämlich nicht, erst nachdem sie geübt, gelernt, gewartet, gebetet haben, sind sie in der Lage, den Auferstandenen zu sehen. Dann weist sie daraufhin, dass sehr häufig – angefangen von der Bibel selbst, wo Maria Magdalena als erste „sah“ bis hin zu Wittgenstein, der in einer bestimmten Art des Imaginierens „eine gewisse Weiblichkeit der Einstellung“ ausmachte – ein solch „sehender“ (statt verstehender oder begreifender) Zugang zur Auferstehung weiblich kodiert wurde. Könnte also nicht die traditionelle Ablehnung jeder „Weiblichkeit“ im Hinblick auf Erkenntnisformen ein Grund für unser heutiges Unvermögen sein, mit der Auferstehung noch etwas anfangen zu können?

Ein nicht leicht zu lesendes Buch, das für einen akademischen Kontext geschrieben wurde, das aber viele höchst originelle Gedanken und Argumentationsstränge enthält.

Sarah Coakley: Macht und Unterwerfung. Spiritualität von Frauen zwischen Hingabe und Unterdrückung. Gütersloher Verlagshaus, 2007, 22,95 €.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 28.05.2007

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