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Rubrik erinnern

„Männer auszuschließen war kein Unrecht“

Von Ingrid Maria Bertram

Aktionsformen und biografische Hintergründe der Frauenbewegung

Dieser Artikel bezieht sich auf den Artikel „Traumatisierungen zwischen Frauen und Männern“ von Dorothee Markert.

Als ich mich in den 70er Jahren während meines Zweitstudiums an der Gesamthochschule in Kassel als damals vierunddreißigjährige Frau der Frauenbewegung anschloss, war ich von einer unwiderstehlichen Neugier und einer ungeduldigen Wissbegier erfasst worden, mit der ich mich auf die Suche nach den Frauen machte, die sich in Frauengruppen trafen und mit spektakulären Aktionen an die Öffentlichkeit traten. In einem schnell voranschreitenden Wandlungsprozess wurden mir meine Beziehungen zu Männern uninteressant und langweilig, und Gefühle von Fremdheit und Sinnlosigkeit so ziemlich allem gegenüber, was ich bis dahin gelebt, gelernt, studiert und gedacht hatte, überkamen mich.

Frauenzentren, Frauenbuchläden, Frauenprojekte schossen wie Pilze aus dem Boden. Eine Welle von ungebändigtem weiblichem Aufruhr ging durchs Land. Und wenn ich damals auch noch nicht allzu viel von dem wusste, was die Frauen wollten und wohin unsere Reise gehen würde, so ahnte ich doch, dass hier eine neue Geschichte begann, die die Welt verändern würde. Und ich wollte dabei sein und daran mitwirken!

Über das, was in diesen Jahren geschah, in denen ich mit Frauen zusammen lebte, zusammen arbeitete, Aktionen durchführte, an Frauentreffen teilnahm und fröhliche Feste feierte, aber auch die Niederlagen, die wir erlitten, die Verletzungen, die wir uns gegenseitig zufügten, kurz, über all das Schöne und Schreckliche dieser ersten Jahre als Feministin habe ich in meiner Autobiografie „Über brüchiges Eis“ geschrieben. Außer meiner Neugier und Wissbegier, gab es noch einen anderen, in meiner Biografie liegenden Grund, weshalb ich mich so entschlossen auf die Suche nach „den Frauen“ gemacht hatte, der sich beim Schreiben meines Buches herauskristallisierte. Als „Kriegskind“, 1939 geboren, und als Angehörige der „Vergessenen Generation“, wie sie von Sabine Bode in ihrem gleichnamigen Buch genannt wird, hatte ich, traumatisiert durch Kriegserlebnisse und Verluste, eine ganz persönliche „Heilserwartung“ an die Frauenbewegung. Hinzu kam noch für mich, die ich während des Krieges und danach in einer mich beschützenden und mich liebenden Frauengemeinschaft groß geworden war, das glückliche Gefühl, „zu den Frauen zurückgekehrt zu sein“.

Die Frage nach den biografischen Hintergründen stellt sich immer – oder sollte sich stellen – wenn sich Frauen oder Männer einer politischen oder sozialen Bewegung anschließen, verknüpft mit der Frage nach den an die Bewegung und an die Mitstreiter/innen geknüpften Erwartungen, sowohl in Bezug auf persönliche wie auch generationsbedingte Motivationen und deren gesellschaftliche Hintergründe.

Als Nachkommen einer Generation nationalsozialistischer Eltern mit der Last des Erbes ihrer Schuld, ihres Schweigens, ihres Unvermögens, eigene Schuld einzugestehen, mit dem Erbe nicht enden wollender Wiedergutmachungs- und Gedenkforderungen an uns selbst und unsere Kinder, sind wir, Frauen und Männer in Deutschland, Erben einer Geschichte, die uns von allen anderen europäischen Ländern unterscheidet. Vielleicht rührt auch daher ein großer Teil unseres Unvermögens, mit jener „spielerischen Leichtigkeit“ einander und, wie ich meine, dem Leben an sich, zu begegnen, von dem Dorothee Markert in ihrem Artikel „Traumatisierungen zwischen Frauen und Männern“ spricht. Eine Leichtigkeit und Offenheit, die den Frauen und den Männern anderer Länder offensichtlich besser gelingt, und wie ich es selbst in den Jahren, in denen ich in Frankreich lebte, erfahren habe. Unter diesem Aspekt betrachtet erscheint es mir eher so, dass nicht die Beziehungen zwischen Frauen und Männern traumatisiert sind, sondern dass, wenn es denn um das Begreifen von Traumatisierungen gehen sollte, diese eher aus unserer noch weitgehend unaufgearbeiteten Kriegs- und Nachkriegsgeschichte herrühren. Denn dass es da etwas gibt, das bis in die Gegenwart reicht, zeigt sich im immer wiederkehrenden medialen Interesse an Publikationen, Filmen und Fernsehsendungen zu diesbezüglichen Themen.

Die patriarchal verkrusteten Strukturen der 50er und 60er Jahre ließen sich nur mit großer Kraft und willensstarker Vehemenz aufbrechen. Frauen hatten damals nicht (und auch in früheren Zeiten nicht) die Wahl, still und höflich und ohne jemandem auf die Füße zu treten ihre Forderungen nach Gleichberechtigung und ihren Kampf gegen Unterdrückung, Gewalt und Sexismus in die Welt zu tragen. Um gehört zu werden, musste laut gesprochen, laut geschrien, laut gesungen werden! Dazu eigneten sich am besten Demonstrationen möglichst vieler Frauen, die dann auch teilnahmen und für die beabsichtigte Unruhe sorgten. „Aktionsform Stimme und Sprache“, möchte ich sagen, vor allem, wenn ich an die Frauenlieder von damals denke, unter denen es natürlich auch leise und melodisch ins Herz gehende gab, und wenn ich an die teilweise recht drastisch und polemisch formulierten Pamphlete, Flugblätter, Artikel und Slogans denke. (Wobei jedoch Poesie und Zärtlichkeit nicht zu kurz kamen!) Zugegeben, zimperlich waren wir nicht! Aber auch nicht uns selbst gegenüber, was die harten Diskussionen und Auseinandersetzungen beweisen, denen wir uns immer wieder stellten.

Im Gegensatz zu Dorothee Markert habe ich keinerlei Unrechtsbewusstsein, wenn ich an den Ausschluss von Männern aus unseren Frauenzentren, aus unseren Wohnungen, unseren Häusern, Projekten etc. denke. Männer auszuschließen, war sowohl genial als auch notwendig. Darunter verstehe ich jedoch noch keinen „Generalverdacht“, unter den wir die Männer gestellt hätten, wie Dorothee Markert schreibt, denn Ausschließung ist nicht gleich Ausgrenzung und damit Abwertung, obwohl es von den ausgeschlossenen Männern und auch von Frauen innerhalb und außerhalb der Frauenbewegung so empfunden wurde. Aber waren nicht in Wirklichkeit die Frauen die Ausgeschlossenen – aus Berufen, Ämtern, Wissenschaft, Kultur usw.? Männer hatten weiterhin ihre Kneipen, ihre Clubs, ihre Vereine, ihre beruflichen Netzwerke und vieles mehr, was sie nicht mit Frauen teilten.

Die Notwendigkeit des Ausschlusses von Männern ergab sich zwingend daraus, dass bei der Anwesenheit von Männern Frauen verstummten, auch nieder geredet wurden und nicht mehr zu Wort kamen, oder nicht zu den Worten kamen, die sie sprechen wollten. Die Exklusivität der nur uns gehörenden Frauenorte gab uns Raum und Schutz und die Möglichkeit, frei und offen miteinander zu sprechen und, was das Wichtigste war, in Beziehungen zueinander zu treten.

„Die Geste des Bruchs, die die Frauen damals ausübten, war etwas völlig Unvorhersehbares, das ihre Mitstreiter nicht wenig überrascht hat, … Positiv gesagt war es der Wille, im Spiegel und im Austausch mit anderen Frauen Worte zu finden, um von sich und der Welt in Treue zur eigenen Erfahrung zu sprechen. In jenen ersten getrennten Gruppen hat sich also die Tatsache der sexuellen Differenz von der Seite des Subjekts gelöst und ist schließlich bei der Objektivierung der weiblichen Differenz angekommen. Damals wurde geboren, was man, mit Luce Irigaray, später das Denken der sexuellen Differenz nannte.“ (Luisa Muraro in: Die Wette des Feminismus, 2004)

Dieser Bruch war für Männer eine nicht nur unvorhergesehene, sondern auch schmerzhafte Erfahrung, die sie naturgemäß gegen die Feministinnen aufbrachte. Welcher Mann, dem als Angehörigen seines Geschlechts in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und jederzeit Zutritt gewährt wird, lässt sich schon gerne die Tür vor der Nase zumachen? Aber die damals ausgeschlossenen Männer sind heute fünfzig oder sechzig Jahre alt, und ich kann mir kaum vorstellen, dass ihr damals erlittener Frust bis in die heutige Zeit reicht und für die Störungen in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern heute verantwortlich sein soll. Und ich sehe auch keinen Grund, ihnen so etwas wie „Versöhnung oder Wiedergutmachung“ anzubieten, da ich heute wie vor dreißig Jahren immer noch der Meinung bin, dass sich zuerst der Mann mit seiner Geschichte im Patriarchat konfrontieren und sich selbst dann vielleicht damit aussöhnen sollte, um in einer noch nicht vollzogenen Erkenntnis seiner Schuld durch Mitmachen oder auch nur Weggucken in männlicher Kumpanei sich selbst und anderen Männern das sichtbar zu machen, worunter Frauen seit Jahrhunderten gelitten haben. Aber nicht, um dann in eine Opfer-Täter-Beziehung mit ihm zu geraten, sondern damit sich, von der Seite des Mannes her gesehen, eine Öffnung in Richtung einer neuen männlichen Identität ergeben könnte, von der ich mir wünsche, dass sie einen offenen, gewaltfreien Umgang und einen Dialog zwischen Frauen und Männern bei gegenseitiger Anerkennung des Andersseins sowie des Verbundenseins ermöglicht.

In einer am 19. April 2007 ausgestrahlten „delta“ Sendung (3sat), sprach der Psychologe Wolfgang Bergmann von „einer Krise der Männlichkeit und einer ernstzunehmenden Gefährdungssituation, die bei jugendlichen Jungen augenfällig“ sei und sich in „Hyperaktivität, Cannabisabhängigkeit, Computersucht als wesentliche Probleme von Jungen äußere“. Doch könnte, sagte Bergmann, sich diese Krise als „Verpuppungsstadium einer neuen Männlichkeit erweisen“, da Männlichkeit („mutig, tapfer, erfinderisch, Halbgötter und Helden“) ein „Auslaufmodell“ sei und wohl kein Weg zur alten Männlichkeit zurückführe.

Im Begleittext zur Sendung heißt es, dass nach dem Ende der Vorherrschaft des Mannes die neue Freiheit, die die Frauen immer stärker einfordern, von den Männern verlange, sich ebenfalls nach neuen Rollenmustern umzusehen. Aber „ob der neue Ikarus in den Cyberwelten zu sich selbst findet oder abstürzt, muss die Zukunft zeigen.“ Es gehe hier um „einen gewaltiger Entwurf, der entweder im kollektiven Wahnsinn oder einer ganz neuen Gesellschaft enden könne“, so Bergmann. Inhaltliches darüber, worin dieser Entwurf denn wohl besteht und wieso er im Wahnsinn enden könne oder wie daraus eine neue Gesellschaft entstehen könnte, bleibt Bergmann, zumindest in dieser Sendung, schuldig.

Mit seinen klaren Analysen und mit seiner Kritik am Patriarchat und der Zerstörung eines Männerbildes, in welchem dem Mann die Welt gehörte, hat sich der Feminismus nicht nur bei Männern sondern auch bei Frauen Feinde gemacht. Schon in den 70er Jahren stellte ich eine Angst bei Frauen fest, die aus der Annahme herrührte, die frauenbewegten Frauen wollten sie in einer Art Verpflichtung zu einer „Trennungssolidarität“ von ihren Männern trennen, sie ihnen gewissermaßen „wegnehmen“. Dieser Angst lag zugrunde, dass in den Jahren, bevor durch die Frauenbewegung weit reichende Änderungen in der Lebenssituation von Frauen eintraten, die meisten Frauen sowohl im privaten als auch im gesellschaftlichen Leben völlig auf den Mann angewiesen und von ihm abhängig waren. Der Mann brachte durch seine Berufsarbeit das Geld nach hause und die Frau übernahm die Hausarbeit und die Pflege der Kinder, der Eltern, der familiären sowie sozialen Beziehungen. Eine allein lebende Frau fiel der gesellschaftlichen Isolation anheim und mit einer Scheidung vom Ehemann war der soziale Abstieg vorprogrammiert. Demgegenüber konnte eine Frau an der Seite ihres Mannes sozial aufsteigen und an seiner gesellschaftliche Stellung und der damit verbundenen Anerkennung teilhaben. So wurde leichthin aus der Frau des Professors „Frau Professor“ und aus der Frau des Doktors „Frau Doktor“, wogegen die so genannten Frauen keinen Einspruch erhoben. Auch die leicht ironische, aber dadurch nicht weniger signifikante Bezeichnung „mein Göttergatte“ weist auf die Identifikation mit einem Ehemann hin, zu dem die Frau „aufblicken“ wollte und der für sie dann zum Maß aller Dinge wurde. Sich von ihm zu trennen oder es sich mit ihm zu verderben (durch seinen Ausschluss) stellte Frauen vor Probleme, die zu unterschiedlichen Entscheidungen führten, wobei viele Frauen sich von ihren Männern trennten, um mit Frauen zusammenzuleben, andere jedoch auch bei ihnen blieben und in der Frauenbewegung, oft zum Missfallen ihrer Ehemänner und in Auseinandersetzung mit ihnen, aktiv mitwirkten.

Aus dieser Angst um den Verlust des Mannes und damit dem Verlust gesellschaftlicher Anerkennung und ökonomischer Sicherheit, aber auch aus der Angst heraus, seine Anerkennung und die anderer Männer zu verlieren, konnten viele Frauen nicht anders, als Feministinnen ein angebliches „Feindbild Mann“ zum Vorwurf zu machen, wodurch diese auf eine bis heute unerkannt gebliebenen Art und Weise dann selbst zum Feindbild erklärt wurden, was jeden Dialog unmöglich machte. Heute frage ich mich, wie viel von diesem „Feindbild Frau/Feministin“ die Jahre überdauert hat, welches die Männer gerne übernahmen und gegen das sie nichts einzuwenden hatten, bzw. wenn es noch da ist, einzuwenden hätten. Noch immer scheint es mir so, als ob Frauen, auch die erfolgreichen, „emanzipierten“, gut verdienenden, die Angst haben, der Feminismus könne ihnen nicht etwa etwas geben, sondern er wolle ihnen etwas wegnehmen. Doch was könnte das sein? Die einzige Antwort, die ich bislang darauf gefunden habe, lautet: Frauen haben Angst vor dem Verlust der Anerkennung durch die Gesellschaft und vor allem vor dem Verlust der Anerkennung durch Männer, wenn sie sich primär auf Frauen beziehen und sogar Feministinnen werden würden. Verstärkt stelle ich in den letzten Jahren immer wieder fest, dass Frauen mehr Wert auf die Anerkennung von Männern als auf die Anerkennung von Frauen legen, ohne dass ihnen das bewusst ist oder sie es bedenkenswert finden. Es scheint ihnen völlig richtig und normal zu sein, und sie sind bereit, viel dafür zu tun und zu leisten, wobei sie in jenes endlose und sinnlose männliche Konkurrenzverhalten sowohl Männern als auch Frauen gegenüber verfallen.

„Die Möglichkeit, uns zu bilden, Karriere zu machen, auf der öffentlichen Bühne in Erscheinung zu treten, entfacht ein Begehren nach Erfolg und schafft einen Widerspruch, dem sich die Frauen noch nicht gestellt haben, nämlich dem Widerspruch der Kosten, die wir bereit sind (oder auch nicht) zu bezahlen, um uns in erster Person im öffentlichen Leben zu behaupten, und der Nachsicht, die wir bereit sind (oder auch nicht) mit den Frauen zu haben, die alles dem persönlichen Erfolg unterordnen.“ (Luisa Muraro in „Die Wette des Feminismus, 2004.)

Der Wunsch, im Beruf Selbstverwirklichung, gesellschaftlichen und finanziellen Erfolg als auch Anerkennung zu finden, stößt in dem Moment an die Grenzen seiner Erfüllbarkeit, wo sich eine Frau der Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft stellt. Noch immer liegt die Organisation der Kinderbetreuung weitgehend in den Händen von Frauen, vor allem natürlich, wenn sie Alleinerziehende sind, aber auch, wenn sie in einer Partnerschaft leben. Kinder aufzuziehen kostet unendlich viel Kraft, Zeit, Geduld und Energien, die dann nicht mehr für die Beschäftigung mit anderen Dingen, zum Beispiel mit feministischen Ideen, zur Verfügung stehen. Die heftigen und kontrovers geführten Diskussionen um fehlende Krippenplätze decken einen Notstand auf, nicht nur wegen angeblich zurückgegangener Geburtenzahlen, unter dem Frauen immer schon gelitten haben und für den die Frauenbewegung meines Wissens bis heute keine Lösung gefunden hat. Eine gewisse „Mütterfeindlichkeit“ und damit „Kinderfeindlichkeit“, wie sie sich beispielsweise innerhalb der Frauenbewegung in den 70er und 80er Jahren zeigte („Weiblichkeitsfimmel“, „Mutterschaftsideologie“, „Wir sind die Frauen, die gern viele Kinder kriegen, die uns am Rockzipfel hängen, und statt der Knarre haben wir das Strickzeug dabei“, Heidi Pataki in „Die schwarze Botin“ Nr.14/15, 1980) scheint mir immer noch nicht überwunden zu sein. Sich mit dieser verdeckten und verschwiegenen persönlichen wie gesellschaftlichen Mütterfeindlichkeit auseinander zu setzen, was die Betrachtung der Beziehung zur eigenen Mutter impliziert, könnte ein fruchtbarer Ansatz für einen Eintritt in den Dialog zwischen Frauen und Männern heute sein. Ich fände es spannend, wenn dazu Angebote in speziellen Veranstaltungen für Frauen und Männer gemacht würden. Es wäre ein erster Anfang, gewiss, aber ein viel versprechender!

Kommentar von Dorothee Markert zu diesem Artikel:

Die Überschrift zu diesem Text klingt so, als widerspräche er dem, was ich in „Traumatisierungen zwischen Frauen und Männern“ geschrieben habe. Doch auch in meinem Text steht ja, dass ich es notwendig fand, dass Frauen sich allein getroffen haben. Ich habe das anders begründet als Ingrid Maria Bertram, deren Ausführungen ich aber an dieser Stelle als gute Ergänzung zu meinem Text empfinde. Mir ging es um die (ca. zehn Jahre nach Beginn der 70-er-Jahre-Frauenbewegung) mit Abwertung verbundene Ausgrenzung von Männern, die sicher mit eine Folge der Wahrnehmung des Ausmaßes der Männergewalt gegen Frauen war. Also zum Beispiel um den Generalverdacht gegen Männer in dem Satz: „Jeder Mann ist ein potenzieller Vergewaltiger.“ Es ging mir also nicht um den Ausschluss als solchen, sondern um die Art und Weise dieses Ausschlusses, die – nach der Traumatisierung der Frauen durch Wahrnehmung des Ausmaßes an Männergewalt gegenüber Frauen – zu einer Männer abwertenden Ausgrenzung wurde.

Der Schock über das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen (bzw. die tatsächlichen Erfahrungen von Frauen mit Männergewalt) war für mich die eine Seite der Traumatisierung (die der Frauen), während ich die Traumatisierung auf Männerseite in der erlebten Abwertung und Ausgrenzung sah. Es erstaunt mich, dass viele – meist kritische – Reaktionen auf meinen Text sich nur auf die eine Seite bezogen, was dann zu Aussagen führte wie: Ich hätte über die Traumatisierung der Männer durch den Feminismus geschrieben (Zuschrift eines Mannes), oder: Ich hätte geschrieben, dass Frauen sich bei den Männern entschuldigen sollten (Aussage einer Frau, die meinen Text ärgerlich fand), oder: Ich hätte geschrieben, „ich habe Unrecht getan und will es wieder gutmachen“ (eine um mich besorgte Freundin) oder der Text von Ingrid Maria Bertram, in dem behauptet wird, ich hätte ein Unrechtsbewusstsein wegen des Ausschlusses von Männern. Mein Unrechtsbewusstsein bezog sich aber explizit auf die mit Abwertung verbundene Ausgrenzung und auf meinen fehlenden Mut, meine Kritik am Vorgehen von Geschlechtsgenossinnen zu äußern. Auch hier wird eine Gegenposition zu meinem Text aufgebaut, obwohl es gar keine ist. Das finde ich schade, denn grundsätzlich freue ich mich natürlich über diesen Text als weitere Auseinandersetzung mit dem Thema.

Autorin: Ingrid Maria Bertram
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 02.05.2007

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Am Beispiel geht es am besten.

    Liebi Lüüt,Männer für eine Weile auszuschliessen war damals als Akt eine Notwendigkeit.Als Nachkriegsgeborene
    (1947) in Holland bekam ich die Kriegs- und Nachkriegserlebnisse mit.
    Als eigentliche Folge von dieser dramatischen Zeit und langjährigen Krankheit der Mutter, schickte mein Vater mich ganz allein als Jugendliche in die Schweiz.Er hatte seinen Job und schaute für die Mutter.Wir Kinder waren „zu viel“ und kamen, ohne dies selbst gewählt zu haben, ins Ausland. Ausser Haus wurde ich als 11jähriges Mädchen von einem Familienmitglied vergewaltigt.Im Zug in die Schweiz wurde eine Vergewaltigung versucht, ich kam davon.Viele andere Frauen werden wohl Aehnliches erlebt haben.Es hat mich echt befremdet in jener Zeit, zu hören,es wird und wurde einfach so gemacht mit uns Frauen. U.a. bin ich handwerklich begabt, dies hat mir ermöglicht, auch mit Männern zusammen- zuarbeiten und nicht zu resignieren.Diese Ereignisse
    haben mein Leben nicht zerstört und unmöglich gemacht,sondern z.B. die Gabe der Begeisterungsfähigkeit, Ideenvielfalt und die Liebe zur Filosofie und Musik machen,sie sind die angewandten Fertigkeiten,das Leid in der Biografie in Freude und Stärke umzuwandeln,ohne zu vergessen was war.
    Persönlich habe ich mich mit Deutschland versöhnt, das war mein Weg.
    Ich liebe die Sprache, das Land,die Anregungen aus den Geisteswissenschaften.Und alles Bemühen heutzutage, in Frieden, Würde und mit Vision miteinander zu leben.Einzig bleibt mir noch zu sagen: Vergesst die holländische Sprache nicht, sie hat genauso viel Aussagekraft – im Land der grossen Männer und Frauen.

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