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Rubrik erinnern

Von der Mutter erzählen

Von Juliane Brumberg

Plädoyer für einen anderen Muttertag

Babuschkas„Meine Schwestern treffen und ihnen von meiner Mutter erzählen? Aber was denn eigentlich? Ich weiß doch nichts über sie. Sie war eben meine Mutter.“ Amy Tan, Autorin des Romans „Töchter des Himmels“ und Tochter von 1949 in die USA eingewanderten Chinesen, beginnt ihr Buch mit dieser autobiographischen Episode. Kurz nach dem Tod ihrer Mutter hatten deren ältere chinesische Freundinnen sie aufgefordert, nach China zu reisen und den dort gebliebenen unbekannten Schwestern von der Mutter zu erzählen. Amy Tan fühlt sich ratlos, weiß nicht, was sie erzählen soll.

Ihren Aufsatz „Orientierung an der Dankbarkeit“ leitet die italienische Philosophin Luisa Muraro mit einem kurzen Exkurs auf den Roman von Amy Tan ein und stellt fest: „Gerade die Vertrautheit mit der Mutter und die Natürlichkeit der Beziehung, durch die sie eigentlich über authentisches Wissen über sie verfügen konnte und sollte, machte sie unfähig über sie zu sprechen. Diese Erfahrung kennen viele von uns. Frauen, die ihre Mutter verloren haben, denken vielleicht oft an sie, aber sie sprechen nicht über sie, erzählen nicht von ihr, und dies erscheint uns normal.“ (1)

Seit ich mich mit der „Symbolischen Ordnung der Mutter“ (2) von Luisa Muraro und ihrem philosophischen Zugang zur Welt beschäftige, lassen mich zwei Aspekte nicht los: Warum gibt es so wenige Orte, an denen Frauen von ihren Müttern erzählen? Und was kann getan werden, was kann ich tun, dass mehr Frauen von dem für mich überaus logischen und hilfreichen Denkansatz Luisa Muraros erfahren?

Die Bücher Luisa Muraros sind gründlich durchdacht und nicht einfach zu lesen. Was sie einbringt, halte ich für sehr wichtig für alle Frauen und nicht nur für die, die philosophische Bücher lesen können: Nämlich, dass es in der abendländischen Kultur ein „Verlernprogramm der Liebe zur Mutter“ (3) gibt. Und dass die „Orientierung an der Dankbarkeit“ gegenüber der Mutter und ein Bewusstmachen der Tatsache, dass die Mutter uns nicht nur geboren hat, sondern uns auch das Sprechen beigebracht und durch die Sprache die Welt erklärt hat und dass wir in einer langen Reihe von Müttern und Vormüttern stehen, ein gestörtes Mutter-Tochter-Verhältnis heilen kann. Dieses Wissen gibt uns Frauen einen ganz anderen Platz in der Welt als jenes der männlichen Philosophen und Denker, das in Schule und Universität gelehrt wird. Es stellt uns in eine neue symbolische Ordnung.

Immer wieder bedaure ich, dass das, was Frauen alles Gutes und Kluges denken und schreiben, so wenig Beachtung findet. Gleichzeitig ist es nicht einfach, sich auf neue Gedanken und Welterklärungsversuche einzulassen. Zu sehr sind wir von herkömmlichen Denkmustern geprägt. Ich habe, (nicht nur) bei mir selbst, beobachtet, dass ich neue Themen, wenn sie mich nicht unmittelbar interessierten, erst vier, fünf, sechs, sieben Mal erwähnt gefunden oder in einer Überschrift gelesen haben musste, bis mein Interesse geweckt war und ich weitergelesen habe. Für kommerzielle Marketing-Experten in der Werbung ist das nichts Neues.

Außerdem ist mir aufgefallen, dass es manchmal eher gelingt, den der Zugang zu etwas Neuem nicht auf der theoretischen Ebene, also in der direkten intellektuellen Auseinandersetzung, zu finden, sondern auf Umwegen, zum Beispiel über ein Bild, über Musik oder ein Exkurs in die Geschichte. Ober über ein Beispiel, in dem frau von sich selbst ausgeht und erzählt. Das beschreibt auch Chiara Zamboni im vierten Kapitel ihres Buches „Unverbrauchte Worte“ (4).

So entstand die Idee zu einem Erzählcafé zum Muttertag, das 2006 in unserer Kleinstadt zum ersten Mal stattfand. Der Erfolg war überraschend. Gute Resonanz bei der örtlichen Presse, guter Besuch und tief beeindruckende Geschichten über das, was Mütter im vergangenen Jahrhundert geleistet haben – zusätzlich zu ihren versorgenden und liebevollen Qualitäten. Wir hatten drei bekannte Ansbacher Frauen aus drei Generationen gebeten, von den welterklärenden Aspekten ihrer Mütter zu erzählen unter dem Fokus: „Was hat Ihre Mutter dazu beigetragen, dass Sie das geworden sind, was Sie heute sind?“ Vorher gab es eine kurze Einführung über die Gedanken von Luisa Muraro zur symbolischen Ordnung der Mutter.

Dann hörten wir von berührenden Schicksalen und bekamen en passant einen Überblick über die ganz realen Lebensumstände in verschiedenen Epochen deutscher Geschichte: Über eine Mutter, 1884 geboren, die sportlicher war als die Jungens und das erste Markenfahrrad in ihrem Ort hatte; über eine 1914 geborene Mutter, die zeitlebens berufstätig war und aus finanzieller Not nach dem Tod ihres Mannes keine andere Wahl hatte, als die Zahnarztpraxis mit angestellten Ärzten weiterzuführen, ohne jemals Zahnmedizin studiert zu haben, „aber man war ja damals als mitarbeitende Ehefrau, die die Praxis managt, nicht versichert“; und über eine 1930 geborene Mutter, die auf der Flucht die gesamte Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen musste.

Die Tochter der Mutter mit Zahnarztpraxis erzählte übrigens auch, durchaus nicht anklagend, dass sie die Welt nicht von ihrer Mutter – denn diese war ja immer in der Praxis – sondern von ihrer Großmutter erklärt bekommen hatte. Ein Beispiel dafür, dass die symbolische Mutter, von der Luisa Muraro schreibt, nicht unbedingt die leibliche Mutter sein muss, sondern jene Instanz ist, die unser Denken und unseren Gebrauch der Worte geprägt hat. (5) Und dieser Instanz, sei es nun die eigene Mutter oder eine Andere, die ihr zwangsläufig zukommende Autorität für das Verständnis der Welt zuzusprechen und nicht allein auf die Welterklärungsversuche patriarchaler Philosophen angewiesen zu sein, darum geht es.

So erzählten die Frauen, und durch das Erzählen wurde ihnen einmal mehr bewusst, wie das Leben ihrer Mütter den eigenen Lebensweg beeinflusst hatte, auch wenn dieser ganz anders aussah. Und so wurden die zuhörenden Frauen angeregt, darüber nachzudenken und sich auszutauschen, auf welche Weise ihre Mütter ihnen „die Welt erklärt“ hatten. 2007 gibt es wieder ein Erzählcafé mit anderen Frauen – in der Hoffnung, dass dies ein Weg ist, der immer mehr Frauen dazu hinführen kann, sich nicht nur von dem leiten zu lassen, was Männer denken und tun, sondern zu erkennen, wie wichtig der Platz ihrer Mütter und Vormütter ist. Denn sie sind nicht nur Dienstleisterinnen in der Familie, sondern sie schaffen Kultur.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es gibt noch viele andere Möglichkeiten, Kultur zu schaffen und sich in die Welt einzubringen: Frau muss dazu keine eigenen Kinder haben. Aber Töchter (oder Söhne) sind wir alle.

Literaturangaben

(1) Luisa Muraro, Orientierung an der Dankbarkeit in: Diotima und Andere, Die Welt zur Welt bringen, Königstein 1999, S. 48ff.

(2) Luisa Muraro, Die symbolische Ordnung der Mutter, erw. Ausgabe Rüsselsheim 2006

(3) Luisa Muraro, Orientierung an der Dankbarkeit in: Diotima und Andere, Die Welt zur Welt bringen, Königstein 1999, S. 52

(4) Chiara Zamboni, Unverbrauchte Worte, Frauen und Männer in der Sprache, Rüsselsheim 2005, S. 186

(5) Luisa Muraro, Die symbolische Ordnung der Mutter, a.a.O.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 07.05.2007

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anja Sagara Ritter sagt:

    Guten Tag,

    gerade bin ich mit dem Lesen „symbolisch Ordnung der Mutter“ fertig und wollte googlen, was L. Muraro genau mit dem Teufelskreis „Circulos vitiosus“ im Gegensatz zum positiven fleischlischen Kreis meint? Warum genau führt dieser immer ins Negative, bzw. was genau bedeutet er?

    Vielen Dank, falls sie mir weiterhelfen können!

    Alles Liebe, Anja Sagara Ritter

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