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Rubrik denken

„Klare Grenzen sind nicht haltbar“

Von Cornelia Roth

Über das Verhältnis von „Mensch“ und „Natur“

Sonnenblumen

Sonnenblumen können Signale über eine Distanz von 30 cm weiterleiten. Manche Neurobiolog/innen sehen darin eine von vielen Parallelen zu tierischen Nervensystemen (SZ 29.05.07)

Welches Denken ist die Grundlage für den achtlosen Umgang mit dem Leben um uns herum? Für eine solche Achtlosigkeit, dass wir uns der eigenen Lebensbasis berauben? Es ist das Denken der Unverbundenheit, der Trennung, der Gegenüberstellung von uns Menschen mit all dem, was sich außer uns auf diesem Planeten befindet. Wir nehmen diese Trennung durch unser Denken vor.

Immer wieder wird bei neuen Forschungsergebnissen zu Tieren betont, was sie im Vergleich zu Menschen doch nicht können, von den Pflanzen ganz zu schweigen. Und dem, was sonst noch existiert, wird mit großer Selbstverständlichkeit Leben ohnehin ganz und gar abgesprochen. So als herrschte eine große Angst, es könne Ebenbürtigkeit geben. Den Tieren und Pflanzen wurden und werden mechanische Konzepte übergestülpt, die ihr Wesen erklären sollen. Vor etlichen Jahrhunderten gehörten übrigens auch die Frauen zu diesen Wesen, die weder eine Intelligenz noch eine Seele besitzen.

In neuen Forschungsrichtungen wie der Epigenetik und der Systembiologie – interessant dargestellt in dem Buch „Zellgeflüster“ von Florianne Koechlin – verschwimmt inzwischen die klare Grenze zwischen der Intelligenz von Menschen und den Möglichkeiten von Pflanzen und Tieren, wenn sie nicht sogar aufgehoben ist. Es gibt nicht nur Untersuchungen, die eine flexible Anpassung von Pflanzen und Tieren an Umweltveränderungen belegen, sondern es wurden auch Vorausplanung und insbesondere Entscheidungsprozesse bei Pflanzen wie Tieren gefunden. Und gerade die Freiheit der Entscheidung spielt bei der Definition menschlicher Intelligenz eine große Rolle. Zugleich sind in einem Teil der Genforschung die Grenzen zwischen einerseits erlerntem oder von Umweltfaktoren bestimmten und andererseits angeborenem, genetisch festgelegtem Verhalten gefallen, wie auch die Rolle der Gene als (zumindest in kurzen Zeiträumen) unveränderbare letzte Einheiten nicht mehr haltbar ist. Ganz offensichtlich gibt es nicht die im aufgeklärt-naturwissenschaftlichen Denken vorhandene „letzte Ursache“ der Gene und auch nicht die letztliche Ursachenkombination, die aus zusammengebrachten Elementen besteht und folgerichtig einwirkt. Dieses Denken ist in einem begrenzten Rahmen – oder oberflächlich gesehen – zutreffend, darüber hinaus aber nicht mehr wirksam. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen ist schon seit längerem die moderne Physik gekommen.

Die Höherstellung des Menschen, seine Einstufung als weitestentwickeltes Leben und seine daraus abgeleitete Höherwertigkeit gegenüber allem Leben auf der Erde ist also in Frage gestellt. Dabei besteht natürlich die Gefahr, dass die bis jetzt genannten Gedanken viel zu sehr mit menschlichen Kategorien an das Leben um uns herum herangehen. Das fängt schon damit an, dass ich dieses Leben mit „um uns herum“ benenne, denn so ist es ja keineswegs: Es ist eher das hauptsächliche Leben auf diesem Planeten, dessen kleiner Bestandteil auch wir sind.

Mit anderen Kategorien als menschlichen heranzugehen, muss uns natürlicherweise sehr schwer fallen; allerdings ist es vielleicht nicht ganz unmöglich, wenn auch eher als ein intuitives Ahnen, wie es zum Beispiel Hans-Peter Dürr in Florianne Koechlins Buch beschreibt, wenn er über seine physikalische Forschung zusammen mit Werner Heisenberg spricht – viel geschah hier auf der Ebene der Intuition, die aber offensichtlich über das Subjektive weit hinausging. Im Zusammenhang mit der Frage „Woher wissen eigentlich Schamanen so viel über die Heilkraft von Pflanzen?“ schreibt Florianne Koechlin über die Art und Weise der Kommunikation, die Schamanen mit Pflanzen unterhalten – es ist ein Gesang der Bilder, es ist die Ebene der Musik und Poesie, übrigens die gleiche Ebene, auf der Walter Benjamin von der Sprache der Dinge spricht, und die Hannah Arendt für die Ebene hält, auf der Wahrheiten ausgesprochen werden.

Wenn also zugegebenermaßen bei der Frage nach Bewusstheit und Entscheidungsfähigkeit alles Lebens um uns schon in der Fragestellung menschliche Vorstellungen und Maßstäbe stecken, so heißt das noch lange nicht, dass es „so Etwas“ oder „etwas Anderes“ bei  Pflanzen, Tieren oder auch Wasser (auch hier gibt es Ergebnisse eines japanischen Forschers) nicht gibt. Es ist nicht richtig, mit dem Argument der Vermenschlichung allem Existierenden außer uns Möglichkeiten abzusprechen, von denen wir vielleicht nur einen winzigen Bruchteil ahnen. Oder wir erkennen es nicht, weil wir es nicht wertschätzen (zum Beispiel die Angewohnheit der Delphine, immer wieder das Leben von Menschen in Seenot zu retten, einer Spezies, die sie verfolgt…).

Wenn Pflanzen und Tiere (und auch einzelne Zellen – vielleicht aber auch Elemente wie Wasser, Erde, Luft?) „Entscheidungen“ treffen können, so bedeutet dies, dass wir in einer Welt unglaublich vieler beseelter (?) bewusster (?) Entscheidungsträger leben. Es gilt also für die Beziehung zu dem Leben um uns herum in gewisser Weise gar nicht so viel anderes wie für das Leben unter uns Menschen: Respekt ist nötig, Rücksicht und Aushandeln der Verschiedenheit. Und das fällt uns schwer genug. Ich behaupte: Eine bessere Beziehungsgestaltung zu dem Leben um uns herum würde uns auch die Beziehung unter uns Menschen erleichtern – schon, weil wir nicht über die Verfügung über etwas streiten könnten, was uns gar nicht gehört, weil es eigene Freiheit und Würde besitzt.

Wenn wir die Erkenntnisse eines Teils der modernen Biologie und Molekularbiologie ernst nehmen, dann leben wir in Wirklichkeit in einem gegenseitigen Abhängigkeits- und Beeinflussungsgefüge: offensichtlich nicht nur vom Menschen zu seiner „Umwelt“, sondern auch von der „Umwelt“ zum Menschen, in einer sehr differenzierten, vielfältigen Weise, auch wenn wir das bislang (vor allem in den letzten Jahrhunderten) kaum wahrgenommen haben. Dies kann erdrückend wirken, wie Florianne Koechlin an einer Stelle in ihrem Buch schreibt, es kann aber auch neue Möglichkeiten bedeuten – eben wenn wir uns einlassen auf die Freiheit, die darin liegt, dass Wesen mit der ihnen innewohnenden Intelligenz Entscheidungen treffen können. Insofern wäre also das Motto „Freiheit in Bezogenheit“ nicht nur auf die Beziehung unter Menschen hilfreich, sondern auch auf die Beziehung von Menschen zum Leben um sie herum und vielleicht auch auf die Beziehung des Lebens um uns herum (Tiere, Pflanzen, Steine, Erde, Luft, Wasser, Feuer, einzelne Zellen…) zu uns Menschen. Wir werden ebenfalls beeinflusst – einschließlich unserer Gene und unsere eigenen Entscheidungen beeinflussen ebenfalls unsere Gene.

Eigentlich spüren das auch viele Menschen – sie sind gern in der Natur. Für „Natur“ halte ich dabei das, was uns umgibt, ohne dass wir es schon völlig menschlichen Funktionen und Zwecken unterordnen. Den Unterschied von Kultur und Natur als grundsätzlichen zu verstehen, als Gegensatz, halte ich für fiktiv.

Die Entgegensetzung „Mensch – Anderes“ entspricht der Entgegensetzung „Kultur – Natur“: Erstens ist „Natur“ in Großteilen schon vom Menschen kultivierte Natur, wenn es etwa um Landschaften geht, und Tiere und Pflanzen konnten oder mussten sich dem anpassen. Zweitens aber hebt sich der Unterschied zwischen Natur und Kultur mit der Erkenntnis der Intelligenz, Kommunikation, Entscheidungsfähigkeit  von Tieren und Pflanzen (anderen Lebewesen?) auf, letztlich mit der Erkenntnis ihres geistreichen, beseelten Lebens. Wenn – wie Floriane Koechlin es beschreibt – Zellen „Entscheidungen treffen“, „wählen“, dann „kultivieren“ sie. Wenn Pflanzen heilend wirken, woher wissen wir, dass sie nicht Menschen kultivieren? Es sei denn, wir definieren eben Kultur als einen auf Menschen bezogenen Begriff, so dass es prinzipiell unmöglich ist zu denken, andere Lebewesen könnten über etwas Ebenbürtiges, wenn auch Andersartiges verfügen.

Worum es mir geht ist nicht Harmonie. Verschiedenheit und Entscheidungsfreiheit verschiedenster Lebewesen ergibt nicht einfach Harmonie. Es geht mal ums Überleben, mal ums Leben, mal um gut Leben und in diesem Zusammenhang um Respekt und Aushandeln, um den Versuch der Kommunikation und Politik. Mit Politik meine ich hier das Bezugsgewebe der Angelegenheiten von lebenden Wesen.

Wenn aber so vieles belebt, bewusst, entscheidungsfähig wäre, wie sollen dann überhaupt Rücksicht, Kontakt, Verhandlung möglich sein? Ist nicht selbst schamanistisches Herangehen in einer solchen Welt chaotischer Vielfältigkeit lächerlich und deprimierend? Hier möchte ich eine Ebene ins Spiel bringen, die verschieden benannt werden kann und ohnehin das Gemeinte dabei nur streift: die Ebene des Geistes (Friedrich von Weizsäcker), des Unvorhergesehen, des Zufalls, des Verlangen des Lebens nach sich selber, wie Khalil Gibran es nennt.

Bewusstsein, Entscheidungsmöglichkeit zum Beispiel kann nicht nur kleinste Einheiten des Lebens beseelen, wie die einzelne Zelle, sondern auch in größeren Einheiten wirken, etwa bei einem Menschen, einer Gruppe von Menschen, oder einer Gruppe von Tieren wie dem hilfreichen Delphinschwarm. Und weil dies so ist, ist es auch möglich, dass nicht jedes kleinste lebende Element in chaotisch-zufälliger Weise auf alle anderen lebenden Elemente trifft, sondern es trifft sie in chaotisch-zufällig-bewusster Weise, oder anders ausgedrückt: in chaotisch-zufällig-beseelter Weise und schwingt auf diese Weise gegeneinander, miteinander oder auf andere Weise. Dabei finde ich das Wort „Zufall“ besonders interessant, denn es lässt völlig offen, wie bewusst oder nicht bewusst uns und anderen etwas „zufällt“ und was das für ein Bewusstsein sein könnte. Es ist eben das nicht Planbare, Unverfügbare, es sagt uns, dass wir damit rechnen, ihm Raum geben müssen, es integrieren, dazu Ja sagen, es zur Notwendigkeit machen, wie Andrea Günter es nennt, es bleibt uns gar nichts übrig, als diesem Bewusstsein oder Zufall zu vertrauen, denn sonst wäre keinerlei Leben möglich und noch nie möglich gewesen.

Ist dies eine spirituelle Kategorie? Das kann offen bleiben. Mehr geht es um die Anerkennung der Konsequenzen: des Respekts, der Aufmerksamkeit, der Verhandlungsbereitschaft, die immer Bereitschaft bedeutet, das Eigene ein Stück weit zur Disposition zu stellen, das Andere, den Anderen (Menschen wie alles andere Lebendige) als ebenbürtig anzuerkennen. Es geht um Vertrauen, nicht das blinde, sondern um die Bereitschaft für das Unvorhergesehene, Unbekannte.

An einem frühen Abend im Februar saß ich am Rand eines Waldes vor einer Wiese, die schon im Nebel lag. Es war still und ich konnte Wiese, Wald und die Bank, auf der ich saß, wie von außen betrachten. Was ich sah, war das Wirken von gegenseitiger Anziehung und es machte mir große Freude, nicht nur Freude, sondern auch Dankbarkeit.

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Postpatriarchales Denken und der Klimawandel. Ina Praetorius über das Open Forum beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos im Januar 2007.

Autorin: Cornelia Roth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 10.06.2007

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