beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik handeln

„…das darf man ja eigentlich nicht ausplaudern…“

Von Juliane Brumberg

Geschichten, die berühren und Beziehungen verändern

BuchcoverTöchter und Mütter – das sind wahrlich unendliche Geschichten, die im Patriarchat nicht immer zum Happy End führen, im Gegenteil! Wer sich mit dem Differenzdenken der Italienerinnen und der „Symbolischen Ordnung der Mutter“ von Luisa Muraro beschäftigt hat, weiß, dass die Probleme zwischen Müttern und Töchtern und Töchtern und Müttern strukturell bedingt sind, dass sie einer Lebensrealität voll symbolischer Unordnung geschuldet sind; denn die Welt-erklärenden Worte, die die Mütter ihren Kindern durch die Sprache mitgeben, werden später von Lehrern und Philosophen für unwichtig erklärt, ihnen wird kein Wert beigemessen. Wer Christa Mulack gelesen hat, weiß, dass die Störung des Mutter-Tochter-Verhältnisses im Interesse des Patriarchats ist.

Doch was nützt uns dieses Wissen, wenn die Beziehung zu unserer eigenen Mutter zerrüttet ist – und wir es gerne anders hätten. Hier setzt nun Marianne Krüll an. Zunächst hat sie sich nach deren Tod auf die Spurensuche nach ihrer eigenen Mutter begeben, sich auf diese Weise mit ihr versöhnt und diesen Prozess in dem 2001 erschienenen Buch „Käthe, meine Mutter“ beschrieben. Ein berührendes Buch, das auch unter zeitgeschichtlichem Aspekt höchst interessant und lesenswert ist. Doch damit nicht genug. Was folgte, war eine Fülle von zweitägigen Seminaren in der ganzen Republik, in denen jeweils maximal zwölf Frauen in die Rolle ihrer Mutter schlüpften und aus diesem Blickwinkel in der Ich-Perspektive das Leben ihrer Mutter erzählten. Die Wirkung war, so Marianne Krüll, frappierend: „Während die Frauen in der Vorstellungsrunde ein Horrorbild von ihrer Mutter gezeichnet hatten und wir Zuhörerinnen die arme Tochter bemitleideten, ein solches Monster zur Mutter gehabt zu haben oder immer noch mit ihr leben zu müssen, erschien uns nun die Mutter als Mensch ‚wie du und ich’. In der Rolle ihrer Mutter konnte keine der Frauen mehr die Mutter anklagen – es sei denn, die Mutter tat es selbst. Wir konnten nachvollziehen, weshalb diese Frau keine bessere Mutter sein konnte und entwickelten Mitgefühl mit ihrem Schicksal.“

24 dieser Mutter-Tochter-Geschichten sind der Kern des neuesten Buches von Marianne Krüll „Die Mutter in mir – Wie Töchter sich mit ihrer Mutter versöhnen“. Die erzählenden Töchter haben das mitgeschnittene Manuskript ihrer Geschichte gelesen und abgesegnet. Zum Teil beschreiben sie sehr persönliche und sehr dramatische Erfahrungen. Jede einzelne Geschichte ist richtig spannend zu lesen und enthält nicht nur den psychologischen Blick auf die individuelle Mutter-Tochter-Problematik, sondern auch ein Stück deutscher Alltagsgeschichte im 20. Jahrhundert. Wie ein roter Faden ziehen sich die Bedrängnisse, Verluste und Sorgen, aber auch der Überlebenswille, die Improvisationskunst und die harte Arbeit nach zwei verlorenen Kriegen und unglaublichen Erfahrungen auf der Flucht durch das Leben fast aller Mütter.

Von diesem Buch nicht sehr berührt zu sein, ist kaum möglich. Wer auf der Suche ist, wird in den Geschichten direkt oder indirekt Parallelen zur eigenen Mutter-Tochter-Beziehung entdecken und diese dadurch ein Stückweit besser verstehen können; und wird vielleicht auf neue Weise „in Beziehung“ zur eigenen Mutter gehen können. Denn Marianne Krülls Fazit ist nach den Geschichten immer wieder: Es ist genug, was die jeweilige Mutter gegeben hat, auch wenn es der Tochter manchmal als wenig erscheint. Durch das Erzählen der Lebensgeschichte verstehen wir, versteht die Tochter, viel besser, warum die jeweilige Mutter nicht mehr geben konnte und dass es eben doch eine Menge war. Marianne Krüll lässt uns in dem Buch auch wissen, dass fast jede Frau, deren Mutter noch lebt, mit dem Abstand von einer oder zwei Jahren zu dem Seminar über eine deutliche Verbesserung und Entspannung des individuellen Mutter-Tochter-Verhältnisses berichtet.

Darüber hinaus kann das Buch auch dazu beitragen, das Verhältnis zur eigenen Tochter zu entspannen, sie loszulassen, ihr was zuzutrauen. Denn es befreit uns von dem Mythos, die perfekte Mutter einer perfekten Tochter sein zu müssen und von der Vorstellung, dass wir nur als „gute“ Mutter etwas wert sind.

Fazit: Ein Buch, das uns hilft, zur eigenen Mutter, egal ob sie noch lebt oder schon gestorben ist, in Beziehung zu gehen und uns mit ihr zu versöhnen und damit auch der Tochter, wenn wir eine haben, mehr Freiheit zu geben; ein Buch gegen Frauen (Selbst-) abwertung. Eine lehrreiche Lektüre übrigens auch für Männer!

Marianne Krüll, Die Mutter in mir – Wie Töchter sich mit ihrer Mutter versöhnen, Klett-Cotta Verlag Stuttgart 2007, 354 Seiten, 19,50 €.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 09.08.2007

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