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Bewegte Jahre

Von Hanne Hieber

Erinnerungen an die Frühzeit der Frauenbewegung

Über brüchiges Eis„Noch immer sehnt sich ein Teil meiner Seele zurück in jene Zeiten unseres Aufbruchs. Nie zuvor in meinem Leben und nie wieder danach war ich so stark und so leidenschaftlich, so mutig und voller Abenteuerlust, nie zuvor und nie wieder danach habe ich mich so sehr als Frau gefühlt und geliebt wie in jener Zeit.“ (97)

Eine der bisher wenigen Autobiografien von Frauen, deren Leben von der Zweiten Frauenbewegung geprägt wurde, ist Ingrid Maria Bertrams spannend zu lesendes Buch „Über brüchiges Eis“. Die Aktivistinnen von damals sind nun – im neuen Jahrtausend – in einem Alter, in dem sie an Autobiografie denken können – und sollten! Wünschenswert wären die Lebensgeschichten der bekannteren Feministinnen ebenso wie die der vielen ganz normalen Bewegungsfrauen.

Eine dieser Aktivistinnen ist Ingrid Maria Bertram: 1939 im Sauerland geboren, in den 1970er Jahren in Kassel feministisch engagiert, am Ende des 167 Seiten umfassenden Buches glücklich liebende Enddreißigerin und Mutter. Sie sieht im Jahr 2004 im Fernsehen Bilder des Geiseldramas in Beslan. Ein Kriegstrauma bricht sich Bahn, dem mit dem Schreiben der Autobiografie nachgespürt wird.

Erinnerungen an ein Kind und Mädchen mit Ursulinen- und Franziskanerinnenerziehung, eine Geschäftsfamilie, die nach dem Tod der geliebten Oma auseinanderfällt, eine durch den Kriegstod ihres Mannes depressive und dem Kind gegenüber distanzierte Mutter, ein durch Trennung verlorener Bruder, das für diese Zeit bekannte Nichtsprechen über wichtige Dinge. Apothekerlehre und Pharmaziestudium im Köln der 1960er Jahre, eine von der Verwandtschaft nicht gutgeheißene Beziehung zu einem Botschafter der Vereinigten Arabischen Republik, für den sie vorläufig alles aufgibt. Trennung. Die Chance einer Volontariatsstelle bei einer Zeitung wird aus Angst vor dem Scheitern nicht genutzt. Das ungeliebte Studium wird beendet. Heirat mit einem Apotheker, der seine Apotheke, nicht aber seine Gattin liebt. Trennung. Durch einen väterlichen Therapeuten Kontakt zur neugegründeten Gesamthochschule Kassel, Eintauchen in die Studentenbewegung. Dann Gefühle der Fremdheit, Zustände der Abwesenheit, Angst und psychogenes Erbrechen.

Langsam kommt die Frauenbewegung ins Spiel: Frauenseminare an der Uni, ein Artikel im „Stern“ über Frauenbewegung und Lesbierinnen, Frauen-WG. Die Ehe der Freundin Nora zerbricht, Nora lernt in Frankreich einen Mann kennen, zieht zu ihm. Ingrid erkennt bei einem Besuch, dass sie Nora liebt und begehrt, doch die Liebe zu Nora wird nie gelebt werden. Ingrids heterosexuelle Identität zerbricht, „ich ahnte, dass ich ohne die geringste Kenntnis des damit verbundenen Risikos dabei war, meine ganze Existenz in die Waagschale eines neuen Lebensentwurfs zu werfen“. Gegen ihren Therapeuten therapiert sie sich selbst mit Hilfe von Phyllis Cheslers „Frauen, das verrückte Geschlecht“, bricht die Therapie ab und stürzt sich in „die wilden Wogen und mitreißenden Ströme der Frauenbewegung“.

Nun läßt Bertram ihr Tagebuch sprechen. Dadurch weht ein sehr authentischer Wind, der Zeitgenossinnen Situationen wiedererkennen lässt. Ja, so war es! Eine Frauengruppe, die die Kasseler Zeitung „IF“ macht. Eine Frauen-WG außerhalb Kassels. Mit aller Euphorie und allen Problemen. Jüngeren LeserInnen wird die Chance gegeben, einen (Zeit)Geist existentieller Frauenfreiheit zu spüren, den es in Zeiten postmodern administrierter Gleichstellung nicht mehr gibt.

Ingrid Maria Bertram bleibt dabei nicht stehen, sondern versucht Einschätzungen und Bewertungen. Das ist nun erst recht spannend. Wie sehen Bewegungsfrauen heute diese Zeit, sich selbst, die Freundinnen? Welchen Stellenwert nimmt die Frauenbewegung in ihrem Leben ein? „Im Rückblick sehe ich es so: Ich kehrte zu den Frauen zurück. Dass ich mich bei ihnen so glücklich fühlte, lag wohl daran, dass sie für mich eine Art „Heimat“ darstellten.“ Der Kreis zur männerlosen Kriegs- und Nachkriegsfamilie hatte sich geschlossen. Doch dies ist nicht alles: Bertram erweitert das Erklärungsspektrum hin zur Heilserwartung an die Frauenbewegung: Sehnsucht nach Geborgenheit, Schutz und Liebe, nach einer Welt ohne Kriege, ohne Verbrechen an Kindern und Frauen. Und vor allem das Heilen ihres Kindheitstraumas: bei einem Bombenangriff hatte sich ihre Mutter über sie geworfen und sie fast erstickt.

Bertram fragt sich, ob das Auseinanderbrechen ihrer Frauen-WG in ähnlichen Erlebnissen ihrer Mitbewohnerinnen gelegen haben könnte, im Versuch der Bewahrung des Gruppenschutzes als symbolischem Uterus und in der Abwehr von Ingrids eigenen Autonomiebestrebungen. Die neuere Traumaforschung über die Kriegskinder-Generation geht in eine solche Richtung. Bertram zitiert Sabine Bode, die von Nazivergangenheit und Kriegsvergangenheit der Kriegskindergeneration spricht und davon, dass letztere zugunsten ersterer verschwiegen wurde. Bertram leitet zu Recht den Vorschlag ab, dass sich Frauen mit ihrer persönlichen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte in Bezug auf Frauenbewegung auseinander setzen sollten. Für ein erweitertes Verständnis der Geschichte der zweiten Deutschen Frauenbewegung könnte ein solcher Ansatz fruchtbar sein.

Bertrams eigenes Autonomwerden setzte sich fort in einer existentiellen Selbstkonfrontation auf Kreta, einer großen neuen Liebe und einer Schwangerschaft. Damit endet der erste Teil, auf die weitere Entwicklung dürfen wir gespannt sein. Denn es scheint eine Abkehr von der Frauenbewegung erfolgt zu sein und viel später, so Bertram, die Entdeckung der „Mailänderinnen“ mit dem Ansatz „Wie weibliche Freiheit entsteht“. In dem reichen Material dieser Autobiografie die Linien, Muster, Strukturen und Erklärungsansätze für das eigene Leben zu finden, ist die eine Sache. Für Leserinnen Angebote für Auseinandersetzung zu machen, eine andere. Bertram bietet gute Ansätze in beiden Bereichen.

Ingrid Maria Bertram: „Über brüchiges Eis“, Ingrid-Lessing-Verlag, Dortmund 2006, 167 Seiten, 12,95 €

Autorin: Hanne Hieber
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 09.09.2007

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