beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik hervorbringen

Getrennte Lebensbereiche wieder verbinden

Von Bettina Melzer

Im Juli 2008 findet in Dresden der 4. Internationale Labyrinthkongress statt

Labyrinth Dresden

Der Labyrinthplatz im Volkspark Briesnitz ist einer von vieren, die seit 1998 in Dresden entstanden sind, und der erste in Deutschland, der auch mit dem Rollstuhl befahren werden kann.

Auf die Frage in welcher Gesellschaft wir leben wollen, gibt es so viele Antworten, wie es Menschen gibt. Aber immer wieder werden übereinstimmend Werte wie Toleranz, Offenheit, Umsicht, Achtung, Ausdauer, Geduld genannt.

Wo aber gibt es Orte, an denen diese Werte nicht nur verbal vermittelt werden, sondern auch mit allen Sinnen erfasst und eingeübt werden können?

Wir sind es gewohnt, den direkten, geradlinigen Weg zum Ziel für den effizientesten zu halten. Doch dieser Weg zum Ziel ist oft gewalttätig. Er übergeht andere und anderes, lässt außer Acht, blendet aus, übersieht, verpasst eine Erfahrung, verliert den Faden.

Dem gegenüber steht das Labyrinth. Ein langer Weg führt hin und her pendelnd auf „Umwegen“ zur Mitte und von dort zum Ausgangspunkt zurück. Dieser Weg wirkt entschleunigend. Er verlockt, alles immer wieder von verschiedenen Seiten zu betrachten, den Standpunkt zu verschieben, die Blickrichtung zu wechseln. Die Sehgewohnheiten zu ändern, kann dazu führen, die Theorien (theorein = sehen) zu ändern und damit unsere Beziehung zur Welt.

Das Labyrinth als ein offener Raum mit einer Struktur des Wachstums kennt keine Hierarchien. Sein Weg verbindet, innen und außen, links und rechts, oben und unten. Er fügt Gegensätzliches zu einer Einheit zusammen und erinnert, dass erst die Integration und Vernetzung aller Ebenen ein Leben in Fülle ermöglicht.

Die Spezialisierung des Wissens und die Trennung der Lebensbereiche haben uns weit davon entfernt, das Leben als Wandlungsprozess zu sehen und zuzulassen.

Indem wir das Labyrinth neu entdecken, uns mit seiner 5000 Jahre alten Geschichte beschäftigen und es in den öffentlichen Raum stellen, nehmen wir als Frauen unsere Verantwortung wahr, Wege zu zeigen, getrennte Lebensbereiche wieder zu verbinden.

Die Dresdner Labyrinthfrauen haben seit 1998 in Zusammenarbeit mit Ämtern und Behörden vier Labyrinthplätze an zentralen Stellen der Stadt geschaffen, darunter das deutschlandweit erste, das für Menschen mit Handicap uneingeschränkt zugänglich ist.

Das Labyrinth als begehbares Bild spricht für sich. Die Menschen, die es begehen, verstehen es unmittelbar auf körperliche, sinnliche Weise. Dieses „im Bilde sein“ schafft nach unserer Erfahrung eine Basis der Verständigung, auch über Sprachgrenzen und Handicaps hinweg. Die Beziehung zur Welt und zum Leben, die sich hier auftut, ist nicht eine Besitzergreifende, sondern eine aufmerksam beobachtende, aus der Achtung, Toleranz und Respekt erwächst. Bei Veranstaltungen auf den Labyrinthplätzen erleben wir immer wieder, dass das Labyrinth die Kraft hat zu versammeln, ohne Zwang auszuüben. Es gibt den Menschen die Freiheit, den Abstand zueinander selbst zu bestimmen, ohne dass sie sich dabei aus den Augen verlieren.

In den letzten 15 Jahren hat es sich gezeigt, dass ein großes Bedürfnis besteht, dem „schneller, höher, weiter“ unserer Gesellschaftsstruktur mit dem „bedächtiger, umsichtiger, breiter“ der Labyrinthstruktur zu begegnen. In dieser Zeit sind, oft unabhängig voneinander, vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz zahlreiche neue Labyrinthplätze entstanden, die über ein Netzwerk miteinander in Verbindung stehen. Der Wunsch nach Erfahrungsaustausch vieler Frauen und  Männer, die sich mit dem Labyrinth beschäftigen war der Motor, sich in größeren Abständen zu einem Kongress zusammenzufinden. Nach den Kongressen in Dornbirn (2001), Zürich (2003) und Wetzlar (2005) wird die Zusammenkunft 2008 erstmals im Osten Deutschlands, in Dresden, stattfinden.

Wir sind bestrebt, das Inspirierende, Verbindende und Tragende dieser Treffen aufzunehmen und dergestalt zu erweitern, dass wir die Bedeutung des Labyrinths als Lebensmodell auf der politischen, künstlerischen und spirituellen Ebene sowohl in Seminaren zur Diskussion stellen, als uns auch den Räumen zuwenden, die das Labyrinth den Menschen in ihren verschiedenen Lebenssituationen zu öffnen vermag. Dabei stehen das Labyrinth als Kunstraum, Spielraum, Heilraum, Begegnungsraum, Ritualraum und Meditations- bzw. Denkraumraum auf der Tagesordnung.

Wir halten diesen Kongress für einen wichtigen Schritt auf dem Weg, sich über die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft auszutauschen, denn die Welt verändert sich, in dem wir unsere Beziehung zu ihr verändern, denkend und handelnd.

Vielleicht kann das Labyrinth als WeltBild eine Hilfe sein, Welt als Heimat zu erfahren.

Informationen und Kontakt: Frauenbildungszentrum, Oskarstraße 1, 01219 Dresden, Telefon 0351/ 337709, fbz-dresden@gmx.dewww.frauenbildungszentrum-dresden.de

Literaturwettbewerb zum Labyrinthkongress

Anlässlich des 4. Internationalen Labyrinthkongress schreibt das Frauenbildungszentrum Dresden  einen Literaturwettbewerb aus. Eingerecht werden können Lyrik, lyrische Prosa oder Kurzgeschichten von maximal einer Din-A4 Seite zum Thema „Labyrinth“ in deutscher Sprache. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer kann nur einen Text einreichen – bitte in dreifacher Ausführung. Auf einem gesonderten Blatt sollen kurze biografische Angaben mit aktueller Adresse, E-Mail und Telefonnummer beigefühgt werden. Auf dem Text soll statt des Namens eine fünfstellige Ziffernfolge erscheinen, die auch auf dem Blatt mit der Biografie angegeben werden muss. Der Einsendeschluss ist der 31. Januar 2008. Die Texte sind auf dem üblichen Postweg einzureichen an das: Frauenbildungszentrum Dresden, Oskarstraße 1, 01219 Dresden, Kennwort „Labyrinth“. Einsendungen per E-Mail oder Fax werden nicht berücksichtigt. Aus Kapazitätsgründen können weder Eingangsbestätigungen verschickt, noch Manuskripte zurückgeschickt werden. Eine dreiköpfige Jury wird die gelungensten Beiträge auswählen, die in einer Begleitausstellung zum Kongress vom 1. bis 31. Juli 2008 im Lichthof des Dresdner Rathauses zu sehen sein werden. Der erste Preis ist eine kostenlose Teilnahme am Labyrinthkongress in Dresden, als 2. und 3. Preis werden Bücher aus dem Labyrinthverlag Braunschweig vergeben. Die Gewinnerinnen bzw. Gewinner werden bis zum 30. April 2008 benachrichtigt.

Verwandte Artikel: Ursula Knecht-Kaiser: „Öffentliche Räume bewohnen“. Erfahrungen aus 15 Jahren Labyrinthplatz in Zürich

Autorin: Bettina Melzer
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 18.09.2007

Weiterdenken