beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik vertrauen

„Weibliche Spiritualität ist …“

Von Dorothee Markert

Religionsstreit in der bzw-weiterdenken-Redaktion

Frauensynode

Morgengebet bei der Europäischen Frauensynode in Barcelona im Sommer 2003. Foto: Antje Schrupp

Auf unserer Redaktions-Mailingliste kam es wenige Monate nach dem ersten Erscheinen der Zeitung, kurz nachdem Ulla und Astrid neu in die Redaktion gekommen waren, zu einer heftigen Diskussion über weibliche Spiritualität. Für Ulla hat sich dabei geklärt, dass sie doch nicht in der bzw-weiterdenken-Redaktion mitarbeiten möchte. Da uns der etwa gleichzeitig aufgebrochene Konflikt über die Veröffentlichung von Texten von Männern auf der bzw-weiterdenken-Seite dann noch mehr beschäftigte, trat die Spiritualitätsfrage schnell wieder in den Hintergrund. Wir haben uns nun entschieden, unsere Diskussion ungeschönt zu veröffentlichen. Ich meine, dass wir damit viel von unserem „beziehungsweise“-Anliegen zeigen können, von unserer Überzeugung, trotz großer Differenz und heftiger Emotionen miteinander weiterreden und weiterdenken zu können. Wir haben während der Auseinandersetzung gemerkt, dass dies beim Streit um Religion besonders schwierig ist. Als dieser Streit so plötzlich und unerwartet aufflammte, konnte ich besser nachvollziehen, warum Religionskonflikte oft schnell so heftig werden. Es geschah nicht irgendwo weit weg von unserer Zivilisation, im Irak, in Indien oder in Afrika, sondern hier bei uns, in einer Redaktion einer Zeitung für Philosophie und Politik. Wir konnten meiner Meinung nach das Gespräch nur deshalb fortsetzen und in der Beziehung bleiben, weil wir einander persönliche Erfahrungen anvertraut haben, durch die die jeweiligen Einstellungen verständlicher wurden, weil wir also Geschichten erzählt haben. Vielleicht geht Verständigung bei diesem Thema – und möglicherweise überhaupt bei Konflikten – gar nicht anders. Ich weiß, dass auch in anderen Frauen-Kontexten der Religionsstreit zu Spaltungen oder Tabuisierungen geführt hat. Vielleicht macht unsere Erfahrung anderen Frauen Mut, das Gespräch wieder aufzunehmen.

Die E-Mails schrieben Astrid Wehmeyer Antje Schrupp,  Ulla Janascheck, Christel Göttert,  Barbara Baumann und  Dorothee Markert.

Dorothee Markert:

Liebe Christel, liebe Ulla,

gerade habe ich gesehen, dass der Satz „Weibliche Spiritualität unterscheidet sich von männlicher“ sowohl in Ullas Text als auch im Teaser als Ist-Aussage formuliert ist. Könntet ihr dies – zumindest im Teaser – so umformulieren, dass es nicht als allgemeingültige Wahrheit dasteht, sondern als Ullas Meinung erkennbar ist? Mich würde so ein Satz am Anfang eines Textes normalerweise davon abhalten, diesen Text zu lesen. Und das wäre ja schade, da viel Interessantes in dem Text drinsteht, für mich die Darstellung einer Religion, die nicht meine ist, (obwohl ich auch eine Frau und auch spirituell bin), von der ich aber durchaus auch lernen kann. Wenn so ein Satz aber im Teaser steht – der ja als Redaktionsstandpunkt aufgefasst wird, würde ich auch die ganze Zeitung möglicherweise für dogmatisch halten und nicht als Anregung zum „Weiterdenken“ auffassen. Natürlich könnte ich auch einfach einen Kommentar schreiben, aber ich versuch’s jetzt erstmal mit dieser Bitte…

Viele Grüße, Dorothee

Christel Göttert:

Liebe Dorothee, liebe Ulla, liebe Redaktionsfrauen,

ich finde die Anregung wichtig und richtig. Deshalb ist der Teaser jetzt geändert. Ullas Meinung zu einem bestimmten Sachverhalt wird angekündigt. Ich würde es weniger gut finden, den Artikel zu ändern, denn deine Gedanken dazu, liebe Dorothee, halte ich für ziemlich wichtig. Wenn du deine Betrachtungen erweiterst und deutlich machen kannst, wo Neugier von dir auf Neues gestoppt wird, weil Vorgaben gemacht werden, die dir den Weg versperren, so wie du es schon angedeutet hast, dann halte ich das für eine Möglichkeit, die Diskussion in Gang zu bringen, was „beziehungsweise“ auch als Ebene von Austausch und Verständigung meint. Ähnlich könnte es anderen gehen, die mit Philosophie nicht ständig umgehen und ebensolche Probleme in dieser Richtung formulieren würden. Da deine Wertschätzung für Ulla und den Artikel ja deutlich wird, aber auch deine Fremdheit, würde ich es sehr begrüßen, von dir einen entsprechenden neuen Beitrag zu lesen.

Was meint ihr dazu? Lasst uns das bitte vertiefen, ich halte es für bedeutsam.

Lieben Gruß, Christel

Astrid Wehmeyer:

Hallo Mit-Redakteurinnen,

ich habe kurz verschiedene Anmerkungen zu den verschiedenen Mails der letzten Tage:

Zu Dorothees Kommentar zu Ullas Statement „Weibliche Spiritualität ist anders als männliche“:

Im ersten Moment war ich ziemlich aufgeregt. Mein Gedanke: Wieso schließt es andere Meinungen aus, wenn ich Position beziehe? Hintergrund ist für mich, dass ich es wirklich „hasse“ (ja, ich drücke das jetzt einmal so drastisch aus) wenn Frauen sich immer darum herummogeln, auch einmal klar und deutlich zu sagen, was sie denken, glauben, welches die ethischen/sittlichen Grundstrukturen ihres Handelns sind. Weil ich meine – nur darauf kann ich mich doch beziehen, nicht auf in alle Richtungen verfahrensoffene Eventualitäten.

Damit begann dann ein für mich äußerst interessanter und wichtiger Auseinander- und Zusammensetzungsprozess. Die Frage, die mich bewegt/e ist: Gibt es eine Sprache, mit der ich einerseits Raum schaffe für die – möglicherweise gänzlich gegensätzlichen – Positionen anderer, ohne dabei für mich in das Fahrwasser schwammiger Beliebigkeit zu gelangen? Bin ich bereit, mich in meiner Persönlichkeit, meiner Subjektivität so weit zu öffnen, dass ich kritische Betrachtung zulassen kann? „Objektivität“, um die es hier ja anscheinend auch gehen könnte (Frage: Gibt es sie?) ist ja auch ein Schutz: Ich postuliere eine über meine persönliche Erfahrung hinausgehende Gültigkeit und ziehe mich selbst dabei aus der „Schusslinie“. Denn es hört sich ja schon ziemlich anders an „Ich erfahre weibliche Spiritualität anders als männliche“ zu sagen/schreiben. Da tauchen plötzlich ganz andere Fragen auf, z.B. hat die Autorin jemals schon „männliche Spiritualität“ erfahren, welches sind die Bedingungen ihrer Erfahrungen und so weiter.

Das ist die eine Schiene meiner Gedanken.

Die andere bezieht sich auf die erfahrene Notwendigkeit, die von Frauen hervorgebrachten, entwickelten und gehegten Schöpfungen zu schützen. Dazu gehört in einer patriarchalen Welt eben leider auch die klare Abgrenzung wie hier im Zusammenhang mit weiblicher und/oder feministischer Spiritualität. Gerade die patriarchale Kirche ist zur Zeit sehr darum bemüht (mit der intensiven Unterstützung der in ihr wirkenden Frauenmehrheit), sich die Ergebnisse matriarchal/feministischer Spiritualitäts-Forschung einzuverleiben. Allerdings ohne ihr immanentes grundsätzliches Konstrukt in Frage zu stellen. Darin sehen Frauen, die im Bereich matriarchaler/feministischer Spiritualität wirken (zu denen ich mich im Übrigen zähle) eine nicht von der Hand zu weisende Gefahr: Dadurch, dass die Religion sich so scheinbar flexibel gibt und alle Gegenentwürfe aufzusaugen vermag, gerade dadurch bleibt eben – für die Frauen – alles beim Alten. Plötzlich finden Frauen nämlich gerade in diesem ultrakonservativen System morbider Religiosität wieder einen Anknüpfungspunkt, der sie bleiben lässt, anstatt sich konsequent abzuwenden. Und ihre Energien nicht weiter einem frauenfeindlichen System zuzuführen. Weil es halt ein bisschen gemütlicher auf Papas Schoß geworden ist.

Diese Notwendigkeit, den gesellschafts- und religionskritischen Aspekt matriarchaler/feministischer Spiritualität gerade für spirituell engagierte Frauen zu verdeutlichen, hat sehr viel damit zu tun, klar zu formulieren, wo die Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Spiritualität liegen. Wir müssen dies zum Ausdruck bringen, weil sonst eben bei all der „Heiligkeit“, in die sich patriarchale Religionen kleiden, nicht klar wird, dass sie Tod-im-Tod-Strukturen sind. Hier sind die Arbeiten von Gerda Weiler („Ich brauche die Göttin“) sehr deutlich und eindringlich.

Jedenfalls, wie ihr seht, selbst in mir ist das Nachdenken über diesen „kleinen“ Einwurf kontrovers und sehr fruchtbar. Danke dafür, Ulla und Dorothee!

Ich bin auf jeden Fall der Ansicht, dass diese Debatte ins Forum gehört. Die hier bewegten Gedanken sind einfach zu wichtig, als dass wir sie in unserem „Ründchen“ belassen sollten. Ich bin auch gespannt auf Ullas Antwort …

Soweit von mir heut, liebe Grüße, eure Astrid

Antje Schrupp:

Liebe Astrid,

ich finde auch, dass wir das Thema weiter diskutieren müssen. Ich fand Dorothees Intervention richtig und finde, jetzt ist auch der Teaser besser – er passt auch eher zu den anderen Teasern, wo wir ja oft die Autorin schon nennen, was ich gut finde, weil es auf einen Blick zeigt, dass hier pointierte Gedanken gesagt und persönlich verantwortet werden.

Was das Inhaltliche betrifft, so finde ich es tatsächlich schwierig, eine bestimmte Ansicht oder Praxis oder Erfahrung oder Meinung einfach unter „weiblich“ zu subsumieren, so als würde sie dadurch irgendwie richtiger oder hätte höhere Weihen bekommen. „Weiblich“ ist meiner Ansicht nach das, was Frauen tun. Dass die aber konkret meist etwas anderes tun als andere Frauen, ist ein Punkt, dem wir uns stellen müssen, wir können uns nicht darum herummogeln.

Was deinen pauschalen Rundumschlag gegen die Frauen in der Kirche angeht, so finde ich ihn ziemlich überheblich. Ich bin ja schließlich auch eine dieser Kirchenfrauen – und kann dir versichern, dass ich nicht so blöde und unreflektiert bin, wie du es uns unterstellst. Und viele andere Kirchenfrauen, Freundinnen von mir, auch nicht. Morgen Abend etwa stellt Hanna Strack im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt ihre Forschungen und Gedanken zu einer „Theologie der Geburt“ vor – Christel wird ja auch kommen. Ist die Tatsache, dass sie Pfarrerin ist und Christin, Grund genug, sie für naiv und unreflektiert zu halten? Es geht doch darum, sich mit ihren Thesen inhaltlich auseinanderzusetzen und nicht darum, welches Etikett sie tragen.

Ich finde also überhaupt nicht, dass der Punkt sich entscheidet am „drin bleiben“ oder „raus gehen“ (oder beim Matriarchat eintreten). Das Problem ist ja grundlegender: Wir handeln in der Welt und haben sie mit allem Scheiß, der darin ist, ebenso wie mit allem Guten, das darin ist, geerbt. Und das ist unser Ausgangspunkt. Diese Welt ist es, in der wir handeln. Der Streit „drin bleiben in den Strukturen“ oder „raus und andere Strukturen gründen“ ist ja uralt, wir könnten ihn auch am Thema Staat, Kapitalismus oder sonstwas durchspielen. Und ich sehe, dass es Frauen gibt, die aus guten Gründen „drin“ bleiben (wo auch immer) ebenso wie solche, die aus guten Gründen „raus“ gehen (wohin auch immer). Und es gibt ebenso Frauen, die aus Konventionalität und unüberlegt oder auch Angst „drin“ bleiben oder eben „raus“ gehen. Oder anders gesagt: Man kann auch die „inneren, grundlegenden Strukturen in Frage stellen“ und trotzdem drin bleiben. So wie wir ja überhaupt in der Welt bleiben (müssen/wollen). Der beste Ort ist wahrscheinlich eh irgendwo im sowohl/als auch, oder auch im weder/noch, an/auf/um die Grenzen, das sich „aus dem Fenster der Realität hinauslehnen“, wie es Luisa Muraro mal schön formuliert hat. Mir jedenfalls geht es darum, diese falschen Dualismen aufzulösen, und ich finde, solche Gegenüberstellungen, wie du sie machst, verfestigen sie eher und führen in eine Sackgasse.

Das Phänomen, dass „die anderen“ sich „unsere“ Gedanken und Ideen einverleiben, können wir jedenfalls durch einfache Konfrontation bzw. entweder/oder nicht auflösen, was nicht heißt, dass es das Problem und diese Gefahr nicht gibt (da gebe ich dir völlig Recht). Ich bin nur der Meinung, die Lösung ist nicht so einfach wie die, die du vorschlägst.

Liebe Grüße, Antje

Dorothee Markert:

Liebe Redakteurinnen,

ich freue mich über die beginnende inhaltliche Diskussion. Ich denke auch, dass wir die demnächst in der Zeitung führen können und sollten, wobei es nichts schadet, wenn wir damit erstmal hier auf der Liste beginnen. Es muss ja auch das Vertrauen wachsen, dass diese Auseinandersetzung in aller Offenheit möglich ist, ohne dass sie die Beziehungen grundsätzlich in Frage stellt. Ich muss zugeben, dass ich in dieser Hinsicht ziemlich ängstlich bin, dass mein Vertrauen an dem Punkt noch nicht sehr tragfähig ist. Aber nach den Mails von Christel, Astrid und Antje ist es gleich ein Stückchen gewachsen… Und der veränderte Teaser zu Ullas Artikel trägt auch dazu bei.

Dorothee

Astrid Wehmeyer:

Liebe Antje, liebe „andere“,

da sind wir ja schon mitten drin …

Also, ich versuche jetzt einmal diesen Teil mit dem „drin-bleiben“ etwas zu präzisieren. Ich schreibe erst einmal – in Analogie zu dir – wie es mir persönlich damit geht, bevor ich theoretisch werde: Ich bin in einem katholischen Haushalt aufgewachsen, der für uns drei Töchter davon geprägt war, dass meine Mutter aufgrund ihrer schweren Kriegstraumata völlig in ihrem Selbstwert angegriffen war. In Ermangelung einer irdischen Instanz, die für die Frauen-Töchter-Opfer der Kriegsherren Gerechtigkeit schuf, wütete und tobte sie gegen den ihr vermittelten Gott-Vater in alkohol-umnebelten Stunden wie eine Wahnsinnige. Um dann anschließend in tiefstes Schuldgefühl für eben diese Anklagen zu verfallen und uns stellvertretend in die Kirche zur Abbitte zu zwingen. Dazu passte auch, dass sie sich, wie in den 60ern noch üblich, aufgrund der Verheiratung mit einem Protestanten schriftlich verpflichten musste, ihre Kinder katholisch zu erziehen. Und das hieß für uns: Bis zur Firmung hatten wir zu beweisen, dass wir „gut-gläubig“ waren – danach lag das nicht mehr in ihrer Haftung. Sie konnte also weder vor den Kirchenmännern noch vor Gott dafür zur Verantwortung gezogen werden, was wir taten oder unterließen, hatte aber getan, was sie glaubte tun zu müssen, um vor ihrem Vater-Gott Bestand zu haben. Diese Vorstellung verfolgte sie bis auf ihr Sterbebett, wo sie zitternd vor Angst dalag, felsenfest davon überzeugt, dass nun bald dieser Gott über sie richten würde. Und natürlich gab es aufgrund ihrer vielfältig gespaltenen Existenz keine Erwartung von Gnade.

Ich weiß – oder ich ahne, dass mir ChristInnen jetzt antworten werden/würden, dass aber gerade doch der christliche Gott ein Gnadengott ist, wie es unter anderem das Opfer seines eingeborenen Sohnes am Kreuz beweist. Und ich kenne – eben weil ich viel dazu gedacht und gefühlt habe, auch einige der neueren Abhandlungen über Gnade im Christentum.

Ich aber glaube, dass dies in der Regel theoretische Wortgeplänkel unter Theologen sind. Für relativ einfache Menschen ist die Vermittlung des erbsündigen Menschen (und vor allem der erbsündigen Frau), des Weltengerichts und eines Vatergottes, der seinen eigenen Sohn ans Kreuz verdammt (was wird er dann erst mit den sündigen Menschen machen, wenn er schon so gnadenloser Vollstrecker an seinem Sohn ist?!) ein Damoklesschwert, das über ihrem Leben schwebt. Und ich behaupte, das Zentrum ist Schuld. Innerhalb dieser Lehre können wir uns ja gar nicht anders als schuldig fühlen, ja schuldig sein, einfach schon deshalb, weil wir existieren. Und Schuldgefühle schaffen ein Klima der Angst und Unterdrückung. Der Maskierung. Oder dürfen wir fragen, warum uns denn dieser Vater-Gott, wenn er uns denn erschaffen hat, so unvollkommen gemacht hat? Liegt ihm etwa daran, dass wir an seinen himmelhohen Ansprüchen scheitern?  Und warum? Ist es Grausamkeit, die wir aber nicht als solche benennen dürfen (siehe das Beispiel meiner Mutter), ohne noch tiefer zu fallen?

Und warum haben diese Gedanken so eine verdammte Ähnlichkeit zu den Missbrauchsstrukturen in patriarchalen Familien? Ein unantastbares, männliches Oberhaupt, das willkürlich die Regeln festlegt, die für alle, nur nicht ihn selbst gelten. Oder muss Gott-Vater gut sein? Und wer richtet ihn, wenn nicht? Der Willkür ist Tür und Tor offen in diesem Modell, welches alle außer den Herrscher auf eine bedingte Existenz festlegt: Ich bin nur durch seine Gnade. Die Erfüllung seines Willens verleiht mir Existenzberechtigung. Ohne ihn bin ich nichts.

Ich glaube nicht, dass es tatsächlich möglich ist, zu einer anderen Analyse der Grundstrukturen monotheistischer Vater-Religionen zu kommen. Und dazu gehören für mich der Buddhismus ebenso wie der Islam und das Christentum. Immer da, wo ein zentrales, transzendentes Etwas ultimative und uneingeschränkte Macht-Über beansprucht, sich zum Geist über allen Wassern erhebt, wird es für alle anderen eng und ungemütlich. Das lebendige Leben wird plötzlich „Verhandlungssache“ und seine Existenz eine Frage der richtigen Antwort auf göttliche Ansprüche. Das aber bedeutet meiner Ansicht nach tödliche Monotonie statt lebhafter Vielfalt.

Ich bin der Ansicht, dass die christliche Lehre und ihre Institution, die Kirche, Mittäter sind bei der Zerstörung unserer Lebensgrundlage. Indem sie die entsprechende Ideologie dahinter liefern. Und die Strategien: Unantastbare, unhinterfragbare, zentrale Macht, der gegenüber alle und alles andere schuldig ist: Abbitte, Anbetung, Unterwerfung.

Ich kann und will aber nicht mitmachen bei diesem schmutzigen Spiel. Und ich behaupte tatsächlich einmal: Alle, die hingehen und mitmachen, machen sich eben auch mit die Hände schmutzig. Sie müssen sich leider auch gefallen lassen, dass wir sie für die Taten, Ideen und Strategien ihrer Vertreter bzw. ihres höheren Wesens, dem sie sich ja zuordnen, zur Rede stellen. Als ChristIn muss ich antworten können auf die Frage, welchen Sinn es denn angesichts von HIV und Überbevölkerung macht, dass ihr Oberhaupt sich immer noch hinter sexualitätsfeindlichen Formeln verschanzt (nur mal als Beispiel). Und nicht nur das: Sogar anordnet, wieder besseren Wissens die Befolgung rigider Regeln über das eigene Leben und Überleben der eigenen Kinder zu stellen. Ich muss mich als Gläubige/r verantworten, wenn Frauen immer noch das Recht entzogen wird, eigene Gedanken zu Spiritualität und spiritueller Praxis zu entwickeln und umzusetzen. (Einmal abgesehen von einigen wenigen als ungefährlich deklarierten Spielwiesen.) Weil sie eben immer noch als Wesen niedriger Ordnung verortet werden. Ich möchte dazu auch sagen, dass ich es als extrem unglaubwürdig erlebe, wenn ChristInnen an dieser Stelle beginnen, ihr Regelwerk zu fragmentieren und in „bedeutende“ und „unbedeutende“ Kapitel, Apostel etc. zu zerlegen. Denn wenn es so sein sollte, dass tatsächlich das Basiswerk, die Bibel, persönliche Meinungen einzelner Anhänger wiedergibt – warum sollten sie dann spirituelle Verbindlichkeit für alle haben? Wenn der Himmel, das jüngste Gericht und die Verführerin Eva eine Erfindung sind – warum sind dann die Bergpredigt oder das hohe Lied Salomons Wahrheit? Nur weil sie uns heute besser ins Konzept passen, weil sie KritikerInnen gnädiger stimmen könnten, indem sie das (selbst geschaffene) Bild einer brutalen, rachsüchtigen, patriarchalen Religion etwas abzumildern vermögen?!

Ich würde wirklich gerne verstehen, wie es Frauen, vor allem all die denkenden, wachen, spirituellen Frauen in der christlichen Kirche, aber auch im Buddhismus oder Islam aushalten. Ich nenne das jetzt einmal so, obwohl ich mir bewusst bin, dass es viele der Frauen gar nicht so empfinden. Aber ich kenne eben auch so viele, die sich Jahrzehnte lang abgemüht haben, den Bruch, den die monotheistischen Religionen in ihren Seelen hinterlassen haben, spagatweise zu überbrücken. Und die irgendwann abgestürzt sind.

Wie kann eine, wie können die gängigen Weltreligionen für Frauen interessant sein, wenn sie doch gar keinen Platz für Frauen haben? Das Weibliche, an dem doch alle Frauen, wie du sagst, Anteil haben, ist immer nur etwas auf das männliche Zentrum hin Definiertes: Mutter des Vater-Sohnes im besten Fall. Und selbst das ist ein Bild, das die christliche Tradition den vorhergegangenen spirituellen Bildern entnommen hat. Und die waren in dieser historischen Phase schon patriarchal geprägt. Die ältesten spirituellen Zeugnisse der Menschheit kennen nur eine Beziehung des Menschen zum Göttlichen, das der der Mutter-Kind-Beziehung ähnelt: Das Göttliche ist der Schöpfung immanent, weil sie und ich ihr ja entstammen. Ich bin ein Teil davon – und insofern richtig, nicht falsch. Und ich kann mir gewiss sein, dass ich genau das bekomme, was jedem Kind zusteht: BEDINGUNGSLOSE Liebe. Und es ist wichtig, diese Beziehung nicht mit den heute gängigen Abhängigkeitsbeziehungen von Kindern und Müttern zu verwechseln, die ja gerade der patriarchal-christlichen Zerstörung des Mutterverständnisses entstammen. Die hier gemeinten Mütter sind eigenmächtig und benötigen von daher keine abhängigkeits-gebundenen Abkommen. Sie wissen um sich selbst, und um ihren Anteil an der Schöpfung. Und ihres Platzes, der ein Ort innerhalb eines Kreises aller Lebewesen ist, kein Herrschersitz am Kopfe einer Pyramide. In diesem Kreis ist die Verbindung Liebe, und wie Du so (meiner Ansicht nach) richtig in deinem Einleitungsartikel zur Website schreibst, ist das die Voraussetzung für gesehen und gehört werden.

Forscherinnen wie Marija Gimbutas, Heide Göttner-Abendroth, Gerda Weiler haben das immer und immer wieder an vielen Artefakten und an den Mythologien, die ja bekanntlich die Reste der nicht-schriftlichen Überlieferungen enthalten, nachgewiesen: Die vor-monotheistischen Religionen kannten  (und ich behaupte sogar, sie wollten) keine Transzendenz, sie kannten keine schuldhafte Verstrickung. Was sie sehr wohl kannten, war Beziehung, die eben auch Respekt und Achtung verlangt. Aber sie waren keine willkürlichen Opfer. Dieses Denken kam erst auf, als die ersten heimatlos gewordenen Horden die Länder der Muttergöttin überrannten. Aber das steht schon wieder auf einem neuen Blatt.

Um zu mir persönlich zurückzukehren: Es hat mich Jahre gekostet, dem patriarchal-christlichen Verbot der Mutter-Tochter-Beziehung zu entkommen und wahrzunehmen, dass das, was meine Mutter mir angetan hatte, sie im Auftrag des Patriarchats tat. Als „gute“ Frau und Mutter durfte sie nicht anders handeln, als an mir die eigenen Beschneidungen nachzuvollziehen. Geistig, körperlich und spirituell. Den seelischen Boden hatte ihr die christliche Kirche bereitet, die ihr Zeit ihres Lebens Schuldhaftigkeit vermittelte. Für sie war ich fleischgewordener Ausdruck dieser Schuld, da ich einer erstohlenen Liebesnacht mit einem Fremden und nicht dem ehelich sanktionierten Geschlechtsverkehr entstamme. Sie konnte sich und mir diese „Schuld“ nie vergeben, weil ihre Religion ihr nicht vergab, dass sie eine Frau mit weiblichem Begehren war. Heute habe ich diese Beziehung zu ihr wieder hergestellt, die auf Dankbarkeit und Liebe zum Leben, das sie mir schenkte, basiert. Lange konnte ich dieses Geschenk nicht als solches sehen, ja im Gegenteil, ich habe mich viel zu lange bemüht, es unter die Räder kommen zu lassen. Ich kann mich daher sowohl persönlich als auch intersubjektiv nicht damit zufrieden geben, dass Frauen heute versuchen, die Kirche und die monotheistischen Religionen von innen her zu renovieren. Ich glaube weder, dass das möglich ist, noch halte ich es für nützlich.

Ich halte Frauen, die in den monotheistischen Religionen aktiv sind, weder für blöd noch für unreflektiert. Aber ich habe eine Menge Fragen an sie (siehe oben). Und ich bin gespannt auf ihre Antworten.

Ich bin ein atmendes, denkendes, liebendes Geschöpf, das existiert, weil alles so existiert, wie es existiert. Und mir ist daran gelegen, dass dies so bleibt. Weil ich das Geschenk des Lebens von meiner Mutter erhalten habe. Ihr und dem immanent Göttlichen zu dienen, heißt in meinem Sinne, dem Leben zu dienen und meinen Platz im großen Kreis einzunehmen, damit der Kreis als Ganzes sein kann. Ich bin für das Leben, und das Leben ist für mich. Die matriarchale Spiritualität ist der mir bisher schlüssigste Entwurf einer lebendigen Spiritualität der „Verbundenheit in Freiheit“. Das suche ich, und an solche Plätze gehe ich. Das ist für mich Leben-im-Leben-Religion, obwohl das Wort „Religion“ hier nicht wirklich passt. Und ich habe die Frage an dich – wie bringst du das zusammen? Ich finde deinen Gedanken spannend, wenn Du schreibst, wir „müssen ja drinbleiben“ im Leben. Stimmt. Oder auch nicht. Wer sagt das denn überhaupt? Habe ich keine Wahl? Und ist es gleich-gültig, was ich wähle, drinbleiben oder gehen? Ich glaube ja tatsächlich auch nicht, dass wir „rausgehen“ können, einfach weil ich glaube, dass es kein außen gibt. Und ich glaube auch nicht an die Sprengkraft von künstlich geschaffenen Dualismen. Aber sind wir nicht Mit-Schöpferinnen und müssen uns als solche doch hin und wieder fragen, ob die eine oder andere Entwicklung, die die eine oder andere Schöpfung so nimmt, fürs Ganze gesehen noch akzeptabel ist? Ist es nicht vielleicht eher so wie im Garten, wo ich auch manchmal gezwungen bin zu entscheiden, dass ich die eine oder andere Pflanze wieder wegnehmen muss, weil sie alles überwuchert und zu ersticken droht – und sich damit letztlich selbst den Garaus machen wird? Oder ist das vielleicht die göttliche Logik? Dass sich die Dinge/Verhältnisse/Beziehungen schon selbst regeln werden? Viele Fragen.

Zum Schluss möchte ich noch sagen (obwohl ich hier, glaube ich, endlos weiter machen könnte), dass ich es schwierig finde, wenn Du dich in deiner Antwort auf persönliche Ebenen beziehst, die ich nicht kennen kann, wie z.B. Hanna Strack, die Pfarrerin, Christin und Philosophin ist. Ich habe nirgendwo gesagt, dass ich sie für blöd halte. Vielleicht ist es an dieser Stelle deine persönliche Betroffenheit, weil Du dich immer rechtfertigen musst – und das fände ich spannend zu sprechen (wenn es denn möglich ist). Denn es zielt ja auf meine Fragen an dich – und dann eventuell auch auf Hanna Strack. Ich stelle nicht in Frage, dass diese Frauen klug und engagiert sind. Aber ich darf fragen, warum sie diese Energien in ein System stecken, das ich für frauen- und lebensfeindlich halte. Und die Antwort darauf kann ein weiterer Weg sein, Verbindung zu schaffen …

Liebe Grüße, deine/eure Astrid

Antje Schrupp:

Liebe Astrid,

Was du über deine Mutter und dich schreibst, ist tragisch und schrecklich, und sicher kein Einzelfall. Und ich kann gut verstehen, dass du von dieser Erfahrung ausgehend die Entscheidung getroffen hast, mit dem Christentum völlig zu brechen.

Ich möchte dir nun erzählen, warum ich mich anders entschieden habe. Meine Eltern sind überhaupt nicht religiös – die Familie meiner Mutter war während des Nationalsozialismus aus der (evangelischen) Kirche ausgetreten, mein Vater war konventionell evangelisch, ohne jeden innerlichen Bezug. Ich bin dann als Kind quasi selbstständig in die Kirche „eingetreten“ – eines Sonntags, da war ich wohl so um die fünf, ging ich mit meinem Vater spazieren und vor der Kirche sahen wir eine Horde Kinder, die auf den Kindergottesdienst warteten, und da wollte ich auch hin. Tja, und dann absolvierte ich die typisch evangelische Jugendlaufbahn, mit Gruppen und Diskussionen und netten Pfarrern und spannenden Leuten überhaupt. Es waren durchweg positive Erfahrungen, die ich hier machte: Offenheit für Diskussionen, mir erschloss sich eine intellektuelle Welt, die ich von zuhause nicht kannte. Die Kirchenleute unterstützten mich und meine Eltern auch in der schwierigen Phase meiner pubertären Rebellionen (ich war schon damals sehr sturköpfig) und vermittelten zwischen mir und meinen Eltern. Kurz und gut: Ich studierte Theologie.

Allerdings merkte ich schon bald, dass ich nicht Pfarrerin werden wollte, weil ich nicht Repräsentantin einer Institution namens „Kirche“ sein wollte. Mein Interesse war gewissermaßen eher philosophisch, die Frage nach dem Sinn des Lebens usw. Innerkirchlich-dogmatische oder strukturelle Dinge interessierten mich nicht. Das Studium selbst fand ich klasse. Trotzdem wollte ich mir einen anderen Beruf suchen und wurde Journalistin, machte allerdings mein Volontariat beim epd, blieb also bei theologisch-kirchlichen Themen.

Das war Mitte/Ende der 80er Jahre, also beim Entstehen der feministischen Theologie. Wir lasen natürlich die ersten Bücher von Mulack, Göttner-Abendroth usw. Und ich war eine Zeitlang sehr fasziniert von den Göttinnen, matriarchalen Wurzeln etc. Es kam dann nach und nach zu einer Spaltung zwischen denen, die „rausgingen“ (oder rausgeschmissen wurden, wie Elga Sorge) und denen, die „drinblieben“. Den Grund, warum ich zu letzteren gehöre, kann ich sehr genau benennen: Damals führte ich für den epd ein Interview mit der amerkanischen jüdischen Theologin Susannah Heschel, und die hat mich ungeheuer beeindruckt. Ich sehe uns noch genau in ihrem Hotelzimmer sitzen (sie hatte damals schon einen Laptop, aus dem sie alle Dokumente und Belege für das, was sie erklären wollte, herauszog, seither bin ich Laptop-Fan). Ihr Thema waren antijudaistische und antisemitische Strömungen in der christlichen und vor allem auch feministischen Theologie – damals ging die Rede von „Jesus, der erste neue Mann“ und feministische Theologie wurde weitgehend vor der Folie des bösen, patriarchalen Judentums entwickelt. Also das Judentum, das den unterdrückerischen Vatergott hervorgebracht hat, das düster, lebensfeindlich, gesetzesgläubig usw. ist, als Wurzel alles patriarchalen Übels. Susannah Heschel war darüber sehr entrüstet, hat mir die Parallelen zwischen diesen Debatten und den von den Nazis verbreiteten antijüdischen Klischees gezeigt usw.

Ich war sehr beeindruckt und habe in diesen Jahren dann viele feministische Jüdinnen interviewt (Eveline Goodman-Thau, Chana Safrai – einige dieser Interviews stehen auch auf meiner Homepage – erstaunlicherweise waren die orthodoxen die interessanteren!). Und habe mich dann sehr dafür eingesetzt, dass diese antijüdischen Stereotype aus der feministischen Theologie verschwinden sollen. An dieser selbstkritischen Reflexion beteiligten sich meiner Wahrnehmung nach die „Matriarchatsfrauen“ (um es jetzt mal verkürzt zu sagen) weniger als die „Christinnen“, was ein wesentlicher Grund war, dass ich mich von ersteren zunehmend entfremdete. Da sie dann die Kirche auch alle verließen, hat sich der Kontakt verlaufen.

Stattdessen begann bei „uns“ dann die Spurensuche nach weiblicher Theologie über die gesamte Kirchengeschichte hinweg. Damit verbunden die Entdeckung, dass die „offizielle“ Kirche mit ihren patriarchalen und überhaupt menschenfeindlichen Aktionen und Theorien immer nur die eine Seite der Medaille war, und dass es schon immer Frauen gegeben hatte, die unter Christinsein etwas anderes verstanden – es stimmt einfach nicht, dass es in dieser Religion keinen Platz für freiheitsliebende Frauen gibt, wie du meinst. Manche von ihnen wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt (wie Margarete Porete), andere heilig gesprochen (wie Theresa von Avila) und ich kam zu der Überzeugung, dass die Haltung der offiziellen Kirche zu dem, was eine Frau sagt und denkt, rein gar kein Kriterium ist. Der Maßstab muss ein anderer sein. Inzwischen hab ich ihn (Dank den Italienerinnen) gefunden: die weibliche Freiheit.

Dies – die Liebe der Frauen zur Freiheit – ist auch heute noch mein Maßstab. Und diese Liebe finde ich nun mal innerhalb wie außerhalb der Religionen, es kommt auf die jeweilige Frau an, nicht auf die Tradition, in der sie steht. Es gibt unter Christinnen, Musliminnen, Buddhistinnen, Atheistinnen, Sozialistinnen, Matriarchatsfrauen und was auch immer sowohl Frauen, die die Freiheit lieben, als auch solche, die sie nicht lieben. Dies ist mir wichtig, nicht das Etikett.

So, und von diesem Ausgangspunkt will ich nun auf deine theologischen Fragen antworten. Diese Antworten sind meine, nicht die der Kirche oder auch nur der meisten Christinnen. Den entscheidenden Punkt dabei hast du schon benannt: Gnade und Schuld und wie beides zusammenhängt. Ich teile nicht deine Ansicht, dass Schuldgefühle erst dadurch entstehen, dass eine Theologie die Abhängigkeit der Menschen von Gottes Gnade postuliert (obwohl natürlich unbestreitbar ist, dass es diesen Mechanismus gibt!). Aber ich bin davon überzeugt, dass, auch wenn wir uns all diese negativen Mechanismen wegdenken würden, so etwas wie „Schuld“ existieren würde, dass schuldig werden tatsächlich zur condition humana gehört. Einfach deshalb, weil wir – um nun mit Hannah Arendt zu sprechen – die Folgen unseres Handelns nicht in der Hand haben. Auch wenn ich etwas mit besten Absichten tue, kann daraus Schreckliches geschehen. Dies habe ich zu verantworten. Schuld ist also für mich keine moralische Frage von gut und böse, sondern hat mit der Unwägbarkeit des Handelns zu tun, die aus der Verschiedenheit und Pluralität der Menschen unweigerlich folgt. Und die Theologie der Gnade, der evangelischen Rechtfertigung also, hilft mir tatsächlich, in der Welt tätig zu sein (ich finde übrigens, sie kommt der „bedingungslosen Liebe“, von der du sprichst, sehr nahe: „Gott liebt mich“ – das glaube ich wirklich 🙂

Zentraler Punkt dabei ist natürlich die Gottesvorstellung. Gott ist für mich schon lange nichts männlich Konnotiertes mehr. Gottes Name ist unaussprechlich und wir sollen uns kein Bild von ihr machen. Alle Worte, die wir dafür finden, sind nur Umschreibungen – in der neuen Bibel in gerechter Sprache heißt sie u.a. die Lebendige, die Ewige, HaSchem (der Name), alles besser als der alte „Herr“, wobei der sogar auch manchmal seinen Charme haben kann…. Die göttliche Gnade ist aber jedenfalls kein „Gnadenakt“, also etwas, das ein willkürlicher Vater-Gott mal tut und mal lässt, grad wie es ihm gefällt, sondern nach evangelischer (und meiner) Überzeugung eine „Glaubenstatsache“. Ich erfahre das wirklich ganz persönlich so: Ich bin in meinem Handeln gerechtfertigt (wenn ich nicht absichtlich Böses tue, aber das muss ich mit mir selber ausmachen), deshalb kann ich etwas riskieren, auch ohne die Folgen abzusehen. Wahrscheinlich konnte ich aber nur deshalb so ein Gottesbild entwickeln, weil ich diese Angst vor einem strafenden Gott nie persönlich erlebt habe.

Es ist letztlich die Überzeugung, dass es etwas „Jenseits“ gibt, das „Andere“, die Transzendenz. Darüber haben wir ja schon bei Alma Mater gestritten – Ihr habt die Immanenz dagegen gesetzt. Das ist, glaube ich, eine entscheidende Differenz. Diese Transzendenz, das Göttliche, das über die Realität und das Gegebene hinausreicht, ist für die Menschen nicht verfügbar. Aber sie können sich damit in eine Beziehung setzen – dies ist der mystische Weg, von dem ich viel halte (er ist auch ein mehr von Frauen als von Männern verfolgter): Die mystische Erfahrung des Eins-Sein mit dem Göttlichen, das „Sehen“ der Wahrheit, die nur möglich ist, wenn ich das „Ich“ aufgebe (hier liegt eine grandiose Tradition der Kritik am männlichen Subjekt zugrunde), wenn ich mich öffne für das Andere usw.

Dieses Andere ist – das habe ich kürzlich von Simone Weil gelernt – in der Tat nicht „verhandelbar“. Es ist unmittelbare Einsicht, spirituelle Erfahrung, „Wahrheit“, eine „Geistesgegenwärtigkeit“, die sich nicht herstellen und planen, sehr wohl aber erfahren, ernst nehmen, begrüßen lässt. Es ist, so würde ich auch sagen, die Begegnung mit dem eigenen Begehren.

Diese Wahrheit, die mystische Erfahrung des „Einsseins mit dem Anderen“ – also ein Paradox – ist, und das ist wohl ein weiterer entscheidender Dissens zwischen uns – nicht eins zu eins in weltliches Handeln und menschliche Organisationsformen zu übertragen. Sondern auf diesem menschlichen, innerweltlichen Gebiet ist dann tatsächlich alles „Verhandlungssache“ – nicht, weil das Leben als solches verhandelbar wäre, sondern weil wir Menschen sind und von daher immer auch fehlerhaft, beschränkt usw. Wir können, anders gesagt, niemals sicher sein, dass wir hundertprozentig Recht haben. Oder selbst wenn, können unsere so motivierten Taten negative Folgen haben.

Zu deiner Theodizeefrage – also der, warum „Gott“ uns so fehlerhaft gemacht hat: Ich glaube nicht an einen Schöpfergott in dem Sinn, dass „er“ uns nach einem „Plan“ „hergestellt“ hat -das ist irgendwie ein instrumentelles Gedankengebäude. Ich glaube auch nicht, dass sich Gott losgelöst vom Menschsein denken lässt, also als universales, beweisbares Prinzip, das wir „entdecken“ können. Von daher spielt für mich diese Frage keine Rolle. Gott ist die Beziehung, die ich zu ihr habe.

Deine Kritik am Papst teile ich ohne Wenn und Aber, und übrigens auch deine Kritik an den Frauen, die versuchen, die Bibel zu reformieren oder schön zu reden. Was nicht heißt, dass es darin nicht klügere und dümmere Texte gibt. Ich glaube nicht – darin unterscheide ich mich von der offiziellen christlichen Dogmatik – dass die Bibel oder auch Jesus Christus einen einzigartigen Offenbarungsstatus haben. Das Göttliche hat sich nicht nur einmal offenbart, sondern kann sich jederzeit und überall offenbaren (oder „geschaut werden“). Ich finde es wichtig, dass Menschen davon erzählen und das aufschreiben und weitergeben, was sie dabei erleben und erkennen, aber wenn sie das tun, sind sie wieder im Bereich des fehlerhaften und Verhandelbaren, ob das Werk nun Bibel heißt oder sonst wie. (Von daher: Für mich ist es auch niemals Gott, die Regeln festlegt, sondern es sind Kirchenleute, und diese Regeln sind für mich in keiner Weise bindend, es sei denn, ich sehe sie ein oder entscheide mich, mich daran zu halten. Mit Gott hat das nichts zu tun, nur mit meinem Verhältnis zur Organisation Kirche, wir sind hier ganz im Bereich des Irdischen, Nicht-Transzendenten.)

Last not least: Mir persönlich liegt auch nichts daran, die Kirche oder das Christentum zu renovieren oder zu reformieren – das ist in der Tat ein häufiger Streitpunkt zwischen mir und anderen „Kirchenfrauen“. Mir liegt aber auch genauso wenig daran, sie abzuschaffen (was die evangelische Kirche betrifft, ist sie sowieso auf einem guten Weg, das von ganz allein zu bewerkstelligen). In der Kirche zu sein, ist einfach der Ausgangspunkt, den ich aufgrund meiner Geschichte habe. Es ist ein Ort, der so gut ist wie jeder andere, um die Liebe zur weiblichen Freiheit in die Welt zu tragen. Dass ich diese (rein zufällig-biografische) Zugehörigkeit nicht leugne oder abbreche, hat etwas mit Dankbarkeit zu tun für das, was ich hier bekommen habe und damit, dass es ein Ort ist, wo ich vielen suchenden, hellen, interessierten Menschen begegne (was wiederum nicht heißt, dass es solche Menschen nicht anderswo genauso gibt. Ich könnte genauso gut Muslima oder Buddhistin oder Matriarchatsfrau oder Atheistin sein. Dann würde ich dieselbe „Wahrheit“ wahrscheinlich einfach nur in anderen Bildern und Formeln auszudrücken versuchen.)

Solong,liebe Grüsse, Antje

Christel Göttert:

Liebe Ulla,

die Wahrnehmung des jetzt begonnenen Prozesses ist für mich anders als für dich. Ich bin sehr froh, dass deutlich wird, wie wir zusammengesetzt sind. Mir zeigt es noch klarer, wo das schwierigste – für mich aber auch das wichtigste und zugleich spannendste – Aufgabenfeld liegen wird: wie können wir Beziehung schaffen, obwohl wir so verschieden sind. Ich würde mich freuen, wenn du dich einklinken könntest und alle Bedenken und Vorbehalte benannt werden könnten.

Die Diskussion auf der Redaktionsebene zu führen, ist für mich im Augenblick leichter, aber ich sehe schon eine Rubrik, die auch heißen könnte „was bewegt die Redaktion“ oder so ähnlich, woraus dann wieder Themen werden könnten. Wir betreten mit dieser Zeitung wirklich Neuland, und da meine ich, dürfen wir uns auch vorsichtig vorwärts bewegen und uns selbst erst vertraut damit machen.

Lieben Gruß und gute Zeit, Christel

Ulla Janascheck:

So ihr Lieben,

bevor ich fahre, noch eine kurze Erklärung: Für mich gibt’s keine Frage, ob sich weibliche von männlicher Spiritualität unterscheidet, ganz natürlich ist es so. Das ist schon alleine durch die unterschiedlichen Körper und die damit verbundenen Fähigkeiten von Frau und Mann bedingt. Andere Körper – andere Aufgaben – andere spirituelle Praktiken. Im Sommer 06 hatte ich das Glück, die Höhlen von Marie König in der Ile de France zu besuchen – dort habe ich begehbare Eierstöcke, Steinerne Brüste, Gebärstühle, liegende Göttinnen, die die Übergänge von Mädchen/Frau/weise Alte begleiten, Schlangengöttinnen auf Thronen, Barken zur Jenseitsreise, die in den Leib der Göttin führen, beliegbare Vulven und vieles mehr in den Ritualhöhlen gesehen und rituell erleben dürfen. Die Wechseljahre sind dort berücksichtigt, die Menstruation, die Geburten und vieles mehr, was sich nur mit dem Körper einer Frau ausdrücken und erfahren lässt. Ich habe Jahrzehnte lang alte buddhistische Schriften detektivisch gesucht und gelesen – es gibt ein wesentlich älteres Muttertantra und ein Vatertantra – die Anweisungen, Deutungen und Erklärungen unterscheiden sich sehr, u.a. auch zwischen den Praktiken für eine Frau und einen Mann. Selbst die Elemente werden hier unterschiedlich zugeordnet und gedeutet, so auch die Visualisierungen, Chakren usw. Der Schoß einer Frau gilt auch als Tor zur Erleuchtung – ein Mann hat gar keinen. Lust und Erleuchtung gehören im Muttertantra zusammen. Begehren wird genutzt… Leider ist es so, dass viele rituelle und spirituelle Anweisungen für Frauen verschwunden sind, versteckt werden bzw. gar nicht erst zugänglich gemacht werden. Warum? Weil es für Männer gefährlich ist und sich viele patriarchale Dogmen gar nicht erst durchsetzen ließen, wenn diese Praktiken bekannt würden, bzw. gelehrt werden.

Nun habe ich mir aber ausgerechnet diese Aufgabe für mein Leben gestellt – die weibliche spirituelle Symbolik und damit verbundene Weisheit unserer Ahnen auszugraben, sie zu beleben und auf zeitgemäße Weise in den Alltag zu tragen.

Aus diesem Grund stellt sich mir gar nicht erst die Frage, ob man meine Aussage stehen lassen kann … Es ist ganz natürlich, dass es verschiedene Praktiken gibt für Frauen und Männer, verschiedene Thematiken sich allein aus den geschlechterbedingten unterschiedlichen Aufgaben im Leben ergeben, nur muss dies natürlich innerhalb einer religiösen Gemeinschaft erwünscht sein …..  (Im Christentum z.B. fehlen mir die weiblichen Lebensthemen ganz und gar). Das hat nichts mit Dogma zu tun, Dorothee, sondern eher mit der auf der Welt existierenden Dualität. Die kann man anscheinend nur überwinden, wenn männlich-weibliches Geschehen miteinander verschmilzt, als gleichberechtigt ausgebildete Seiten eines Großen Ganzen. Den Frauen fehlen hier ein paar Jahre in der Weltgeschichte, was ihre spirituelle Entwicklung betrifft – ihre Themen wurden totgeschwiegen, ihre Symbolik bewertet und verdreht  …. Wichtig sind m.E. Frauen, die sich die vergessenen Rituale wieder aneignen, sie aus der Vergessenheit erlösen, bekannt machen und ins Leben tragen. Dann kann es weitergehen mit dem „alles ist eins“. Ich möchte nicht als geschlechtsloses Neutrum erleuchtet werden, geschweige denn in den Himmel kommen, sondern als eine runde lebendige Frau in die Göttin eingehen und aus ihr wieder geboren werden …..

Ein schönes Wochenende – Ulla

Antje Schrupp:

Liebe Ulla – ich weiß nicht, ob dich das noch erreicht, aber einen Satz muss ich jetzt doch noch loswerden:

Die Frage für mich ist nicht, ob sich weibliche und männliche Spiritualität unterscheidet  (das scheint mir ebenso selbstverständlich wie dir), sondern wie sie sich unterscheidet. Die Befunde, die du aufzählst, müssen ja erst mal interpretiert werden, sie verstehen sich eben nicht von selber. Nichts ist „natürlich“ so, sondern alles immer kulturell angeeignet, auch die matriarchale Geschichte. Meiner Ansicht nach laufen Interpretationen wie deine manchmal Gefahr, Frauen auf „natürlich weibliche“ Inhalte festzulegen. Das widerspricht aber meiner Liebe zur Freiheit. Von daher: Neutral oder männlich will ich auch nicht werden. Was es aber heißt, weiblich zu sein, das müssen wir immer wieder neu aushandeln, es lässt sich nicht an alten Funden zweifelsfrei ablesen, die können uns höchstens zu eigenen Gedanken und Handeln inspirieren,

liebe Grüße, Antje

Ulla Janascheck:

Hallo Antje

entschuldige bitte, aber solche ungenauen pauschalisierenden Voreingenommenheiten („laufen Interpretationen wie deine“) haben in meinem Leben keinen Platz. Ich finde deine email an mich insgesamt völlig unreflektiert und voreilig – du weißt ja anscheinend nicht, wovon ich spreche und fragst auch nicht nach, sondern ziehst irgendwelche (bequemen?) Schlüsse. Du kannst das nach EINER schnellen email auch gar nicht beurteilen, auch nicht wie ernst zu nehmend meine Forschungen diesbezüglich sein könnten, aber so lasse ich mich auch nicht abfertigen. Da fehlt mir doch die Achtung. Natürlich interessiert das WIE … Und genau das soll ja gemeinsam erarbeitet werden. Das möchte ich auch, aber auf einer niveauvollen Ebene. Ansonsten ist mir die begonnene Geschichte zu mühselig und für mich schlichtweg Energieverschwendung, sollte die Bereitschaft grundsätzlich fehlen. Es geht hier nicht um Rechthaberei, sondern um ein sinnvolles Erarbeiten weiblich-spiritueller Inhalte, die wirklich hilfreich sind für Frauen. Dies könnte ein Anfang sein. Dabei mag so einiges inspirieren.

Gruß Ulla

Antje Schrupp:

Liebe Ulla,

ich habe keine voreiligen und pauschalen Schlüsse gezogen. Ich habe deinen Artikel und deine Mail genau gelesen und darauf beziehe ich mich. (Außerdem habe ich noch mit „manchmal“ relativiert).  Du schreibst „Das ist schon alleine durch die unterschiedlichen Körper und die damit verbundenen Fähigkeiten von Frau und Mann bedingt. Andere Körper – andere Aufgaben – andere spirituelle Praktiken“  – Tja, und das ist so eine Interpretation, die ich meinte, und über die ich erst mal diskutieren würde. Aber wenn du mich unreflektiert und niveaulos findest, hat es wahrscheinlich tatsächlich keinen Zweck. Ich finde übrigens deinen Ton gerade auch ziemlich mühselig und nicht sonderlich respektvoll.

Liebe Grüsse, Antje

Dorothee Markert:

Liebe Astrid, liebe Christel, liebe Antje, liebe Ulla

eure Mails der letzten Woche haben mich sehr beschäftigt und teilweise auch ziemlich aufgewühlt. Wegen Arbeitsüberlastung konnte ich mir die Zeit nicht nehmen, an dem Gespräch teilzunehmen, aber ich war ständig im Kopf am Nachdenken und Formulieren von Antworten auf eure Mails. Jetzt versuche ich mal, etwas davon zu schreiben. Heute Morgen fielen mir wieder so viele persönliche Erfahrungen dazu ein, dass ich dachte, es wäre schön, eine kleine intensive Tagung darüber zu machen, wo wirklich Raum wäre für all die Geschichten, also Erzählungen wie deine, Astrid, durch die nur allzu verständlich wird, woher so eine Aussage kommt, dass Frauen, die in der Kirche etwas bewegen wollen, sich die Hände schmutzig machen, weil sie beim Verschleiern helfen. Diese Aussage hat mich sehr erschreckt, da sie mich an meine Zeit in der dogmatischen Linken erinnert hat, wo uns vermittelt wurde, dass wir Reformen nicht unterstützen sollten, auch wenn sie den jeweils Betroffenen das Leben erleichtert hätten, weil durch Reformen das wahre Gesicht des Kapitalismus verschleiert würde. Es sei also gut, wenn sich die „Widersprüche“ verschärfen, weil dann dem System die Maske heruntergerissen würde usw. Ich denke, dass jedes dualistische Denken – wie: kapitalistisches Bürgertum gegen fortschrittliche Arbeiterklasse, oder: Gläubige gegen Ungläubige (zurzeit vor allem im Islam) oder patriarchale gegen matriarchale Religionen – jede Frau und jeden Mann, also alle, die ihr Denken danach strukturieren, früher oder später zu solch menschenfeindlichen, zynischen Einstellungen bringt. Ebenso schlimm daran ist aber das Misstrauen, das gegenüber allen Menschen verordnet wird, die mit dem gegnerischen Lager überhaupt Kontakt pflegen. In der Linken hieß das, den eigenen alten bürgerlichen Tendenzen nachzugeben, und die waren bei uns Intellektuellen natürlich besonders zu bekämpfen.

Meine Erzählung darüber, warum ich in den letzten Jahren wieder zur christlichen Religion zurückgekehrt und inzwischen auch wieder in die Kirche eingetreten bin, geht in eine ähnliche Richtung wie bei Antje. Schon als ziemlich kleines Kind erlebte ich Kirche bzw. Gottesdienste als einen Raum, der von Freundlichkeit, friedlichem Umgang miteinander und Schönheit (Musik, Sprache, Kultur) geprägt war. Und das stand im Gegensatz zu einem Zuhause, wo viel gestritten wurde, der Umgangston meist unfreundlich war, wo es auch Gewalt gab und wo das Leben meistens eher armselig und karg war. Auf diese Zeit geht meine Liebe zu dieser Religion zurück, und diese Liebe blieb heimlich da, auch wenn ich von der Zeit meiner Politisierung an, also mit Beginn des Studiums, mich weit von jeglicher Religion entfernte. Aber ausgetreten bin ich nicht, noch nicht einmal dann, als es politisch wichtig und sinnvoll gewesen wäre, mich an der schwul-lesbischen Kirchenaustrittskampagne zu beteiligen. Ausgetreten bin ich erst, als zu meinem persönlichen Betroffensein durch die Hetze gegen gleichgeschlechtliche Lebensweisen noch meine Wut über die vorurteilsbehaftete, abwertende Vernageltheit sonst recht aufgeschlossener Kirchenleute gegenüber Erkenntnissen der Matriarchatsforschung hinzukam, beispielsweise als Elga Sorge und Christa Mulack rausgeschmissen wurden und als gedroht wurde, dass die Leiterin der evangelischen Erwachsenbildung ihre Stelle verlieren würde, wenn sie Jutta Voss („das Schwarzmondtabu“) einladen würde. Und als Kirchenfrauen in meiner Umgebung sich über unseren Wunsch nach Frauengottesdiensten lustig machten (ich wollte sie damals aus politischen Gründen, nicht weil ich religiös gewesen wäre).

Ich denke, schon aus unseren drei Erzählungen wird deutlich, dass es vor allem mit persönlicher Erfahrung, mit den Zufällen des Aufwachsens und mit Beziehungen zu tun hat, wie eine ihre Spiritualität lebt, und dass da politisch-strategische Überlegungen ziemlich fehl am Platze sind. Wenn ich die Heftigkeit unserer derzeitigen Diskussion anschaue, wird mir im Nachhinein klar, warum ich mich so gewehrt habe, eine Extra-Rubrik „Spiritualität“ in die Zeitung hineinzunehmen, ohne dass ich das begründen konnte. Ich denke, bei diesem Thema braucht es für wirkliches Verstehen mehr als Beziehungen, mehr als „zu den Leuten hingehen und mit ihnen reden“. Hier kommen wir mit Argumenten manchmal nicht weiter. Hier braucht es vielleicht die Erfahrung, ein Ritual wirklich mitgemacht zu haben, damit Vorurteile abgebaut werden können. Bei mir jedenfalls ist das so.

Liebe Astrid, danke, dass du deine persönliche Geschichte eingebracht und damit möglich gemacht hast, dass unser Gespräch weiter geht, wie ich doch sehr hoffe. Und auch mir tut es sehr Leid, was du und deine Mutter mit Kirche erlebt habt.

Herzliche Grüße, Dorothee

Barbara Baumann:

Liebe Redaktionsfrauen,

so, nun habe ich Euren ganzen Dialog zum Thema „Spiritualität“ gelesen und setze mich einfach direkt hin und schreibe meine Gedanken herunter, reflektiere also nicht erst und teile Euch meine Gedanken dann mit, sondern nehme Euch als quasi Zuhörerinnen meines inneren Dialoges direkt mit rein.

Und deshalb sage ich auch schon vorneweg, dass nicht alle diese Gedanken abgeklopft sind, ob es irgendwelche versteckten Vorwürfe, Zuschreibungen etc. gibt.

Die Aussage, dass „weibliche Spiritualität sich von männlicher unterscheidet“, kann ich bejahen, aber für mich stellt sich die Frage, welche Relevanz diese Aussage für mein Handeln hat und ob es dazu führt (führen muss), dass es zu einer getrennten Praxis kommt.

Neben diesem Satz gibt es für mich einen Satz, der in meinem Handeln mindestens genauso wichtig ist, und das ist der Satz: „Die Spiritualität einer Frau unterscheidet sich von der Spiritualität einer anderen Frau“.

Sowohl als Theologin als auch als gläubige Frau ist es mir sehr wichtig, diesen Aspekt existenziell mit dazu zu nehmen.

Denn – und da bin ich ganz nah bei den Italienerinnen – ist mir auch im Bereich der Spiritualität die Differenz wichtig (nicht nur die zwischen Männern und Frauen, sondern auch die zwischen Frauen), auch hier bietet mir der Differenzansatz Möglichkeiten, mein Eigenes zu finden und mich weiterzuentwickeln.

Und vielleicht ist das der Teil, der mich in den Mails irritiert und auch (ver-)stört. Ich möchte mich nicht an einem Dialog beteiligen, in dem es um Rechthaben geht, um die Richtigkeit und/oder Gültigkeit von Aussagen.

Astrid, ich kann sehr gut verstehen – und Deine Schilderungen von Dir und Deiner Mutter haben mich berührt – wenn Du aufgrund Deiner Erfahrungen die Kirche nicht als einen Raum annehmen kannst, in dem Du leben und denken kannst und willst.

Was aber bei mir zu Irritationen führt, ist, wenn sich daraus Konsequenzen für alle Frauen ergeben würden.

Deine Erfahrungen und Deine Entscheidungen sind ganz wichtig, öffentlich benannt zu werden, damit andere Frauen sich damit auseinander- und sich dazu in Beziehung setzen können. Und in diesem Zusammenhang klage ich Kirche an, dass sie ihre Verantwortung z.B. für kriegstraumatisierte Frauen nach dem 2. Weltkrieg nicht genommen hat und hier Räume der Schonung, des Heilwerdens geschaffen hat, sondern im Gegenteil die Opferdynamik an vielen Stellen eher noch verschärft hat.

Ich habe mittlerweile an unterschiedlichen Stellen erfahren müssen, wie z.B. gerade im katholischen Bereich die unsägliche Tradition der „Aussegnung“ unseren Großmüttern, Müttern und Tanten viel Leid zugefügt hat. Umso wichtiger finde ich z.B. den Ansatz von Hanna Strack einer Theologie der Geburt!

Ein anderes / weiteres Beispiel: In meiner Zeit als Frauenreferentin in der katholischen Hochschulgemeinde bin ich immer wieder auch von dem Themenbereich „sexueller Missbrauch“ berührt worden. Seitdem kann ich den Satz im Glaubensbekenntnis: „… an Gott, den allmächtigen Vater“ nicht mehr sprechen (und meistens schweige ich an dieser Stelle), ohne an diese Frauen denken zu müssen, Sie in meinem Gebet in meinen Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen. Und gleichzeitig erinnere ich mich auch an eine Frauenliturgie in der KHG, in der es möglich war, dass Frauen ihre Erfahrungen benennen konnten und die Zahl „jede dritte Frau hat Missbrauchserfahrungen“ auf einmal eine sicht- und hörbare Realität wurde.

Und auch das ist eine meiner Erfahrungen in und mit kirchlicher Wirklichkeit.

Aber im ganzen Dialog geht mir immer wieder auch ein anderer Punkt durch den Kopf und da greife ich eher die Gedanken von Antje auf, die sie zum Thema Freiheit und Kirche etc. geschrieben hat.

Ich werde mittlerweile immer empfindlicher, wenn ich das Gefühl bekomme, dass Räume umschrieben z.T. sogar festgeschrieben und definiert werden und mir nur noch die Entscheidung bleibt, ob ich in diesen einmal definierten Raum eintreten will oder nicht. Mir aber nicht die Freiheit gegeben wird, diesen Raum mitzugestalten, zu umschreiben, sie vielleicht sogar ganz neu zu entdecken. Und diesen Definitionsanspruch spüre ich in dem Satz „weibliche Spiritualität unterscheidet sich von männlicher“. Und wenn ich es ganz hart formuliere, so spüre ich ihn in diesem Satz genauso wie in manchen Sätzen aus dem kirchlichen Kontext, die es mir schwer machen, in der Kirche zu bleiben, die mich immer wieder zur Grenzgängerin machen.

Hier wie dort nehme ich eine Definitionsmacht war, die für mich nur schwer mit meinem Denken der Differenz und meinem Autoritätsverständnis zu vereinbaren ist. Und ich glaube, das hat etwas mit dem „Generellen“ zu tun.

Vielleicht noch einmal konkret:

Auch wenn ich dem Satz, „weibliche Spiritualität unterscheidet sich von männlicher“ zustimme, so gibt es im Konkreten das Erleben und die Beziehung zu einem Mann und seine Art, seine Spiritualität zu leben, die mir sehr nahe ist und der ich Bedeutung und Autorität geben kann.

Ebenso gibt es Frauen, die mir mit ihrer Form, ihre Spiritualität zu leben, und wie sie darüber sprechen, so fremd sind, dass ich das Gefühl habe, wir bewohnen nicht den gleichen Raum der weiblichen Spiritualität.

Und ebenso ist es auch mit der Frage nach den Beiträgen von Männern auf der bzw-weiterdenken-Seite (wobei ich es gleichzeitig noch einmal betonen möchte, dass ich dafür bin, dass wir in der Redaktion ein Frauenteam bleiben, mir geht es an dieser Stelle darum, ob es für uns Redakteurinnen auch möglich sein kann, Beiträge von Männern, wenn sie denn an uns herangetragen werden, ins Netz zu stellen). Ich habe auch hier das Gefühl, dass die Frage, ob ich mich zu Beiträgen in Beziehung setzen kann oder nicht, weniger vom Geschlecht der Autorin/des Autors abhängt, als von dem, was sie/er schreibt. Und diese Freiheit, mich in Beziehung zu setzen, möchte ich behalten.

Und vielleicht kann ja der Gedanke, dass es sich sowohl bei dem einen wie auch bei dem anderen Themenbereich auch um einen „inter-kulturellen Dialog“ handelt, uns helfen, uns in Beziehung zu setzen.

Soweit erst einmal, bin gespannt und freue mich auf Eure weiteren Gedanken.

Liebe Grüße am Altweibertag aus dem Rheinland! Barbara

Leserinnen-Zuschriften zu diesem Artikel.

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 24.09.2007

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