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Sein wie keine andere

Von Antje Schrupp

Ingeborg Gleichauf schildert das Leben von Simone de Beauvoir

Beauvoir GleichaufWenn im kommenden Januar der 100. Geburtstag von Simone de Beauvoir gefeiert wird, ist auch die Frage zu stellen, welches die Aktualität dieser Galionsfigur der „zweiten“ Frauenbewegung heute ist. Viele der heute älteren Feministinnen haben sich von Beauvoirs Büchern und vor allem von ihrem unkonventionellen Leben inspirieren lassen. Aber junge Frauen sind nicht mehr demselben Rollendruck und den damaligen Geschlechterklischees ausgesetzt, sie sind emanzipierter, werden nicht mehr offen diskriminiert. Ist Simone de Beauvoir für sie nur noch von historischem Interesse?

Nein, meint Ingeborg Gleichauf. Mit ihrer neuen Biografie der französischen Philosophin und Schriftstellerin will sie vor allem Mädchen und junge Frauen ansprechen (die Zielgruppe der „Reihe Hanser“, in der das Buch erschienen ist). Das gelingt ihr auch deshalb, weil sie Beauvoir nicht als „Aushängefeministin“ darstellt, sondern als neugierige, mutige, erlebnishungrige Frau, die ihren eigenen Weg sucht.

Dass Simone de Beauvoir nicht in erster Linie Feministin war, sondern vor allem Mitbegründerin des Existenzialismus, also einer der einflussreichsten Philosophien des 20. Jahrhunderts, ist in der deutschen Rezeption bisher oft zu kurz gekommen. Bekannt geworden ist sie hier zu Lande vor allem als Impulsgeberin des Feminismus. Ihr berühmtes Zitat „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ (oder, wie es häufig sinnentstellend zitiert wird: „Man wird dazu gemacht“) gilt als Startschuss für eine Frauenpolitik, die Mädchen ermutigt, sich aus rollenspezifischen Zwängen zu befreien und vorzudringen in all jene Bereiche, die historisch als „männlich“ definiert worden waren. Liest man heute „Das andere Geschlecht“ unter dieser Perspektive wieder, erscheint in der Tat vieles davon überholt. Es wird dann nämlich deutlich, wie gewaltig die Fortschritte sind, die Frauen seither vor allem im Bereich der Bildung und im Arbeitsleben gemacht haben.

Umso überraschender ist, wie gut Ingeborg Gleichauf herausarbeitet, dass die Fragen und Themen, mit denen sich Simone de Beauvoir beschäftigte, im Wesentlichen nach wie vor aktuell sind. Im Zentrum ihrer chronologischen Lebenserzählung steht nämlich eine Frau, die unfassbar konsequent ihrer eigenen Neugier auf die Welt folgt. Die darauf besteht, sich auf das, was um sie herum geschieht, ihren eigenen Reim zu machen, die allen Konventionen skeptisch gegenüber steht – oder, wie man es eben auch sagen könnte: Die ihr Leben lang ihrem eigenen Begehren folgt.

Das Buch liest sich leicht, fast wie ein Roman, und ist doch sehr detailgenau und differenziert. Gewissermaßen erlebt man Beauvoirs Leben noch einmal mit ihren eigenen Augen: jede Reise, jede Liebschaft, jede neue Erfahrung, jedes Buchprojekt. Es ist Ingeborg Gleichauf sehr gut – das heißt ohne waghalsige Spekulationen, aber durchaus mit kritischem Abstand – gelungen, Beauvoirs einzelne Lebensabschnitte mit ihren jeweiligen Romanen und philosophischen Schriften zu verzahnen. Auf diese Weise wird deutlich, wie sehr Beauvoir das „Von-sich-selbst-Ausgehen“ zu ihrer Praxis gemacht hat. Ihre Romane greifen ja immer ganz genau das auf, was in ihrem persönlichen Leben gerade geschah, und zwar mit fast schon schonungsloser Offenheit (was ihr immer wieder die Kritik derjenigen bescherte, die sich auf diese Weise literarisch „verarbeitet“ sahen).

Zum Vorbild wird Beauvoir aber vor allem dadurch, dass sie sich immer wieder fragte, was sie selbst wirklich interessiert, und diesem Projekt dann ihre ganze Kraft, Zeit und Energie schenkte. Und mit viel Disziplin, kompromissloser Treue zum eigenen Weg, und mit ihrer Weigerung, im Sinne vorgegebener Normen zu „funktionieren“ hat sie es tatsächlich auch zu gesellschaftlichem Erfolg und Anerkennung gebracht. Gerade das könnte heute eine wichtige Ermutigung sein, vor allem für junge Frauen und Mädchen, die schon in der Schulzeit mit der Sorge um eine drohende Arbeitslosigkeit konfrontiert sind, und die in einer Zeit leben, in der das „Funktionieren“ einen so hohen Stellenwert bekommen hat. Dass Dinge, die man aus voller Überzeugung und mit Leidenschaft tut, oft auch gelingen und gut werden und dann auch für andere hilfreich sind, ist eine Lektion, die heute jedenfalls noch genauso wichtig und aktuell ist, wie eh und je.

Ein ganz großer Pluspunkt des Buches ist, dass es zwar mit viel Sympathie für die Protagonistin geschrieben wurde, sie aber weder vereinnahmt, noch zur Heldin verklärt. Nicht nur erfährt die Leserin vieles über Beauvoirs Schwächen, ihre Selbstzweifel, ihre Niederlagen, die sie ja in der Regel auch selbst ganz schonungslos reflektiert hat. Auch ihre – aus heutiger Sicht – Irrtümer werden nicht ausgespart: Zum Beispiel ihre großbürgerliche Attitüde, die sie nie wirklich ablegte, ihre relativ lang andauernde Ignoranz gegenüber der Gefahr und der Bedeutung des Nationalsozialismus, oder auch ihre zuweilen ganz unfeministische Unterordnung unter die Ansprüche und Bedürfnisse Jean Paul Sartres. Wobei jener letzte Punkt vielleicht sogar am besten deutlich macht, wie ernst es Beauvoir damit war, dem eigenen Begehren treu zu bleiben: Die Beziehung zu Sartre, die Gespräche, die sie mit ihm führen konnte, waren ihr so wichtig, dass sie sich entschloss, den Preis zu zahlen, der notwendig war, um diese Beziehung zu erhalten – ohne die Verantwortung dafür auf ihn, die bösen Männer im Allgemeinen oder die ungerechten Geschlechterverhältnisse abzuwälzen. Wer weiß, wie wertvoll und selten es ist, einen Menschen zu finden, mit dem ein gemeinsames, innovatives Denken möglich ist, wird das nachvollziehen können.

Kürzlich war ich auf einer Tagung, bei der eine Teilnehmerin Beauvoirs „Markenzitat“ neu interpretiert hat: „Man wird zwar als Frau geboren“, sagte sie, „es kommt aber drauf an, was eine daraus macht!“ Simone de Beauvoir selbst ist dafür ein ziemlich gutes Beispiel.

Ingeborg Gleichauf: Sein wie keine andere. Simone de Beauvoir, Schriftstellerin und Philosophin. dtv, Reihe Hanser, München 2007, 298 Seiten, 8,95 Euro.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Barbara Baumann
Eingestellt am: 01.10.2007

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