beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik vertrauen

Sich auseinander setzen

Von Antje Schrupp

Labyrinth Zuerich

Das Frauenlabyrinth in Zürich bietet Raum für die Auseinandersetzung (nicht nur) mit der eigenen Spiritualität. Foto: Juliane Brumberg

Zuschriften zum Artikel „Weibliche Spiritualität ist…“:

Ursula Knecht-Kaiser: (1.10.2007)

Zu  „AUSEINANDER-SETZUNG“ ist mir ein Bild, eine Erfahrung aus der (politischen) Labyrinthpraxis eingefallen:

Im Sommer vor drei Jahren wurden die Tisch-Bank-Kombinationen auf der Wiese neben dem Labyrinth, die v.a. von den „Randständigen“ genutzt werden, vom Gartenbauamt entfernt. Einige waren im Laufe der Jahre verwittert, altersschwach und wackelig geworden, andere im Laufe des Winters als „Heizmaterial“ im Feuer gelandet, um jene, die zum Teil auch die Nacht draussen verbringen, zu wärmen. Verblieben waren nur ein paar einzementierte Sitzbänke ohne Tische. Wir haben uns dafür eingesetzt, dass neue Tische und Bänke für die Randständigen, die sich oft den ganzen Tag über dort aufhalten, installiert werden. Es hat aber sehr lange gedauert, bis das Gartenbauamt endlich damit anrückte,  vermutlich als „Strafaktion“ fürs Verbrennen der alten „Möbel“. In der Zwischenzeit haben sich die Leute um die wenigen verbliebenen Bänken gestritten, es gab oft lauten Krach, manchmal Schlägereien. Es halten sich hier unterschiedliche Gruppen auf:  Alkis,  Methadonabhängige,  psychisch Dekompensierte, Araber, zunehmend auch Schwarzafrikaner. Und es ist eh schon fast ein Wunder, dass sie es schaffen, den nicht sehr grossen öffentlichen Raum miteinander einigermassen friedlich zu teilen. Manchmal haben die Leute von irgendwoher selber Tische und Bänke/Stühle angeschleppt, sie wurden aber am nächsten Tag vom Reinigungsdienst der Stadt abtransportiert. Wir waren auch der Meinung, dass der Platz nicht ein Möbellager werden soll und haben dann zwischenzeitlich unsere eigenen Tische und Bänken, die wir für unsere Veranstaltungen brauchen, zur Verfügung gestellt. Die Auflage war, dass sie, wenn wir den Platz verlassen, wieder in unserem Schuppen versorgt werden müssen. Das gab zwar oft Diskussionen, weil die Leute noch länger an den Tischen bleiben wollten, wurde aber in der Regel akzeptiert.

Für uns war es eindrücklich zu erleben, wie sich die Situation auf dem Platz beruhigte, sobald die Leute Gelegenheit hatten, sich „auseinander zu setzen“ im wortwörtlichen Sinne. Sie konnten sich in Gruppen an verschiedenen Tischen formieren, blieben aber miteinander in Hör- und Sichtweite verbunden.

Es war für uns auch unmittelbares „Anschauungsmaterial“ für das, was ich an der Labyrinth-Struktur so schätze: Man/frau kann Distanz und Nähe zu den anderen selber bestimmen, obschon alle den selben Weg gehen.

Vielleicht, denke ich, kann das auch ein Bild sein für die Auseinander-Setzung mit „weiblicher Spiritualität“. Ulla Janascheck hat die Redaktion verlassen. Ihr habt euch auseinander gesetzt, aber bleibt, hoffentlich, in Sicht-/Hör-/Riechweite verbunden, und, das schätze ich als Nicht-Redakteurin sehr, lässt uns LeserInnen teilhaben an eurem Ringen um Verständigung.

Fidi Bogdahn: (4.10.2007)

Liebe Antje, da hast du bzw. habt Ihr ja was Brisantes geschickt…! Ich werde zwar erstmal rausgehen, an die Sonne, so lange sie noch scheint – und sie scheint heute geradezu heftig. Dann aber will ich „euch“ lesen. Und ohne genau zu wissen, was da (über) mich kommt, kann ich dir sagen: Es wundert mich nicht, was da geschehen ist. Nicht von ungefähr hielt ich bisher Abstand; denn solchen Auseinandersetzungen bin ich nicht gewachsen.

Mir fiel – beim Überfliegen der mail – dieses gleich auf: „Die Frage nach der weiblichen Spiritualität. Wie unterscheidet sie sich von männlicher Spiritualität?“

Holla – dacht´ ich, wieso sollte ich meine Spiritualität überhaupt an der männlichen Spiritualität gemessen haben, bzw. damit messe ich sie gar nicht und nie. Was mir Wert ist, kann ich gar nicht anders bemessen, als daran, was mir selbst wertvoll ist. Das heißt nicht, dass sich meine Werte nicht verändern würden; das tun sie, denn sie wachsen und gedeihen, wenn ich sie (be)l(i)ebe. Sie werden benennbar eher weniger, dafür aber tiefer in mir vereint. Das sage ich in der darin enthaltenen, erfahrenen Bescheidenheit, die mir Klarheit ist, -wenn sie ist. Viel gute Kraft für eure Klarheit!

Safeta Obhodjas: (4.10.2007)

Ich habe ihre Diskussion, „Frauen und Religion“ gelesen. Ich kann nur sagen, wie ich deutsche Frauen, trotz aller Kontroversen, beneide. Die Auseinandersetzungen sind zwar heftig, entsprechend den Erfahrungen, aber erleuchten die Situation von allen Seiten. Leider kann man noch nicht sehen, wo und woraus die notwendige Treibkraft entstehet, die die ganze Vielfalt zu einer gemeinsamen Richtlinie führt. Ob sich das nach und nach herauskristallisieren wird, werden wir hoffentlich bald sehen.

Bei mir sieht die Situation ganz anders aus. Ich kann mit frommen muslimischen Frauen nicht mal die Übersetzung der frauenfeindlichen Suren im Koran diskutieren. Oder fragen, will Allah wirklich, dass sie von jemanden geschlagen werden?  „Wenn Frau gehorsam ist, hat keiner den Grund sie zu schlagen“, lautet eine klare Antwort. Was im Prinzip bedeutet, vor den Männern heucheln wir die Gehorsamkeit, aber wir werden uns dafür an den Schicksalsgenossinnen rächen. Nur, das darf man nicht laut sagen.

Ich habe meine beste Freundin, eine Akademikerin, verloren, weil ich eine Bemerkung über die Heirat des Propheten mit seiner liebsten Ehefrau Ajsa gemacht habe. Besser gesagt, ich habe eine Frage gestellt. Es ist wohl bekannt, dass die arabischen Nomadenstämme ihre Mädchen vor dem Islam auf dem Altar ihrer Idole (Götzen) geopfert haben oder, wenn sie zu viele hatten und sie nicht ernähren konnten, einfach  bei lebendigem Leibe im Sand begraben hatten. Diese Praxis hat der Prophet Mohammed seinen Gleichgesinnten strikt verboten. In seinen Predigen betonte er immer, dass sowohl Jungen als auch Mädchen die gleiche Werte für eine Familie haben. Das war für ihn sehr wichtig, weil er nur eine Tochter hatte, Fatima. Seine Söhne sind sehr früh verstorben. Ajša war die Tochter seines besten Freundes Omar, der sich als erster zum Islam bekennt hat. Sie war etwa 6 Jahre alt, als sie dem Propheten aufgefallen ist, weil sie ein sehr kluges, aufgewecktes Mädchen war. Er hat seinem Freund gesagt, was für eine wunderbare Tochter er habe. Der Omar hatte eine Menge weiblichen Nachwuchs und reagierte prompt, wenn das Mädchen ihm so gefalle, könne er sie sofort in sein Haus nehmen. Der Prophet wollte seinen Vertrauten nicht beleidigen, weil er ihn brauchte, deshalb nahm er das Mädchen in sein Haus mit. Eine Weile blieb sie in seiner Obhut nur als Kind seines Freundes. Der Prophet hatte sie sehr lieb und brachte ihr seine Lehre bei.

Die Biographen des Propheten haben kurz und deutlich über diese Liebe geschrieben: Als sie 9 Jahre alt war, machte er sie zu seiner siebten oder achten Frau. Ich fragte meine Freundin, warum sie nicht in seinem Haus weiterhin als seine Tochter leben konnte, wenn er schon so viele Frauen hatte. Meine Freundin dachte, er habe sie in sein Haus genommen, um aus ihr eine Gelehrte zu machen, die den Islam unter Frauen verbreiten sollte. In seiner Biographie stand aber etwas Anderes, was meine idealistische Freundin nicht wissen wollte. Die modernen Ausleger sowohl des Koran als auch der Lebensphasen des Propheten, machen daraus ein Recht für die Männer, ganz junge Mädchen heiraten zu dürfen. Sie behaupten sogar, dass ein Mann nie alt sein könne, wenn auch er siebzig sei, könne und dürfe er eine Zehnjährige als Ehefrau nehmen. Ich wollte meiner Freundin, weil sie wirklich theoretisch sehr ausgerüstet war, ans Herz legen, Texte mit ihrer Auslegung von Ajšas Geschichte zu verfassen. Jemand muss den Männern deutlich machen, dass sie kein Recht haben, daraus Vorteile für sich herauszuschlagen.

Meine Freundin meinte, ich hätte damit den Propheten beleidigt. Eine Absage ihrer Freundschaft folgte prompt. Sie wollte nicht verstehen, nicht diskutieren, gar nicht wissen, was Männer und Imame aus dieser Geschichte machen. Es genügte ihr ihre idealistische Vorstellung, sie konnte sich dahinter verstecken und bis zum Ende ihrer Tage einen Vorwand für ihre Untätigkeit behalten. Frauen wollen nicht sehen und nicht wissen, wenn die Wahrheit ihre heile Welt in Frage stellt.

Soll ich noch sagen, dass ich gar keine Logistik oder Medien habe, meine Literatur an die muslimischen Frauen zu bringen? Aber das ist jetzt eine andere Geschichte.

Ich wünsche meinen lieben, deutschen Freundinnen eine baldige Einigung, was man wirklich machen soll, um den Glaube und die Vernunft in Einklang zu bringen.

Margot Abstiens (9.10.2007)

Es war spannend für mich, mich in den Argumenten der einen wie auch die der anderen wieder finden zu können. Ich selber habe jahrelang in der Evangelischen Kirche gearbeitet (als Dipl.-Pädagogin, nicht als Pfarrerin, das ist in vielerlei Hinsicht ein großer Unterschied), bevor ich mich selbstständig machte. Ausgestiegen bin ich aus beruflichen Gründen – vor allem. Wie sehr dieser Ausstieg meine Spiritualität beeinflusst hat, ist mir erst später klar geworden. Und inwieweit meine Spiritualität meinen Ausstieg beeinflusst hat, beschäftigt mich noch heute.

Wichtig finde ich bei dem allen: jede geht ihren eigenen Weg, lebt ihr eigenes Leben und hat ihre eigene Wahrheit. Zum Glück!

Danke für Eure Arbeit und Euren Weg, Euer Beziehungsthema durch und durch zu leben. Das brauchen wir.

Fidi Bogdahn (25.10.2007)

Wie schwierig es ist über Spiritualität zu sprechen, ist ja nicht neu, und ich meine damit:  mich verständlich zu machen und auszutauschen. Ich kann das zB an diesen Sätzen von Dorothee Markert erläutern: „Wenn ich die Heftigkeit unserer derzeitigen Diskussion anschaue, …, bei diesem Thema braucht es für wirkliches Verstehen mehr als Beziehungen, mehr als „zu den Leuten hingehen und mit ihnen reden“. Hier kommen wir mit Argumenten manchmal nicht weiter. Hier braucht es vielleicht die Erfahrung, ein Ritual wirklich mitgemacht zu haben, damit Vorurteile abgebaut werden können. Bei mir jedenfalls ist das so.“

…kann sein, dass dann kein Vorurteil mehr bleibt, wenn vorher eines bestanden hat. Kann aber auch sein, dass ich kein Vorurteil zu diesem Ritual hatte, weil dieses angenommene sog. Ritual mir vielleicht nichtssagend ist, unwichtig, … Wenn mich in meiner Spiritualität (und ich würde für mich alleine dieses gar nicht mit solch einem extra Namen benennen, sondern  nur ´mein Leben` sagen und meinen) etwas berührt, dann ist das im All(e)tag und im besten Sinn gemeint gewöhnlich. In sog. Ritualen habe ich es letztlich immer mit einer Form von Hierarchie zu tun gehabt; und sei es die Göttin irgendwo groß und stark und schön. Mit dem Gott IN mir habe ich gelernt zu sein, auch dann, wenn´s nicht immer gelingt; und wo sonst soll da noch weiterer Raum sein? (Vielleicht gibt es ja ein Buch -schon geschrieben von einer wie Simone Weil-, die das benannt hat, -dieses Alltägliche der Spiritualität. Bestimmt gibt es das!)

Will sagen:  das Formale, wo und wie für die Einzelne (und auch den Einzelnen) Spiritualität gelebt wird -ob in einem Ritual oder im Alltäglichen oder… ist so unterschiedlich wie es die Menschen sind. Frage ich mich nun:  gibt es zwischen dem Ritual Erleben und.dem spirituellem Sein eine gemeinsame Sprache des Verstehens und des Wachsens an dem Mehr der anderen? Das ist nicht die Frage nach den Unterschieden, sondern nach dem Verbindenden. An der Form arbeite ich mich jedenfalls nicht mehr ab.

Danke nochmals für all diese Beiträge!

Magdalena Anja-Maria (29.10.2007):

Ich habe eure Auseinandersetzung über weibliche Spiritualität gelesen und beziehe mich auf einen Punkt. Da heißt es, der Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Spiritualität läßt sich auf die Körperlichkeit zurückführen. Was nun aber, wie in meinem Fall, wenn körperliches Geschlecht und soziales, gefühltes Geschlecht auseinanderfallen? Wo ist dann die Spiritualität anzusiedeln – männlich oder weiblich oder beides oder gar nichts? Ich habe mein Frausein immer aus der Innensicht heraus reflektiert, mein Zugang zu JHWH ist ein sinnlicher. Ich sehe meine Seele und weniger meinen Körper, den ich deswegen nicht verleugne. Mir ist schon bewusst, dass mein Körper auch nach Hormonbehandlung und OP nur bedingt weiblich sein wird. Auch wenn es mir gelingt , mir zum Beispiel meine Neovagina  zwar noch nicht zu fühlen, aber  zu denken, dann ist sie mir nicht nur ein Ort von Befreiung von etwas und zu etwas  Formalen hin, sondern auch ein Ort von Natalität. Wo Geburt stattfindet, wenn Seele sich im Körper wiederfindet und umgekehrt. Da kann ich mir gewissermassen selbst Hebamme sein und weibliches Körpergefühl befördern, das meiner weiblichen Spiritualität trotzdem Heimat ist.

Bitte bedenkt in euren Diskussionen, dass es auch Menschen gibt, die in den meiner Meinung nach unsäglichen Geschlechterdualismus nicht nur nicht hineinpassen, sondern ausgegrenzt sind.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 01.10.2007

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