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Rubrik denken

Wie lese ich Heidegger?

Von Ina Praetorius

Haben Sie auch manchmal Probleme, die „großen Denker“ zu verstehen? – eine Leseanleitung

Heidegger

Sollte frau ganz entspannt angehen: Die Werke von Heidegger, Kant und Co. - Foto: Antje Schrupp

Irgendwann habe ich mir Heideggers „Sein und Zeit“ gekauft, nachdem man mir oft genug erklärt hatte, es handle sich um ein epochales Werk. Auch Kants gesammelte Werke stehen in meinem Bücherschrank. Und Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Und noch so manches, von dem ich nicht so ganz genau zu sagen weiss, warum ich es mir irgendwann gekauft habe. Obwohl: Nach neun Jahren humanistischem Gymnasium und noch mal neun Jahren Studium und Arbeit an geisteswissenschaftlichen Fakultäten ist es eigentlich kein Wunder, dass es tief drinnen in mir jemanden gibt, der mir von Zeit zu Zeit zuflüstert: Heidegger solltest du als Denkerin aber gelesen haben, und Kant auch, und Hegel und Schelling und Schleiermacher, und Kierkegaard natürlich, und Augustin und Thomas, und Sartre, und Rawls und Barth und Jüngel und Sloterdijk und.

Wer ist dieser Jemand in mir drin? Was will er von mir? Hat er Recht? Oder nicht? Über solche Fragen würde ich gern mal ausführlich diskutieren.

Nachdem ich mir also Heideggers „Sein und Zeit“ gekauft hatte, setzte ich mich tatenfroh an meinen Schreibtisch und fing auf Seite 1 zu lesen an. Ein so weltbewegendes Werk, dachte ich mir, könnte ich ja wieder mal richtig gründlich erarbeiten. Ungefähr auf Seite 15 hörte ich auf. Denn ich verstand nichts. Oder besser gesagt: ich verstand, dass dieser Mann Heidegger mich mit Haut und Haaren in sein ausserordentliches Sprachspiel reinziehen will. Dazu hatte ich aber keine Lust. Abends setze ich mich dann aufs Sofa, schenkte mir ein Glas Wein ein, legte eine wunderschöne Lieblings-CD auf und schlug „Sein und Zeit“ irgendwo in der Mitte auf, später ganz hinten, dann nochmal vorne. Entspannt schaute ich auf den Teppich aus eigensinnigen Worten. So liess sich Heidegger ertragen. Irgendwann, nach dem zweiten Glas, wurde er sogar richtig spannend.

Ein paar Tage später fiel mir auf, dass ich jemandem erzählte, ich hätte Heidegger gelesen. Es wurde ein interessantes Gespräch.

Schon im Jahr 1985, so ungefähr, habe ich einmal in einem öffentlichen Vortrag behauptet, ich hätte „meinen Kant“ gelesen. Niemand hat damals gefragt, was ich damit meine, aber alle schienen beeindruckt. Damals hatte ich noch ein schlechtes Gewissen, weil ich natürlich nicht den ganzen Kant gelesen hatte. Allerdings hatte ich das ja auch nicht behauptet. Mein Kant ist  nicht der ganze Kant.

Es gab eine Zeit, da fand ich, Frauen müssten überhaupt keine von diesen grossen Werken lesen, denn sie stammten ja alle von Männern und folglich gehe es darin um Probleme, die Frauen nicht betreffen. Tatsächlich lassen sich in allen diesen Büchern, von Platon bis Freud, von Marx bis Anselm von Canterbury und wieder zurück, Textstellen finden, in denen die grossen Denker sich abfällig über unsereins äussern. Warum aber sollte ich meine Zeit damit zubringen, Bücher von Leuten zu lesen, die mir Frau gar nicht zutrauen, dass ich sie verstehe? Sind solche Bücher nicht gewissermassen infiziert von dem Vorurteil, nur Männer seien geeignet und fähig, sie zu lesen, während Frauen des Schreibers und des Lesers Schuhe putzen und seine Kinder hüten? Kann ein solches Buch überhaupt Wahrheit enthalten? Wozu soll ich Texte lesen, die eine verkehrte Welt voraussetzen?

Inzwischen tun mir zwar die grossen Schreiber mit ihren dramatisch ernsthaften Problemen immer noch irgendwie leid, weil sie nie den Punkt treffen und wahrscheinlich deshalb (oder weshalb sonst?) so ungeheuer viele Worte produzieren müssen. Trotzdem finde ich es heute wieder hin und wieder interessant, mich mit Schopenhauer oder Camus oder Husserl aufs Sofa zu legen. Durchgehend und grundsätzlich dumm ist das nämlich gar nicht, was die da schreiben. Man kann einiges von ihnen lernen, vorausgesetzt, man beachtet beim Lesen gewisse Regeln:

1. Lies nur, solange es Spass macht. Ansonsten verstehst du sowieso nichts.

2. Erwarte nicht Wahrheit, sondern partielle Inspiration.

3. Lass dich nicht zum Schweigen bringen. Sobald du dich eingeschüchtert fühlst, rede selbst!

4. Lass Ehrfurcht und Wut gleichermassen draussen. Beides ist hinderlich, wenn du verstehen willst.

5. Scheue keinen Wein und keine Begleitmusik.

6. Lies querbeet, fang hinten oder in der Mitte an, überschlage und überschlafe, sobald dir danach ist.

7. Stell das Buch ins Regal zurück, sobald es dich langweilt. Und erzähle der nächsten Person, die dir begegnet, du habest soeben Heidegger oder sonstwen Grossen gelesen. Keine Sorge: das Gespräch wird interessant werden.

Und übrigens: Wie halte ich es mit den grossen Werken von Frauen? (Es gibt ja durchaus solche. Zum Beispiel braucht man ziemlich lange, bis man die ganze Hannah Arendt intus hat.) Antwort: auch Frauentexte lese ich nicht grundsätzlich gründlich, und auch sie nur so lange, wie es mir Freude macht. Aber irgendwie ist hier meine Neugier grösser. Ich traue Frauen aus guten Gründen (die in meinen Büchern nachlesen kann, wer gerade Lust zu lesen hat) eher zu, dass sie nicht nur theatralisch rumreden, sondern den Punkt treffen.

Vorgestern habe ich in der Zeitung eine Besprechung von folgendem Buch gelesen: Pierre Bayard, Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat (München, Kunstmann 2007). Ich fand das lustig und dachte mir, dass der Literaturprofessor Bayard aus Paris vielleicht ähnliche Erfahrungen unter die Leute bringen will wie ich. Und als nächstes dachte ich: Typisch Mann! Der macht aus seinem Fürzchen gleich ein ganzes Buch und geht damit auf die Messe. Ich finde: ein Artikel im bzw-weiterdenken reicht völlig.

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 10.10.2007

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