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Bewegungen für eine freiheitliche Sexualpolitik

Von Antje Schrupp

ImagesDass Sexualität von Seiten des Staates nicht als etwas Privates und Intimes betrachtet wird, sondern immer ein wichtiger Gegenstand von Regulierungen war und ist, ist allgemein bekannt. Doch weil das Thema immer noch mit Tabus und Schamgrenzen behaftet ist, gerät auch vieles, was soziale Bewegungen in dieser Hinsicht anstoßen, allzu schnell wieder in Vergessenheit oder wird im Rückblick „sozialkonform“ vereinnahmt. Deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass zwei neue Publikationen dazu beitragen, die historischen Quellen und Bewegungen zu dokumentieren und damit die Ideen ihrer Protagonistinnen und Protagonisten zugänglich zu halten.

Paula-Irene Villa und Lutz Hieber widmen sich in ihrer Aufsatzsammlung „Images von Gewicht“ den sozialen Bewegungen, die im 20. Jahrhundert vor allem in den USA dafür eintraten, unter Sexualität nicht mehr nur die Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau zu verstehen. Interessant ist die enge Verbindung zwischen Kunst und politischem Aktivismus in jenen Jahren. Im Rückblick auf erste Zusammenschlüsse von Lesben und Schwulen in den 1950er Jahren, die Liberalisierung von Sexualität in den 1960er und 1970ern sowie dem Kampf gegen die konservative Rückwärtswende der Sexualmoral in Folge von Aids in den 1980er und 1990ern wird deutlich, dass es immer um mehr ging als um die Integration von „abweichender“ Sexualität in die herkömmlichen, für die heterosexuelle Ehe entworfenen Normen.

Schön sind die zahlreichen Abbildungen von Plakaten, die die Leserin in die Zeit eintauchen lassen. Etwas nervig ist hingegen das Kleben an Judith Butler, die insbesondere von Villa ständig als Referenzpunkt herangezogen wird.

FrauenbundNoch etwas weiter zurück, nämlich ins Deutschland der 1920er Jahre, führen die Texte, die der Sammelband „Der Syndikalistische Frauenbund“ dokumentiert. Dass in dieser Zeit eine freiheitlicherer Orientierung auch in sexueller Hinsicht möglich war, insbesondere auch von Frauen, ist zwar bekannt, jedoch gilt dies weitgehend als ein bürgerliches Phänomen. In der Tat waren die „proletarischen“ Schichten, wie sie damals noch hießen, tendenziell konservativer in ihrer Sexualmoral. Allerdings gab es Ausnahmen, wie diese Texte von Milly Witkop, Hertha Barwich, Aimée Köster und anderen zeigen.

Der Syndikalistische Frauenbund war um 1920 als Unterverband der anarchistischen „Freien Arbeiter Union Deutschlands“ entstanden. Die Initiatorinnen wollten freiheitlich-anarchistische Ideale auch im Privatleben verankern, setzten sich ein für „freie Liebe“, für selbstbestimmte Schwangerschaften, für die Anerkennung von Haus- und Reproduktionsarbeit. Sie versuchten, auch Hausfrauen in gewerkschaftliche Strukturen einzubinden und „Wirtschaft“ weiter zu fassen als die Erwerbsarbeit, zum Beispiel machten sie sich Gedanken über „Einküchenhäuser“, Müttersiedlungen und andere kommuneartige Lebensformen, die die Fixierung auf die Kleinfamilie überwinden sollten. Die Texte stammen weitgehend aus den damals vom Frauenbund herausgegebenen Zeitungen.

Lutz Hieber, Paula-Irene Villa: Images von Gewicht. Soziale Bewegungen, Queer Theory und Kunst in den USA, transcript, Bielefeld 2007, 26,80 Euro.

Milly Witkop, Hertha Barwich, Aimée Köster u.a.: Der Syndikalistische Frauenbund. Hrsg. von Siegbert Wolf, Unrast, Münster 2007, 16 Euro.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 18.11.2007

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