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Rubrik vertrauen

In Abhängigkeit zur Welt gekommen

Von Ina Praetorius

Warum es gut ist, die Geburt Gottes gebührend zu feiern

jkEinmal fragte ich einen berühmten Theologieprofessor, warum in theologischen Nachschlagewerken so wenig zum Thema „Geburt“ zu lesen sei. Er meinte, ich solle halt unter „Inkarnation“ oder „Taufe“ nachsehen. Als ich daraufhin zu bedenken gab, ich müsse doch auch nicht unter „Exkarnation“ oder „Beerdigung“ suchen, wenn ich etwas über die theologische Bedeutung des Todes wissen wolle, schwieg der Professor nachdenklich.

Obwohl die Schultheologie das Geborensein GOTTES bis heute schamhaft hinter hochgestochenen Fachbegriffen wie „Inkarnation“ oder „Menschwerdung“ versteckt, feiern viele Christinnen und Christen Weihnachten intensiver als Karfreitag und Ostern. Es scheint uns wichtig zu sein, Gottes Ankunft auf Erden gebührend zu begehen. Allerdings spielt das reale Geborenwerden – mit all den Schmerzen, mit Blut, Schweiss und Schreien – in unseren gängigen Weihnachsfeiern auch keine grosse Rolle. So sprechen viele bedenkenlos von „Geburtsdarstellungen“, wenn sie Bilder meinen, auf denen eine vollständig bekleidete junge Frau einen sauber gewaschenen lächelnden Säugling auf dem Arm hält. Auf solchen Bildern ist aber weit und breit keine Geburt zu sehen. Während die christliche Ikonographie des Todes Jesu eine Entwicklung hin zur realistischen Darstellung – mit Nacktheit, Blut und schmerzverzerrtem Gesicht – erlebt hat, steht ein solcher Fortschritt hinsichtlich der Geburt des GOTT-Menschen noch aus.

Dabei ist in einer bestimmten theologischen Disziplin seit Jahren viel von den „Problemen um den Lebensbeginn“ die Rede: in der Ethik. In diversen Kommissionen und Instituten streiten die Fachleute der Moral zum Beispiel darüber, von welchem Zeitpunkt an Embryonen als menschliches Leben anzusehen und zu behandeln sind. Oder sie debattieren über Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik und all die anderen Angebote der modernen Medizin an Menschen, die Eltern gesunder Kinder werden wollen. Anscheinend braucht die Theologie diesen Anstoss von aussen, um sich endlich unser aller realem Anfang zuzuwenden. Eine vernünftige Beziehung zwischen den Anfragen der Fortpflanzungsmedizin und der Tatsache, dass Christinnen und Christen GOTT als einen geborenen Menschen verehren, hat man bis heute allerdings nicht hergestellt. Warum? Weil Theologen im Gespräch mit den säkularen Wissenschaften sehr zurückhaltend sind, was ihr eigenes Erbe angeht. Man könnte sie für Fundamentalisten halten… Und: weil, wie gesagt, die Anfänglichkeit des CHRISTUS in einem realen menschlichen Leib bis heute kaum Thema der Theologie war. Zwar wundert oder ärgert man sich, wenn die Medizin dazu tendiert, das menschliche Werden im Mutterleib als einen Mechanismus wahrzunehmen, den man nach Belieben manipulieren kann. Deutet aber nicht auch die Theologie bis heute menschliche Anfänglichkeit vor allem als einen blutlosen Schöpfungsakt?

Was bedeutet es, geboren zu werden? Es bedeutet, in Form einer Beziehung zur Welt zu kommen. Diese Beziehung ist im Anfang so eng, dass zwei sich in ein- und demselben Geist-Körper befinden. Aus der Anfänglichkeit in einem schwangeren Leib tritt jeder Mensch, meist unter Schmerzen, als Tochter oder Sohn, als blutiger, schleimiger, schreiender, gänzlich abhängiger Säugling ins Licht der Welt. Von Anfang an ist er oder sie angewiesen auf die Zuwendung derer, die schon vorher da waren. Also darauf, dass Andere den Neuling schützen, nähren, wärmen, ihm Sinn, Sprache, Regeln, Moral, Kulturtechniken vermitteln. Die Abhängigkeit nimmt im jahrelangen Prozess des Begleitetwerdens ins Erwachsenenleben allmählich ab, hört aber nie auf. Auch so genannt selbständige Erwachsene bleiben abhängig von Luft, Wasser und Erde, und davon, dass Andere für sie Kartoffeln anpflanzen, Essen kochen, Strassen, Schulen und Wohnhäuser bauen, Sinn stiften, Gesetze schreiben, Bankkonten verwalten, Bilder malen… Die so genannte Selbständigkeit ist eine fragile Zwischenstufe im menschlichen Leben. Sie ist nicht das Gegenteil von Abhängigkeit, sondern ein relativ geringer Grad von Abhängigkeit. Im Alter oder durch Krankheit, Behinderung oder Unfall nimmt die Selbständigkeit wieder ab oder geht verloren. Sie ist also keineswegs der Normalzustand, von dem wir sinnvollerweise ausgehen, wenn wir uns selbst denken. „Freiheit“ bedeutet nicht, sich von Bezogenheit und Bedürftigkeit abzulösen. Freiheit bedeutet, dass Menschen als bedürftige und verletzliche, geborene und sterbliche Wesen „das Neue, das in die Welt kam, als sie geboren wurden, handelnd als einen neuen Anfang in das Spiel der Welt werfen.“ (Hannah Arendt)

Und genau so, frei in bleibender Abhängigkeit, soll nun also auch GOTT in die Welt gekommen und auf ihr umhergegangen sein? Das gibt zu denken. Ich werde dem Rat des berühmten Theologieprofessors, unter „Inkarnation“ oder „Taufe“ nachzuschlagen, wenn ich etwas über den fürsorgeabhängigen GOTT wissen will, nicht folgen. Denn dort steht nicht, was ich suche.

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 28.11.2007

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