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Rubrik erinnern

„Mehr als bunte Tupfen“

Von Gabriele Bock

Gisela Notz erinnert an die Sozialdemokratinnen im Deutschen Bundestag

NotzUnter dem Titel „Mehr als bunte Tupfen im Bonner Männerclub“ ist jetzt Gisela Notz’ Studie über die Sozialdemokratinnen im Deutschen Bundestag in der Zeit von 1957 bis 1969 erschienen. Sie gehört im Aufbau und in der Art der Untersuchungen sehr eng mit dem ersten Band zusammen, der sich unter dem Titel „Frauen in der Mannschaft“ den  Sozialdemokratinnen im Parlamentarischen Rat und im Deutschen Bundestag 1948/49 bis 1957 gewidmet hat.

Das Thema ist viel zu wenig erforscht, von Gisela Notz bewegend und lebendig beschrieben. Dies liegt am Engagement der Verfasserin und an ihrem methodischen Vorgehen: Sie bietet eine Mischung von erzählenden Interviews, verschiedensten Archivmaterialien, Lebenserinnerungen, Nachlässen und so weiter.

Gisela Notz bedauert, „dass sowohl die historische als auch die sozialwissenschaftliche feministische Frauenforschung lange Zeit politische „Führungsfrauen“ ausgeblendet habe. Forschungsgegenstand waren eher die bürgerliche Frauenbewegung und so genannte autonome Frauen und Frauenzusammenhänge. Das führte dazu, dass Akteurinnen der neuen Frauenbewegung mitunter glaubten, das Rad neu erfinden zu müssen…“ Bezeichnend ist auch der Hinweis, wie schwer und langwierig es war, Informationen über die Portraitierten zu erhalten, teilweise, weil während der NS- und Nachkriegszeit viel Material verloren gegangen war, aber auch, weil oft auch die Nachschlagewerke jenes Zeitraumes weibliche Abgeordnete mitunter gänzlich vernachlässigten, was auch auf die Bescheidenheit dieser Frauen und ihre eigene niedrige Einschätzung ihres Wirkens zurückzuführen ist.

Beide Bücher sind nach einer umfassenden Einleitung jeweils in drei Teile gegliedert. Zunächst wird die Situation in der Bundesrepublik während der entsprechenden Jahre beschrieben: Die NS-Vergangenheit, das Überleben nach dem Krieg, die Wiederbewaffnung, die wirtschaftliche und familiäre Situation und – umfassend – der Weg von der sozialdemokratischen Frauenarbeit zur selbstständigen „Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen“ (AsF).

Anschließend folgen die Biographien der Parlamentarierinnen. Im ersten Band sind das unter anderen Elisabeth Selbert und Frida Nadig mit ihrem langen Kampf um den Artikel 3 GG („Frauen und Männer sind gleichberechtigt“), Käthe Strobel als „einzige Frau in der Mannschaft“ (bei der Bundestagswahl 1960), Louise Schröder, die 1949 Oberbürgermeisterin von Berlin. war, oder Annemarie Renger als junge Abgeordnete. In Band 2 sind es die später neu dazu gekommenen SPD-Frauen, zum Beispiel Elfriede Eilers, die 1972 zur ersten Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) gewählt wurde (erstmals von den SPD-Frauen selbst!), die Seiteneinsteigerin Ursula Krips, eine der ersten Fachfrauen in der SPD für Wirtschafts- und Finanzpolitik, und schließlich Helene Wessel, die sich – von der Zentrumspartei kommend – von 1957 bis 1969 in der SPD-Fraktion im Bundestag vehement für Friedenspolitik einsetzte (unter dem Motto „Kampf dem Atomtod“).

In beiden Büchern finden wir schließlich – als Zusammenfassung und Ausblick – eine ausführliche Schilderung der politischen Situation von Frauen, die damals mit immensen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, die wir uns heute nicht mehr vorstellen können, an die wir uns jedoch ab und zu erinnern sollten. Interessant ist die Beschreibung der schon damals geführten Diskussion über die bis heute noch nicht verwirklichten Beschlüsse vieler Gremien, auch der „Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen“ (AsF): Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Streichung des Paragrafen 218, Ganztagsschulen oder ganztägige Kinderbetreuung, Abschaffung des Ehegattensplittings, eigenständiger Rentenanspruch für Frauen…

Die Schwierigkeiten der Genossinnen von damals, die zwar Frauenpolitik betrieben, aber „Schulter an Schulter“ mit den Genossen kämpfen und keine „Emanzen“ oder Feministinnen sein wollten, kommen dabei immer wieder zur Sprache. Ende der 1960er Jahre wurde unter dem Druck der Neuen Frauenbewegung eine eigenständige Frauenpolitik formuliert, 1973 wurde die AsF gegründet, 1981 wurde bei der Quotendiskussion eine Mindestabsicherung von 40 Prozent für jedes Geschlecht festgelegt, aber erst 1988 erhielt dies in der SPD Satzungkraft! Ein langer Weg.

Speziell zu diesen letzten Ereignissen erschien dieses Jahr von Gisela Notz das Buch: „Warum flog die Tomate?“, ein kleines, gut recherchiertes Buch über die autonomen Frauenbewegungen der siebziger Jahre, ihre Entstehungsgeschichte, Organisationsformen und politischen Konzepte: Warum platzte den Frauen der Kragen, warum gab es „Weiberräte“, „Aktionsräte zur Befreiung der Frau“, wozu entstanden „Kinderläden“ und welche Sozialisationsformen sollten dort eingeübt werden, warum wurde in den „Frauenuniversitäten“ Lohn für Hausarbeit diskutiert, warum entwickelten sich so viele feministische Gegenkulturen und was ist aus ihnen geworden?

In gewisser Weise schließt dieses Buch somit an den zweiten Band über die Sozialdemokratinnen an, der nämlich mit einem nachdenklichen Ausblick über die Fragen und Ziele der nachfolgenden Frauengeneration endet. Hier sind die langen Diskussionen herauszuhören, die Gisela Notz selbst mit ihrer eigenen Tochter geführt hat.

Literatur

  • Gisela Notz: Mehr als bunte Tupfen im Bonner Männerclub. Sozialdemokratinnen im Deutschen Bundestag 1957-1969, Dietz-Verlag, Bonn 2007
  • Gisela Notz: Frauen in der Mannschaft. Sozialdemokratinnen im Parlamentarischen Rat und im Deutschen Bundestag 1948/49-1957. Dietz-Verlag, Berlin 2003.
  • Gisela Notz: Warum flog die Tomate? Die autonomen Frauenbewegungen der Siebzigerjahre, Ag Spak, 2006

Die beiden Bücher über die Sozialdemokratinnen sind Forschungsaufträge der Friedrich-Ebert Stiftung. Mehr Informationen über Gisela Notz bzw. zum Thema unter www.fes.de.

Autorin: Gabriele Bock
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 11.11.2007

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