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Rubrik denken

Über die Mutter sprechen lernen

Von Andrea Günter

Eva Herman und der Verlust der Werteder

Gruppe X

Foto: photocase/Gruppe X

Wenn frau seit Jahren zu einem Neudenken der Mutter arbeitet, dann fällt ihr zu Eva Herman und der gegenwärtig gärenden Diskussion um die Mütter einiges ein und manches auf. Wenn eine Frau in Deutschland zu dem schwierigen Thema „Mutter“ spricht, dann macht sie ähnliche Erfahrungen wie Herman. Der gemeinsame Nenner dieser Erfahrung lautet: Das Thema Mutter wird gerne tabuisiert, weniger im Hinblick auf Alltagsfragen, aber wenn es um dessen politische Dimension und gesellschaftliche Utopie geht. Diese Erfahrung ist jedoch der einzige gemeinsame Nenner mit der Herman-Diskussion. Denn das politische Neudenken der Mutter, das sich der Diskussion der italienischen Frauenbewegung verdankt, steht unter einem ganz anderen Vorzeichen als der Frage nach Frauen als Sammlerinnen und Männern als Jäger. Deutlich hebt das der zentrale Satz des Buches „Die symbolische Ordnung der Mutter“ von der italienischen Philosophin Luisa Muraro hervor. Als Zusammenfassung der Bedeutung der Mutter für das Kind schreibt Muraro nämlich: Leben heißt sprechen lernen. Das, was die „Mutter“ ausmacht, nämlich ihre Bedeutung für das Kind, besteht darin, dass sie es zur Welt bringt und dann seine Bezogenheit auf die Welt in eigenes und eigenständiges Leben zu verwandeln lehrt. Zur Entwicklung von Selbstständigkeit zählt unabdingbar das Sprechenlernen.

Nun ist die persönliche Beziehung zur Mutter ein Thema, über das Frauen in den letzten Jahrzehnten selbst neu sprechen lernen mussten. Frauen mussten dabei neu über die Mutter im Allgemeinen und im Besonderen über ihre eigene Mutter sprechen lernen, weil dieses Thema überschattet ist, allerdings nicht nur durch den Nationalsozialismus. Die menschlichen Vorstellungen darüber, was eine Mutter sein soll (und hierbei handelt es sich immer um menschliche Vorstellungen, also auch dann, wenn die Mutter mit irgendeiner Natur identifiziert wird), war historisch schon viel länger und tiefgreifender durch das Patriarchat und dessen Mutterbilder belastet. Der schnelle Verweis auf den Nationalsozialismus, wenn es um das Thema „Mutter“ und manchmal auch um andere Themen geht, bürdet nicht nur dem freien Sprechen über das Mütterliche eine Last auf, deren berechtigten Anliegen frau sich stellen muss. Er verstellt zugleich auch den Blick auf die historischen Entwicklungen, die vor dieser Zeit stattfanden. Das nationalsozialistische Mutterbild fiel nicht vom Himmel, sondern hatte Vorläufer. Gut untersucht ist zum Beispiel, welchen Vorschub die Reden der bürgerlichen Frauenbewegung über das Mütterliche der nationalsozialistischen Mutterideologie leisteten. Mich persönlich beschäftigt immer wieder die Gesetzgebung Friedrich des Großen, der Schwangere und Mütter mit Neugeborenen einer lückenlosen medizinischen Kontrolle zu unterstellen versuchte, um die Sterblichkeit der Säuglinge zu reduzieren. Die strengen deutschen Maßnahmen zur Reduzierung der Säuglingssterblichkeit veranlasste Friedrich keineswegs aus Mutter- und Kinderfreundlichkeit. Er brauchte vielmehr massenhaft Soldaten.

Einige Frauen eigneten sich im deutschen Kontext die Sichtweise der Italienerinnen an, dass die Mutter ein schwieriges Thema ist und genau deswegen über die Mutter und die Geschichte der Mutterkonzepte gesprochen werden muss. Daraus entwickelten wenigstens einige Sprecherinnen eine Haltung, die man „über die Mutter sprechen lernen“ nennen könnte. Es geht um ein Sprechenlernen besonders in Anbetracht der berechtigten Einwände, Zurückhaltungen und Ablehnungen bisheriger Reden über „die Mutter“. Gerade aus den Einwänden, Zurückhaltungen und Ablehnungen kann frau Erkenntnisse gewinnen, so dass sie differenzieren lernt. Statt Positionen vor sich her zu tragen, ein Argument ans nächste zu hängen, Blockaden damit aufzubauen oder zu verschärfen, lernt sie präzise in ihren Formulierungen zu werden. Und statt Sprechblasen durch Wiederholungen ein- und derselben Formeln über die Mutter zu produzieren, könnte sie auch lernen, das Thema weiterzutreiben, indem sie es vertieft. Über die Mutter zu reden heißt, über die Mutter sprechen zu lernen.

All das, was mit dem Sprechenlernen über ein tatsächlich schwieriges Thema zusammenhängt, lässt Eva Hermanns Rede allerdings vermissen. Mir reicht eine Distanzierung von den Nazis nicht, weil ich davon überzeugt bin, dass Hermann keine Nazi ist. Gerade deshalb ist ihr Reden unsäglich und die Distanzierung unzureichend. Was ich außerdem wirklich vermisse, ist, dass Hermann über die Mutter und die Themen „Frauen“ und „Männer“ sprechen lernt, statt Ideologien aufzubauen – auch Ideologien kennzeichnen sich gerade darüber, wie man über etwas spricht, nämlich inhaltliche Ideen über Erfahrungen mit der Realität und Entwicklungen stellt.

Ich würde Hermann sofort zugestehen, dass genau dies schwierig ist und frau von anderen geradezu bereitwillig missverstanden wird. Aber ich habe den Eindruck, dass sie sich dieser Dimension nicht bewusst ist, sondern sich hinter inhaltlichen Positionen verschanzt. Das steht einem jeden Sprechen- und Kommunizierenlernen entgegen. Das Sprechenlernen über Themen ist aber ebenso wichtig wie das Anliegen, das Tun von Müttern wertzuschätzen. Denn beides ist untrennbar miteinander verknüpft.

Hängen eine bestimmte Gestalt des Mutterbildes und die Unfähigkeit, über die Mutter, Frauen und Männer sprechen zu lernen, zusammen? Darüber lässt sich nur spekulieren, wenn es um die Beurteilung der Äußerungen einzelner Sprecherinnen geht. Dennoch, es kann über die Konsequenzen nachgedacht werden, die das Sprechenlernen für das Mutterbild hat. Denn das Sprechenlernen ist die wichtigste Tätigkeit, die ein Kind in der Beziehung zur Mutter lernt. Auffällig derzeit ist, dass wir Jahrzehnte mit einer großen mütterlichen Fürsorge und mit großer Wohlbehütetheit von Kindern erlebt haben wie wohl kaum Menschen (in westlichen Kontexten) zuvor, wir aber dennoch eine schwere Erziehungskrise erleben und einen deutlichen sogenannten Werteverlust beobachten. Dieser Zusammenhang legt nahe, dass sich die Momente des Zusammenlebens, die sich aus der Kindheit heraus entwickeln, nicht ohne weiteres von mütterlicher Anwesenheit ableiten lassen. Vielmehr rückt in den Vordergrund, wie Mütter anwesend sind. Die Frage nach dem Wie verweist darauf, dass die Wichtigkeit der Beziehung zur Mutter sich nicht entlang der Entgegensetzung von Berufstätigkeit – 100%ige Familienfrau entscheiden lässt. Das ist eine Scheindiskussion, eine, die vom Wesentlichen ablenkt.

Sozialität lernt ein Kind darüber, dass es die Perspektiven von anderen wahrnehmen und gewichten lernen muss. Die Entwicklung der Fähigkeit zur Perspektivenübernahme hat ein Kind bis etwa zum sechsten Lebensjahr abgeschlossen. Was es mit dieser Fähigkeit in seinem weiteren Leben tun wird, hängt davon ab, wie es sie brauchen wird, aus- und weiterbilden kann. Nun können wir mit Kindern so umgehen, dass sie diese Fähigkeit gebrauchen und ausdifferenzieren müssen. Wenn wir Kindern hierfür keine Angebote zur Verfügung stellen, werden sie diese Fähigkeit nur rudimentär nutzen. Und hier spielt natürlich hinein, ob Kinder sich in die Lage ihrer in der Regel wichtigsten Bezugsperson, in die Lage ihrer Mutter – einer erwachsenen Frau, die mitten im Leben und in der Welt steht – hineinversetzen lernen. Für Mütter heißt das: Sie müssen in ihrem Leben Dinge wollen und tun, die nicht unmittelbar den Interessen des Kindes dienen. Der Sinn von anderen Tätigkeiten und die Freude an den Dingen des Lebens und der Welt müssen Mütter ihren Kindern kommunizieren und vorleben, so dass diese konkret am Vorbild ihrer Mutter erfahren können, welche Perspektiven es im Leben geben kann, und was man berücksichtigen können muss. Es gibt im Leben mehr als sammeln und jagen, und das außerdem in unterschiedlichsten Kombinationen.

Dass es andere Menschen mit eigenen Anliegen und anderes als das im Leben gibt, was einem von allein in den Sinn kommt und womit man persönlich zu tun hat, erfahren Kinder dabei am besten direkt durch die Mutter, und nicht indirekt über den Vater, den Kindergarten, die Schule usw. Denn dieses arbeitsteilige Modell deutet darauf hin, Menschen in zwei Klassen zu teilen: in die, die nur für einen da sind (sein müssen), und in die, die eigenen Interessen nachgehen (dürfen). Zwischen beiden scheint es keine Verbindung zu geben, als ob die Mutter nicht einmal den Vater wenigstens als Vater begehrt („jagt“) und es kein Leben von Müttern als erwachsene und selbstbestimmte Frauen gäbe. Ob nun Berufstätige oder 100%ige Familienfrau, ausschlaggebend für die Sozialität des Kindes ist, ihm mitzuteilen, dass eine Mutter immer auch mehr und anderes will als ihr Kind, so dass sie nicht nur dessen Interessen dient. Über die Förderung der Fähigkeit des Kindes, sich in die Mutter und andere hineinzuversetzen und dadurch über sich hinaus denken zu lernen, zeigt sich, was eine gute Mutter ist.

Muttersein definiert sich also nicht (einfach) über einen Ursprung wie eine „Natur“, sondern darüber, was menschliches Leben ist und ein Kind für sein Leben in der Welt lernen soll. Eine gute Mutter regt das Bedürfnis des Kindes nach Transzendenz an, am Beispiel der eigenen Person.

Zuschriften zu diesem Artikel

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 06.11.2007

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