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Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Von Andrea Günter

Ein Zwischenruf

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An den Kathedern der Hochschulen sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert.

Ja, Kinder und Beruf zu vereinbaren bleibt schwierig, vor allem für die Frauen. Da treffen Welten aufeinander. Die Anstrengung der Vereinbarung kann einer allerdings niemand abnehmen. Eine Frau muss sich entscheiden und vor allem organisieren können, auch dann, wenn sie gute Unterstützungsangebote hat.

Doch neben dem Wissen, dass es sich bei der Organisation der beiden Lebensbereiche um einen Dauerbrenner handelt, beschleicht eine ein ungutes Gefühl, wenn es gegenwärtig um die Kinder-, Geschlechter- und Berufsdiskussion geht. Ausländische Kolleginnen kommentieren, wir Deutschen seien rückständig, weil wir immer noch über dieses Thema reden. Eine amerikanische Kollegin wundert sich über das Jammern in Deutschland, denn die Bedingungen in den USA sind eindeutig schlechter, wie z.B. die Regelung des Mutterschutzes oder die Betreuungszeiten der öffentlichen Einrichtungen. Und dennoch jammern die Amerikanerinnen weniger und bekommen zugleich mehr Kinder …

Um nicht missverstanden zu werden: Ich gehe von einer tatsächlichen, nämlich konstanten Schwierigkeit aus. Sollte nun diese daran schuld sein, dass vor allem Akademikerinnen so wenig Kinder bekommen?

Dabei hat die Kinderlosigkeit von Frauen eine sehr alte und starke Tradition in Europa. Eigentlich ist es eine christliche Tradition und Botschaft: Die Rechtfertigung durch Gott befreit Frauen aus dem Gebärzwang. Die Theologie lieferte Christinnen eine Begründung für Männer-, Kinder- und Familienlosigkeit – die leider manchmal eine Abwertung  der Ehefrauen und Mütter zur Folge hatte. So gingen viele Frauen ins Kloster, weil sie entweder nicht heiraten oder keine Kinder (am laufenden Band) haben wollten, manchmal beides zusammen wie bei Teresa von Avila. Und Ines de la Cruz ging ins Kloster, weil dies die einzige Möglichkeit für sie war, Wissenschaft zu betreiben.

Alte Rot Kreuz Schwestern wiederum erzählen, dass der Eintritt ins Rote Kreuz für sie die einzige Chance war, weder heiraten noch ins Kloster gehen zu müssen, insbesondere wenn sie vom Dorf kamen. Die Krankenschwesterntätigkeit bedeutete für sie, einen angesehenen Beruf mit Einfluss zu haben. Für Töchter aus den wohlhabenderen Familien bot dieser Schritt die Möglichkeit, Leitungsfunktionen zu bekleiden. Die Pflegeleiterin einer Klinik zu sein, das besagt Macht und Entfaltungsmöglichkeit.

Welche von uns kennt aus den Zeiten ihrer Kindheit nicht eine alleinstehende Frau mit interessantem Lebenslauf? Und wie viele Frauen hatten nicht eine alleinstehende Tante, die ihnen ein wichtiges Vorbild für ein selbstständiges weibliches Leben wurde? Die Trennung von Beruf und Familie ist auch auf weiblicher Seite fest verankert. Und sie hat gute Gründe jenseits derer, die in der Art und Weise der Kinderfreundlichkeit der Berufe liegen.

Wie erweist unsere Gesellschaft heute also jenen Frauen Achtung und lobt ihre Vorbildfunktion, die eine kinderlose Lebensperspektive praktizieren?

Ein ungutes Gefühl bleibt. Frauenpolitik ist schließlich mehr als Familienpolitik. Gerade deshalb fällt frau zunehmend auf, dass in der öffentlichen Diskussion, wenn vom Zusammenhang der Geschlechterfrage und der Berufstätigkeit die Rede ist, wieder einmal  kaum andere Gesichtspunkte eine Rolle spielen. Es geht nur noch um die jungen Frauen und ihren Kinderwunsch und um Frauen mit Kindern. Mein Unbehagen nährt sich daraus, dass Frauen, die kinderlos und hoch qualifiziert sind, in diesen Diskussionen nicht mehr vorkommen. Dieses Wegfallen ist ein Symptom.

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Für Professuren qualifizierte Frauen sind häufig in einem Alter, in dem die Kinderfrage entschieden und / oder organisiert ist.

Wenn es um die gläserne Decke für Frauen auf dem Karriereweg geht, dann wäre ich um gute, neue Analysen darüber froh, warum denn die vielen hochqualifizierten kinderlosen Frauen außen vor bleiben. Indem sie als Eigengröße hinausdefiniert werden, kann man alles auf die Kinderfrage schieben. Am Kinderhaben und der Vereinbarung von Familie und Beruf kann es in ihren Fällen aber nicht liegen. Vor diesem Problem kann man die Augen verschließen, indem die öffentliche Diskussion über diese Seite abermals schweigt. Einmal davon abgesehen, dass in meinem Kontext, dem Berufsfeld Universität, auch viele der habilitierten Frauen Kinder haben, also die Betreuung ihrer Kinder schon organisiert haben, sonst hätten sie niemals eine Habilitation hinbekommen. Was also geschieht mit uns Habilitierten, wenn über die Kinderfrage diskutiert wird? Wir sind keine Frage des weiblichen Wissenschaftsnachwuchses. Wir haben die Kinderfrage schon entschieden oder organisiert. Wird unsere Generation ebenso wie bei den Juniorprofessuren, für die wir alle überqualifiziert und zu alt sind, einfach übergangen? Diese Gesellschaft leistet es sich, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, enorme geistige Ressourcen von Frauen zu verschwenden, und zwar unter dem Deckmantel einer Diskussion über Frauen- und Familienfreundlichkeit.

Die Schalheit der Rede von der Vereinbarung von Familie und Beruf bringt mich auf die folgende Idee: Es handelt sich offensichtlich um eine Deckerinnerung. Damit ist gemeint, dass, wenn vorwiegend über eine Sache wie die Kinderfrage geredet wird, über vieles andere nicht geredet werden muss. Welche Themen kommen nicht auf den Tisch? Worüber darf nicht geredet werden? Was muss ein Tabu bleiben oder werden?

Dazu fällt sofort einiges ein: Einmal verdeckt diese Rede die Ratlosigkeit im Hinblick auf die allgemeine Entwicklung der Geschlechterbeziehungen und der Gesellschaft. Wir sind ratlos, was so viele Themen, Entscheidungsverantwortungen, Fragen betrifft.

Und worüber spricht man nicht? In meinem Kontext über die eigene bequemliche Tatenlosigkeit bezüglich den Weichenstellungen der Universitätspolitik, die sich seit fünfzehn Jahren ankündigen. Über die Entwicklungen der Universitäten und der Bildung: mehr Abschlüsse für ein sinkendes Bildungsniveau. Wir sollen blöder werden. Aber auch, frei nach Christina Thürmer-Rohr: ebenso wie das Patriarchat haben auch die Universitäten abgewirtschaftet, sie werden nun abgewickelt und die Frauen sollten sich nicht als deren Putzfrauen hergeben. Was tut frau aber dann, wenn sie weder von der Bildfläche „Universität“ verschwinden will noch die eigene Existenz einer Universitätslaufbahn verschreiben will, die immer unattraktiver wird?

Die Kräfte wiederum, die einmal für zukunftsorientierte gesellschaftliche Entwicklungen standen wie die Geistes- und Sozialwissenschaften, werden in öffentlichen Reden zunehmend  als konservative Kräfte eingelullt, indem ihnen die Aufgabe zugeordnet wird, unsere Kultur und unsere Werte zu schützen. Der gesellschaftliche Sinn der Geisteswissenschaften erschöpft sich in den vielen neuen Ethikkommissionen. Sie gelten als der Klotz am Bein für die Kräfte, die stattdessen den Fortschritt betreiben würden und die Gesellschaft weiterbrächten. So werden gesellschaftliche Kräfte umdefiniert.

Tatsächlich haben die Geisteswissenschaften in den letzten zehn Jahren ihre Innovationskraft eingebüsst, so dass solche Umfunktionalisierungen auch leicht durchführbar sind. Sie geben ebenso wie die Gesellschaft und die Geschlechter keine – öffentlich hörbaren – Versprechen mehr für eine bessere Zukunft. Da bleibt das Äußerliche. Das, was an der Oberfläche zu gären scheint, beschäftigt die Geister. Die Versprechen der 70er und 80er Jahre dürfen vergessen werden. Offensichtlich hemmt das Weiterentwickeln von schon vorhandenen geistigen Gütern den gesellschaftlichen Fortschritt. Wie können wir uns neue Versprechen geben?

Weibliche Emanzipation besteht Hannah Arendt zufolge nicht darin, dass Frauen dasselbe tun wie die Männer. Emanzipation beinhaltet vielmehr, aus der Privatsphäre herauszutreten und sich dem Licht der Öffentlichkeit auszusetzen. Dies ist Personen, folglich Männern und Frauen möglich. Frauen haben „ein Recht auf das Öffentliche, das heißt ein Recht darauf, zu sehen und gesehen zu werden, zu sprechen und gehört zu werden.“[1] Dabei ist das Öffentliche kein Raum im Sinne eines Ortes, sondern eine Geste des Miteinanders, eine Art, sich in der Welt zu verhalten, nämlich das mitzuteilen, „was im vollen Licht der Öffentlichkeit allen anderen gezeigt werden muss“, so dass Realität entsteht, einer einzelnen, persönlichen Wahrnehmung durch die Resonanz bei anderen Wirklichkeit zukommt.[2] Die Universitäten wiederum können als einer der maßgeblichen öffentlichen Orte unserer Gesellschaft gelten, an denen die Verhandlung über die Wirklichkeit stattfindet.[3]

Frauenlose Bereiche des Lebens sind realitätsfern. In der dürftigen Anzahl der Professorinnen gerade in den Geisteswissenschaften und der fehlenden Realitätsnähe mancher Berufswelten scheint sich der Kreis zwischen der Frauen- und der Nachwuchsfrage zu schließen.

Anmerkungen

[1] Vgl. Hannah Arendt: Zwischen Vergangenheit und Zukunft, 268.

[2] Hannah Arendt: Vita activa, 49f.

[3] Vgl. Maren Frank u.a.: Sinn – Grundlage von Politik, Rüsselsheim 2005, 45-56.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 20.12.2007

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