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Rubrik erinnern

Mit Transzendenz gegen oberflächliche Geschlechterkonzepte

Von Andrea Günter

Simone de Beauvoir feiern

Als vor wenigen Jahren der große Geburtstag von Kant gefeiert wurde, fiel unmittelbar auf, dass die Festgesellschaft vorwiegend männlich war. Mann feierte sich. Eine langweilige Selbstvergewisserung von vermeintlich Kant zu verdankenden Bildungsbeständen fand statt. Auch die wenigen Frauen, wenn überhaupt welche zu Wort kommen durften, überschritten kaum das Sachbuchniveau. Originalität und Kreativität scheint im Umgang mit den philosophischen Traditionen gehemmt. Auffälligerweise gilt dasselbe für den Umgang mit den christlichen Traditionen. Im Feuilleton findet sich überwiegend ein Wissen auf Katechismusniveau. Sogar Theologen schreiben differenzierter, sie formulieren wenigstens im Wissen um die innertheologischen Meinungsverschiedenheiten.

Ebenso wenig wie die Theologie ist die Philosophie im 20. oder gar 21. Jahrhundert angekommen. Dies zeigt sich insbesondere auch in den Diskussionen um Frauen- und Geschlechterfragen. Wenn diesen überhaupt noch ein theoretisches Niveau anzumerken ist, werden sie als Problemlagen behandelt, die sich etwa mit der Kantschen Ethik lösen lassen. Keiner und keine spricht noch über die weibliche Rezeption Kants, das Aufgreifen seiner Ideen von Seiten der Frauen, wie es sich etwa bei Simone Weil, Hannah Arendt und Simone de Beauvoir findet.[1] Und wo führt jemand aus, was hieraus für die Geschlechterfragen resultiert? Ironischerweise sind es Autorinnen, die an der weiblichen menschlichen Freiheit arbeiten und hierfür das Religiöse rekonstruieren.

Nun feiern wir Simone de Beauvoir, die große Wegbereiterin des Feminismus. Verläuft das Feiern anders, wenn Feministinnen eine Feministin ehren? Einige behaupten, „Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau“ sei überholt. Alice Schwarzer wiederum feiert sich, ihren Gleichheitsfeminismus, ferner ihre Beziehung zur Beauvoir zusammen mit der Emma anhand von Beauvoirs Besuchen in der Redaktion. Mit dem Hinweis auf Beauvoir feiert manche frau gerne den eigenen feministischen Standpunkt.

Beauvoirs Gesellschaftsanalysen sind vielfach historisch angelegt. Da sich das Rad der Geschichte weiterdreht, sind diese Aspekte ihrer Analysen logischerweise tatsächlich überholt: die Beschreibung der Ökonomie- und Arbeitsverhältnisse, des Medien- und Kulturbetriebs. Die Zeiten haben sich auch dank Beauvoirs Fundamentalkritik an den Geschlechterverhältnissen der 40er Jahre geändert. Dennoch bleibt: Nicht alle Punkte sind überholt. Beauvoir sieht das selbst zu Ende der 70er Jahre und kommentiert: Die theoretische Basis von diesen Analysen bleibt gültig.[2] Es gilt also, die theoretische Basis von Beauvoirs Analyse als ihre philosophische Eigenleistung genauer in den Blick zu nehmen, will frau sie für heute feiern.

Nach der Analyse von den üblichen Diskursen in der Biologie, Psychologie und Gesellschaftstheorie hat Beauvoir im zweiten Teil von „Das andere Geschlecht“ eine Untersuchung dessen vorgenommen, wie das Weibliche als Form und logisches Moment zu männlicher Kultur- und Sinnproduktion benutzt wird. Im Zentrum ihrer Kritik steht, dass die Frau als Andere situiert wird, wodurch der Mann das logische Zentrum des Frauseins ist. Beauvoir schlussfolgert nicht, dass das Mannsein als das Andere zum Frausein zu denken sei. Sie hält aufgrund der sexuierten Arbeitsteilung des logischen Apparats in „ein (männliches) Selbes und sein (weibliches) Anderes“ fest, dass die Figur der Andersheit als Denkbild für das Zusammenleben der Menschen grundsätzlich fatal ist.

Beauvoirs Kritik an der Denkfigur der Andersheit hat immer noch Gültigkeit. Mit ihr bewegt sie sich weg von der Moderne, in der die Andersheit eine maßgebliche Denkfigur war. Beauvoir landet beinahe schon in der Postmoderne: im Denken der Differenz. Im postmodernen Denken wird die Differenz selbst als erneuernde Kraft in der Welt und damit auch in den Geschlechterbeziehungen diskutiert. In den Denkbildern Beauvoirs: Frausein unterscheidet sich nicht nur vom Mannsein, sondern vor allem auch vom Zustand der Welt. Frauen schaffen dabei ebenso wie Männer Neues. Wenn etwas Neues geschaffen wird, ist es nicht weiblich oder männlich, sondern neu. Es geht daher nicht um die Realisierungen von weiblichen oder männlichen Werten. Diese sind Ausdruck des alten Zustands. An tradierten Interpretationen von Weiblichkeit oder Männlichkeit festzuhalten, zementiert die Vergangenheit und verhindert tatsächlich Neues. Stattdessen ist die Gestaltung der Frauen von etwas Neuem in den Blick zu nehmen, das in der gemeinsamen Welt „so anders und so neu ist, wie das der anderen Männer.“[3] Ebenso wie Männer differenzieren sich Frauen in Bezug auf sich selbst ebenso wie auf die Welt. Diese Differenzierungen in die Welt einzuschreiben, verändert die Welt.

Beauvoir CoverBeauvoir entwirft ein Geschlechterkonzept, das gerade nicht positivistisch ist, sondern eine jede oberflächliche Geschlechtsbetrachtung überwindet. Ja, genau diese Überwindung ist das Anliegen ihres Werks: Frausein geht nicht in den pragmatischen und funktionalen, verdinglichenden Bestimmungen von Geschlechtsidentität auf, auch nicht in dem, was kulturelle Zeichen abzubilden scheinen. Frausein geht vielmehr über auch noch so abgestuft totalisierende Erklärungsmuster hinaus. Es ist mehr als das, was erklärbar ist. Desgleichen ist die Zukunft der Geschlechter nicht herzustellen, weil Zukunft nicht herstellbar ist. Beauvoir kritisierte deshalb schon 1949 gleich auf den ersten Seiten von „Das andere Geschlecht“ auch explizit den Konstruktivis­mus, also die Annahme, das Geschlecht sei nichts anderes als eine Konstruktion, denn diese fügt den das Frauenleben so einschränkenden Faktoren lediglich einen weiteren Determinismus hinzu, sie legt es ebenso auf etwas Eindeutiges fest.

Beauvoir formuliert ihr Geschlechterkonzept lieber als ein offenes Geschehen. Sie benennt die Gleichzeitigkeit von Bewahrung und Veränderung, Festigkeit und Beweglichkeit: „Damit eine Existenz sich überschreitet, muss sie sich bewähren; damit sie die Zukunft ergreifen kann, muss sie in der Vergangenheit wurzeln und bei aller Wechselwirkung mit dem Anderen in sich selbst beharren.“ – Wie jemandem etwas zukommt, wie wir uns vorstellen und praktizieren, das frei und menschlich sinnvoll aufzugreifen, worauf wir treffen, rückt in den Mittelpunkt ihres Interesses. Dafür steht das letzte Hauptkapitel. Jenseits von „Sitte und Sexus“ benennt Beauvoir als die ausschlaggebende Größe für das Leben einer Frau die Rechtfertigung. Rechtfertigung ist eine religiöse Größe. Sie besagt Freiheit und Hingabe, Freiheit und Verantwortung gleichermaßen. Die Bindung an Hingabe und Verantwortung geht mit menschlicher und damit weiblicher Freiheit einher. Freiheit wird als Praxis des selbst zu verantwortenden Sinns und als eigenständige Rück-Bindung an sich, an andere und die Welt deutlich. Beauvoir nennt ihr Konzept: existentialistische Ontologie.

Zusammen mit der Rechtfertigung ist Transzendenz eine wichtige politische Größe, die Beauvoir der Frauenbewegung zur Verfügung stellt – eine Größe, die schon oft in feministischen Diskursen wiederentdeckt wurde, an die aber anscheinend kaum nachhaltig angeschlossen werden konnte.[4] Sie eröffnet eine Dimension nicht ohne, aber jenseits von Rechts- und Gleichheitsdiskursen. Denn macht es Sinn zu formulieren, dass das, was Frauen sagen, „gleichberechtigt“ aufgegriffen werden soll? Bei den Überlegungen und Problemstellungen dazu, wie das, was Frauen sagen und tun, aufgegriffen wird, ist der Begriff der Gleichberechtigung falsch platziert.

Beauvoirs Alternative zum Geschlechtspositivismus beinhaltet auch eine Kritik an der Oberflächlichkeit der Politik, am Politikpositivismus. Die Politik der Transzendenz und Rechtfertigung meint das Schillernde, Ambivalente, Reibungsvolle und Offene im Zwischen der Welt und der menschlichen Beziehungen. Erst dieses kann das Politische zum Leuchten bringen. Nicht nur Sartre musste seinen absoluten Begriff der Freiheit aufgrund Beauvoirs Analyse der androzentrischen Geschlechterordnung revidieren. Beauvoir beabsichtigt etwa auch ein anderes Verhältnis zur Macht. Sie regt grundsätzlich dazu an, das Politische zu rekonstruieren. Von ihr lernt frau: Statt sich vorschnell mit den politischen Lieblingsideen ihrer Zeit zu identifizieren, gilt es, diese immer wieder zu überwinden.

Anmerkungen

[1] Andrea Günter: Der weibliche Kant. Der Kant der Frauen, in: dies., Welt, Stadt, Zusammenleben. Pluralität und Geschlechterphilosophien. Königstein 2007, 96-107.

[2] Vgl. Alice Schwarzer: Simone de Beauvoir heute. Gespräche aus zehn Jahren, 96.

[3 Ebd., 42f.

[4 Vgl. Andrea Günter: „Der Sternenhimmel in uns.“ Transzendenz, Geschlechterdifferenz und die Suche nach Rückbindung, Königstein 2003.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 29.01.2008

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