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Rubrik denken

Priester und Feministinnen

Von Luisa Muraro

Diakoninnen

Feministinnen, die sich als katholische Priesterinnen verstehen: Diakoninnenweihe im Jahr 2004. Mehr unter www.virtuelle-dioezese.de. Foto: Mit freundlicher Genehmigung.

Man dürfte niemals vergessen (wenn das nur möglich wäre!), dass im wirklichen Leben alles vorkommt, auch das Beste vom Besten. Im wirklichen Leben gibt es feministische Priester, Feministinnen, die sich ganz Gott hingeben, antifeministische Frauen, Frauen, die die Messe feiern. Im wirklichen Leben kommt es vor, dass zwischen den „Priestern“ und den „Feministinnen“ Freundschaft und Verständnis herrscht, dass sie sich gegenseitig zuhören und wertschätzen.

Trotzdem lässt die Formel „Priester und Feministinnen“, wenn sie in dieser rohen Einfachheit zum Thema gemacht wird, vor allem an die Antipathie denken, die, ebenfalls im wirklichen Leben, oft zwischen den beiden Gruppen herrscht. Anti-Pathie ist jenes Band von negativen, aber sehr lebendigen Emotionen, das die eine mit der anderen Seite verbindet und gleichzeitig Anziehung und Abstoßung bewirkt. Ich glaube, dass bei dieser speziellen Antipathie auch noch Rivalität im Spiel ist – wir sind Rivalinnen der Priester im Hinblick auf die Fähigkeit, glaubwürdig und maßgeblich zu Frauen zu sprechen: Wir haben dabei den Vorteil, dass wir selbst Frauen sind, sie haben den Vorteil, dass sie eine privilegierte Beziehung zu Gott zu haben scheinen, etwas, das vielen Frauen nicht gleichgültig ist. Wie auch immer, sowohl in der Vergangenheit als auch heute haben „die Priester“ mit Misstrauen auf die feministische Bewegung geblickt, und sie sind ihrerseits von „den Feministinnen“ mit Abneigung betrachtet worden. Ich will weder von den einen noch von den anderen eine Definition geben. Sagen wir einfach, das hauptsächliche Kennzeichen der Priester ist, dass sie aus ihrer Beziehung zu Gott eine Art Profession im Dienste derer machen, die an Gott glauben, oder auch der ganzen Menschheit, während das hauptsächliche Kennzeichen der Feministinnen ist, dass sie gegen die Unterordnung der Frauen unter die Männer kämpfen, damit weibliche Freiheit möglich ist. Diese beiden Anliegen sind zwar verschieden, aber im Prinzip durchaus miteinander zu vereinbaren. Dass sie faktisch in Kontrast zueinander stehen, erklärt sich aus unserem Verständnis vom Menschsein und aus der Geschichte. In dieser Geschichte gibt es im Überfluss Dummheit, die mit Unredlichkeit gepaart ist. Von Seiten der Priester kommt Kritik, die sich weniger gegen den Feminismus richtet als gegen eine Karikatur davon. Die Kritik der Feministinnen wiederum ist oft angereichert mit wirren Behauptungen wie etwa jener, die Priester im Mittelalter hätten bestritten, dass die Frauen eine Seele haben. Ich will nicht so sehr solche Vorurteile bekämpfen und die gegenseitige Antipathie zwischen Priestern und Feministinnen aus der Welt schaffen, als vielmehr mit ihr arbeiten und daraus zum beiderseitigen Vorteil Anregungen für die Politik ziehen. Denn außer der Gleichgültigkeit kann die Politik alles verwenden.

Die Beziehungen von uns Feministinnen mit den Priestern ähneln in vielerlei Hinsicht denen, die wir zu anderen Kategorien von Männern haben, die Institutionen angehören, die ihnen eine gewisse soziale Macht verleihen und in denen das männliche Geschlecht historisch, zahlenmäßig und vom Ansehen her dominiert. Weder die einen noch die anderen scheinen genau zu wissen, was weibliche Freiheit ist. Die Taliban (auch so eine Art Priester) kommen an die Macht und zwingen die Frauen, sich so oder so zu kleiden. Dann kommen die Anti-Taliban an die Macht und zwingen die Frauen, sich auf keinen Fall so zu kleiden, wie ihre Gegner es wollten.

Aber bei den Priestern gibt es in einer Hinsicht noch mehr Probleme, in anderer Hinsicht weniger. Die Priester – und darin sind sie nicht anders als ihre säkularen Entsprechungen – tendieren dazu, die weibliche Differenz vor allem dann wertzuschätzen, wenn sie sie funktionalisieren können für das, was sie selbst sind, tun oder brauchen. Andernfalls werten sie sie ab oder ignorieren sie. Der Heilige Augustinus fragt sich in seinem Genesis-Kommentar: Warum hat Gott die Frau geschaffen? Er schiebt die Antwort des Heiligen Textes („Damit der Mensch nicht alleine sei“) beiseite mit dem Argument, dass er, Augustinus, die Gesellschaft eines Mannes definitiv vorziehen würde (bis auf die seiner Mutter, die er dafür auf einen Altar hebt), und er ignoriert, was die Evangelien von Frauen erzählen. Stattdessen schlussfolgert er wie ein lupenreiner heidnischer Philosoph, dass die Frau geschaffen wurde, um dem Mann Kinder zu gebären.

In der männlichen Frauenverachtung (die weibliche ist eine andere Angelegenheit), manifestiert sich ein Defekt des „Sinnes für das andere“, von dem ich bezweifle, dass er mit dem Ende des Patriarchats behoben ist. Denn ich vermute, er ist ein integraler Bestandteil der männlichen Identität, so wie sie sich in unserer Zivilisation konstituiert (und auch, wie es scheint, in allen anderen). Tatsächlich zeichnen sich unter den Männern weit und breit keine echten Alternativen ab. Was man bisher sieht, sind nur einzelne Ausnahmen, etwa Jesus von Nazareth, um nur an einen zu erinnern, der in diesem Zusammenhang gut passt. Was die übrigen betrifft, so reicht es, anzuschauen, was praktisch in unserer Gesellschaft geschieht, die sich die Frauenförderung auf ihre ideologischen Fahnen geschrieben hat: Wenn die Frauen ihnen (oder ihm) nichts nützen, verlieren die Männer sie aus den Augen, sie vergessen sie einfach, und, wenn es darum geht, die richtige Person für dieses oder jenes zu finden, berücksichtigen sie nur ihresgleichen, weil ihnen der Name einer Frau einfach nicht in den Sinn kommt. Bei den Priestern ist die Tendenz, Frauen als solche einfach nicht auf der Rechnung zu haben, nicht weniger stark ausgeprägt als bei anderen Männern, selbst in unserer Zeit und in unseren Ländern, wo ihre „Kundschaft“, wenn wir es so nennen können, ganz überwiegend weiblich ist. Wenn es nicht um die Dienste geht, die Frauen erbringen können, sondern darum, Personen zu finden, die denken und entscheiden sollen, müssen auch sie sich anstrengen, um sich daran zu erinnern, dass es auch Frauen gibt, die dazu in der Lage sind. Darüber muss man sich nicht wundern, wenn man ihre Ausbildung betrachtet: Papst Roncalli hat in seinen Tagebüchern notiert, dass man im Priesterseminar niemals über Frauen gesprochen hat, und zwar ganz rigoros niemals, sondern so getan hat, als ob Frauen nicht existierten. Seither haben sich die Dinge zwar verändert, was auch sein Verdienst ist. Aber dass nun auch Dozentinnen in der Klerikerausbildung zugelassen sind oder Kinder in den Wohnheimen von Theologiestudenten, oder dass man Vorträge abhält über die Rechte und die Fähigkeiten von Frauen, all das hat zwar seine Wichtigkeit, aber es ist nur eine Vorbedingung für das, was die wahre Revolution wäre, ein echter männlicher Bewusstseinswandel, der die Priester dazu bringen würde, zu sagen: „Ich bin nur ein Mann“, und zwar nicht im Hinblick auf Gott, sondern im Hinblick auf das andere, das Frau ist.

Dieser Weg hat mindestens zwei Etappen. Die erste ist inzwischen in Sicht. Ms Jacques, Sachverständiger der französischen Bischofskonferenz, hat geschrieben, dass in einer patriarchalen Kultur, in der sich alles auf das Männliche bezieht, dieser Schlüssel als Bezugspunkt dient und als solcher kein Problem darstelle, aber, so fährt er fort: „In unserer Kultur ist das Männliche dekonstruiert, weshalb es neu definiert werden muss: Was ist das männliche Subjekt in seinem Bezug zur Zeit, zu den Frauen, zu den anderen Männern, zur Transzendenz?“

In diesen Worten des französischen Monsignore schwingt ein gewisser geschichtlicher Opportunismus mit. Zu Zeiten des Heiligen Augustinus war zwar das Männliche der dominante Bezugspunkt, aber hat ihn nicht etwa die Einseitigkeit seines Selbstbewusstseins, die Art und Weise, wie er Gott gegenüber getreten ist, ohne sich mit dem anderen, das Frau ist, zu messen, wieder hinter seine Bekehrung zurückgeworfen und ihn dazu gebracht, wie ein Heide zu argumentieren und das Neue in der christlichen Botschaft zu annullieren?

Die zweite Etappe besteht darin, dass man aufhört, Recht haben zu wollen, und bereit ist, von vorne zu beginnen. Wenn etwas Neues geschieht, besteht immer die Gefahr – wenn wir es nicht ohnehin aus Feigheit oder aus Böswilligkeit ablehnen – dass wir uns dem Neuen einfach anpassen und es damit auch gut sein lassen. Doch auf diese Weise verpassen wir die Gelegenheit, die Wahrheit zu sehen. Es gibt solche Gelegenheiten, jede Geburt ist eine. Als eine solche Gelegenheit, die Wahrheit zu sehen, betrachte ich auch den Feminismus, jedenfalls den „ursprünglichen“ Feminismus (wie Lia Cigarini sagt), der die Bewusstwerdung einer Frau von sich selbst im Austausch mit anderen Frauen ist. Zu seiner Zeit hat dieser Feminismus mit der Praxis des consciousness-raising uns aus der Gefangenschaft des schon von der patriarchalen Kultur Gedachten geführt und damit zum Beginn der Existenz. Und wir haben, um mal die Bescheidenheit beiseite zu lassen, ein wertvolles Beispiel dafür gegeben, wie man mit dem anderen (klein geschrieben) in Beziehung bleiben kann, ohne das Andere (groß geschrieben) zu vergessen und umgekehrt.

Aufzuhören, Recht haben zu wollen, und ganz von vorne anzufangen, das schlage ich auch uns vor, die wir uns Feministinnen nennen. Mehr noch, an diesem Punkt wäre es richtig, innezuhalten und den feministischen Antiklerikalismus einer kritischen Prüfung zu unterziehen, mit seinen Vereinfachungen, die oft eine gewisse Unfähigkeit verdecken, mit der nötigen Schärfe politisch zu denken. Ich war zum Beispiel Zeugin, wie einige arabische Feministinnen in der Emigration die immer gleichen negativen Einwände gegen eine Dozentin der Universität von Marrakesch vorbrachten, die bei ihrem Engagement für eine Veränderung des rechtlichen Status von Frauen in ihrem Land nach Vermittlungen mit dem Islam sucht. Es fehlt nicht an Beispielen mit ähnlichem Tenor in unserem Kontext. Ich möchte aber gleich anfügen, dass die Einladung dazu, mit der Rechthaberei aufzuhören, nicht bedeutet, die Bezeichnung „Feminismus“ fallen zu lassen, im Gegenteil: Die Wirksamkeit dieses Abrückens von der Rechthaberei hängt gerade davon ab, dass wir, die wir daher unseren Schwung bekommen, nicht aufhören, uns Feministinnen zu nennen. Wir werden uns weiterhin so nennen, damit klar ist, dass Feminismus nicht eine Sache des Rechthabens oder des nicht Rechthabens ist, sondern eine des sich Konfrontierens und, wenn notwendig, auch eine des Streitens. Das präzisierte kürzlich Maria Cristina Bartolomei, eine feministische Theologin und Philosophin: Das feministische Vorhaben hat sich immer mehr oder weniger explizit als provisorisch konzipiert, schreibt sie, aber wir sind noch nicht an dem Punkt angekommen, wo wir diese Bezeichnung fallen lassen können, auch wenn wir wissen, dass sie irritierend klingt. Die Irritation, füge ich an, kommt von all dem her, was auf dem Spiel steht und darauf wartet, dass wir ihm die nötige Aufmerksamkeit schenken. Die Geschichte vom Ende des Kommunismus scheint mir lehrreich für diesen Standpunkt: Der Begriff war praktisch nicht mehr zu verteidigen, aber ihn unter diesen Umständen beizubehalten bedeutete, den Konflikt mit dem Kapitalismus offen zu halten und ihm einen Maßstab entgegenzusetzen, trotz seines überwältigenden Sieges, dem heute nichts und niemand mehr Einhalt gebieten kann. Das Symbolische funktioniert auf diese Weise, sei es in der Politik oder im Denken: Wenn man nicht untergehen will, schließt man sich nicht in einer gemäßigten und realistischen Repräsentation ein, sondern versucht, mit den Worten einen größeren Horizont zu öffnen, auf den hin man sich engagiert, auch wenn der Preis hoch sein kann, was man ohne Hochmut abwägen muss: Lächerlichkeit, das Gefühl der Unangemessenheit, die Angst, vom Weg abzukommen… Auf diesem Gebiet gibt es meiner Ansicht nach viel von der religiösen Kultur zu lernen. Die Priester kennen die Politik des Symbolischen, auch wenn ihnen der freie Sinn der sexuellen Differenz fehlt, den sie leider zu verdinglichen versuchen. Aber sie haben eher als die laizistische Kultur die Instrumente, die nötig sind, um diesen Sinn zu finden. Auch was den Sinn dafür betrifft, selbst nur ein Provisorium zu sein, kann man hier etwas lernen: Man sieht nämlich an der Geschichte der Religionen, dass, wenn man diesen Sinn verliert, die freie Inspiration zur Ideologie wird, und dass, wenn man ihn kultiviert, der Horizont offen bleibt für das, was man im Austausch mit der Realität gewinnen kann. Denn erinnern wir uns, dass im wirklichen Leben wirklich alles geschehen kann, auch das Beste vom Besten.

Übersetzt von Antje Schrupp.

Der Text stammt aus der aktuellen Ausgabe der „Via Dogana“ (der Zeitschrift des Mailänder Frauenbuchladens, Dezember 2007), die dem Thema „Priester und Feministinnen“ gewidmet ist.

Zuschrift von Fidi Bogdahn am 14.1.2008:

…ich verstehe den Schluß mit anderen und Anderen nicht; sorry, ich stehe hier auf der Leitung…

Antwort von Antje Schrupp: Ich verstehe diese Stelle so: Das andere (klein geschrieben) sind zum Beispiel die anderen Menschen (oder vielleicht auch generell: die innerweltliche Differenz), das Andere (groß geschrieben) ist Gott/Jenseits/Transzendenz. Und die Erkenntnis ist, so wie ich es verstehe, dass meine Beziehung zu anderen und zum Anderen wechselseitig miteinander zu tun haben, dass ich nicht die eine ohne die andere Beziehung haben kann bzw. gar das eine auf Kosten des Anderen (wie es in der Extremform etwa bei denen vorkommt, die andere für das Andere umbringen).

Autorin: Luisa Muraro
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 08.01.2008

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