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Rubrik handeln

Kein Spaß an leeren Versprechungen

Von Antje Schrupp

Zuschriften zum Artikel: „Kein weiblicher Messias in Sicht“.

Juliane Brumberg:

Was deutet daraufhin, dass ein Herr Obama nachher auch wirklich die weltverändernden Eigenschaften eines Messias hat? Warum bekommt er nur für das Versprechen, so wie ein Messias zu handeln, schon soviel Zuspruch? Ist es die Sehnsucht nach einfachen Lösungen, die das Wahlvolk antreibt? Das finde ich gefährlich.

Visionen einer neuen Weltgestaltung finde ich gut und wichtig, reale Politik braucht aber auch das Pragmatische, das Gründlich-Durchdachte, das step-by-step. Insofern finde ich nicht nur den männlichen Erlöser gefährlich, sondern jede Art von Politik-Vorstellung, die nicht mehr zu bieten hat, als „provokativ, skandalös, unmöglich, neu“ zu sein.

Das soll kein Plädoyer gegen Visionen sein, im Gegenteil ich bin sogar der Meinung, dass von Frauen schon viele Visionen nicht nur formuliert, sondern auch in die Politik eingebracht worden sind. Allerdings geben die etablierten Politik-Strukturen nur begrenzten Spielraum zur Realisierung. Skeptisch bin ich allerdings, wenn die Visionen zur Show gemacht werden wie überhaupt die Art unserer Wahlkämpfe das Spiel mit den Emotionen fördert und nach praktischer Realisierbarkeit nicht weiter fragt. Ein Spiel, bei dem viele Frauen keine Lust zu haben, es mitzuspielen. Für mich eine der Erklärungen dafür, warum es nach wie vor schwierig ist, Frauen auf die Wahllisten zu bekommen.

Insofern frage ich mich auch bei der „Obamania“, ob das Publikum wirklich den Wertewandel sucht. Oder will es einfach nur effektvoll belogen werden?

Meine Begeisterung für Hillary Clinton hält sich in Grenzen. Jedoch schätze ich es, wenn Frauen sich zu schade oder auch zu klug dafür sind, Politik nur mit Visionen, Versprechungen und Traumbildern zu machen.

Wenn Victoria Woodhull gar nicht tatsächlich gewählt werden wollte, so hat sie sich mit ihren „ver-rückten“ Ideen zwar Verdienste erworben und aufgerüttelt – aber für das Umsetzen in die Praxis war sie damit auch verloren.

Und wenn Hillary Clinton keine Visionen hat, gilt das deshalb noch lange nicht für frauenbewegte Feministinnen. Aber wir Frauen müssen aufpassen, dass uns diese Visionslosigkeit nicht übergestülpt wird, bloß weil viele mit der Erde verbunden bleiben, pragmatisch sind und aufräumen können.

Christel Göttert:

deine Gedanken kann ich sehr gut nachvollziehen. Kann bei Obama nicht auch eine Rolle spielen, dass ihm etwas anderes zugebilligt wird?, nämlich die bisher in der Politik fehlenden Erfahrungen zu haben, die nur einer am eigenen Leib machen kann, wenn er zur bisher ausgegrenzten Gruppe gehört. Schade nur, dass er aufgrund der hohen Erwartungen nicht frei genug ist, eine Entscheidung als Doppelpack vorschlagen zu können. Wenn er selbst die Wichtigkeit anerkennen könnte, dass künftig eine Frau an der Spitze ist, und sich als Vize anbieten würde, könnte er schon viel von den Visionen umsetzen. Es wäre ein doppelter Paradigmenwechsel.

Abseits von den großen politischen Ebenen gibt es im Kleinen ja auch eine deutsche Victoria Woodhull-Version. Kirsten Armbruster, die das Buch „Starke Mütter verändern die Welt“ geschrieben hat, ist im Endspurt ihres Wahlkampfes, Bürgermeisterin in Riedenburg in Bayern zu werden. Am Anfang hatte sie nur den Willen, eine andere Politikmöglichkeit aufzuzeigen. Nachdem der Zulauf zu ihren Veranstaltungen immer größer wurde, musste sie sich ernsthaft damit auseinandersetzen, dass es nun doch so sein könnte, dass sie gewählt wird. Umso wichtiger ist es für sie, genau aufzuzeigen, was sie verändern will. Das gelingt ihr umso besser, je weniger es ihr dabei um diesen Posten geht. Nun waren die Prognosen für sie schon so hochgeschnellt, dass die Gegenseite jetzt eine Diffamierungskampagne auf dem Hintergrund ihres Buches begonnen hat. Das spornt sie nun erst recht richtig an. Nachdem die beiden Pfarrer vor ihr warnen, die Nonnen auf die andere Straßenseite gehen, will sie es wirklich wissen. Sie wurde gefragt, ob sie denn das Buch lieber jetzt nicht veröffentlicht hätte, wenn sie gewusst hätte, was es auslöst. Da gab sie zur Antwort, ohne dieses Buch wäre es ihr nie möglich geworden, sich so unabhängig zu fühlen und zu wissen, wofür sie sich einsetzt. Es wird jetzt fleißig gelesen in der Gemeinde.

Es wird spannend. Am 2. März wird die Wahl sein. Auch in so einer kleinen Gemeinde kann Vision beginnen.

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 21.02.2008

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