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Kein weiblicher „Messias“ in Sicht

Von Antje Schrupp

Woodhull

„Hiermit kündige ich meine Kandidatur für die Präsident-schaft an“: Victoria Woodhull setzte bei den Wahlen 1872 auf unkonventionelle, provokative Politik – und versammelte damit eine große soziale Bewegung hinter sich.

Mit „Messias-Faktor“ hat der Spiegel den gegenwärtigen Höhenflug Barack Obamas und die Niederlage von Hillary Clinton im Rennen um die demokratische Präsident/inn/en-Kandidatur treffend umschrieben. Der US-amerikanische Vorwahlkampf ist nämlich für eine feministische Analyse von großer Bedeutung: Clinton und Obama kandidieren für dieselbe Partei, ihre Programme unterscheiden sich praktisch gar nicht voneinander – der einzige Bewerber mit einem ambitionierten Sozialprogramm, der weiße Mann John Edwards, war gleich aus dem Rennen.

Zwei Personen also, die praktisch dieselbe Politik wollen, die aber auf der symbolischen Ebene unterschiedlicher nicht sein könnten. Deshalb ist an diesem Wahlkampf besonders gut zu sehen, wie die Verknüpfungen von Frausein und Mannsein im Bereich des Politischen funktionieren. Clinton und Obama vermischen in ihren jeweiligen Personen Establishment und Außenseitertum, die eine ist durch die Hautfarbe, der andere durch das Geschlecht privilegiert. Für das „Neue“ stehen beide durch die jeweils andere Kategorie: Wird bald die erste Frau, der erste Schwarze, Präsident? Eine schwarze Frau als Kandidatin hingegen wäre auch heute noch undenkbar. Gerade eine wie Condoleezza Rice, die sich dem Establishment bis zum Äußersten angepasst hat, hat sehr gut erkannt, dass dies irgendwie lächerlich wäre (auch wenn man das heute politisch korrekterweise natürlich nicht sagen darf), und auf eine Kandidatur bei den Republikanern verzichtet.

„Weiße Frau“ gegen „schwarzer Mann“ also. Dazu muss man wissen, dass das sozusagen der Klassiker in der US-amerikanischen Bürgerrechtsgeschichte ist. Im Clinch liegen die beiden seit 1869, als nach dem Bürgerkrieg die schwarzen Männer das Wahlrecht bekamen, während die Frauen nun erst wirklich davon ausgeschlossen wurden – das Wort „male“ wurde damals erst als notwendige Voraussetzung in das Wahlgesetz hineingeschrieben.

Jahrzehntelang hatten zuvor Frauenrechtlerinnen und Anti-Sklaverei-Aktivisten und -Aktivistinnen gemein-sam gegen die Beschränkung der Bürgerrechte auf weiße Männer protestiert, hatten für die politische Gleichberechtigung unabhängig von Hautfarbe und Geschlecht gekämpft. Nun hatten die einen Erfolg, die anderen nicht. Führende Frauenrechtlerinnen wie Elizabeth Cady-Stanton und Susan Anthony kritisierten diese Wahlrechtsänderung deshalb scharf: Entweder alle oder niemand, appellierten sie an die Solidarität der Schwarzen. Das Wahlrecht für schwarze Männer würde die Frauenrechte um Jahrzehnte zurückwerfen, prophezeiten sie – und sollten damit Recht behalten: Noch gut 50 Jahre dauerte es, bis 1920 endlich auch die Frauen wählen konnten. Eine Ungleichzeitigkeit, auf die Hillary Clinton kürzlich anspielte, als sie öffentlich ihrer Mutter dankte, „die geboren wurde, noch bevor Frauen in Amerika das Wahlrecht bekamen“. Ein kleiner, aber vermutlich zu spät kommender Versuch, die Rolle der Neuen, der außerhalb des Establishments Stehenden, doch noch für sich zu reklamieren: Dass nicht die schwarzen Männer, sondern die Frauen es sind, die das Neue im Politikgeschäft repräsentieren.

Denn aller Historie zum Trotz ist es heute Barack Obama, der das Neue verkörpert, während Hillary Clinton für das Althergebrachte steht. Das hat sicher auch Gründe, die jenseits von Hautfarbe und Geschlecht liegen: Clinton ist zum Beispiel deutlich älter und viel mehr ins Polit-Establishment verwoben. Interessant ist aber vor allem, dass die Rollen auch unabhängig von den konkreten Personen gar nicht anders verteilt sein könnten: Eine Figur wie Obama könnte nicht von einer Frau dargestellt werden, auch von keiner weißen Frau. Frauen sind sozusagen nicht „Messias-tauglich“. Das Wort Messias existiert nicht im Femininum.

Frauen in der Regierungsverantwortung hatten wir inzwischen schon einige, und egal ob Margaret Thatcher, Angela Merkel oder Hillary Clinton: Sie waren (oder wären) die Arbeitsamen, die marode Gesellschaften wieder auf Vordermann bringen, die für Ordnung sorgen angesichts des vorhergegangenen Lotterlebens. Die den Gürtel enger schnallen lassen, die sparsam und unbestechlich sind, sachorientiert und wenig eitel – das ist es, was sie gegenüber den „Alphamännern“ auszeichnet, die zu ersetzen sie ja gewählt wurden. Regierungschefinnen sollen die Höhenflüge und Verantwortungslosigkeiten ihrer männlichen Vorgänger sozusagen wieder gut machen. Ihr Job ist das Aufräumen, nicht die Vision, die „große Erzählung“.

stanton

Soll denn wirklich jeder Bimbo und Sambo wählen dürfen? Die US-Frauenrechtlerinnen Susan Anthony (links) und Elizabeth Cady-Stanton führten in den Wahlrechtsauseinandersetzungen im Jahr 1869 auch rassistische „Argumente“ ins Feld.

Beinah hätte es auch Clinton auf diesem Ticket ins Amt der US-Präsidentin geschafft. Ihr Problem scheint jetzt gewissermaßen zu sein, dass George W. Bush nicht mehr als Alphamann angesehen wird, sondern als Witzfigur. Sein Image hat sich gewandelt: Für problematisch an der Bush-Ära wird neuerdings nicht mehr gehalten, dass er mit falscher Politik das Land in den Ruin getrieben hat – sodass jetzt eine arbeitsame Frau her müsste, die in mühsamer Kleinarbeit Wiederaufbau betreibt. Sondern was die Amerikaner und Amerikanerinnen eher ärgert, ist, dass Bush die USA der Lächerlichkeit der Weltöffentlichkeit preisgegeben hat. Amerika ist nicht mehr das große Vorbild für die Welt, und das kränkt die selbstbewusste Nation. Da braucht es Visionen, große Entwürfe: andere Alphamänner eben, nur bessere.

Vielleicht rächt sich nun, dass die Frauenbewegung bei ihrem Kampf um politische Gleichberechtigung von Anfang an die Verlässlichkeit und das Arbeitsame der Frauen hervorgehoben hat. Das Image der „Aufräumerin“, die aber keine Visionen hat, ist zu einem gewissen Teil selbst verschuldet – und weist, was in diesem Zusammenhang besonders pikant ist, auch explizit rassistische Traditionen auf. So war eines der Hauptargumente von Elizabeth Cady-Stanton gegen das hautfarbenunabhängige Männer-Wahlrecht im Jahr 1869, es könne ja wohl nicht angehen, „dass jeder Bimbo und Sambo wählen kann“, aber gelehrte und gebildete weiße Frauen nicht. Von Anfang an haben also weiße Frauen sich bemüht, sich in der politischen Arena als die Etablierten darzustellen, als diejenigen, die zum Establishment passen, die genauso gut und gebildet (und hochnäsig) sind, wie die weißen Männer, die diese politische Arena als die ihnen gemäße Ausdrucksform einst erfunden hatten. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass die schwarzen Frauen schon immer eher die Männer ihrer Community unterstützten als ihre Geschlechtsgenossinnen aus den Sphären der Weiß-heit.

Könnte es auch andere Wege geben? Wege, in denen der Feminismus visionär ist, ohne messianischen Impetus, ohne Erlöserinnen-Attitüden?

Auch 1869 haben nicht alle Frauen mit ihrem Establishment argumentiert, es gibt also auch andere feministische Traditionslinien. Victoria Woodhull zum Beispiel, eine politisch engagierte Frau mit familiärem „Unterschichts“-Hintergrund, wie man heute vielleicht sagen würde (damals sagte man, ihre Familie sei asozial). Sie war eine begabte Rednerin, in den US-amerikanischen Reformbewegungen aktiv und eine Teilnehmerin jenes Kongresses der Frauenrechtsbewegung, der sich wegen dem Wahlrecht für schwarze Männer spaltete – in eine (konservative) Fraktion, die dieses Wahlrecht unterstützte, und in eine radikal-feministische, die es ablehnte. Victoria Woodhull mochte sich zwischen diesen beiden Fraktionen aber nicht entscheiden. Einerseits war sie pragmatisch: Besser schwarze Männer können wählen, als die auch nicht. Andererseits hatte sie auch keine Lust, weibliche „Wohlanständigkeit“ zu demonstrieren, um auf dem politischen Parkett ernst genommen zu werden. Sie sah sich nicht nur als Wählerin, sondern hatte weitergehende Ambitionen.

1871 rief Victoria Woodhull eine beispiellose Kampagne ins Leben, bei der sie sich selbst als zukünftige Präsidentin von Amerika empfahl. Tatsächlich gelang es ihr, große Teile der Frauenbewegung, der Arbeiterbewegung, der Schwarzenbewegung, des Spiritismus hinter sich zu vereinigen, die eine neue Partei gründeten. Diese machte Victoria Woodhull zu ihrer Präsidentschaftskandidatin für die Wahlen 1872 und, sehr symbolträchtig, einen Afroamerikaner zum Vize. Woodhull agierte also auf der symbolischen Ebene. Es ging ihr nicht darum, tatsächlich gewählt zu werden (obwohl sie sicher auch nichts dagegen gehabt hätte), sondern darum, die Beschränktheit dieser politischen Arena zu entlarven. Ihr ging es nicht um Prozente, ihr ging es um das Große und Ganze. Ihre politische Strategie war der Skandal, wenn sie nämlich mitten im Wahlkampf freie Liebe forderte oder sagte, die Abhängigkeit von Ehefrauen sei nicht besser als die von Prostituierten. Ihr Programm und ihr Vorgehen war sozusagen das genaue Gegenteil von Hillary Clinton.

Damit will ich nicht sagen, dass die eine besser oder schlechter ist. Es wäre nur schön, wenn es neben der „Aufräumerin“ und der „Sachorientierten“ auch noch andere mögliche Repräsentantinnen des Weiblichen auf dem Gebiet der Politik gäbe. Zu ihrer Zeit ist Victoria Woodhull aus der Frauenrechtsbewegung ausgeschlossen worden, es wurde versucht, die Erinnerung an sie auszulöschen. Sie schade der Bewegung, hieß es, denn sie sei ja nicht ernst zu nehmen. Heute sieht es für Hillary Clinton nach einer Niederlage aus, gerade weil sie zu „ernst“ genommen wird, weil ihr das Visionäre fehlt. Es ist also notwendig, nach Möglichkeiten für „visionäre“ Politik von Frauen zu suchen, wobei wir aber die Schwierigkeit ernst nehmen müssen, dass diese Option – visionär-unkonventionell zu sein und realpolitisch Erfolg zu haben – derzeit noch Männern vorbehalten zu sein scheint. Die Frage lautet also: Woran liegt das und wie könnten andere Repräsentationen von Weiblichkeit unterstützt werden?

Die Obamania zeigt doch, dass viele Menschen mehr wollen als eine an Sachzwängen orientierte Realpolitik. Sie wollen einen grundlegenden Wandel, auch wenn der nicht gut ausformuliert ist. Auch viele Frauen, gerade junge Frauen und schwarze Frauen, unterstützen aus diesem Grund Obama und nicht Clinton. Das ist vielleicht politisch nicht sehr klug, aber dieser Wunsch ist verständlich und sympathisch. Es wäre schade, wenn von Seiten des Feminismus nun nichts anderes käme als der Hinweis auf Obamas Unerfahrenheit (was gerade angesichts der rassistischen Geschichte dieses Arguments zudem höchst problematisch ist) oder das Pochen auf die weiblichen „Aufräumqualitäten“, ein Argument, das offensichtlich verbraucht ist.

Frauen müssen heute niemandem mehr beweisen, dass sie ordentliche und verantwortungs-bewusste Staatsbürgerinnen sein können. Was wir brauchen, ist vielmehr ein visionärer Feminismus, eine weibliche Politik, die ihre eigenen Wege findet, provokativ, skandalös, unmöglich, neu zu sein. Denn es ist schade – und vielleicht sogar gefährlich – dass uns für eine solche Politik nur das alte männliche Bild vom Erlöser, vom Messias, als Projektionsfläche zur Verfügung steht.

Mehr über Victoria Woodhull.

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Weiter gedacht: Cornelia Roth: Aufräumen mit Visionen

Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 15.02.2008

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