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Rubrik denken

Aufräumen mit Visionen

Von Cornelia Roth

Zuerst war ich ganz begeistert, als ich den Artikel von Antje Schrupp „Kein weiblicher Messias in Sicht“ gelesen habe. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger ist mir klar, worauf es genau hinauslaufen könnte. Vielleicht ist die Gegenüberstellung von „Aufräumen“ und „Visionen“ so nicht nötig, sondern es ginge zum Beispiel um ein „Aufräumen mit Visionen“, wie es Ina Praetorius in ihren Artikeln vorschlägt?

Natürlich macht mir der Gedanke Spaß, dass weibliche Politik eigene Wege findet, provokativ, skandalös, unmöglich und neu zu sein. Das erinnert mich auch an Momente in der Frauenbewegung der 1970iger und 80iger Jahre. Aber das ging aus von Aufbruchstimmung, von dem Wunsch, mit dem Bestehenden zu brechen und in dem Zusammenhang wurden Visionen entwickelt.

Visionen: Frauen und Männer so zu begeistern, wie es Victoria Woodhull konnte. Aber wieweit lässt sich so etwas – wenn nicht gerade eine Victoria Woodhull auf der Matte steht – einfach wollen? Bei Obama, scheint mir, sind es eigentlich weniger seine Visionen, für die in ihm der „Messias“ gesehen wird, sondern es ist die Sehnsucht nach Veränderung in großen Teilen der Bevölkerung, die in ihn projiziert wird. Und ist sie schon mehr ausformuliert, als dass Amerika wieder Respekt und Bewunderung erlangen soll?

Vielleicht wäre zu überlegen: welche Visionen meinen wir? Vielleicht sind sie noch gar nicht klar und groß genug? Was sind meine größten gesellschaftlichen Sehnsüchte?

Zu den Visionen: Da muss kein Unterschied (mehr) gemacht werden für Frauen und Männer im Sinne unterschiedlicher Interessen, oder? Wenn mein Herzenswunsch ist, dass Männer Frauen wirklich wahrnehmen, dann tut das ihnen selber äußerst gut (wie es bei einer umgekehrten Vision wahrscheinlich auch der Fall ist).

Aber auch wäre zu überlegen: welche Sehnsucht gibt es bei Frauen und Männern in unserem Land? Welche sehr verschiedenen Sehnsüchte, welche breit empfundenen?

Ich denke öfters an den Artikel von Luisa Muraro über „Priester und Feministinnen“. Wenn ich Luisa Muraro richtig verstanden habe, meint sie, was die Frauen angeht, dass die Frauenbewegung die Ebene der Transzendenz, des Spirituellen braucht, wenn sie die Frauen gewinnen will. Was aber die Männer angeht, so müssten die Männer lernen, Frauen wahrzunehmen jenseits eines Nutzens für sie. Und das ist so schwierig, weil sich die Männer an ihre überholte Identität klammern. Hier verstehe ich Luisa Muraro so, dass sie vorschlägt, Vorurteile aufzugeben, im Zuge der Frauenbewegung festgefügte Bilder über Männer und bestimmte männliche Institutionen aufzugeben und neu anzufangen. Und gleichzeitig zu konfrontieren und zu streiten. Streiten worüber und wie ohne in  festgefahrenem Vorwissen hängenzubleiben? Also wäre es gut, sich auch über eigene Vorurteile klarzuwerden. Und an das Staunen zu denken.

Mir kommt auch der Artikel von Annarosa Buttarelli über „Verfluchen, beten, nicht fragen“ in den Sinn. Wenn ich daran denke, dass viele Männer Frauen in dem Moment vergessen, wo sie ihnen nicht nützlich sind, dann scheint mir ein Sich-nicht-öffnen-wollen, nicht anerkennen wollen, Sich-nicht-ändern-wollen dabei zu sein, etwas Erstarrtes, nicht Zugängliches. Renitent. Ähnliches kenne ich auch von mir, wenn mir Notwendigkeiten aus einer Ecke vorgetragen werden, die mir gar nicht in den Kram passt. Ich „vergesse“ es, ich will nicht.

Mir kommt es nicht passend vor, diesem Nichtwissenwollen immer wieder zuzurufen: „Seht uns doch bitte!“ Oder: „Warum sehr ihr uns denn nicht?“ „Nehmt uns doch wahr! Wir haben tolle Visionen!“

Also lieber nicht immer wieder fragen „Warum?“, sondern prophezeien („fluchen“): „Es wird Euch schlecht gehen, wenn Ihr die Frauen in dem Moment ignoriert, in dem sie Euch nichts nützen! Ihr werdet merken, wie allein Ihr seid und wie Ihr die Welt und Euch selbst zugrunde richtet! Ihr werdet weinen, weil Ihr zu spät erkannt habt, dass es diese wunderbaren Wesen namens Frauen gibt! Und Ihr nicht reich wurdet und die Welt bereichern konntet durch ihre Wahrnehmung! Adam und Eva erkannten sich, aber Ihr zwingt Euch, wegzuschauen, denn Ihr sitzt stocksteif auf Eurem hohen Ross und schafft es nicht, abzusteigen! Das wird Euch leid tun, mehr als Ihr Euch vorstellen könnt!“

Der Ton solcher Prophezeiungen passt natürlich nicht so gut zu der Erkenntnis, dass die Frauenbewegung auch Vorurteile gegen Männer geschürt hat, sie vielleicht sogar traumatisiert hat… Aber Gleichzeitigkeiten von Dingen, die nicht zusammenpassen, auch im Ton nicht, gehören wohl dazu.

Zum Beten: das Beten begleitet in den Tod, sagt Annarosa Buttarelli. Also zum Beispiel in den der alten männlichen Identität? Das Beten versucht nicht zu verhindern (auch nicht die Ignoranz gegenüber den Frauen…). Das Begleiten in den Tod mit Gebeten kenne ich so, dass um einen gnädigen Tod gebetet wird, um Frieden, um gute Aufnahme der Seele in ein neues Leben. Wie sieht es aus, wenn die Frauenbewegung beim Sterben alter männlicher Identität betet?

Das Beten hält den Kontakt mit dem Transzendenten, daher auch mit der Wirklichkeit und mit mir selbst, so verstehe ich es. Annarosa Buttarelli zitiert Simone Weil, dass nur im Beten gut und böse unterschieden werden kann. Das ist für mich eine entscheidende Stelle, denn das gibt mir einen Maßstab.

Die Ignoranz von Männern: es gibt auch immer wieder Frauen, die sagen, für diesen oder jenen Posten, dies oder jenes Ereignis hätten sie einfach keine geeignete Frau finden können. Das gibt es auch. Weil Frauen diesen Posten nicht wollen – nicht in dieser Art von Betriebskultur, Parteienkultur usw. – oder weil sie es sich auch nach wie vor nicht zutrauen und nicht diese Verantwortung übernehmen wollen – beides. Also ist es gefährlich, gleich nur mit dem Bösen daherzukommen und alten Frauenschmerz zu wecken. Es gilt sowohl als auch.

Jetzt noch einmal zu dem Punkt, den ich als Knackpunkt empfinde: welche Visionen? Klar, der Text der gutesleben-Mailinglliste über das Grundeinkommen ist so ein Visionstext.

Welches Format hatten Victoria Woodhulls Visionen? „Freie Liebe“ nahm ein Tabu, die damaligen Ehegesetze, aufs Korn.  Unter welchen Tabus leiden wir heute besonders? Unter welchen Tabus, also Dinge, über die man/frau gar nicht erst spricht und unter welchen Zuständen, über die man/frau nur so spricht, dass sich daran sowieso nie etwas wird ändern lassen?

Zu letzterem fällt mir der Zynismus ein, der in unserer Kultur gepflegt wird, gegenüber anderen und sich selbst: dieses Verächtliche gegenüber solchen, die nicht so leistungsstark und dynamisch sind, die aus verschiedensten Gründen auf der Strecke bleiben (einschließlich Zynismus gegenüber der Umwelt) und gegenüber eigener Krankheit, Pflegebedürftigkeit und Tod („am besten rechtzeitig abkratzen“). Es ist die Idee vom autonomen, weißen, jungen, männlichen Individuum, als Kultur aber durchaus von anderen übernommen.

Ist demgegenüber die Vision „Freiheit in Bezogenheit“? Natürlich, ja, und doch müsste es noch zugespitzter klingen.

Ein Tabu ist bei Vielen ohne Zweifel Religiosität, vor allem wenn sie als Frömmigkeit daherkommt (bei diesem Wort krieg ich z.B. auch die Krise, obwohl ich vermutlich ziemlich fromm bin). Darüber spricht man nicht, man lässt es möglichst nicht sichtbar werden, schon gar nicht im christlichen Zusammenhang. Es ist auf jeden Fall eine individuelle Sache, hat nichts mit Zusammenleben und Gesellschaft zu tun (außer vielleicht zum Teil bei MigrantInnen). Das Witzige ist ja diese gleichzeitige Bewunderung sehr frommer Gesellschaften wie in Tibet.

Meine Vision wäre eine Kultur, in der religiöse bzw. spirituelle Anbindung ein hoher Wert ist, zugleich aber gegenseitige Wertschätzung da ist für die völlig unterschiedlichen Zugänge dazu – und Akzeptanz gegenüber der Nichtreligiosität.

Dann die Vision, dass Frauen und Männer sich gegenseitig wertschätzen, und zwar in Freiheit – also weder, indem sie bestimmte Rollen einnehmen, noch nicht einnehmen, weder indem sie sich dem anderen Geschlecht anpassen, noch nicht anpassen. Das klingt für mich wirklich sehr utopisch, obwohl ich für Momente auch immer wieder so etwas erlebe.

Autorin: Cornelia Roth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 02.03.2008

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